Die Berliner Benzol-Fabrik „Afga“ nach einer Kesselexplosion, 1914. (© Alamy/ piemags)
Die Berliner Benzol-Fabrik „Afga“ nach einer Kesselexplosion, 1914. (© Alamy/ piemags)
Katastrophen in der Vormoderne
Katastrophale Ereignisse begleiten die Menschheit seit ihren Anfängen. In Erzählungen werden Erinnerungen daran festgehalten, wie etwa in der Sintfluterzählung in der Bibel, die selbst auf ältere Fluterzählungen aus dem Mittelmeerraum zurückgeht. Auch die Antike kannte
Bis in das 20. Jahrhundert hinein war die Bewältigung von katastrophalen Ereignissen im heutigen Deutschland vor allem lokal organisiert. Die Menschen halfen sich gegenseitig durch Nachbarschaftshilfe, erhielten teils auch kirchlich organisierte, wohltätige Hilfe oder Unterstützung durch ihre feudalen Landesherren. Katastrophen wurden vor dem Zeitalter der Aufklärung allgemein als durch göttliche Fügung auf die Menschheit herabgesandte Ereignisse interpretiert, denen nichts entgegengesetzt werden konnte. Erst die im Zuge der Aufklärung entstehenden Natur- und Sozialwissenschaften etablierten nicht-religiöse Ursachenzuschreibungen. So konnte zum Beispiel das extrem kühle europäische „Jahr ohne Sommer“ 1816, das mit umfangreichen Extremwetterereignissen, Ernteausfällen und in der Folge auch Hungersnöten einherging, erst ein Jahrhundert später auf den Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien zurückgeführt werden, dessen Ascheausstoß in die Atmosphäre einen „vulkanischen Winter“ auslöste.
QuellentextDas Erdbeben von Lissabon 1755 und der Wandel des Katastrophenverständnisses
Am 1. November 1755 – dem christlichen Feiertag Allerheiligen – löste ein Erdbeben vor der Küste Portugals einen Tsunami aus, der in Kombination mit anschließenden Großbränden große Teile der Hauptstadt Lissabon zerstörte. Zehntausende Menschen fielen dieser Katastrophe zum Opfer, möglicherweise bis zu einem Drittel der Stadtbevölkerung. Die Katastrophe sorgte weit über die Grenzen Portugals hinaus für Betroffenheit und stellt in Bezug auf das moderne Verständnis von Katastrophen einen wichtigen Wendepunkt dar.
Zur Zeit der Katastrophe von Lissabon herrschte oftmals noch die Auffassung vor, Katastrophen seien göttliche Prüfungen oder Bestrafungen, welche auf diejenigen Menschen herabgesandt würden, die nicht fromm genug seien oder sich im christlichen Sinne Verfehlungen schuldig gemacht hätten. Die Tatsache, dass die Katastrophe an einem sehr hohen katholischen Feiertag über Lissabon hereinbrach und zahlreiche Kirchen zerstörte, in denen sich anlässlich des Allerheiligentages Gläubige befanden, während gleichzeitig als anrüchig geltende Quartiere, wie beispielsweise das Rotlichtviertel, von den Auswirkungen weitgehend verschont blieben, brachten diese religiösen Erklärungen ins Wanken.
Neben den weiterhin angeführten theologischen Interpretationen des Ereignisses, wie zum Beispiel aus protestantischen Ländern, dass das Ereignis eine Strafe für den in Portugal dominierenden katholischen Glauben oder auch die besonders reichen und dadurch „versündigten“ Überseehändler in Lissabon war, entstanden im Zeichen der Aufklärung neue naturwissenschaftliche Deutungsangebote. Diese neuen Denkansätze sorgten für rationalisierende und pragmatische Impulse in der Katastrophenbewältigung. Zum Beispiel begann man, Leichen entgegen der katholischen Tradition auf See zu bestatten, um den Ausbruch von Seuchen zu verhindern. Noch während des Wiederaufbaus ließ die portugiesische Regierung in den Kirchengemeinden eine Befragung der Bevölkerung durchführen, die Erkenntnisse hinsichtlich der Schäden sowie der Ereigniswahrnehmung im ganzen Land liefern sollte. Dies kann als erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Katastrophenfolgen angesehen werden.
