Mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl in den frühen Morgenstunden des 26. April 1986 endete die Hoffnung, dass sich eine friedliche Nutzung der Kernenergie in den Sümpfen von Prypjat in der Ukraine dauerhaft etablieren könnte. Die sowjetischen Behörden hatten das Kraftwerk als Symbol einer glorreichen kommunistischen Zukunft dargestellt, die von unbegrenzt verfügbarem Strom angetrieben werden sollte. Vier Reaktoren waren zum Zeitpunkt des Störfalls in Betrieb, zwei befanden sich im Bau, vier weitere waren geplant. Doch die Explosion des vierten Reaktorblocks führte die Risiken der Atomkraft drastisch vor Augen und zeigte, wie wenig vorbereitet man auf einen derartigen Störfall war – der in Tschernobyl genutzte Reaktortyp RBMK (Reaktor Bolschoi Moschtschnosti Kanalny) wies gravierende Konstruktions- und Sicherheitsmängel auf. Darüber hinaus war die mächtige Kommunistische Partei mit ihrer viel gepriesenen zentralen Lenkung nicht in der Lage, die erforderlichen Notfallmaßnahmen zu ergreifen, um die Menschen so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone zu bringen.
Die bei der Reaktorkatastrophe freigesetzten radioaktiven Stoffe verbreiteten sich nicht nur in der unmittelbaren Umgebung, sondern über weite Strecken hinweg, vor allem in der nördlichen Hemisphäre. Radioaktives Cäsium-137 ging über allen europäischen Ländern nieder. Auch wenn nach vierzig Jahren die Hälfte davon zerfallen ist, wird es noch zwei Jahrtausende dauern, bis es ganz verschwunden sein wird. Andere Radioisotope wie Jod-131 sind zwar längst abgebaut, sorgten jedoch für einen Anstieg verschiedener Erkrankungen wie Schilddrüsenunterfunktion, Schilddrüsenkrebs – insbesondere bei Kindern – und anderen sekundären Krebsarten. Belarus, die Ukraine und der europäische Teil Russlands waren am stärksten von der in Tschernobyl freigesetzten Radioaktivität betroffen; mehrere Millionen Menschen leben noch immer in stark kontaminierten Regionen. Die langfristigen wirtschaftlichen und politischen Folgen der Katastrophe sowie die gesundheitlichen und ökologischen Auswirkungen des radioaktiven Niederschlags waren besonders in den beiden damaligen Sowjetrepubliken Belarus und Ukraine zu spüren, wo etwa 22 beziehungsweise 7 Prozent der Landesfläche stark mit Cäsium-137 kontaminiert wurden. Erst seit 1989, als Informationen über das wahre Ausmaß allgemein bekannt wurden, gedenkt man der Reaktorkatastrophe offiziell als nationales Trauma. Gleichzeitig bemühen sich die Regierungen beider Länder – in Belarus jedoch deutlich stärker –, den Verlust von Gesundheit und Land zu überwinden und das Leben in den kontaminierten Gebieten zu „normalisieren“.
Welche Auswirkungen hatte die radioaktive Kontamination auf die verschiedenen Betroffenengruppen in Belarus und der Ukraine? Wie hat sich die Interpretation der Katastrophe in den mehr als drei Jahrzehnten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verändert? Die Bemühungen, die Auswirkungen des weltweit schwersten Strahlenunfalls einzudämmen und abzumildern, sind stark zurückgegangen: zunächst aufgrund finanzieller Engpässe in den am stärksten betroffenen Ländern, dann aufgrund der Versuche der Behörden und internationaler Organisationen, die Katastrophe herunterzuspielen und die Verantwortung für den Bevölkerungsschutz in den nach wie vor kontaminierten Gebieten auf lokale Ämter abzuwälzen, und schließlich aufgrund der jüngsten russischen Militärangriffe auf den Reaktorkomplex.
