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Strahlende Landschaften | Tschernobyl | bpb.de

Tschernobyl Editorial Tschernobyl transnational. Opfer, Überlebende und Erinnerungen vierzig Jahre später Strahlende Landschaften. Das bleibende Erbe der sowjetischen Nuklearmoderne Von Tschornobyl nach Saporischschja. Nukleare Technopolitik in der Ukraine zwischen sowjetischem Erbe, Nationalisierung und Krieg Tschernobyl und die überlegene Intelligenz der Demokratie Unverfügbarkeit erzählen. Die Angstästhetik der HBO-Serie „Chernobyl“

Strahlende Landschaften Das bleibende Erbe der sowjetischen Nuklearmoderne

Klaus Gestwa

/ 15 Minuten zu lesen

Das Reaktorunglück am 26. April 1986 hatte weitreichende Folgen für Menschen, Tiere und die Umwelt. Dabei war Tschernobyl nicht das erste sowjetische Nukleardesaster. Bis heute wirkt die Strahlenbelastung in der Ukraine, Belarus, Kasachstan und Russland nach.

Als am 26. April 1986 im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl der Reaktorblock 4 explodierte, entpuppte sich das zuvor von der internationalen Kernenergielobby bagatellisierte Restrisiko als existenzielle Bedrohung. Atomwolken suchten große Teile Europas heim. Der damals freigesetzten Radioaktivität waren besonders die rund 650.000 „Liquidatoren“ ausgesetzt, die zur Katastrophenbekämpfung und bei Aufräumarbeiten oftmals ohne angemessene Schutzkleidung in unmittelbarer Nähe des Unglücksreaktors zum Einsatz kamen.

In der Sowjetunion lebten acht Millionen Menschen in den durch den radioaktiven Fallout kontaminierten Gebieten. Besonders betroffen war Belarus. Aber auch weite Landstriche in der Ukraine und Russland galten als stark strahlenbelastet. Eine hohe Strahlendosis bekamen die Menschen im näheren Umfeld Tschornobyls ab. Etliche wurden aus der nach dem Super-GAU eingerichteten 30-Kilometer-Sperrzone und anderen stark kontaminierten Gebieten – meist viel zu spät – evakuiert. Über 330.000 Menschen verloren damals ihre Heimat. Für viele stellte dies einen traumatischen Verlust dar.

Als Ersatz für die unweit des Unglücksreaktors gelegenen Städte Prypjat und Tschornobyl entstand jenseits der Sperrzone in Slawutytsch eine von Fachkräften und Bautrupps aus acht Sowjetrepubliken aus dem Boden gestampfte Planstadt. Dieses letzte Bauprojekt der jahrzehntelang gepriesenen sowjetischen Vielvölkerfreundschaft diente als neue Heimstatt für die Menschen, die in Tschornobyl die drei intakten Reaktorblöcke in Betrieb hielten, bis die ukrainische Regierung diese nach internationalem Druck 2.000 stilllegte. Noch heute geben der Rückbau des Kernkraftwerks und die Bekämpfung der Spätfolgen des Super-GAUs den Menschen in Slawutytsch Beschäftigung.

Unmittelbar nach der Atomkatastrophe setzte der sowjetische Parteistaat eine gewaltige Verwaltungs-, Industrie- und Militärmaschinerie in Betrieb. Der moldauisch-ukrainische Fotojournalist Igor Kostin, der die Aufräumarbeiten dokumentierte, sprach von kriegsähnlichen Szenen, die ihm aus Vietnam und Afghanistan bekannt seien. Auch die belarussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch schrieb, dass damals „fast alle Attribute des Krieges präsent waren: viele Soldaten, Evakuierungen, verlassene Behausungen. Die Zerstörung des normalen Lebens. Die Zeitungsberichte über Tschernobyl strotzten vor militärischen Begriffen: Atom, Explosion, Helden.“

