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Tschernobyl und die überlegene Intelligenz der Demokratie | Tschernobyl | bpb.de

Tschernobyl Editorial Tschernobyl transnational. Opfer, Überlebende und Erinnerungen vierzig Jahre später Strahlende Landschaften. Das bleibende Erbe der sowjetischen Nuklearmoderne Von Tschornobyl nach Saporischschja. Nukleare Technopolitik in der Ukraine zwischen sowjetischem Erbe, Nationalisierung und Krieg Tschernobyl und die überlegene Intelligenz der Demokratie Unverfügbarkeit erzählen. Die Angstästhetik der HBO-Serie „Chernobyl“

Tschernobyl und die überlegene Intelligenz der Demokratie

Markus Hinterleitner

/ 13 Minuten zu lesen

Während Krisensituationen systemunabhängig auftreten, zeigen sich in ihrer Aufarbeitung signifikante Unterschiede zwischen Demokratien und Autokratien. Auch darum wurde der Super-GAU von Tschernobyl in Europa anders als in der Sowjetunion diskutiert.

Nachdem sich am 26. April 1986 aufgrund eines nuklearen Unfalls im Atomkraftwerk Tschernobyl radioaktive Partikel weiträumig über Europa verteilten, hätten die politischen Reaktionen auf die größte Katastrophe in der zivilen Nutzung der Kernenergie unterschiedlicher kaum sein können. In der Sowjetunion wurde zunächst versucht, das Ausmaß des Unfalls trotz intern bekannter Fakten über die Schwere der Lage zu verschleiern und zu verharmlosen. In den westlichen Demokratien hingegen entfaltete sich ein politisches Erdbeben: Öffentliche Debatten, parlamentarischer Druck, zivilgesellschaftliche Mobilisierung und mittel- sowie langfristig tiefgreifende energiepolitische Kurswechsel. Wohingegen das unmittelbar betroffene Sowjetsystem versuchte, die Katastrophe zu unterdrücken, verarbeiteten die ebenfalls betroffenen Demokratien sie öffentlich und übersetzten sie in weitreichenden Politikwandel.

Diese Diskrepanz in den politischen Reaktionen auf die Tschernobyl-Katastrophe ist erklärungsbedürftig, auch weil die sowjetische Führung nicht einfach aus Unwissenheit handelte. Interne Dokumente, die nach dem Ende der Sowjetunion zugänglich wurden, belegen, dass das Ausmaß der Katastrophe auf höchster Ebene rasch bekannt war. Und umgekehrt standen die Regierungen westlicher Demokratien nicht von vornherein unter dem Zwang, ihre eigene Atompolitik grundlegend zu überdenken. Warum also dieser Unterschied?

Die Antwort liegt nicht im Ausmaß der Betroffenheit oder in der Rationalität oder Irrationalität kollektiver Reaktionen. Sie liegt vielmehr in den strukturellen Unterschieden zwischen politischen Systemen, insbesondere darin, wie Informationen über Fehler und Versagen fließen, wer diese auf die Agenda setzen darf, und welche Mechanismen dafür sorgen, dass Regierungen auf öffentliches Feedback reagieren müssen. Von diesen Mechanismen handelt dieser Beitrag.

Politische Systeme als Problemlösungssysteme

Der Ökonom und Sozialtheoretiker Albert O. Hirschman formulierte einmal einen scheinbaren Widerspruch: Nicht Konsens, Harmonie, oder das Fehlen von Konflikten mache demokratische Gesellschaften stark, sondern im Gegenteil ihre Fähigkeit, Konflikte auszutragen und produktiv zu verarbeiten. Demokratien produzieren laut Hirschman eine beständige Abfolge von Kontroversen, die sie immer wieder zwingen, sich neu zu justieren. Genau darin liege ihre eigentümliche Vitalität. Umgekehrt, so Hirschmans Vermutung, könnte der tiefere Grund für den Verfall der kommunistischen Systeme gerade in deren Erfolg gelegen haben, offene gesellschaftliche Konflikte zu unterdrücken.