Umgesiedelte und „Liquidatoren“
Die Menschen, deren Leben und Gesundheit durch den Reaktorunfall betroffen waren, wurden nach der Katastrophe in neue Kategorien unterteilt. Während einige von ihnen gewürdigt und andere ignoriert wurden, wurden wiederum andere nach der Katastrophe zu Kernkraftkritikern und protestierten dagegen. Was sie jedoch einte: Sie waren alle in einem bestimmten Ausmaß gesundheitlichen Risiken durch die Strahlenbelastung ausgesetzt. Die genaue Zahl der Opfer von Tschernobyl ist schwer zu ermitteln. Hunderttausende Bewohnerinnen und Bewohner der Sowjetunion und postsowjetischen Staaten waren einem gefährlichen Grad an Radioaktivität ausgesetzt, zudem wurde die Situation noch dadurch verschärft, dass die Risiken verschwiegen wurden, die Behörden unverantwortlich und viel zu zögerlich handelten, es keine Schutzausrüstungen und Strahlenmessgeräte gab und die sowjetische Führung die wirtschaftlichen Folgen und die politische Unzufriedenheit so weit wie möglich zu begrenzen versuchte.
Zunächst spielte die sowjetische Regierung das Ausmaß des Reaktorunfalls herunter, dann verbreitete sie verwirrende Aussagen hinsichtlich der Gefährdung der ukrainischen, belarusischen und russischen Bevölkerung in den Dörfern, Kleinstädten und Großstädten, über die die radioaktive Wolke hinweggezogen war. Sie stellte auch keine Jodtabletten zur Verfügung, um Kinder vor radioaktivem Jod-131 zu schützen, das leicht von der Schilddrüse aufgenommen wird.
Die Behörden zögerten fast 36 Stunden lang, die Einwohner Prypjats zu evakuieren, der nahegelegenen 50.000-Einwohner-Stadt, in der hauptsächlich die Beschäftigten des Atomkraftwerks lebten. Weitere 67.000 Menschen verloren laut Internationaler Atomenergie-Organisation (IAEO) durch die Einrichtung einer Sperrzone mit einem Radius von 30 Kilometern ihr Zuhause, insgesamt geht man von etwa 200.000 Evakuierten aus. Erst Ende der 1980er Jahre unterstützten die sowjetischen Behörden die Umsiedlung von Hunderten Dörfern in den besonders stark kontaminierten Gebieten, wodurch die Zahl der Evakuierten auf insgesamt rund 400.000 stieg. Der Rest, darunter etwa eine Million Kinder, lebte weiterhin auf dem radioaktiv verseuchten Land. Die fehlenden Angaben zur genauen Zahl von Betroffenen sind ein weiterer Hinweis auf das mangelhafte Krisenmanagement der sowjetischen Führung. Andererseits behaupten Vertreter der Atomindustrie und der Behörden bis heute, die Evakuierung sei vorschnell, kostspielig und unnötig gewesen.
Nach anfänglichem Schweigen wurde von offizieller Seite die heroische Leistung bei der „Liquidation“ (wie die Eindämmung der Auswirkungen genannt wurde) betont und als Erfolg dargestellt. Über 800.000 Arbeiter, Soldaten und Freiwillige wurden aus der ganzen Sowjetunion herangezogen, um die Schäden mit rudimentären Mitteln und ohne ausreichende Schutzausrüstung zu beseitigen. Die „Liquidatoren“ rissen verstrahlte Gebäude nieder, fällten Bäume, trugen kontaminiertes Erdreich ab, planierten den Boden, um den radioaktiven Staub zu binden, sammelten verstrahltes Material ein und vergruben, was sie konnten.
Die Strahlung hatte die Schaltelektronik der auf den Reaktordächern eingesetzten Roboter beeinträchtigt, weshalb menschliche Arbeitskraft eingesetzt wurde. Die zynisch als „Bioroboter“ bezeichneten Männer arbeiteten, nur mit Bleischürzen geschützt, auf dem Dach des benachbarten dritten Reaktorblocks, von dem sie zerborstene Brennstäbe, Graphitblöcke und anderen radioaktiven Schutt in die klaffende Grube von Reaktor 4 warfen. Aufgrund der starken Strahlung durfte ihr Einsatz auf dem Dach nicht länger als eine Minute dauern. Bergarbeiter mussten zusammen mit Mineuren (die sonst beim U-Bahn-Bau tätig waren) einen unterirdischen Zugang vom dritten zum vierten Reaktorblock graben, über den flüssiger Stickstoff unter den Reaktor gepumpt wurde, um eine weitere Explosion zu verhindern, falls geschmolzenes Material von den Brennstäben auf das Löschwasser treffen sollte. Soldaten durchstreiften das Gebiet rund um das Kraftwerk, erschossen Wildtiere, Nutztiere und Haustiere, hoben Gruben aus und entsorgten die Kadaver. Damit wollte man verhindern, dass verstrahlte Tiere die Sperrzone verließen und das Umland kontaminierten. Bauarbeiter versiegelten den Reaktor mit 400.000 Kubikmetern Beton, der einen unzureichenden und instabilen Deckel, Sarkophag oder „Schutzobjekt“ (Ob’ekt Ukryttia) genannt, zur Eindämmung der Strahlung bildete. Er sollte gewährleisten, dass die drei verbliebenen Reaktoren wieder hochfahren und spätestens im Herbst wieder Strom liefern konnten.