Offenbarungseid der Sowjetmoderne

Als 1986 ein in Eiltempo errichteter Sarkophag die strahlende Reaktorruine umhüllte, erschien dies wie ein symbolischer Prozess der Grablegung der sowjetischen Industriezivilisation, die angeblich die „beste Technik der Welt“ geschaffen hatte. Der ukrainische Atomphysiker Wladimir Tschernoussenko, der am explodierten Reaktor Strahlenschutzmaßnahmen organisierte, sprach von einem furchtbaren Offenbarungseid: „Das Feuer von Tschernobyl hat Licht in die dunklen Ecken unseres Systems gebracht, in jene Winkel und Orte, die zu übersehen wir so lange bestrebt waren.“

Auch der im März 1985 zum starken Mann im Kreml aufgestiegene Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), Michail Gorbatschow, der mit seiner Politik der „Perestroika“ die längst überfällige Modernisierung der Sowjetmoderne verkündete, erkannte in der Reaktorkatastrophe einen „schrecklichen Beweis dafür, dass (…) das frühere System seine Möglichkeiten erschöpft hatte. Zugleich aber, und eben das ist die Ironie der Geschichte, wirkte sie sich verheerend auf die in Angriff genommenen Reformen aus, ja brachte unser Land förmlich aus dem Gleis.“

Politische Kettenreaktionen

Tatsächlich versagte die von Gorbatschow unter dem Slogan „Glasnost“ angekündigte ehrliche Informationspolitik bei ihrem ersten Realitätstest. Aus Angst, die Wahrheit über die Ursachen und Folgen des Atomdesasters in Tschornobyl könne einen Autoritätsverlust der Partei herbeiführen, gab die sowjetische Führung des kommunistischen Parteistaats in Form eines Verlautbarungsjournalismus nur das zu, was sich kaum mehr zurückhalten ließ. Der Schutz des Staatsapparats erhielt Vorrang vor dem Informationsrecht und dem Gesundheitsschutz der Bevölkerung.

Der Super-GAU betraf mit seinen sozialen und gesundheitlichen Konsequenzen jedoch so viele Menschen, dass sich die Geheimhaltung und Vertuschung kaum aufrechterhalten ließen. Wilde Gerüchte verbreiteten sich. Am zweiten Jahrestag des Super-GAUs machten Demonstrierenden bei Protesten in Kyjiw ihrem Zorn gegen das offizielle Schweigekartell öffentlich Luft: Sie warfen den Machthabenden in Moskau und Kyjiw Unverantwortlichkeit vor und forderten lautstark eine ehrliche Berichterstattung.

Im Frühjahr 1989 musste die Moskauer Führung dem starken öffentlichen und internationalen Druck nachgeben. Glasnost galt nun auch für den Atomsektor. Die sowjetischen Medien deckten fortan schonungslos das Versagen des staatlichen Katastrophenmanagements genauso auf wie den politischen Informations-GAU. Die Vorwürfe der sträflichen Verharmlosung, der allseitigen Gleichgültigkeit und der unzulänglichen Versorgung erschütterten das Vertrauen in die Institutionen des sowjetischen Parteistaats. Nach der Auswertung von 40 streng geheimen Protokollen aus dem Kreml schlussfolgerte die ukrainische Journalistin Alla Jaroschinskaja entrüstet: „Das wichtigste und schrecklichste Isotop, das sich aus dem Reaktorschlot freisetzte, fehlt gerade in der Tabelle von Mendelejew: Es ist Lüge-86. Der Betrug war genauso global, wie die Katastrophe global war.“

Die hitzige Debatte um Tschernobyl löste politische Kettenreaktionen aus. Im August 1989 kam es in Kyjiw zu einem großen Protestmarsch, der mit einer Massenversammlung im Fußballstadion des Vereins FK Dynamo Kiew endete. Die Menschen trugen Fahnen in den traditionellen Farben der Ukraine, Blau und Gelb, die von der zuvor gegründeten Nationalbewegung Ruch übernommen worden waren. Auf einem Spruchband stand: „Wir fordern einen Nürnberger Prozess für Tschornobyl.“ Als im Oktober 1990 über 100.000 Menschen im Zentrum Kyjiws zur zweiwöchigen „Revolution auf Granit“ zusammenkamen und die Weichen für den Weg zu einer unabhängigen, demokratischen Ukraine stellten, machte der ungeheuerliche Vorwurf eines vom Moskauer Zentrum geplanten „nuklearen Genozids“ an der ukrainischen Bevölkerung die Runde. Zur gleichen Zeit verhinderten Massenproteste den geplanten Bau neuer Kernkraftwerke – so beispielsweise die Errichtung eines Atommeilers auf der ukrainischen Halbinsel Krim.

