Geschichte begreifen
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12.11.2008 | Von:
Annegret Ehmann

Datenbank zur Zwangsarbeit in Wolfenbüttel

Zwischen 2004 und 2005 erstellten Jugendliche aus Wolfenbüttel eine Datenbank von Opfern der NS-Justiz. Grundlage waren Primärquellen aus Archiven.
Unter dem Thema "Das Schicksal vorwiegend osteuropäischer Zwangsarbeiter, Straf- und Kriegsgefangener in Wolfenbüttel" erforschte eine Gruppe von zunächst 38, später 25 Schüler/innen zwischen Dezember 2004 und April 2005 die persönlichen Schicksale von Opfern der NS-Justiz. Die Initiative ging dabei von einer Gruppe am Theodor-Heuss-Gymnasium in Wolfenbüttel mit ihrem Lehrer Peter Maibach aus.

Die Ergebnisse der Forschung wurden in einer Datenbank aufbereitet. Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes begleitete die Gruppe Angehörige ehemaliger Zwangsarbeiter, die nach Wolfenbüttel eingeladen worden waren. Im Kontakt mit diesen Gästen erlebten sie die Aktualität der Geschichte und wurden für deren Nachwirkungen sensibilisiert. Das Projekt ermöglichte neben der Auseinandersetzung mit Geschichte einen kompetenteren Umgang mit Informationstechnologien.

Zielsetzung des Projekts

Ziel des Projektes war es, verschiedene historische Primärquellen zusammenzubringen und digital in einer Datei zu erfassen. In der Gedenkstätte für die Opfer der NS-Justiz in der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel, einem Kooperationspartner des Projektes, lagerten zahlreiche, bislang nur unzureichend bearbeitete Akten über das Schicksal ehemaliger Betroffener der NS-Herrschaft. Persönliche Angaben fanden sich auch in den Friedhofsbüchern der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden, dem Standesamtsregister der Stadt Wolfenbüttel, dem Verzeichnis öffentlich gepflegter Gräber der Stadt Wolfenbüttel, dem Hinrichtungsbuch der JVA Wolfenbüttel und in Akten des Staatsarchivs Wolfenbüttel.

Projektdurchführung

Nach einem Zeitungsartikel in der Braunschweiger Zeitung über das geplante Projekt und dem Aufruf zur Mitarbeit durch die Gedenkstätte meldeten sich 38 Schülerinnen und Schüler der Klassen 9 bis 10, die zu einem Vorbereitungsgespräch in die JVA Wolfenbüttel am 15.12.2004 eingeladen wurden. Sie besichtigten die ehemalige Hinrichtungsstätte und die Dauerausstellung zum Thema NS-Justiz.

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Info

Methodensteckbrief

  • Teilnehmerzahl: 38 / 25
  • Altersstufe: Sekundarstufe I
  • Zeitbedarf: 5 Monate 2004/2005
  • Kosten: Nicht ermittelbar
  • Benötigte Ausstattung: PCs mit Internet-Browser, gängige Office-Software, Software zur Erstellung einer Datenbank und für Powerpoint-Präsentationen
  • Der das Projekt betreuende Lehrer und der Leiter der Gedenkstätte der Justizvollzugsanstalt stellten das Projekt im Einzelnen vor und erklärten den Schüler/innen, welche Aufgaben auf sie bei einer Teilnahme zukämen. Obwohl das Projekt in den Weihnachtsferien durchgeführt werden sollte, erklärten sich alle anwesenden Jugendlichen zur Mitarbeit bereit.

    Als Quellen bekamen sie 60 Jahre alte Sterbeurkunden des Standesamtes Wolfenbüttel, aus denen sie Daten über die osteuropäischen Opfer während des Nationalsozialismus wie Namen, Todesursachen oder Herkunftsorte zu erfassen und am Computer in Datenbanken einzugeben hatten. Hierzu benutzen sie ein Tabellenkalkulationsprogramm. Insgesamt erfassten die Schülerinnen und Schüler die persönlichen Daten von circa 500 Opfern.


    Erstellung der Datenbank

    Die Dateneingabe erfolgte in Dreiergruppen. Innerhalb der Gruppen wechselten Vorlesen, Eingabe und Kontrolle, sodass jeder Jugendliche mit den verschiedenen Arbeitsschritten vertraut wurde. Dies sollte Fehler vermeiden, die die Weiterarbeit beim Datenabgleich erschwert hätten.

    Danach begann die Recherche nach den Herkunftsorten der Opfer in Atlanten und im Internet. Die jeweiligen Orte hielten die Schülerinnen und Schüler auf historischen Landkarten fest. Besondere Schwierigkeiten bereitete den Jugendlichen die korrekte Entzifferung von Orts- und Familiennamen in den Akten, die in Sütterlinschrift geschrieben waren. Hierbei halfen Historiker und eine Vorlage des Sütterlinalphabets.

