Am 26. April 1986 um 1 Uhr 23 havarierte im Rahmen eines Routinetests der Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl im Norden der Ukraine. „Tschernobyl“ ist die russische Bezeichnung des Kernkraftwerks, das im Ukrainischen auch als „Tschornobyl“ bekannt ist – wie die 18 Kilometer entfernte gleichnamige Kleinstadt mit einer jahrhundertealten Geschichte. Durch die Reaktorexplosion wurden große Mengen radioaktiver Stoffe in die direkte Umgebung des Kernkraftwerks sowie mehrere Tausend Kilometer weit in benachbarte Länder getragen. Zunächst wurde das Ausmaß der Nuklearkatastrophe von den sowjetischen Behörden bagatellisiert. Erst 18 Tage nach dem Unglück, auch bedingt durch den wachsenden Druck der internationalen Öffentlichkeit, räumte Michail Gorbatschow, Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU, in einer Fernsehansprache das gefährliche Ausmaß des Super-GAUs ein.
Eine mittelfristige Folge der Katastrophe war, dass Unabhängigkeitsbestrebungen in Belarus und der Ukraine an Schlagkraft gewannen; Gorbatschow bezeichnete Tschernobyl rückblickend gar als „Anfang vom Ende“ der Sowjetunion. Zugleich mussten die Opfer und Angehörigen für Entschädigungen kämpfen. Interessanterweise stellte sich die Grundsatzfrage um den Einsatz von Kernkraftwerken ausgerechnet dort nicht, wo die Katastrophe stattfand – im Gegenteil: Die Ukraine setzt bis heute stark auf Atomenergie. In Westeuropa und speziell der Bundesrepublik hingegen löste die Nuklearkatastrophe große Angst und Verunsicherung aus. Strahlenwerte und die Windrichtung aus dem Osten bestimmten für Wochen die Nachrichten, die Diskussionen um die zivile Nutzung der Atomkraft wurden immer hitziger.
Während sich die weltweit größte Atomkatastrophe 2026 zum vierzigsten Mal jährt, leidet die ukrainische Bevölkerung seit über vier Jahren unter dem russischen Angriffskrieg. Durch russische Kriegshandlungen wurde neuerlich radioaktiver Staub aufgewirbelt und die Schutzhülle um den Reaktor 4 beschädigt. Auch darum ist Tschernobyl/Tschornobyl ein Erinnerungsort, der nichts an Aktualität eingebüßt hat. Die radioökologische Belastung und damit einhergehende Risiken für Mensch und Umwelt werden wohl noch jahrhundertelang fortbestehen.