Plutonium-Desaster im Südural

Bei der medialen und politischen Aufarbeitung von Tschernobyl richtete sich der Blick bald auch auf längst vergangene Nuklearkatastrophen. Als Mitte Juli 1989 der stellvertretende Minister für Atomindustrie Boris Nikipelow das Gebiet Tscheljabinsk bereiste, sprach er erstmals öffentlich von einem schweren Atomunfall, der sich am 29. September 1957 im nahegelegenen Produktionskomplex Majak ereignet hatte. Anschließend verfasste Nikipelow dazu einen ausführlichen Bericht für die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO).

Die Geschichte dieser sogenannten Kyschtym-Katastrophe steht im Zusammenhang mit dem erklärten Ziel der Sowjetunion, die USA in der Atomwaffenproduktion einzuholen. Ende der 1940er Jahre ließ Stalin im Südural unter strenger Geheimhaltung und von tausenden Zwangsarbeitskräften das Plutoniumkombinat Majak erbauen. Diese kerntechnische Anlage war, genauso wie die für ihre Belegschaft errichtete Stadt Osjorsk, auf Karten nicht verzeichnet und umfassend abgeschottet.

Die Kombination aus politischem Druck und aus Unwissen über die Folgen der Radioaktivität führte in Majak zu desaströsen Unfällen. Nachdem es 1949 durch die Einleitung radioaktiver Abwässer schon zur schweren Kontamination des Flusses Tetscha und der an seinen Ufern gelegenen 39 Ortschaften gekommen war, explodierte am 29. September 1957 nach einer Störung des Kühlsystems ein Behälter mit flüssigen Abfällen. Der radioaktive Fallout der sich bildenden 1000 Meter hohen Wolke verstrahlte ein 23.000 Quadratkilometer großes Gebiet, das heute als „Radioaktive Osturalspur“ bekannt ist. Dort mussten schätzungsweise 12.000 Menschen ihre Heimatdörfer verlassen. In den 1990er Jahren bewertete die IAEO die Kyschtym-Katastrophe auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare und radiologische Ereignisse (INES) mit der zweithöchsten Stufe 6 – und damit nach Tschernobyl sowie später nach Fukushima als den bis heute drittschwersten Atomunfall.

1967 erfolgte im Südural eine weitere massive Verbreitung radioaktiver Aerosole. Damals war der als Endlagerstätte für gefährliche Abwässer genutzte Karatschai-See infolge einer Dürre ausgetrocknet. Starke Winde wehten den hochverstrahlten Staub vom vormaligen Seegrund auf und trugen ihn fort. 5000 Einwohner nahegelegener Siedlungen bekamen eine hohe Strahlendosis ab.

Das Atomwaffentestgelände Semipalatinsk

1989 richtete sich das Enthüllungsinteresse ebenfalls auf Semipalatinsk in der Steppe Ostkasachstans. Auf dem dortigen Atomwaffentestgelände hatten zwischen 1949 und 1989 insgesamt 467 atmosphärische, über- und unterirdische Atombombenexplosionen stattgefunden, die zusammengerechnet der Schlagkraft von 2.500 Hiroshima-Bomben entsprachen. Das Testareal überschnitt sich mit Sommer- und Winterweiden, die von der lokalen Bevölkerung für ihr Vieh genutzt wurden. Zudem breitete sich der radioaktive Niederschlag aus den atmosphärischen Atomtests in Ostkasachstan weit aus. Diese großflächige Verstrahlung erstreckte sich bis zur Großstadt Semipalatinsk (heute Semej). Durch die atomaren Explosionen wurden insgesamt 1,5 Millionen Menschen in Ostkasachstan direkt der Strahlung ausgesetzt oder waren indirekt durch kontaminiertes Wasser sowie verstrahlte Milch und Lebensmittel betroffen.

Ein im August 1963 geschlossenes internationales Abkommen hatte zwar Kernwaffenexplosionen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser verboten. Auf dem Testgelände in Semipalatinsk dauerten die unterirdischen Versuche aber an. Explosionen ließen die Erde immer wieder beben. Durch Risse im Boden drangen radioaktive Gase an die Oberfläche – so auch am 12. Februar 1989, als die Menschen in Kasachstan begannen, öffentlich die Schließung des Testgeländes zu fordern.