Da es kaum Unterlagen zu den Evakuierten und Liquidatoren gibt, war es für die „Leidenden“, wie sie genannt wurden, schwierig, ihren Anspruch auf Invalidenrenten und andere Entschädigungen geltend zu machen. Auf die Frage, warum es die Sowjetunion versäumte, sich nach der Reaktorkatastrophe um ihre Bürgerinnen und Bürger zu kümmern und für sie zu sorgen, sind vor allem zwei Gründe zu nennen: Zum einen war die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) eine Gesellschaft, der es an Transparenz mangelte und die daher überhaupt nicht darauf vorbereitet war, mit einer derartigen Katastrophe offen umzugehen, obwohl für deren Aufarbeitung Offenheit dringend notwendig gewesen wäre. Michail Gorbatschow, seit 1985 Generalsekretär des Zentralkomitees, hatte einen Kurs der Glasnost, der Transparenz und Liberalisierung angekündigt. Und doch benötigte er sage und schreibe 18 Tage, um den Reaktorunfall öffentlich einzugestehen, obwohl die in der Atmosphäre freigesetzte Radioaktivität zu dem Zeitpunkt bereits dreißig- bis vierzigmal höher war als nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima durch das US-amerikanische Militär im August 1945.
Dokumente des sowjetischen Geheimdienstes (KGB), die später in der Ukraine veröffentlicht wurden, enthielten strikte Anweisungen, Diskussionen oder Publikationen über den Vorfall zu unterbinden. Die Agenten sollten Gerede oder Gerüchte verhindern und die Urheber zum Schweigen bringen. Der ukrainische KGB meldete dann auch nach Moskau, man habe sich in den Regionen Kyjiw, Tschernihiw und Schytomyr darauf vorbereitet, gegen öffentliche Unmutsbekundungen über den Reaktorunfall bei den Feierlichkeiten zum 1. Mai 1986 vorzugehen. Der 1. Mai war in der Sowjetunion ein wichtiger Feiertag, den die Führung nicht absagen wollte, weshalb sich Tausende Bürgerinnen und Bürger mit ihren Kindern im Freien aufhielten und dadurch besonders starker Strahlung ausgesetzt waren. Anfang Mai gab der KGB außerdem eine Liste mit Themen heraus, die der Geheimhaltung unterlagen und weder veröffentlicht noch mündlich weitergegeben werden durften – etwa die Ursache für den Störfall, das Ausmaß der Schäden, die Menge der freigesetzten Radioaktivität, die Kontaminationswerte in der Region sowie Statistiken zur Strahlenkrankheit.
Der zweite Grund für den unzureichenden Schutz der Bevölkerung liegt in der Natur der sowjetischen Gesellschaft und ihres Klassensystems. Die Behörden – Mitglieder von Partei, Regierung und Verwaltung – kümmerten sich zuallererst um ihr eigenes Wohlergehen. In vielen Regionen dauerte es Monate, bis die Lebensmittelindustrie unkontaminierte Lebensmittel herstellen und liefern konnte. Evakuierten Arbeitern, Bauern und ihren Familien wurden nur selten neue Häuser und Wohnungen zur Verfügung gestellt. Ein noch deutlicheres Beispiel für hierarchisches Denken und mangelnde Fürsorge liefert die Entscheidung des Kremls, Wurstwaren, die aus Fleisch mit niedriger Strahlenbelastung hergestellt waren, in allen Regionen des Landes mit Ausnahme von Moskau in den Verkauf zu bringen. Der "autoritäre Wohlfahrtsstaat" war am Ende zwar sehr autoritär, versäumte es jedoch, seinen Verpflichtungen gegenüber dem Wohlergehen seiner Bürger nachzukommen – in diesem Fall, sie rechtzeitig aus der Gefahrenzone zu bringen und sich um Unterkünfte, Lebensmittel und die medizinische Versorgung zu kümmern.
