Geschichte begreifen

12.11.2008 | Von:
Annegret Ehmann

Das Arbeiten mit Texten


Beispiele für die Kursphase

Mehr noch als in der Sekundarstufe I zielen in der Sekundarstufe II die Unterrichtsmethoden und die Arbeitsaufgaben in den Schulbüchern auf kognitive Wissenssicherung. Auch hier ist mit fiktionalen Texten neben den klassischen nichtfiktionalen eine motivierende Vergegenwärtigung von Geschichte zu erreichen.

Die Anthologie "Reisen ins Reich 1933 bis 1945 - Ausländische Autoren berichten aus Deutschland" (Lubrich 2004) bietet als Lese- und Quellenbuch eine Sammlung von Texten bekannter, vergessener und unbekannter Literaten aus aller Welt. Diese beschreiben Deutschland in den zwölf Jahren der Naziherrschaft mit einem Blick von außen. Die Autoren bereisten Deutschland damals aus unterschiedlichsten Gründen oder verbrachten einige Zeit dort.

Als Zeitzeugnisse sind diese Texte äußerst aufschlussreich und bisher wenig genutzt, einige auch erstmals veröffentlicht. Nicht die politische Analyse des Nazireichs, sondern die Erfahrungen des Alltags stehen im Vordergrund. Die verschiedenen Beobachtungen ergeben ein facettenreiches Bild des "Dritten Reiches" und lassen sich unter einer Reihe von Fragestellungen vertiefen:
  • Wie verhielten sich die Autoren zu dem, was sie beobachteten/ erlebten?
  • Wie war ihre Haltung zum Nationalsozialismus vor und nach dem Deutschlandbesuch?
  • Was wussten sie zu welchem Zeitpunkt?
Die Texte sind mit ausführlichen Anmerkungen versehen und folgen der Chronologie der wichtigsten Ereignisse, die im Anhang in einer Zeitleiste aufgelistet sind.

Der fremde Blick, wie ihn die Anthologie "Reisen ins Reich" auf die gesamte NS-Zeit ermöglicht, kann durch einen weiteren Band ergänzt werden: "Berichte aus der Abwurfzone. Ausländer erleben den Bombenkrieg in Deutschland 1939-1945" (Lubrich 2007) mit zum Teil erstmals ins Deutsche übersetzten Texten von ausländischen Journalisten, Kriegsgefangenen, Diplomaten und Bomberpiloten. Diese bieten weniger politische Analysen des Nazireichs, sondern Einblicke in die Alltagserfahrungen während des Krieges.

Exilliteratur

Exilliteratur dem Denken und der Sprache der Täter in den historischen NS-Quellen gegenüber zu stellen ist unverzichtbar. Neben bekannten Autorennamen wie Brecht, Feuchtwanger, Seghers und Mann sollte man auch weniger bekannte oder vergessene Autoren berücksichtigen.

Als Beispiel für ein Werk mit einer besonders zutreffenden psychologischen Deutung des der NS-Ideologie verfallenen Durchschnittsdeutschen ist der 1937 in Amsterdam erschienene Roman "Nach Mitternacht" von Irmgard Keun (1905-1982) zu nennen, der 1981 verfilmt wurde und unter medienkritischen Gesichtspunkten analysiert werden kann.

Irmgard Keun, die vor ihrer Emigration die ersten drei Herrschaftsjahre Hitlers noch miterlebte, zeichnet in der Diktion der 19-jährigen Ich-Erzählerin Susanne Moder ein kritisches und ironisches Bild des alltäglichen Faschismus. Ihrer Schilderung einer Kundgebung Hitlers auf dem Opernplatz in Frankfurt am Main und des Verhaltens der Massen können z. B. die Tagebuchaufzeichnungen über die gleiche Veranstaltung von Denis de Rougemont (in Lubrich 2004) vergleichend gegenüber gestellt werden.

Autobiografische Erinnerungsliteratur von Opfern und Augenzeugen, in der ebenfalls reale und fiktive Elemente ineinander aufgehen, wird mit dem Ableben der Zeitzeugen unverzichtbar. Die Liste von Namen für die Tradierung des Opfer-Gedächtnisses ist umfangreich: Günther Anders, Primo Levi, Jorge Semprun, Imre Kertesz, Ruth Klüger, Victor Klemperer, Ida Fink, Roman Frister, Andrzej Szczypiorski oder Hanna Krall.

Literatur

Borries, Bodo v.: Imaginierte Geschichte. Die biografische Bedeutung historischer Fiktionen und Phantasien (Böhlau) Köln, Weimar, Wien 1996

Borries, Bodo v.,/ Pandel, Hans-Jürgen (Hrsg.): Zur Genese historischer Denkformen, (Centaurus) Pfaffenweiler 1994)

Feuchert, Sascha (Hrsg.): Arbeitstexte für den Unterricht. Holocaust-Literatur. Auschwitz. Für die Sekundarstufe. Stuttgart 2000

GRIPS Theater Textbuch: Ab heute heisst du Sara (1989), zu beziehen beim GRIPS-Theater auf: www.grips-theater.de

Hackl, Erich: Abschied von Sidonie. Erzählung (Diogenes) Zürich 1989

Keun, Irmgard: Nach Mitternacht. Roman (Erstveröffentlichung: Querido Amsterdam 1937) Textausgabe mit Materialien und Interpretationshilfen, 11.-13. Klasse, (Klett) Stuttgart 2003

Knigge, Volkhard: Triviales Geschichtsbewußtsein und verstehender Geschichtsunterricht. (Centaurus) Pfaffenweiler 1988

Krausnick, Michail: Elses Geschichte – Ein Mädchen überlebt Auschwitz. (Sauerländer) Oberentfelden 2007. Umfangreiche pädagogische Materialien gibt es auf: www.elses-geschichte.de

Lubrich, Oliver (Hrsg.): Reisen ins Reich 1933-1945. Ausländische Autoren berichten aus Deutschland (Eichborn ) Frankfurt am Main 2004.

Lubrich, Oliver (Hrsg.): Berichte aus der Abwurfzone. Ausländer erleben den Bombenkrieg in Deutschland 1939-1945.(Eichborn) Frankfurt am Main 2007.

Pandel, Hans-Jürgen: Erzählen, in: Mayer, Ulrich/Pandel, Hans-Jürgen/ Schneider, Gerhard: Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht; Reihe Forum Historisches Lernen (Wochenschau) Schwalbach /Ts, 2004.

Pasche, Wolfgang: Exilromane- Klaus Mann, Mephisto / Irmgard Keun, Nach Mitternacht/Anna Seghers, Das siebte Kreuz. Informationen für Lehrer 11.-13. Klasse (Klett) Stuttgart 2. Aufl. 2000.

Schulenburg, Bodo: Tanja. Geschichte eines Mädchens aus Leningrad während der neunhunderttägigen Blockade (Elefanten Press EP 74) Berlin 1981.

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