Der kasachische Literat Olschas Sulejmenow rief bald darauf die transnationale Nevada-Semipalatinsk-Bewegung ins Leben, um gemeinsam mit der Partnerorganisation in den USA auf ein Ende aller Atomwaffentestprogramme hinzuwirken. Die Stilllegung des Testareals in Semipalatinsk erfolgte am 29. August 1991.

Viele Einheimische wollen auch heute ihre kontaminierte Heimat nicht aufgeben. Deshalb haben sie sich ihr Leben in und mit der nuklearen Landschaft eingerichtet: Sie lassen ihre Nutztiere in verstrahlten Gebieten weiden und nehmen so in Kauf, sich durch den Verzehr von Fleisch sowie Milchprodukten einer zusätzlichen radioaktiven Belastung auszusetzen. Manche schwimmen sogar in den glasklaren, aber radioaktiv verseuchten Seen, die sich in den durch die atomaren Testexplosionen entstandenen Bombenkratern gebildet haben. In vielen Fällen bleibt dies nicht folgenlos.

Gesundheitliche Folgen

Seit den 1950er Jahren entwickelte sich im Südural und in Ostkasachstan eine medizinische und radioökologische Forschungsinfrastruktur, um vor Ort durch die systematische Untersuchung der strahlungsexponierten sozialen Gruppen und Ökosysteme fundierte Ergebnisse über Langzeitfolgen zu erarbeiten. Diese Strahlenexpertise litt unter dem Mangel an Ressourcen und der strikten Geheimhaltungspolitik. Die engagierte Diskussion um die von erhöhter Radioaktivität ausgehenden Bedrohungen fand so in der Realität des sowjetischen Strahlenschutzes nur wenig Beachtung.

Als im Juli 1989 in Semipalatinsk die erste wissenschaftliche Konferenz zu den Folgen der Atomtestexplosionen stattfand, sprach Saim Balmuchanow, der Direktor des örtlichen Instituts für Radiologie, mit Bezug auf das Umland des Testgeländes von einem markanten Anstieg der Fehlgeburten, Krebserkrankungen, psychischen Nöte, geistigen Behinderungen und Selbstmorde.

Eine schwere Gesundheitskrise mit deutlich erhöhten Erkrankungs- und Todesraten konstatierten auch Studien zu verstrahlten Gebieten im Südural sowie in Belarus und in der Ukraine. Auf der Grundlage dieser regionalen Befunde führte im Jahr 2005 der „Nationale Tschernobyl-Bericht“ allein für die Ukraine bereits 17.500 zusätzliche Todesfälle auf den Super-GAU zurück. In den kontaminierten Gebieten in Belarus galten nur 20 Prozent der dort lebenden Kinder damals als gesund. Hinzu kamen eine erhöhte Säuglingssterblichkeit, auffällig viele Immundefizite sowie Katarakte und psychosoziale Nöte. Letztere setzen dem Wohlbefinden der Menschen stark zu und lassen sich nicht einfach als unbegründete „Radiophobie“ abtun.

Die Aussagekraft derartiger alarmierender Berichte zweifelten einige internationale Organisationen mit dem Hinweis auf ihre mangelhafte Wissenschaftlichkeit an. Als Ursache für den schlechten Gesundheitszustand der Bevölkerung führten sie weniger die erhöhten Strahlendosen, sondern vielmehr die schlechte Hygiene, falsche Ernährung und eine ungesunde Lebensweise an. Diese Sichtweise wurde im 2005 veröffentlichten zweiten Bericht des Tschernobyl-Forums vertreten, an dem unter der Leitung der IAEO und der World Health Organization (WHO) acht internationale Institutionen und auch Regierungsbehörden Russlands sowie Belarus’ und der Ukraine mitwirkten. Neben den 1986 an akuter Strahlenkrankheit verstorbenen 50 Einsatzkräften erkannte der Bericht lediglich 4000 zusätzliche Krebstote durch die Folgen des Super-GAUs an.