Tschernobyl als nationale Tragödie
Die Art und Weise, wie die öffentlichen Narrative in der Ukraine und Belarus die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl beschreiben, ist eng verbunden mit den historischen und politischen Ereignissen Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre. Die vorherrschenden Interpretationen der Katastrophe entstanden im Kontext erstarkender nationalistischer Bewegungen, der Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 sowie der Herausbildung von Nation und Staat in den jeweiligen Ländern in den 1990er Jahren. Dies erklärt, warum die Nation und ihr Leiden zum maßgeblichen Interpretationsrahmen wurden, auch wenn sich die Bedeutung der Nation selbst seit den 1990er Jahren gewandelt hat.
Ende der 1980er Jahre wurde es auf föderaler wie lokaler Ebene zunehmend schwierig, Informationen über die Katastrophe und die Versäumnisse bei ihrer Bewältigung zurückzuhalten, was sowohl an der nachweisbaren radioaktiven Belastung als auch an der fortschreitenden Liberalisierung der politischen Strukturen lag. Informationen verbreiteten sich schneller, die Zensur war geschwächt, Unzufriedenheit über politische und soziale Missstände konnte öffentlich geäußert werden. Zwischen 1989 und 1991 kam es zu Dutzenden Protestkundgebungen in Minsk, Kyjiw und anderen Orten in besonders stark kontaminierten Regionen; erste Karten der radioaktiven Belastung wurden veröffentlicht, und es erschienen viele Artikel, die sich kritisch mit der Krisenbewältigung durch die Behörden auseinandersetzten. Die Enthüllungen fanden kurz vor den ersten, zumindest in Teilen freien und demokratischen Parlamentswahlen der UdSSR in den Jahren 1989 und 1990 statt. Vertreter der Tschernobyl-Opfer wurden in den Obersten Sowjet sowohl der Union als auch der Republiken gewählt und konnten auf die Umsiedlung der Bewohner kontaminierter Gebiete und auf eine finanzielle Entschädigung der Opfer drängen.
Nationalistische Bewegungen wie die Volksbewegung der Ukraine (Ruch) oder die Belarussische Volksfront (BPF) waren treibende Kräfte bei den Tschernobyl-Protesten. Darüber hinaus trugen sie zusammen mit den nationalistischen Bewegungen in anderen Sowjetrepubliken zum Zusammenbruch der UdSSR bei. Sie waren eng verbunden mit der Umwelt- und Antiatomkraftbewegung und arbeiteten mit Liquidatoren und regimekritischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Akademien der Wissenschaften der verschiedenen Sowjetrepubliken zusammen, die die offiziellen, von Moskau festgelegten Strahlenschutznormen als unzureichend kritisierten.
Die zentrale Rolle nationalistischer Gruppierungen in der Protestbewegung führte zu einer "Nationalisierung" des öffentlichen Gedenkens an die Nuklearkatastrophe. Im öffentlichen Diskurs wurde der Reaktorunfall immer häufiger als Verbrechen, das die kommunistische Kolonialmacht an der ukrainischen und belarusischen Nation verübt hatte, ja sogar als "radioaktiver Genozid" bezeichnet. Die einzige Möglichkeit für eine nationale Wiedergeburt und zur Rettung der Menschen vor den Folgen des Reaktorunfalls lag demnach in der vollständigen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Unabhängigkeit.
Aufgrund der politischen Proteste und intensiven Medienberichterstattung beschlossen die Obersten Sowjets von Belarus, Russland und der Ukraine neue Gesetze, um die Folgen der Katastrophe abzumildern. Diese Maßnahmen waren Teil regionaler und föderaler Programme, die für den Fünfjahresplan von 1990 bis 1995 verabschiedet wurden und sich stark auf den föderalen Haushalt stützten. 1991 verabschiedeten das ukrainische und das belarusische Parlament jeweils Gesetze, die die Grundlage für den Umgang mit radioaktiver Kontamination und die Unterstützung der Opfer bildeten. Dabei wurden die Republiken je nach Ausmaß der Strahlenbelastung in verschiedene Zonen unterteilt, außerdem wurden verschiedene Kategorien geschaffen, aufgrund derer die Opfer eingestuft und ihr Anrecht auf Versorgung und Entschädigung ermittelt wurde. Gleichzeitig wurde die Bevölkerung weiterhin aus den radioaktiv besonders stark belasteten Gebieten umgesiedelt.
