Geschichte begreifen

12.11.2008 | Von:
Annegret Ehmann

Datenbank zur Zwangsarbeit in Wolfenbüttel


Erstellung der Datenbank

Die Dateneingabe erfolgte in Dreiergruppen. Innerhalb der Gruppen wechselten Vorlesen, Eingabe und Kontrolle, sodass jeder Jugendliche mit den verschiedenen Arbeitsschritten vertraut wurde. Dies sollte Fehler vermeiden, die die Weiterarbeit beim Datenabgleich erschwert hätten.

Danach begann die Recherche nach den Herkunftsorten der Opfer in Atlanten und im Internet. Die jeweiligen Orte hielten die Schülerinnen und Schüler auf historischen Landkarten fest. Besondere Schwierigkeiten bereitete den Jugendlichen die korrekte Entzifferung von Orts- und Familiennamen in den Akten, die in Sütterlinschrift geschrieben waren. Hierbei halfen Historiker und eine Vorlage des Sütterlinalphabets.

Auch das Auffinden der Herkunftsorte gestaltete sich aufwändig. Besonders in den osteuropäischen Ländern haben sich die Ortsnamen geändert, zudem existierten mehrere Orte mit gleicher Schreibweise. Auch die sich häufig verändernden Landesgrenzen zur damaligen Zeit sowie die Rechtschreibung mancher Eigennamen waren ein zusätzliches Hindernis. Das Internet erwies sich hier als eine große Hilfe. Mit Suchmaschinen ließen sich meist rasch die gewünschten Orte finden. Im Archiv hätte dies viel mehr Zeit gebraucht.

Nach drei Tagen Arbeit waren auf diese Weise im Januar 2005 rund 500 Personen ermittelt. Diese Daten wurden abgeglichen, sowie nach Herkunftsorten der Betroffenen, nach Geburtsdaten, Todesarten etc. sortiert und ausgedruckt.

Die Vorbereitung der Begegnung mit ehemaligen Zwangsarbeitern

Ziel der Arbeit der Schülerinnen und Schüler war aber nicht nur die Ermittlung der Daten. Diese sollten auch genutzt werden, um Kontakt zu den Familienangehörigen ehemaliger Opfer der NS-Herrschaft im Hinblick auf die geplante Gedenkfeier zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Wolfenbüttel am 11. April 2005 zu knüpfen.

Zu dieser Feier wurden Überlebende beziehungsweise Hinterbliebene von Opfern aus mehreren europäischen Ländern eingeladen. Für die Einladungen konnten bereits einige der von den Jugendlichen neu gewonnenen Daten genutzt werden. Die Kontaktaufnahme übernahm die Gedenkstätte. Die Schüler/innen wirkten bei der Ausgestaltung der Gedenkfeier mit.

Sie kümmerten sich um die Betreuung der Angehörigen und die Dokumentation dieses Tages. Dazu bereiteten sie eine Bildschirm-Präsentation ihres Projektes über Arbeitsweisen, Ziele und Ergebnisse vor und stellten diese im Rathaus vor. Pressevertreter waren ebenfalls eingeladen

Die Begegnung mit ehemaligen Zwangsarbeitern

25 Personen aus Polen, Frankreich, der Slowakei, Belgien und Norwegen folgten der Einladung nach Wolfenbüttel und nahmen an der Gedenkfeier und einem zweitägigen Rahmenprogramm teil. Nach der Gedenkfeier hatten Angehörige und Gäste die Möglichkeit, sich in Gesprächen über ihre Erfahrungen und Eindrücke auszutauschen und sich über das Schülerprojekt zu informieren.

Beim Besuch des Friedhofs, der für die Angehörigen die erste Begegnung mit der Grabstätte der Opfer nach über 60 Jahren war, erfuhren die Schüler/innen, wie stark bis heute diese Geschichte bei den Betroffenen emotional nachwirkt. Die Begegnung verdeutlichte ihnen, wie auch der Friedensgottesdienst am Abend, dass ihre Arbeit ein Beitrag zu Versöhnung und Verständigung ist.

Auswirkungen und Einschätzung des Projekts

Die Datenbank wird weiter ergänzt. Hauptziel bleibt die Suche nach Angehörigen in osteuropäischen Ländern. Für die Schüler war die geleistete Arbeit eine vollkommen neue Erfahrung, die ihnen selbst weit mehr als jeder Geschichtsunterricht vermittelte.

Die Beschäftigung mit Originalquellen dieser Art kommt im Geschichtsunterricht höchst selten vor, weil der Zugriff auf die Quellen schwierig ist und häufig auch Bedenken wegen des Datenschutzes bestehen. Bei diesem Projekt war deshalb die Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte und dem Niedersächsischen Staatsarchiv besonders wichtig und hilfreich. Zur Durchführung des Projektes war der Einsatz moderner Kommunikationstechnologie beabsichtigt und hat bei den Schülern zu größerer Kompetenz und Fachwissen im Umgang damit geführt.

Nach Meinung der Schülerinnen und Schüler half ihnen die Konfrontation mit Einzelschicksalen darüber hinaus Vorurteile gegen bestimmte Länder oder Personengruppen abzubauen und sensibilisierte sie im Wissen um die Vergangenheit des eigenen Landes für ihr eigenes Verhalten im Ausland.

Öffentlichkeitsarbeit

Der Projektverlauf und die Ergebnisse wurden von der regionalen Presse (Braunschweiger Zeitung) und dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) begleitet und veröffentlicht. Der NDR widmete dem Thema eine einstündige Sondersendung am 17. März 2005.

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