Das ist eine provokante These, die aber erklärt, was Tschernobyl so anschaulich vor Augen führt. Denn das Problem des sowjetischen Systems war nicht, dass es von technischen, bürokratischen, und sicherheitspolitischen Problemen verschont blieb – sondern, dass diese Probleme nicht auf die politische Agenda gelangen durften, um die Stabilität des Systems nicht zu gefährden.

Natürlich ist kein politisches System immun gegen Fehler, auch Demokratien nicht. Alle Regierungen treffen Entscheidungen unter Unsicherheit, technische Großprojekte scheitern bisweilen spektakulär, und politische Eingriffe verfehlen mitunter ihre erklärten Ziele. Die relevante Frage ist daher nicht, ob ein System Fehler produziert, sondern wie es mit ihnen umgeht – und vor allem, ob es aus ihnen lernen kann. Genau hier liegt ein wichtiger struktureller Unterschied zwischen demokratischen und autokratischen Systemen.

In deliberativen und partizipativen Systemen, wie sie westliche Demokratien verkörpern, ist der Informationsfluss über Probleme und Misserfolge grundsätzlich offen. Journalistinnen und Journalisten können berichten, Oppositionsparteien können Anfragen stellen und Untersuchungskommissionen einberufen, wissenschaftliche Expertinnen können widersprechen, und Bürgerinnen und Bürger können demonstrieren. Kein einzelner Akteur kontrolliert, welche Probleme öffentliche Sichtbarkeit erlangen. In autokratischen Systemen hingegen ist der Informationsfluss deutlich zentralisierter und selektiver: Die Führung behält meist die Kontrolle darüber, welche Missstände öffentlich thematisiert werden und welche nicht. Dies hat weitreichende Konsequenzen, die über die Frage der Meinungsfreiheit hinausgehen und die institutionellen Kapazitäten politischer Systeme zur Selbstkorrektur betreffen.

Die Art und Weise, wie politische Akteure auf potenzielle Fehler und Kontroversen reagieren, lässt sich dabei in zwei verschiedene Muster unterteilen: ein antizipatorisches und ein reaktives. Antizipatorische Strategien zielen darauf ab, eventuell problematische Ereignisse erst gar nicht auf die öffentliche Agenda gelangen zu lassen, beispielsweise durch das Delegieren heikler Entscheidungen an weniger sichtbare Akteure oder durch das schlichte Unterdrücken unangenehmer Informationen. Autokratische Systeme sind in diesem Bereich strukturell im Vorteil: Für sie ist das Kleinhalten von Problemen, bevor sie eskalieren, die erste und oft auch einzig nötige Verteidigungslinie.

Demokratien hingegen sind strukturell durchlässiger. Was auch immer ihre Regierungen antizipatorisch unternehmen mögen, sie können meist nicht verhindern, dass Missstände ans Licht gelangen. Denn Medien, Opposition und Zivilgesellschaft sorgen dafür, dass Fehler und Kontroversen früher oder später sichtbar werden. Das zwingt Regierungen zur öffentlich ausgetragenen, reaktiven Auseinandersetzung mit bereits sichtbar gewordenen Problemen. Sie müssen sich vor Parlament und Öffentlichkeit rechtfertigen und mit Schuldzuweisungen unter den Augen einer beobachtenden Bevölkerung umgehen. Genau diese konfliktreiche Dynamik, die auf den ersten Blick chaotisch und ineffizient erscheinen mag, ist jedoch keine Schwäche demokratischer Systeme, sondern eine ihrer großen Stärken.

Blame Games als Motor demokratischer Responsivität

Wie aber genau funktioniert diese reaktive Verarbeitung von Kontroversen in Demokratien? Welcher Mechanismus sorgt dafür, dass öffentlich gewordene Missstände tatsächlich zu politischen Konsequenzen führen, anstatt nach kurzer Empörungswelle im Rauschen des Medienbetriebs wieder unterzugehen? Die Antwort liegt in einem politischen Phänomen, das in der Politikwissenschaft als „Blame Game“ bezeichnet wird: einem öffentlich ausgetragenen Konflikt zwischen jenen, die Schuld zuweisen (typischerweise die Opposition, Medien und Interessenvertreter) und jenen, die sich dieser Schuldzuweisung erwehren müssen (typischerweise Regierung und verantwortliche Minister).