Doch als die Ukraine und Belarus im Dezember 1991 unabhängig wurden, begann eine neue Phase im Umgang mit den Folgen von Tschernobyl: Der Zusammenbruch der Sowjetunion bedeutete auch das Ende der föderalen Finanzierung der Tschernobyl-Programme. Von da an mussten die ehemaligen Republiken – die neu entstandenen unabhängigen Staaten – die Folgen der Reaktorkatastrophe allein bewältigen. Angesichts der einsetzenden Rezession standen sie vor erheblichen finanziellen Schwierigkeiten, weshalb eine Reihe von Programmen angepasst und zusammengestrichen wurden.
Mit der Unabhängigkeit kommt die Wirtschaftskrise
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dominierte die nationale Perspektive weiterhin das Narrativ des Reaktorunfalls, auch wenn sich die Definition der Nation hin zu den Nationalstaaten Belarus und Ukraine verändert hatte. Die antisowjetische Interpretation verlor zunehmend an Bedeutung. In der Ukraine wurde das Kernkraftwerk (KKW) Tschernobyl nun weniger als Symbol kolonialer Dominanz betrachtet, sondern als wichtiger Energielieferant, der für das wirtschaftliche Überleben des Landes unverzichtbar war.
Entsprechend energisch setzte sich die Ukraine zur Wehr, als sich europäische Länder und Organisationen Ende der 1990er Jahre um die Stilllegung des Kraftwerks bemühten. Als Voraussetzung dafür, im Dezember 2000 den letzten noch arbeitenden Reaktor außer Betrieb zu nehmen, forderte die ukrainische Regierung die Fertigstellung von drei anderen Reaktoren an anderer Stelle, mit deren Bau noch zu Sowjetzeiten begonnen worden war. Derzeit sind im Land 15 Reaktoren in Betrieb, davon sechs unter russischer militärischer Besatzung im KKW Saporischschja.
In Belarus erlebte die sowjetische Vergangenheit nach dem Machtantritt von Präsident Alexander Lukaschenko 1994 einen Bedeutungswandel und wurde zunehmend wichtiger für den Prozess des Nationbuilding. Die Katastrophe von Tschernobyl wurde nicht länger als Versagen der kommunistischen Behörden angesehen, stattdessen zog man eine Parallele zwischen Tschernobyl und dem Zweiten Weltkrieg. Bereits zu Sowjetzeiten hatte sich die belarusische Identität auf den Sieg über den faschistischen Angreifer gestützt. Nun nährte der Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg die Interpretation, dass die Katastrophe quasi ein Feind von außen gewesen war, und legte den Schwerpunkt auf abstrakte Vorstellungen wie Schicksal, Tragödie und Verlust. Unter Lukaschenko verschrieb sich Belarus der Nutzung der Kernenergie und baute neue Atomkraftwerke; 2020 und 2023 wurden die ersten Reaktoren im KKW Belarus (Astrawez) in Betrieb genommen.
Das Gedenken an Tschernobyl wurde in beiden Ländern seiner Substanz beraubt und zunehmend von der individuellen und kollektiven Erinnerung und Erfahrung abgekoppelt. Der Fokus auf das Leid der Nation im öffentlichen Diskurs und bei Gedenkfeiern bewirkte, dass die Ursachen des Reaktorunfalls und die anhaltenden gesundheitlichen Auswirkungen auf die Bevölkerung von Belarus und der Ukraine in den Hintergrund rückten. In den späten 1980er Jahren bis Mitte der 1990er Jahre hatten sich Tschernobyl-Opfer zusammengeschlossen und mit ihren Aktivitäten dafür gesorgt, dass die Erfahrungen der Umgesiedelten, der Liquidatoren oder der Eltern von Kindern aus den betroffenen Gebieten ins Blickfeld der Öffentlichkeit gelangten. Als Beispiele solcher Öffentlichkeitsarbeit sind zivilgesellschaftliche Organisationen und Verbände wie "Mama-86" und die „Tschernobyl Union“ in der Ukraine sowie die „Kinder von Tschernobyl“, „Für die Kinder von Tschernobyl“ und „Umgesiedelt“ (Pereselents) in Belarus zu nennen. Doch Ende der 1990er Jahre schwand das Interesse an den kollektiven Erinnerungen derjenigen, die Tschernobyl direkt erlebt hatten. Die Gründe dafür waren sowohl wirtschaftlicher als auch gesellschaftlicher Natur.