Vor allem durch Zeitungen erfuhr auch die internationale Öffentlichkeit von der Katastrophe, die über die damalige Weltstadt Lissabon hereingebrochen war. Solidaritäts- und Hilfsangebote, unter anderem durch Finanzhilfen aus England und Spanien oder durch Hilfslieferungen per Schiff aus Hamburg, stellten eine frühe Form der internationalen Katastrophenhilfe dar. Der Wiederaufbau zog Konsequenzen aus der Katastrophe – moderne weitläufige Straßenzüge und Plätze ersetzten die vormals verwinkelten, Feuer begünstigenden Stadtviertel. Ebenfalls wurde darauf geachtet, mit den vorhandenen Mitteln und Methoden resilient gegen Erdbeben zu bauen. Dies stellte eine frühe Form des heute in der Katastrophenforschung verbreiteten Prinzips des Building Back Better dar, also des im Vergleich zum vorkatastrophalen Zustand resilienteren Wiederaufbaus.
Industrialisierung – Neue Risiken, neue Gefahren
Der technologische Fortschritt und die einsetzende Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts brachten neue Gefahren mit sich. So waren mit zunehmendem Schienennetzausbau vermehrt Eisenbahnunglücke mit einer Vielzahl Geschädigter zu verzeichnen, und auch Industrieunfälle durch Dampfkesselexplosionen stellten ein neues Phänomen dar. Auf derartige Gefahren wurde im deutschen Raum vor allem regulativ reagiert, zum Beispiel durch Normungen oder Kontrollen. Das bekannteste Beispiel hierfür ist die Gründung des Kontrollgremiums des „Technischen Überwachungsvereins“ 1866, heute besser bekannt unter seiner Abkürzung TÜV. Möglich wurde all dies auch durch die Entstehung bürgerlicher und unternehmerischer Gesellschaftsschichten sowie eines modernen Staatswesens ab dem 18. Jahrhundert, mit welchem eine Bedeutungsabnahme des Adels in der Wirtschaft einherging.
Neben Faktoren wie der zunehmenden Urbanisierung und Industrialisierung führten auch die Entwicklung einer bürgerschaftlichen Verantwortung für das Gemeinwesen sowie staatliche Regulierung mit der Zeit zu einer organisierten Risikovermeidung und zum Aufbau einer professionalisierten
Der Luftschutz als Beginn des modernen Bevölkerungsschutzes
Heutzutage ist der Bevölkerungsschutz hauptsächlich in seiner Funktion der zivilen Katastrophenbewältigung bekannt. Der Beginn eines staatlich organisierten und koordinierten Schutzsystems geht auf den Ersten Weltkrieg zurück. Durch militärische Neuerungen wie den Einsatz von Luftstreitkräften war es Kriegsparteien möglich, die gegnerischen kriegswichtigen Industriezentren weit im Hinterland anzugreifen. Da sich diese meist im städtischen Raum befanden, ging damit auch eine deutlich größere Gefährdung der Zivilbevölkerung einher. Mit der Haager Landkriegsordnung von 1907 sowie später den Genfer Konventionen von 1949 versuchten Staaten, humanitäre Regeln für die Kriegsführung festzulegen, die die Zivilbevölkerung schützen sollten. In Deutschland entstand im Ersten Weltkrieg erstmals ein „Luftschutz“ unter Führung des Militärs. Dieser beinhaltete den abgestimmten Einsatz von Militär, Feuerwehren,
Missbrauch des Luftschutzes im Nationalsozialismus
Dieses militaristische Verständnis von Luftschutz setzte sich auch im Nationalsozialismus ab 1933 durch. Hier wurde Luftschutz als Mittel der Gleichschaltung und der Indoktrination der Bevölkerung genutzt, vor allem durch die nationalsozialistische Massenorganisation des Reichsluftschutzbundes (RLB). Als praktische Maßnahme wurde durch den RLB die breite Bevölkerung in Maßnahmen des
Ein neues Schutzsystem für die Bundesrepublik nach 1945