Blame Games entstehen, wenn ein problematisches Ereignis wie eine Katastrophe, ein Politikversagen, oder ein Skandal die politische Agenda erreicht und öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zieht. Bürgerinnen und Bürger bilden sich als Zuschauer des medienvermittelten Geschehens eine Meinung: Sie sorgen und empören sich, oder fordern Konsequenzen. Oppositionsparteien greifen diese Stimmungen dann auf und kanalisieren sie in politischen Druck auf die Regierung. Diese wiederum steht vor einer Wahl: ignorieren, was langfristig politische Kosten erzeugt, Schuld abwehren und auf andere verweisen – oder nachgeben und politische wie personelle Konsequenzen ziehen. Blame Games stellen so einen Transmissionsriemen zwischen öffentlicher Meinung und politischen Entscheidungen dar; genauer gesagt: einen Mechanismus demokratischer Responsivität, der themenspezifisch und unabhängig von Wahlen wirkt.

Insofern wäre es ein Fehler, Blame Games allein als politisches Spektakel oder als bloße Machtspiele abzutun. Wo Hirschman von der produktiven Kraft des Konflikts in demokratischen Gesellschaften sprach, lassen sich Blame Games als der konkrete institutionelle Kanal beschreiben, durch den diese Kraft wirksam wird. Ob und wie stark Regierungen auf den während Blame Games entstehenden Druck reagieren, hängt entscheidend von institutionellen Faktoren ab. Demokratische Systeme unterscheiden sich erheblich darin, wie gut die Opposition in der Lage ist, Schuld zu bündeln und zu konzentrieren, welche Konventionen für politische Verantwortung und einen Rücktritt bestehen, und wie weit die institutionelle Distanz zwischen einer Kontroverse und der Regierungsspitze ist. Im britischen System etwa ist Schuldzuweisung politisch leichter, ministerielle Rücktritte aber schwerer zu erwirken, weil die normative Leitvorstellung ministerieller Verantwortlichkeit diese auf Fälle persönlichen Fehlverhaltens beschränkt. Im deutschen System hingegen erlauben weitreichendere Rücktrittskonventionen eine stärkere Personalisierung von Blame Games, was Regierungen unter erheblichen Druck setzen kann. Doch auch wenn die institutionellen Formen variieren, bleibt der Grundmechanismus derselbe: Kontroversen erzeugen Druck, und Druck erzeugt politische Reaktion.

Im Fall Tschernobyls entfaltete sich genau dieser Mechanismus nicht in der Sowjetunion, wo er unterdrückt wurde, sondern in den westlichen Demokratien. Die Antiatombewegung war dabei kein bloß zivilgesellschaftliches Phänomen, sondern eine politische Kraft, die Oppositionsparteien und kritische Medien mobilisierte sowie Regierungen unter Zugzwang setzte. Besonders in der Bundesrepublik, wo die Grünen 1983 erstmals in den Bundestag eingezogen waren und die gesellschaftliche Stimmung gegenüber Atomkraft bereits tief gespalten war, entfaltete Tschernobyl eine enorme politische Mobilisierungswirkung.

Lang laufendes Blame Game um Tschernobyl

Was Tschernobyl von vielen anderen politischen Kontroversen unterscheidet, ist die außergewöhnliche Persistenz und Reaktivierbarkeit des Blame Games, das die Katastrophe auslöste. Viele politische Kontroversen folgen einem relativ klaren zeitlichen Bogen: Ein Ereignis erzeugt öffentliche Aufmerksamkeit, Opposition und Medien stürzen sich darauf, die Regierung verteidigt sich, es kommt zu politischen oder personellen Konsequenzen, und schließlich zieht die Medienkarawane weiter.

