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20.3.2020

Namibia feiert seine Unabhängigkeit

Am 21. März 1990 wurde Namibia ein selbstständiger Staat. Das Land war nach der deutschen Kolonisierung zunächst von Südafrika verwaltet worden. 30 Jahre nach der Unabhängigkeit und mehr als 100 Jahre nach der Kolonialzeit sind noch viele Fragen der Aufarbeitung historischer Verbrechen offen.

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung trifft der SWAPO-Führer Sam Nujoma am 14.09.1989 in Windhuk ein. Begeisterte Anhänger auf dem Dach eines Fahrzeugs.Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung trifft der SWAPO-Führer Sam Nujoma am 14.09.1989 in Windhuk ein. Etwa ein halbes Jahr später wurde Namibia unabhängig. (© picture-alliance/dpa)

Erste deutsche Kolonie

Die Kolonialisierung eines großen Teils des heutigen namibischen Staatsterritoriums begann Ende des 19. Jahrhunderts, als ein deutscher Unternehmer, ausgestattet mit staatlichen Garantien, dort Land erwarb. Inmitten des "Scramble for Africa" (etwa: Drängelei um Afrika) der europäischen Großmächte wollte auch das Deutsche Reich zur Kolonialmacht werden. Der Bremer Kaufmann Franz Adolf Lüderitz kaufte 1883 unter zweifelhaften Umständen Land im Südwesten des heutigen Namibia von den dort ansässigen Nama.

Im August 1884 erklärte das Deutsche Kaiserreich dieses Gebiet zum "Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika" und taufte es „Lüderitzland“. Damit wurde es zur ersten deutschen Kolonie. Diese wurde in den Folgejahren erweitert und umfasste ab 1890 das gesamte Gebiet des heutigen Staates Namibia. Die Kolonialherren etablierten ein rassistisches System, in dem Deutsche die Oberschicht bildeten und die teils enteigneten Afrikanerinnen und Afrikaner als abhängige Arbeiterinnen und Arbeiter unterdrückt wurden. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 kamen 15.000 Siedler ins Land, darunter mehr als 12.000 Deutsche.

Widerstand gegen die Kolonialherren

Wiederholt erhoben sich in den Folgejahren die auf dem kolonialisierten Gebiet ansässigen Volksgruppen, darunter die Herero (1896). Ihre Aufstände wurden gewaltsam niedergeschlagen. Im Januar 1904 nahmen bewaffnete Verbände der Herero erneut den militärischen Widerstand gegen die Kolonialmacht auf. Die deutschen Truppen reagierten mit extremer Härte und Brutalität. Nach der Schlacht am Waterberg flohen die Herero in die Omaheke-Halbwüste. Ihre deutschen Verfolger riegelten das Trockengebiet und die wenigen Wasserstellen ab. Auf den Befehl des Generalleutnants Lothar von Trotha hin, wurde auf alle, die zu fliehen versuchten, geschossen.

Auch dem zunächst erfolgreichen Guerilla-Krieg der Nama, die sich dem Widerstand gegen die deutschen Kolonialtruppen angeschlossen hatten, setzte die Kolonialmacht eine Vernichtungsstrategie entgegen: Die Deutschen vergifteten Brunnen und zerstörten Nahrungsmittel. Die wenigen Überlebenden der Herero und Nama kamen in Internierungslager und wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt. Schätzungen zufolge starben bis zu 80.000 Herero sowie mindestens 10.000 Nama. Historikerinnen und Historiker bewerten diesen Vernichtungskrieg heute mehrheitlich als ersten Genozid des 20. Jahrhunderts.

Südafrika übernimmt Kontrolle

Das Ende des Ersten Weltkrieges bedeutete auch das formale Ende des deutschen Kolonialreichs. Alle Kolonien gingen gemäß des Versailler Vertrags als Mandatsgebiete an den neu gegründeten Völkerbund, so auch Deutsch-Südwestafrika. Der Völkerbund übertrug 1921 das Mandat über Namibia an Südafrika, das Namibia wie eine fünfte Provinz verwaltete – inklusive seiner Homeland-Politik, die jeder Bevölkerungsgruppe ein festes Territorium zuteilte, und restriktiver Pass- und Arbeitsgesetze. In den 1950er Jahren etablierte Südafrika in seinen Provinzen das Apartheidsystem. Zu dieser Zeit formierte sich in Namibia der anti-koloniale Widerstand gegen Südafrika, der 1960 in die Gründung der Bewegung "South West African People's Organisation" (SWAPO, dt. Südwestafrikanische Volksorganisation) mündete. 1966 erkannten die Vereinten Nationen, als Nachfolger des Völkerbunds, Südafrika das Mandat über Namibia ab, was die südafrikanische Regierung jedoch ignorierte. Daraufhin nahm die SWAPO den militärischen Kampf auf.