Aufgrund der schwierigen sozioökonomischen Lage stand bei vielen Opfern nun das bloße Überleben im Vordergrund. Da die Mittel für Umsiedlungsmaßnahmen und die Entschädigung der Opfer fehlten, blieb die staatliche Unterstützung für viele aus. Die staatlichen Medien konzentrierten sich in ihrer Berichterstattung auf die enormen Kosten der Tschernobyl-Hilfsprogramme und beschrieben den Reaktorunfall als wirtschaftliche Katastrophe, die umfangreichen Umsiedlungsaktionen wurden als überstürzt und womöglich sogar unnötig kritisiert. Nach dem anhaltenden wirtschaftlichen Niedergang in den 1990er Jahren konnte sich die Ukraine die Entschädigungszahlungen nicht mehr in vollem Umfang leisten. Auch bei den Renten für Tschernobyl-Geschädigte und ihrer medizinischen Versorgung wurde gespart. Tschernobyl-Opfer, vor allem Liquidatoren, mussten darum kämpfen, Entschädigungszahlungen von einem Staat zu erhalten, der sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mehr und mehr aus dem sozialen Bereich und der Gesundheitsfürsorge zurückgezogen hatte.
Nachdem das gesamte System der Strahlenschutzmaßnahmen und Unterstützung unter Druck stand, richtete das ukrainische Parlament (Rada) 1994 einen ständigen Ausschuss ein, der sich mit den Budgetkürzungen und Streichungen befasste. Der Ausschuss traf sich Dutzende Male, oft sogar vor Ort in Schytomyr, Riwne, Tschernihiw, Kyjiw und Slavutytsch. Er unterstützte die Verabschiedung von neun Tschernobyl-Gesetzen, setzte sich für Steuervorteile für Nichtregierungs- und Wohltätigkeitsorganisationen ein und überwachte die Umsetzung von Regierungsbeschlüssen.
Doch die stetig steigenden Kosten für Umsiedlungen, Wiedereingliederung und medizinische Versorgung stellten den Ausschuss vor große Herausforderungen: Die jährliche Finanzierung schrumpfte, gleichzeitig stieg die Zahl der Empfänger, darunter auch viele Kinder. Letzten Endes war die im Haushalt dafür eingeplante Summe zu gering, auch wenn 7 Prozent des jährlichen Budgets in soziale Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Reaktorunfall flossen. Die Programme erhielten nur 10 oder 20 Prozent der eigentlich benötigten Mittel, und auch die Unterstützung durch die EU ging allmählich zurück. Der Ausschuss konzentrierte sich daraufhin auf die Organisation der Diagnostik, Behandlung und Prävention von Schilddrüsenkrebs, den Bau einer Klinik am Zentrum für Strahlenmedizin in Kyjiw und die Einrichtung von Behandlungszentren in den Provinzen.
Belarus lag direkt auf der Route, die die radioaktive Wolke nach dem Reaktorunfall genommen hatte. 2,4 Millionen Menschen in Tausenden Dörfern waren betroffen, einige davon wurden für immer entvölkert. Umsiedlungen und der freiwillige Wegzug aus den kontaminierten Gebieten zeigen bis heute wirtschaftliche Folgen, auch wenn versucht wurde, diese abzumildern. Bereits 1993 unternahm die Regierung erste Versuche, die Tschernobyl-Gesetze zu ändern, um die damit verbundenen Staatsausgaben zu senken. Doch die Mitglieder des Obersten Sowjet von Belarus, unterstützt von einigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sprachen sich gegen die Änderungen aus.