Diese niedrigen Opferzahlen lösten Kritik vonseiten der ukrainischen und belarussischen Akademie der Wissenschaft sowie internationaler Umweltschutzorganisationen aus. Mit Bezug auf ukrainische, belarussische und russische Studien thematisierte beispielsweise Greenpeace die schwere Gesundheitskrise in den betroffenen Gebieten und sprach von mindestens 200.000 Todesopfern infolge der Atomkatastrophe.

Dieser Streit um die Strahlentoten zeigt, dass es bis heute andauernde Unsicherheiten und Kontroversen in der Einschätzung der ökologischen, medizinischen und sozialökologischen Konsequenzen von Nukleardesastern gibt. Der Grund dafür liegt vor allem in den stark voneinander abweichenden wissenschaftlichen und moralisch-ethischen Grundannahmen bei der Bewertung der Schädlichkeit radioaktiver Strahlung. Ein Konsens zeichnet sich nicht ab. Im Gegenteil: Die Fronten wirken weiterhin verhärtet. Was den einen als berechtigte Strahlenangst gilt, erscheint anderen als überzogene „Radiophobie“.

Zuletzt wies eine Studie am Beispiel von in Tschornobyl verstrahlten Vätern nach, dass DNA-Schäden zwar vererbbar sind, sich die damit verbundenen Mutationen allerdings nicht auf die zentralen Funktionen in Zellen auswirken. Daher entsteht daraus nur selten eine Erkrankung. Gleichwohl unterstreicht der Befund, dass Strahlenexpositionen genetische Spuren hinterlassen. Folglich bedarf es Schutzmaßnahmen für die langfristige Überwachung von Menschen, die beruflich oder durch Unfälle radioaktiver Strahlung ausgesetzt gewesen sind.

Nukleare Wildnis

Schon während der 1950er Jahre fanden im Südural radioökologische Studien zu den Auswirkungen von Strahlung auf Flora und Fauna statt. 1966 wies man eine besonders stark kontaminierte Zone der „Radioaktiven Osturalspur“ als Naturschutzgebiet aus, um hier ungestört zu untersuchen, wie Radionuklide in den Boden, in Pflanzen und in die Nahrungskette gelangen. Weitere Forschungen zeigten, dass sich die Pflanzenwelt mittels genetischer Veränderungen der Strahlung anzupassen vermag. Diese erhöhte Mutagenität geht allerdings mit einer geringen Überlebensrate der Pflanzen infolge genetischer Instabilität einher.

Ähnliche Beobachtungen gibt es für Tschernobyl. Im Umkreis von sieben Kilometern um den Unglücksreaktor überlebten im Sommer 1986 nur wenige Würmer, Insekten, Spinnen, Bakterien und Mikroorganismen. Bald danach starb auch ein Großteil der Nagetiere. Der Rückgang der Populationen fiel bei Vögeln und größeren Wildtiere ebenfalls dramatisch aus. Nach dieser destruktiven Akutphase begann die Natur allmählich wieder, sich zu erholen. Flora und Fauna entwickelten unterschiedliche Mechanismen, um sich der Strahlung anzupassen. Strahlungsresistentere Birken und Laubbäume eroberten den abgestorbenen Nadelwald. Bei Würmern und Wölfen entdeckten Forscher und Forscherinnen Genmutationen, die das Risiko verringern, an Krebs zu erkranken.

Inzwischen hat sich die Sperrzone um Tschernobyl in ein seltsames Naturreservat mit einer beachtlichen Artenvielfalt verwandelt. Hier erleben internationale Forscherteams, wie Wölfe, Luchse, Elche, Rothirsche und Braunbären durch unberührte Wälder streifen. 1998 wurden sogar Wisente, die schwerste Tierart Europas, zusammen mit 21 vom Aussterben bedrohten Przewalski-Pferden erfolgreich ausgewildert.

Auch der vormalige Hafen von Tschernobyl hat sich zu einem Habitat für Wasservögel entwickelt. Uferschwalben, Kormorane, Reiher, Kraniche und über hundert weitere Vogelarten leben hier. Sogar der seltene Schwarzstorch und der Seeadler nisten in Sichtweite. Ähnliches fiel im Südural 2023 bei einer Expedition zum durch Staudämme geschaffenen Seenkomplex am massiv nuklear kontaminierten Fluss Tetscha auf. Angezogen von üppigen Fischbeständen, hatten sich hier seltene Vogelarten niedergelassen. Allerdings reichern sich in Fischen, Vögeln und Tieren derart viele Radionuklide an, dass zulässige Grenzwerte um ein Vielfaches überschritten werden. Der Verzehr ist darum für Menschen strikt untersagt.