Tschernobyl gehorchte dieser Logik deswegen nicht, weil die Katastrophe keine abgeschlossene Sache in der Vergangenheit war, sondern ein konstantes Risiko. Die strahlenden Hinterlassenschaften des Reaktors, die langfristigen Gesundheitsfolgen und die anhaltenden Debatten über die Sicherheit ähnlicher Reaktortypen hielten das Thema auf der politischen Agenda und erlaubten es Akteuren, die Kontroverse immer wieder zu reaktivieren. Als beispielsweise im März 2011 ein Erdbeben und der darauffolgende Tsunami die Reaktoren des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi in Japan beschädigten, wurde in Deutschland das Tschernobyl-Blame-Game nahezu augenblicklich neu entfacht. Die Bundesregierung unter Angela Merkel, die erst wenige Monate zuvor die Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke verlängert hatte, sah sich einer Welle öffentlicher Empörung ausgesetzt, die institutionell auf jahrzehntelanger zivilgesellschaftlicher Mobilisierung und politischer Delegitimierung der Atomkraft aufbaute. Innerhalb weniger Wochen vollzog die Regierung eine vollständige energiepolitische Kehrtwende und beschloss den beschleunigten Atomausstieg. Kaum ein Beispiel illustriert reaktive demokratische Responsivität prägnanter.

Und doch ist dieser Fall erklärungsbedürftig, denn Japan selbst vollzog keine vergleichbare Kehrtwende. Die meisten japanischen Reaktoren wurden zwar vorübergehend abgeschaltet, aber nicht dauerhaft stillgelegt. Spätere Regierungen leiteten sogar eine schrittweise Rückkehr zur Atomkraft ein. Warum kam es also in Japan, wie Deutschland eine gefestigte Demokratie, zu einer so unterschiedlichen Reaktion?

Die Antwort verweist auf eine wichtige Differenzierung innerhalb des Blame-Game-Mechanismus: Demokratische Responsivität ist kein Automatismus, der überall gleich stark wirkt. Sie hängt sowohl von der Intensität zivilgesellschaftlicher Mobilisierung sowie von den oben besprochenen politischen Institutionen ab, die sich von Demokratie zu Demokratie unterscheiden. In Deutschland traf Fukushima auf eine gefestigte Antiatombewegung, eine grüne Partei im Bundestag, und eine gesellschaftliche Stimmung, die das Thema seit Tschernobyl über Jahrzehnte auf der Agenda gehalten hatte. Diese akkumulierte politische Energie war es, die Fukushima in Deutschland zu einem Katalysator für den beschleunigten Atomausstieg machte, und die in Japan in dieser Form fehlte. Nicht jede Demokratie reagiert somit gleich auf dieselbe Kontroverse, doch existiert in allen Demokratien zumindest ein Kanal, durch den öffentlicher Druck in politischen Wandel umgemünzt werden kann. In Autokratien fehlt dieser Kanal strukturell.

Das Blame Game um Tschernobyl ist damit nicht nur ein Beispiel politischer Krisenverarbeitung, sondern auch ein Lehrstück über die Langzeitwirkung demokratischer Konfliktkultur. In Demokratien können Kontroversen, wenn sie tief genug in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben sind, über Jahrzehnte latent bleiben und durch verwandte Ereignisse reaktiviert werden. Diese Eigenschaft stellt sicher, dass gravierendes Versagen nicht einfach in Vergessenheit gerät, sondern als politisches Erbe fortlebt und Regierungen immer wieder zwingt, Rechenschaft abzulegen.

Demokratien als überlegene Problemlösungssysteme

Die Beobachtung, dass westliche Demokratien auf Tschernobyl mit größerer politischer Intensität reagierten als das unmittelbar betroffene Sowjetsystem, wird mitunter als kollektive Irrationalität gedeutet. Einzelne Wissenschaftler sowie politische Akteure prägten dafür nach 1986 sogar einen eigenen Begriff: „Radiophobie“, oder die quasi-pathologische Angst vor nuklearer Strahlung, die, so die Message, mit sachlicher Risikoabwägung nichts gemein habe. Doch diese Deutung greift zu kurz. Wie wir mittlerweile gesehen haben, zeigten westliche Demokratien nach Tschernobyl keine irrationale Hysterie, sondern eine Form öffentlicher Problemverarbeitung, die der Komplexität des Themas gerecht zu werden versuchte. Öffentliche Debatten, wissenschaftliche Auseinandersetzungen, parlamentarische Untersuchungen und zivilgesellschaftliche Mobilisierung führten dazu, dass langfristige Risiken ernsthafter behandelt wurden als im sowjetischen Apparat.