Nachdem der Luftschutz nach Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Alliierten zeitweise verboten wurde, erlaubten die Besatzungsmächte ab 1949 die Wiederrichtung von Luftschutzsystemen in beiden deutschen Staaten. Grund dafür war die sicherheitspolitische Lage zu Beginn des Kalten Kriegs, in welcher die Gefahr eines neuen, mit Atomwaffen geführten Kriegs zwischen den USA und der UdSSR zunahm und auch Deutschland betroffen gewesen wäre. Mitte der 1950er-Jahre beauftragte die Bundesregierung das Deutsche Rote Kreuz (DRK) im Zuge des in der Bundesrepublik erfolgenden Zivilschutzaufbaus damit, ein Sanitätswesen im Luftschutz zu errichten. Das DRK als älteste nationale Hilfsgesellschaft hatte diese Aufgabe bereits in den beiden Weltkriegen und in der Weimarer Republik erfüllt. Die Aufgaben im Luftschutz teilte sich das DRK in der Folge mit den anderen anerkannten Hilfsorganisationen (Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH), Malteser Hilfsdienst (MHD), Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), Arbeiter-Samariter-Bund (ASB)), die den Bevölkerungsschutz bis heute unterstützen. Der Luftschutz wurde mit einer deutlich stärkeren Gewichtung von humanitären Prinzipien und einer reinen Verteidigungsdoktrin aufgebaut. Ebenso wurde der Einfluss der Bundeswehr auf den Luftschutz begrenzt. In den 1950er- und 1960er-Jahren weitete sich der Luftschutzgedanke zudem aus: Es ging nicht mehr nur um die reine Bewältigung von Luftangriffen, sondern um die generelle Aufrechterhaltung der Staats- und Regierungsfunktionen sowie den umfassenden Schutz der Bevölkerung vor Kriegsfolgen. Somit wandelte sich der Luftschutz auch begrifflich hin zum heute üblichen
In den ersten beiden Jahrzehnten der Bundesrepublik wurde der Zivilschutz noch als vollumfängliche, alle Lebens- und Arbeitsbereiche umfassende Schutzanstrengung begriffen. Er war Teilaufgabe innerhalb der
Die Entwicklung des modernen Bevölkerungsschutzes
Bis zu diesem Punkt war der Zivilschutz vornehmlich auf die Bewältigung möglicher Kriegsfolgen fokussiert und weniger mit der Vorbereitung oder Abwehr von zivilen Schadenslagen befasst. Dies änderte sich mit der ersten größeren Katastrophenlage der jungen Bundesrepublik, der norddeutschen Sturmflut von 1962. Insgesamt führte diese zu 347 Todesopfern, die meisten darunter in Hamburg. Diese Katastrophe erforderte neben dem Einsatz der kommunalen Feuerwehren und Hilfsorganisationen auch den Einbezug von Zivilschutzkräften des Luftschutzhilfsdienstes (LSHD) sowie der Bundeswehr und stand am Anfang eines Wandels der Architektur des Bevölkerungsschutzes. Zur gleichen Zeit veränderte sich die außenpolitische Bedrohungslage. Im Kalten Krieg begann nach einer Phase der Spannungen in den späten 1960er-Jahren eine Phase der gegenseitigen Annäherung, gekennzeichnet durch die sogenannte „Entspannungspolitik“. Vor diesem Hintergrund schwand auch der politische Druck, eine Vollschutzpolitik umzusetzen, während die Sturmflut von 1962 zeigte, dass es für die Bewältigung von zivilen Katastrophenlagen eine Struktur zwischen der Bundesaufgabe des Zivilschutzes und der kommunalen Gefahrenabwehr brauchte. In der Folge wurden alte Großprojekte aufgegeben, Luftschutzorganisationen wie der LSHD aufgelöst und nach dem Beschluss der Notstandsgesetze mit dem „Gesetz über die Erweiterung des Katastrophenschutzes“ im Jahr 1968 die Grundlage für die bis heute geltenden föderalen Zuständigkeiten im Bevölkerungsschutz gelegt: Der Bund blieb für den Zivilschutz in Kriegszeiten verantwortlich, während die Bundesländer für den zivilen
QuellentextDie Schneekatastrophe 1978/79
Das als „Schneekatastrophe“ in Erinnerung gebliebene Extremwetterereignis zum Jahreswechsel 1978/1979 zeigt beispielhaft den Verlauf einer Katastrophe. So trugen Solidarität und nachbarschaftlicher Zusammenhalt zwischen Betroffenen sowohl in der DDR als auch der Bundesrepublik maßgeblich zur Bewältigung bei. Auch wurde in beiden Staaten die Verletzlichkeit moderner kritischer Infrastrukturen und den davon abhängigen Gesellschaften offenbar. In zeitgenössischen Medienberichten und Berichten, die auf die Katastrophe zurückblicken, werden die Erfahrungen der Betroffenen geschildert.
…in der DDR
Als Fred Scholz am Neujahrsmorgen 1979 aufs Thermometer schaut, zeigt das Minus 17 Grad an. Das hat der Chef des halleschen Güterbahnhofs schon erlebt. Aber was sich auf einem der größten Verkehrsknotenpunkte der DDR abspielt, ist beispiellos im langen Berufsleben des Reichsbahners.