So idyllisch radioökologische Schutzgebiete erscheinen mögen: Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen weisen auch darauf hin, dass die Strahlenbelastung einen Effekt auf die Tiere hat. Fehlbildungen, Tumore und andere Abnormitäten führen zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen. In welchem Ausmaß das geschieht, darüber findet seit einigen Jahren eine intensive radioökologische Fachdebatte statt.

Einvernehmen besteht darüber, dass der Rückzug des Menschen die negativen Strahlungsauswirkungen mehr als nur ausglich. Nachdem vor 1986 im Gebiet um Tschernobyl Wälder gerodet, Sümpfe trockengelegt und Flüsse begradigt worden waren, holte sich die Natur nach dem Super-GAU ihren verlorenen Lebensraum zurück. Die Tiere in der Sperrzone profitieren davon, dass sie, befreit vom Druck menschlicher Besiedlung, weder gejagt noch durch industrielle, land- oder forstwirtschaftliche Faktoren gestört werden. Die Sperrzone um Tschernobyl wirkt darum heute mit ihrer nuklearen Wildnis wie ein Fenster in eine ferne Vergangenheit, bevor es den Menschen gab – oder in eine postapokalyptische Zukunft, in der es den Menschen nicht mehr gibt.

Aktuelle Bedrohungen durch Feuer und Krieg

Die Strahlenwerte in der Sperrzone um Tschernobyl sind nach 40 Jahren zwar gesunken. Aber die 1986 massenweise freigesetzten Strontium-, Uran- und Plutonium-Isotope machen mit langen Halbwertszeiten eine dauerhafte menschliche Besiedlung über Jahrhunderte hinweg unmöglich. Besonders bedrohlich wird es für das nukleare Landschaftsidyll, wenn radioaktiv kontaminierte Wälder und Graslandschaften brennen. Dann können die in der Biomasse und in den obersten organischen Bodenschichten enthaltenen Radionuklide in die Atmosphäre freigesetzt und über weite Strecken fortgeweht werden. Begünstigt durch eine extrem trockene Witterung und außergewöhnlich hohe Temperaturen hat es in der Umgebung von Tschernobyl sowie in den nuklearen Landschaften des Südurals und Ostkasachstans während der vergangenen 20 Jahre mehrere schwere Wald- und Steppenbrände gegeben.

Wie gefährlich der Aufenthalt in radioökologischen Naturreservaten ist, wenn Strahlenschutzbestimmungen ignoriert werden, zeigte sich nach dem 24. Februar 2022. Damals fuhren russische Truppenverbände bei ihrem Feldzug Richtung Kyjiw mit Panzern durch die demilitarisierte Sperrzone und wirbelten große Mengen radioaktiven Staubs auf. Zugleich hoben russische Soldaten an stark kontaminierten Orten Gräben aus und gingen damit ein Gesundheitsrisiko ein. Am stillgelegten Kraftwerk unterbrachen die russischen Besatzer auch die Stromversorgung und Kommunikationsverbindungen. Darüber hinaus beschädigten sie wichtige Sicherheits- und Laborausrüstung.

Sorgen bereitet auch der marode Zustand des 1986 um die weiter strahlende Reaktorruine errichteten Betonsarkophags. Seit 2019 umschließt ihn eine 2 Milliarden Euro teure, technisch hockkomplexe Schutzhülle. Im Februar 2025 durchschlug eine russische Drohne diese neue 108 Meter hohe und 257 Meter breite Hightechkuppel. Seitdem wird daran gearbeitet, die volle Schutzfunktion des Stahlmantels wiederherzustellen.