Hinter dieser Beobachtung steckt ein allgemeineres Argument über die Leistungsfähigkeit demokratischer Systeme unter Bedingungen zunehmender Komplexität. Autokratische Systeme mögen in der Lage sein, auf einfache, klar definierte Probleme schnell und entschlossen zu reagieren. Ihre zentralisierte Entscheidungsstruktur verschafft ihnen dabei einen kurzfristigen Vorteil. Doch dieser Vorteil kehrt sich um, sobald Probleme komplexer, mehrdeutiger und sektorübergreifender werden. Dann wird genau das zur Schwäche, was zuvor als Stärke galt: die Unterdrückung abweichender Information, die Konzentration von Entscheidungsmacht in engen Elitenkreisen, und das Fehlen von Rückkopplungsschleifen, die frühzeitig auf Fehler hinweisen. Probleme akkumulieren sich dadurch unbemerkt, bis sie nicht mehr schrittweise lösbar sind und abrupte, oft unverhältnismäßig aufwendige und risikoreiche Politiksprünge erforderlich machen. Demokratien hingegen sind besser dafür gerüstet, komplexe Probleme anzugehen, bevor sie zu Krisen eskalieren, weil sie das Austragen öffentlicher Konflikte zulassen, unterschiedliche Informationskanäle offenhalten, und kontinuierlichem Druck ausgesetzt sind, sich zu verbessern.

Tschernobyl illustriert diese Asymmetrie eindrücklich: Statt an einem Mangel an Ingenieuren oder technischem Sachverstand litt das sowjetische Nuklearprogramm an einer politischen Kultur der Fehlervertuschung, die verhinderte, dass interne Kritik an Sicherheitsstandards aufsteigen konnte sowie externe Warnungen ernst genommen wurden. Berichte des sowjetischen Geheimdienstes (KGB) aus den Jahren vor dem Unfall dokumentieren, dass Sicherheitsmängel im Kernkraftwerk Tschernobyl zwar bekannt waren, aber nicht behoben wurden, weil die institutionellen Anreize systemweit gegen das Überbringen schlechter Nachrichten gerichtet waren.

Zugleich wäre es falsch, demokratische Systeme pauschal als überlegen darzustellen und ihre eigenen Defizite im Umgang mit komplexen Risiken zu verschweigen. Enge Verflechtungen zwischen Regulierungsbehörden und der Industrie sowie die politische Versuchung, unangenehme Wahrheiten zu vertuschen, existieren zweifelsohne auch in Demokratien. Der Unterschied liegt also nicht darin, dass demokratische Systeme solche Pathologien nicht kennen, sondern über Mechanismen verfügen, die diese früher oder später ans Licht bringen, wie zum Beispiel eine freie Presse, eine unabhängige Opposition, oder eine Zivilgesellschaft, die nicht auf Geheiß zum Schweigen gebracht werden kann. Der entscheidende Vorzug demokratischer Systeme ist also nicht, dass sie keine Fehler machen, sondern dass ihre Fehler eine höhere Chance haben, entdeckt und korrigiert zu werden.

Rückkehr der Systemfrage

Am 25. April 2026 jährt sich die Tschernobyl-Katastrophe zum vierzigsten Mal. Es wäre verlockend, das Datum primär als Anlass zur historischen Erinnerung zu behandeln und eine abgeschlossene Katastrophe zu bilanzieren. Doch die Systemfrage, die Tschernobyl aufwirft, wird aktuell wieder intensiv diskutiert.

Für eine kurze historische Episode, grob zwischen dem Fall der Berliner Mauer 1989 und den ersten Jahren des neuen Jahrtausends, schien diese Frage ein für alle Mal beantwortet. Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ brachte die verbreitete Überzeugung zum Ausdruck, dass liberale Demokratie und Marktwirtschaft sich als alternativlos erwiesen hätten. Der Systemwettbewerb gehöre der Vergangenheit an, und die verbleibenden Aufgaben seien technokratischer Natur.