    Auch das Auffinden der Herkunftsorte gestaltete sich aufwändig. Besonders in den osteuropäischen Ländern haben sich die Ortsnamen geändert, zudem existierten mehrere Orte mit gleicher Schreibweise. Auch die sich häufig verändernden Landesgrenzen zur damaligen Zeit sowie die Rechtschreibung mancher Eigennamen waren ein zusätzliches Hindernis. Das Internet erwies sich hier als eine große Hilfe. Mit Suchmaschinen ließen sich meist rasch die gewünschten Orte finden. Im Archiv hätte dies viel mehr Zeit gebraucht.

    Nach drei Tagen Arbeit waren auf diese Weise im Januar 2005 rund 500 Personen ermittelt. Diese Daten wurden abgeglichen, sowie nach Herkunftsorten der Betroffenen, nach Geburtsdaten, Todesarten etc. sortiert und ausgedruckt.

    Die Vorbereitung der Begegnung mit ehemaligen Zwangsarbeitern

    Ziel der Arbeit der Schülerinnen und Schüler war aber nicht nur die Ermittlung der Daten. Diese sollten auch genutzt werden, um Kontakt zu den Familienangehörigen ehemaliger Opfer der NS-Herrschaft im Hinblick auf die geplante Gedenkfeier zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Wolfenbüttel am 11. April 2005 zu knüpfen.

    Zu dieser Feier wurden Überlebende beziehungsweise Hinterbliebene von Opfern aus mehreren europäischen Ländern eingeladen. Für die Einladungen konnten bereits einige der von den Jugendlichen neu gewonnenen Daten genutzt werden. Die Kontaktaufnahme übernahm die Gedenkstätte. Die Schüler/innen wirkten bei der Ausgestaltung der Gedenkfeier mit.

    Sie kümmerten sich um die Betreuung der Angehörigen und die Dokumentation dieses Tages. Dazu bereiteten sie eine Bildschirm-Präsentation ihres Projektes über Arbeitsweisen, Ziele und Ergebnisse vor und stellten diese im Rathaus vor. Pressevertreter waren ebenfalls eingeladen

    Die Begegnung mit ehemaligen Zwangsarbeitern

    25 Personen aus Polen, Frankreich, der Slowakei, Belgien und Norwegen folgten der Einladung nach Wolfenbüttel und nahmen an der Gedenkfeier und einem zweitägigen Rahmenprogramm teil. Nach der Gedenkfeier hatten Angehörige und Gäste die Möglichkeit, sich in Gesprächen über ihre Erfahrungen und Eindrücke auszutauschen und sich über das Schülerprojekt zu informieren.

    Beim Besuch des Friedhofs, der für die Angehörigen die erste Begegnung mit der Grabstätte der Opfer nach über 60 Jahren war, erfuhren die Schüler/innen, wie stark bis heute diese Geschichte bei den Betroffenen emotional nachwirkt. Die Begegnung verdeutlichte ihnen, wie auch der Friedensgottesdienst am Abend, dass ihre Arbeit ein Beitrag zu Versöhnung und Verständigung ist.

    Auswirkungen und Einschätzung des Projekts

    Die Datenbank wird weiter ergänzt. Hauptziel bleibt die Suche nach Angehörigen in osteuropäischen Ländern. Für die Schüler war die geleistete Arbeit eine vollkommen neue Erfahrung, die ihnen selbst weit mehr als jeder Geschichtsunterricht vermittelte.

    Die Beschäftigung mit Originalquellen dieser Art kommt im Geschichtsunterricht höchst selten vor, weil der Zugriff auf die Quellen schwierig ist und häufig auch Bedenken wegen des Datenschutzes bestehen. Bei diesem Projekt war deshalb die Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte und dem Niedersächsischen Staatsarchiv besonders wichtig und hilfreich. Zur Durchführung des Projektes war der Einsatz moderner Kommunikationstechnologie beabsichtigt und hat bei den Schülern zu größerer Kompetenz und Fachwissen im Umgang damit geführt.

    Nach Meinung der Schülerinnen und Schüler half ihnen die Konfrontation mit Einzelschicksalen darüber hinaus Vorurteile gegen bestimmte Länder oder Personengruppen abzubauen und sensibilisierte sie im Wissen um die Vergangenheit des eigenen Landes für ihr eigenes Verhalten im Ausland.

    Öffentlichkeitsarbeit

    Der Projektverlauf und die Ergebnisse wurden von der regionalen Presse (Braunschweiger Zeitung) und dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) begleitet und veröffentlicht. Der NDR widmete dem Thema eine einstündige Sondersendung am 17. März 2005.
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