Unsichtbarkeit und Unüberschaubarkeit

Nach der Reaktorexplosion in Tschernobyl fuhr den Menschen in Europa nicht nur ein Schrecken, sondern auch die Strahlung des damals freigesetzten „friedlichen Atoms“ in die Knochen. Das Unheimliche der Radioaktivität ergibt sich aus ihrer Unsichtbarkeit. Sie schädigte langsam und in aller Stille. Zudem lassen sich Kausalitäten mit dem Hinweis auf andere Risikofaktoren verschleiern.

Angesichts dieser – bis heute fortgesetzten – Unüberschaubarkeit der Nuklearkatastrophe dienen die Berechnungen von Opferzahlen sowie das gern ins Bild gesetzte Naturidyll der Sperrzone dazu, einer durch den Super-GAU komplett aus den Fugen geratenen Welt eine neue Ordnung zu geben. So faszinierend die radioökologischen Schutzgebiete als einzigartiges Freiluftlaboratorium für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auch sind und so beeindruckend der Selbstbehauptungskampf von Flora und Fauna dort erscheint, darf darüber nicht vergessen werden, dass nukleare Landschaften als Orte des katastrophalen Verlusts und großen Leids Gestalt angenommen haben.

Die Erinnerung an diese folgenreiche Schattenseite der sowjetischen Nuklearmoderne und an das bleibende Erbe des Super-GAUs ist heute mehr denn je geboten, weil die russische Staatsholding Rosatom das sowjetische Atomprojekt erinnerungskulturell verklärt und mit neuen Reaktortypen pathetisch eine „Kettenreaktion der Erfolge“ beschwört. Als Zukunftstechnologie unbeirrt gepriesen wird die Kernenergie gleichwohl in der Ukraine, in Belarus und Kasachstan, sodass auch hier die nuklearen Landschaften kaum mehr als Menetekel wirken.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Melanie Arndt, Tschernobylkinder. Die transnationale Geschichte einer nuklearen Katastrophe, Göttingen 2020, S. 67–144.

  2. Vgl. Ievgeniia Gubkina, Slavutych. Architectural Guide, Berlin 2015; Wolodymyr Tunik-Frys, Slawutytsch. Zukunftssuche zwischen Tschornobyl und Russlands Krieg, 9.4.2026, Externer Link: https://www.dekoder.org/de/article/tschornobyl-slawutytsch-krieg-wirtschaft.

  3. Igor Kostin, Tschernobyl. Nahaufnahme, München 2006, S. 8.

  4. Swetlana Alexijewitsch, Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft, Berlin 2011, S. 43.

  5. Adam Higginbotham, Mitternacht in Tschernobyl. Die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aller Zeiten, Frankfurt/M. 2024, S. 337–360.

  6. Wladimir Tschernoussenko, Tschernobyl. Die Wahrheit, Reinbek 1992, S. 72.

  7. Michail Gorbatschow, Erinnerungen, Berlin 1995, S. 289.

  8. Vgl. Kostin (Anm. 3), S. 120.

  9. Alla Jaroshinskaja, Verschlusssache Tschernobyl. Die geheimen Dokumente aus dem Kreml, Berlin 1994, S. 148.

  10. Vgl. Kostin (Anm. 3), S. 124–127; Jane Dawson, Eco-Nationalism. Anti-Nuclear Activism and National Identity in Russia, Lithuania, and Ukraine, Durham–London 1996.

  11. Vgl. Kate Brown, Plutopia. Nuclear Families, Atomic Cities, and the Great Soviet and American Plutonium Disasters, Oxford 2013; Laura Sembritzki, „Nukleares Naturschutzgebiet“ im Süd-Ural. Atommüllkatastrophen und Strahlenschutz in der Sowjetunion, Dissertation, Heidelberg 2026.

  12. Vgl. Nadežda Kutepova, Die Wiederaufbereitungsanlage von Majak, in: Osteuropa 7–9/2020, S. 235–251.

  13. Vgl. Togzhan Kassenova, Atomic Steppe. How Kazakhstan Gave Up the Bomb, Stanford 2022.

  14. Vgl. Matthew A. Evangelista, The Nevada-Semipalatinsk Movement. Transnational Activism in a Time of Transition, in: Journal of Cold War Studies 2/2025, S. 69–111.