Landnutzung und Bodenschätze in NamibiaLandnutzung und Bodenschätze in Namibia
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Der Weg zur Selbstbestimmung

Zehn Jahre später, 1976, erkannte die UN-Vollversammlung die SWAPO als einzige legitime Vertretung des namibischen Volkes an. Doch erst mit Ende des Kalten Krieges und der schleichenden Erosion des Apartheid-Regimes in Südafrika wurde Namibias Selbstbestimmung Realität. Ende 1988 sagte Südafrika freie Wahlen für Namibia und damit die Freigabe des von ihm annektierten Gebietes zu. In internationalen Verträgen unter Beteiligung der UN und der SWAPO waren schon zuvor Grundsätze für Namibias zukünftige Verfassung festgeschrieben worden.

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Namibia

Namibia liegt im Südwesten des afrikanischen Kontinents an der Atlantikküste. Das Land ist mit einer Fläche von rund 824.292 Quadratkilometern mehr als doppelt so groß wie Deutschland (357.340) und mit etwa 2,5 Millionen Einwohnern sehr dünn besiedelt.

Namibia ist eine Präsidialdemokratie mit einem Mehrparteiensystem. Das Parlament besteht aus zwei Kammern, der Nationalversammlung und dem Nationalrat. Die 1989 verabschiedete Verfassung enthält einen umfassenden Katalog von Grund- und Menschenrechten. In dem Dokument ist die Gleichstellung von Männern und Frauen verankert und jegliche Diskriminierung bei der Besetzung öffentlicher Stellen verboten.

Namibias erste freie Wahlen

Ende 1989 hielt Namibia die ersten allgemeinen und freien Wahlen ab, knapp 96 Prozent der Wahlberechtigten beteiligten sich. In der verfassungsgebenden Versammlung, die zum ersten Parlament wurde, errang die SWAPO 41 der insgesamt 72 Sitze, die konservative „Democratic Turnhall Alliance“ (DTA, dt.: Demokratische Turnhallenallianz[1]) 21. Letztere hatte zuvor als von Südafrika akzeptierte Interimsregierung fungiert.

Am 21. März 1990 wurde Namibia mit der Deklaration der ausgearbeiteten Verfassung schließlich unabhängig. SWAPO-Chef Sam Nujoma wurde als erster namibischer Präsident vereidigt. Seitdem ist das Land eine parlamentarische Präsidialdemokratie mit dem Parlament als Legislative und einem mit weitreichenden exekutiven Befugnissen ausgestatteten Präsidenten als Staatsoberhaupt. In der zweiten Kammer des Parlaments sitzen je drei Abgeordnete aus den 14 Regionen des Landes. Namibias Demokratie gilt als stabil, doch es mangelt an einer starken Opposition. Auch Abspaltungen der SWAPO konnten selten mehr als 10 Prozent der Stimmen erreichen.

Zuletzt wählten die Namibierinnen und Namibier im November 2019 Parlament und Präsident. Hatte die SWAPO noch fünf Jahre zuvor mit 80 Prozent ihr bis dahin bestes Ergebnis erreicht, musste sie bei der letzten Wahl deutliche Verluste hinnehmen und verlor erstmals seit 1994 ihre Zweidrittelmehrheit. Als Grund galten insbesondere Korruptionsvorwürfe und eine instabile Wirtschaftslage mit hoher Arbeitslosigkeit. Hage Geingob, seit 2015 Präsident, konnte nur mit knappem Wahlerfolg eine zweite Amtszeit antreten.

Postkoloniale Aussöhnung?

Eine der größten Herausforderungen für Namibia stellt nach wie vor die Umverteilung des seit der Kolonialzeit in wenigen Händen konzentrierten Landbesitzes dar. 30 Jahre nach der Unabhängigkeit und mehr als 100 Jahre nach der deutschen Kolonialherrschaft beschäftigen Fragen nach Entschädigungen für vergangenes Unrecht viele Namibierinnen und Namibier. Auch die Verhandlungen zwischen Deutschland und Namibia über den Genozid an den Herero und Nama sind weiterhin kompliziert, insbesondere angesichts der Forderung nach Reparationszahlungen, die die Bundesregierung ablehnt.

Feierlichkeiten wegen Coronavirus abgesagt

Die Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Unabhängigkeit wurden aufgrund der Coronavirus-Pandemie abgesagt. Das kündigte Präsident Hage Geingob eine Woche vor dem Nationalfeiertag an, nachdem die ersten Infektionsfälle in Namibia bestätigt worden waren. Am 17. März verkündete die Regierung den Ausnahmezustand. Seitdem sind größere öffentliche Versammlungen verboten und Reisen eingeschränkt.

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Fußnoten

1.
Der Name geht auf die sogenannte Turnhallenkonferenz zurück, ein rund zweijähriger Dialog (1975/76) zwischen verschiedenen Volksgruppen, der die Grundlagen der Unabhängigkeitserklärung bildete. Seit 2015 heißt die Partei „Popular Democratic Movement“ (PDM).

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