Heute sieht die Welt anders aus. Russlands Rückkehr als geopolitischer Akteur, Chinas Aufstieg und sein selbstbewusstes Modell eines autoritären Staatskapitalismus sowie der wachsende Populismus in etablierten Demokratien – all das hat eine Debatte neu entfacht, die eigentlich seit dem Ende des Kalten Kriegs als obsolet erschien: Welches System bewältigt gesellschaftliche Herausforderungen besser? Der Ökonom Branko Milanović hat diesen neuen Wettstreit prägnant beschrieben. Milanović zufolge geht es nicht mehr um Kapitalismus versus Sozialismus, sondern um zwei Spielarten des Kapitalismus. Den liberalen, auf Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Rechenschaft beruhenden Typ westlicher Prägung, und den politischen Kapitalismus, der wirtschaftliche Dynamik mit autoritärer Kontrolle verbindet und auf Effizienz statt Legitimität setzt. In diesem Wettstreit wird Effizienz voreilig als vermeintliche Trumpfkarte autoritärer Systeme ausgemacht: die Fähigkeit, schnell zu entscheiden, Widerspruch auszuschalten und Großprojekte ohne langwierige demokratische Aushandlungsprozesse durchzusetzen.

Die Covid-19-Pandemie hat diese Debatte wieder aufflammen lassen. Chinas rigides Lockdown-Management in der frühen Phase der Pandemie wurde von manchen als Beleg dafür angeführt, dass zentralisierte Steuerung in Krisensituationen überlegen sei. Was in dieser Argumentation gerne übersehen wurde, ist, dass ebenjene Zentralisierung, die das schnelle Handeln ermöglichte, in den Wochen zuvor die Unterdrückung früher Warnzeichen und die Vertuschung des Ausbruchs in Wuhan begünstigt hatte. Das Muster war dasselbe wie nach Tschernobyl. Die institutionellen Anreize, die chinesische Lokalbeamte im Dezember 2019 dazu brachten, Ärzte zum Schweigen zu bringen und Informationen zurückzuhalten, sind strukturell verwandt mit jenen, die sowjetische Funktionäre im April 1986 dazu brachten, den Reaktorbrand kleinzureden und die Evakuierung zu verzögern. Effizienz im Krisenmanagement und Effizienz in der Krisenunterdrückung sind in autokratischen Systemen schwer zu trennen.

Relative Intelligenz der Demokratie?

Was lässt sich, vierzig Jahre nach Tschernobyl, aus politikwissenschaftlicher Sicht aus dieser Katastrophe schlussfolgern? Die Versuchung liegt nahe, eine triumphale Bilanz zu ziehen: Die offene Gesellschaft hat sich bewährt, das geschlossene System ist gescheitert, die Geschichte hat ihr Urteil gesprochen. Doch ein solches Fazit wäre nicht nur historisch ungenau, sondern auch politisch gefährlich, denn es würde nahelegen, dass die Überlegenheit demokratischer Systeme wie ein Naturgesetz existiere und keiner aktiven Pflege bedürfe.

Wie wir gesehen haben, sind demokratische Systeme strukturell besser gerüstet, Fehler zu erkennen, öffentlich zu verhandeln und aus ihnen zu lernen. Blame Games erfüllen hierbei eine wichtige Funktion. Sie halten Regierungen rechenschaftspflichtig, und erzeugen jene Anpassungsintelligenz, die der Politikwissenschaftler Charles E. Lindblom einst als die eigentliche Stärke demokratischer Entscheidungssysteme beschrieb. Tschernobyl ist in diesem Sinne kein Argument gegen die Atomkraft, sondern ein Argument für offene Gesellschaften, die technologische Großrisiken nicht dem Kalkül geschlossener Apparate überlassen.