Mit der zunehmenden Konsolidierung des autoritären Regimes von Präsident Lukaschenko waren offene Debatten über den Umgang mit den Folgen des Reaktorunfalls nicht mehr möglich. Der kollektiven Mobilisierung der Tschernobyl-Opfer wurde durch Restriktionen für unabhängige NGOs ein Riegel vorgeschoben, auch die Arbeit der freien Presse und das Versammlungsrecht wurden eingeschränkt. Die Politik der Regierung zielte darauf ab, nach und nach alle Entschädigungs- und Rentenprogramme abzuschaffen. Bereits 1996 strich die Regierung die Zahl der Siedlungen zusammen, in denen das Leben aufgrund der Lage in kontaminierten Zonen als gefährdet galt, wodurch die Bewohnerinnen und Bewohner ihren Anspruch auf bestimmte Entschädigungsleistungen verloren.
Versuch einer „Normalisierung“ der Katastrophe
Seit Ende der 1990er Jahre arbeiten Regierung und Behörden in beiden Ländern, jedoch deutlich offensichtlicher in Belarus, an einer erneuten Nutzung der betroffenen Gebiete und versuchen, durch eine Kombination aus Strahlenschutz, landwirtschaftlichen Programmen und sozioökonomische Maßnahmen "normale" Lebensbedingungen zu schaffen. Die Bemühungen wurden von internationalen Organisationen gefördert und unterstützt. In einem Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2002 wurde Tschernobyl vorwiegend als sozioökonomisches Problem dargestellt und argumentiert, der Staat könne sich die Unterstützung und Entschädigungszahlungen für die Betroffenen nicht leisten, geschweige denn Maßnahmen zur Gesundheitsfürsorge und für den Strahlenschutz.
Es folgten weitere Berichte von Organisationen der Vereinten Nationen wie der IAEO, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem UNSCEAR-Ausschuss (Wissenschaftlicher Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen atomarer Strahlung), die ebenfalls die Bedeutung der Strahlenbelastung für die breite Bevölkerung im Gefolge von Tschernobyl herunterspielten – die einzige Ausnahme war der nachweisliche Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Kindern. Andere gesundheitliche Probleme wurden mit psychologischen oder wirtschaftlichen Faktoren erklärt, weshalb kein Bedarf an umfassenderen und systematischeren Maßnahmen zum Strahlenschutz bestehe.
Als Reaktion auf die UN-Berichte zielten gleich mehrere internationale Projekte auf eine erneute Nutzung und Besiedlung der verstrahlten Gebiete ab. Zu den bedeutendsten Initiativen in der Ukraine zählt das Chernobyl Recovery and Development Programme (CRDP), das auf den UN-Empfehlungen von 2002 basiert und im Rahmen des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen durchgeführt wurde. Ziel des Programms war die Rückkehr zu einem normalen Leben. Durch die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung vor Ort unter Einbeziehung lokaler Akteure und Gemeinschaften sollte den Bewohnern der betroffenen Gebiete eine realistische Perspektive geboten werden.
In Belarus rief das staatliche Tschernobyl-Komitee zusammen mit den Vereinten Nationen, der Weltbank, der Europäischen Kommission und der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit das Programm CORE (Cooperation for Rehabilitation, 2003–2008) ins Leben. Das CORE-Programm sollte „den Menschen vor Ort das Gefühl der Kontrolle zurückgeben“ und die „Lebensbedingungen der Bewohner ausgewählter Bezirke verbessern, indem man sich direkt an die Menschen wendet und sie dabei unterstützt, spezifische und gemeinsame Projektvorschläge zu formulieren“.
Die Bemühungen um eine „Normalisierung“ zeugen in beiden Ländern von einer Verlagerung des Schwerpunkts: weg von „außergewöhnlichen" Maßnahmen wie Umsiedlungen aus kontaminierten Gebieten oder Entschädigungszahlungen für diejenigen, die weiter dort leben, und hin zu einer langfristigen Verbesserung der Lebensbedingungen in einer radioaktiv belasteten Umgebung. Zu diesem Ansatz gehörte auch, die Bevölkerung zu schulen, Radioaktivität als „normalen“ Bestandteil ihres Alltags zu betrachten und die individuelle gesundheitliche Belastung zu reduzieren. Die Menschen in den belasteten Gebieten sollten lernen, proaktiv damit umzugehen. Auf praktischer Ebene bedeutete diese Strategie der Normalisierung, dass die Betroffenen sich selbst um ihre Gesundheit kümmern mussten: darauf achten, was sie aßen, welche Pilze und Beeren sie im Wald sammelten, wie sie ihr Essen zubereiteten und so weiter – während nichts unternommen wurde, die Strahlenbelastung an sich zu reduzieren. Dieses „Tschernobyl-Empowerment“ ging, wie die Historikerin und Soziologin Sezin Topçu erklärt, einher mit einem neuen, neoliberalen Ansatz im Umgang mit Gesundheitsrisiken in den radioaktiv belasteten Gebieten.