  15. Vgl. Magdalena E. Stawkowski, Atomic Collective. Radioactive Life in Kazakhstan, Toronto 2025.

  16. Vgl. Olga Nikonova, Between Profession and Politics. Specialists in Radiation Medicine at the Plutonium Plant No. 817 in the Chelyabinsk Region, in: Susanne Bauer/Tanja Penter (Hrsg.), Tracing the Atom. Nuclear Legacies in Russia and Central Asia, London–New York 2022, S. 67–83.

  17. Vgl. Susanne Bauer, The Local Health Impact of Atmospheric Nuclear Weapons Testing. Cancer Epidemiology in Areas Adjacent to the Semipalatinsk Nuclear Test Site, Kazakhstan, Frankfurt/M. 2006.

  18. Dazu ausführlicher Astrid Sahm, Dimensionen einer Katastrophe, in: APuZ 13/2006, S. 12–18, hier S. 17; Alexander M. Danzer/Natalia Danzer, The Long-Term Effects of the Chernobyl Catastrophe on Subjective Well-Being and Mental Health, Bonn 2011; José A. Tapia, Chernobyl and the Mortality Crisis in Eastern Europe and the Former USSR, Berlin-Boston 2022.

  19. Vgl. Olga Kuchinskaya, The Politics of Invisibility, Cambridge MA 2014.

  20. Vgl. IAEO, Das Tschernobyl Forum: 2003–2005. Zweite überarbeitete Ausgabe. Das Erbe von Tschernobyl. Einflüsse auf Gesundheit, Umwelt sowie die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse, Wien 2006.

  21. Vgl. z.B. Sebastian Pflugbeil, Alle Folgen liquidiert? Die gesundheitlichen Auswirkungen von Tschernobyl, in: Osteuropa 4/2006, S. 81–103; Ian Fairlie/David Sumner, The Other Report on Chernobyl (TORCH), Berlin–Brüssel–Kyjiw 2006; Greenpeace, The Chernobyl Catastrophe, Amsterdam 2006.

  22. Vgl. Melanie Arndt, Tschernobyl – die bekannte, unbekannte Katastrophe, in: APuZ 12–13/2016, S. 3–10; Kate Brown, Manual for Survival. A Chernobyl Guide to the Future, London 2019.

  23. Vgl. Fabian Brand et. al., Evidence for a Transgenerational Mutational Signature from Ionizing Radiation Exposure in Humans, in: Scientific Reports 15/2025, Externer Link: https://doi.org/10.1038/s41598-025-07030-5.

  24. Vgl. Vera N. Pozolotina et. al., Sovremennoe sostojanie nazemnych ekosistem Vostočno-Ural’skogo radioaktivnogo sleda, Jekaterinburg 2008, S. 177–181.

  25. Vgl. Swetlana Syromolotowa, Лебединое озеро возле "Маяка": как живут птицы на промышленных водоемах (Lebedinoe ozero vozle "Majaka". Kak živut pticy na promyšlennych vodoemach), 31.8.2023, Externer Link: https://strana-rosatom.ru/2023/08/31/lebedinoe-ozero-vozle-mayaka-kak-zhiv.

  26. Vgl. z.B. Nick A. Beresford/Ethel M. Scott/David Copplestone, Field Effects Studies in the Chernobyl Exclusion Zone. Lessons to Be Learnt, in: Journal of Environmental Radioactivity 211/2020, Externer Link: https://doi.org/10.1016/j.jenvrad.2019.01.005; Timothy A. Mousseau, The Biology of Chernobyl, in: Annual Review of Ecology, Evolution, and Systematics 1/2021, S. 87–109.

  27. Vgl. Bundesamt für Strahlenschutz, Waldbrände in der Umgebung von Tschornobyl, 16.3.2026, Externer Link: https://www.bfs.de/DE/themen/ion/notfallschutz/notfall/tschornobyl/waldbrand.html.

  28. Vgl. IAEO, Nuclear Safety, Security and Safeguards in Ukraine. February 2022 – February 2023, Wien 2023, S. 15–16.

  29. Vgl. Florian Kellermann, Beschädigte AKW-Schutzhülle, 8.7.2025, Externer Link: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/tschernobyl-sarkophag-beschaedigungen-100.html.

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ist Lehrstuhlinhaber und Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Eberhard Karls Universität Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Wissenschafts-, Technik- und Umweltgeschichte des 20. Jahrhunderts.