Allerdings funktioniert dieser Mechanismus nicht bedingungslos. Blame Games erzeugen demokratische Responsivität nur, wenn es eine allgemeine Öffentlichkeit gibt, die bereit ist, politische Akteure zur Rechenschaft zu ziehen. Doch genau diese Öffentlichkeit steht in vielen Demokratien gegenwärtig unter Druck. Insbesondere die wachsende Polarisierung ist Gift für eine hinreichend übereinstimmende, gemeinsame Faktenbasis, geteilte Spielregeln und überparteiliche Normen – alles Voraussetzungen für deliberative Politik und produktive Blame Games. Insbesondere die politische Polarisierung verwandelt Konflikte zunehmend in Medienspektakel, in denen Normbrüche nicht mehr bestraft, sondern belohnt werden, und sich politische Akteure immer weniger dem Suchen nach Lösungen für gemeinschaftliche Probleme verschreiben. Wir stehen also vor einem Paradox: Polarisierte Demokratien produzieren zwar mehr Konflikt, aber weniger produktive Konfliktverarbeitung. Der Transmissionsriemen zwischen öffentlichem Druck und politischer Kurskorrektur droht so zu reißen. Im lindblomschen Sinne werden demokratische Systeme dabei schlicht dümmer, aber nicht, weil weniger gestritten wird, sondern weil der Streit keine korrigierenden Rückkopplungsschleifen mehr erzeugt.

Tschernobyl hat gezeigt, was es bedeutet, wenn ein politisches System strukturell nicht in der Lage ist, auf Warnzeichen zu hören, Verantwortung zu benennen und Fehler öffentlich zu korrigieren. Autokratien scheitern daran immer wieder aus systemimmanenten Gründen. Auch Demokratien sind dagegen nicht gefeit, verfügen aber zumindest über Mittel zur Selbstkorrektur, solange sie die Normen pflegen, die ihren Streit produktiv machen.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Alla Yaroshinskaya, Chernobyl. The Forbidden Truth, Omaha 1995.

  2. Vgl. Albert O. Hirschman, Social Conflicts as Pillars of Democratic Market Society, in: Political Theory 2/1994, S. 203–218.

  3. Vgl. Markus Hinterleitner/Fritz Sager, Anticipatory and Reactive Forms of Blame Avoidance: Of Foxes and Lions, in: European Political Science Review 4/2017, S. 587–606.

  4. Dazu ausführlicher Markus Hinterleitner, Policy Controversies and Political Blame Games, Cambridge 2020.

  5. Vgl. Since the 2011 Fukushima Accident, Japan Has Restarted 14 Nuclear Reactors, 11.1.2025, Externer Link: https://www.eia.gov/todayinenergy/detail.php?id=64204.

  6. Vgl. Markus Hinterleitner, Blame Games and Democratic Responsiveness, in: European Journal of Political Research 4/2023, S. 1235–1256.

  7. Vgl. Aliaksnadr Novikau, What is „Chernobyl Syndrome?“ The Use of Radiophobia in Nuclear Communications, in: Environmental Communication 6/2017, S. 800–809.

  8. Vgl. Alexa Lenz et al., Democratic Governance and Policy Complexity: Revisiting the Intelligence of Democracy, in: Journal of European Public Policy, Externer Link: https://doi.org/10.1080/13501763.2025.2553756.

  9. Vgl. Rose Hinman, 28 Newly Translated Documents on Chernobyl, 1973–1991, 16.9.2019, Externer Link: https://www.wilsoncenter.org/blog-post/28-newly-translated-documents-chernobyl-1973-1991.

  10. Vgl. Francis Fukuyama, The End of History and the Last Man, New York 1992.

  11. Vgl. Branko Milanović, Capitalism, Alone. The Future of the System That Rules the World, Cambridge MA 2019.

  12. Vgl. Weltgesundheitsorganisation, Scientific Advisory Group for the Origins of Novel Pathogens (SAGO), Independent Assessment of the Origins of SARS-CoV-2, 27.6.2025.

  13. Vgl. Charles E. Lindblom, The Intelligence of Democracy. Decision Making Through Mutual Adjustment, New York 1965.

  14. Vgl. Jürgen Habermas, Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik, Berlin 2022.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Markus Hinterleitner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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ist Assistenzprofessor für Öffentliche Verwaltung und politische Institutionen am Institut de hautes études en administration publique (IDHEAP) der Universität Lausanne, Schweiz.