Russische Besatzung und erneute Tschernobyl-Ängste
Die vermutlich spektakulärste Entwicklung beim Bemühen um eine Normalisierung nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl war jedoch der Bau einer neuen Schutzhülle über dem noch aus Sowjetzeiten stammenden ersten Sarkophag, die 2016 fertiggestellt wurde. Der unter großem Zeitdruck und gefährlichen Bedingungen Ende 1986 errichtete Sarkophag war von Anfang an fragil, daher wurden schon bald internationale Gespräche über den Bau einer zweiten Schutzvorrichtung über der alten aufgenommen, doch aufgrund politischer und finanzieller Unstimmigkeiten verzögerte sich das Vorhaben, weshalb die Bauarbeiten erst 2010 begannen. Das von den G7-Ländern finanzierte gewaltige „New Safe Confinement“ (auch schlicht „Tschernobyl-Bogen“ genannt) wurde mit einigem Abstand zum Reaktor errichtet, um die Arbeiter keiner allzu hohen Strahlenbelastung auszusetzen, und dann im November 2016 auf speziellen Schienen langsam zu seiner endgültigen Position über dem alten Sarkophag geschoben. Der hochradioaktive Schutt darunter wird irgendwann rückgebaut und eingelagert werden müssen – ein langwieriger Prozess, der sich über Jahrzehnte hinziehen wird und dessen Finanzierung noch nicht gesichert ist.
Die Bemühungen, den Ort des Reaktorunfalls so gut wie möglich zu sichern, wurden allerdings im Februar 2022 untergraben, als Russland seinen Angriffskrieg auf die gesamte Ukraine ausdehnte und die Sperrzone rund um Tschernobyl mehrere Wochen lang besetzte. Die russischen Truppen wirbelten radioaktiven Staub auf, drangen in Labore ein, zerstörten und stahlen die Ausrüstung, durchwühlten Proben und verursachten insgesamt einen Schaden in Höhe von über 50 Millionen Euro.
Zwar wurde die Sperrzone schließlich wieder geräumt, doch die dortigen Einrichtungen sind aufgrund des anhaltenden Krieges weiter bedroht. Am 14. Februar 2025 traf eine russische Drohne das Dach des New Safe Confinement, beschädigte die äußere Hülle und verursachte einen Brand. Russische Truppen besetzten auch das KKW Saporischschja, das leistungsstärkste Kernkraftwerk Europas, wodurch die sechs Reaktoren – und ganz Europa – erneut der Gefahr einer nuklearen Katastrophe ausgesetzt sind.
Die Bedeutung von Tschernobyl hat sich im Laufe der vergangenen vier Jahrzehnte verändert: vom Nuklearunfall von internationaler Tragweite zur nationalen Katastrophe und weiter zum Interpretationsrahmen für miteinander konkurrierende Ansätze beim lokalen und nationalen Gedenken. Die einen verbinden mit Tschernobyl die verspätete Evakuierung vulnerabler Menschen, die anderen vorschnelle Notfallmaßnahmen, deren Kosten weit höher waren als die Vorteile für die betroffene Bevölkerung. Tschernobyl ist das Epizentrum persönlicher und gemeinschaftlicher Tragödien – Kinder, Liquidatoren und Landwirte wurden einem hohen Maß an gefährlicher Strahlung ausgesetzt. Und erschreckenderweise ist es auch ein Ort, an dem sich das Leben wieder normalisieren soll. Doch der russische Überfall auf die Ukraine im Verbund mit russischen Angriffen auf ukrainische Nuklearanlagen erinnert uns daran, dass sich das Vermächtnis von Tschernobyl nicht in Wochen oder Dekaden bemessen lässt, sondern noch über Jahrtausende weiterbestehen wird – in verlassenen Dörfern, leeren Fabriken, den Körpern krebskranker Kinder und auf dem Schlachtfeld.
Übersetzt von Heike Schlatterer, Pforzheim