Denn über den Jahreswechsel haben ein rasanter Temperatursturz und riesige Schneemengen Deutschland halbwegs lahmgelegt. Eine Jahrhundert-Winterkatastrophe bahnt sich an. Die meisten der 800 Weichen auf dem Halleschen Güterbahnhof sind praktisch über Nacht komplett vereist, da die Temperaturen blitzartig um über 20 Grad fallen und es nicht aufhört zu schneien. […]
Die Wetterlage, die sich ab dem 28. Dezember aufbaut, hat die Katastrophe schon in sich. Als Herbert Kornexel vom Wetterdienst in Leipzig am 3. Januar 1979 von der „Freiheit“ dazu befragt wird, erklärt er den Ausgangspunkt der Misere. […] Die Katastrophe trifft die DDR besonders hart. Denn sie hatte 1976 beschlossen, die Strom- und Wärmeversorgung nahezu komplett auf Braunkohle umzustellen. Das rächt sich in solchen Extremsituationen. Denn die Braunkohle hat einen hohen Wasseranteil, friert steinhart an auf Förderbändern und in Waggons.
Mit alten Flugzeugtriebwerken versucht man über den Jahreswechsel und in den Tagen danach, die Kohle aus dem Geiseltal vor der Weiterverarbeitung in Leuna aufzutauen, es wird gestemmt und gesprengt. Doch den Kraftwerken geht die Kohle aus. Es wird kalt im Land und die Lichter gehen immer öfter aus. Die Arbeiter in Tagebauen und Kraftwerken arbeiten bis zum Umfallen, um die Auswirkungen für Bevölkerung und Industrie halbwegs in den Griff zu bekommen.
Der zuständige DDR-Minister, Heinz Ziergiebel, kommt nicht umhin, gegenüber der DDR-Nachrichtenagentur ADN die Dinge klar zu benennen: Am 2. Januar sind „beträchtliche Stromabschaltungen nicht zu vermeiden gewesen. In einigen Orten wurde auch die Gasversorgung eingeschränkt“. […]
Als die Katastrophe losbricht, macht sich Erich Honecker gerade auf zu einem Staatsbesuch in Afrika. Die meisten der DDR-Minister haben sich ins Silvesterwochenende verabschiedet, als auf Rügen Polizei, Armee und Zivilverteidigung versuchen, der Lage Herr zu werden. Langsam schwant den Platzhaltern in den Berliner Ministerien, dass gerade ein Jahrhundertereignis beginnt, die DDR-Wirtschaft lahmzulegen und Menschen in Gefahr zu bringen. Als Honecker zurück ist aus Afrika, tritt das Politbüro sofort zu einer Katastrophen-Sitzung zusammen.
Die Nachrichtenagentur ADN meldet am 30. Dezember den Temperatursturz auf bis zu Minus 20 Grad und schreibt über erste abgeschnittene Orte auf Rügen und „Verkehrsstörungen durch Glatteis“. In den Zeitungen der DDR nimmt die Berichterstattung über die Winter-Katastrophe nach dem Silvester-Sonnabend 1978 kräftig Fahrt auf. Bis dahin gibt es kaum Instruktionen von oben. Das DDR-Fernsehen berichtet unterdessen ungewöhnlich ausführlich und detailliert über die Unwetter-Folgen.
In der „Freiheit“ sorgt die Katastrophe ab dem 2. Januar für Extra-Seiten. Reporter sind von früh bis spät unterwegs, um dann mit klammen Fingern ihre Texte in die Schreibmaschinen zu hämmern, denn auch im Haus des Bezirksorgans der SED bleiben die Heizungen kalt. Die Berichterstattung findet schnell in die übliche Spur, auch in der Katastrophe wird um die Planerfüllung gerungen und Menschen, die ihre Arbeit tun, werden zu sozialistischen Helden gemacht.
Was aber auffällt: Die Informationen sind faktenreich. Der Leser muss nicht erst den Kern der Texte von den sonst üblichen ideologischen Girlanden befreien. „Angespannte Lage“, „komplizierte Situation“, „keine Entspannung in Sicht“ sind plötzlich Worte in Texten und Überschriften. Ganz ohne Propaganda geht es aber nicht. „So lange ich gebraucht werde – das bestimmt heute die Taten vieler“, lautet am 2. Januar eine Überschrift in der „Freiheit“. Sie setzt in diesen Tagen aber auch all denen, die versuchen, in Eis und Schnee den Laden am Laufen zu halten, ein publizistisches Denkmal. […]
Hans-Ulrich Köhler, „Unwetter zum Jahreswechsel 1978/79: Als der Osten im Schnee versank“, mit freundlicher Genehmigung der Mitteldeutschen Zeitung, Artikel vom 2. Januar 2019. Online: Externer Link: www.mz.de/panorama/unwetter-zum-jahreswechsel-1978-79-als-der-osten-im-schnee-versank-3128817
…in der Bundesrepublik
Auf dem Satellitenbild, das die Tagesschau am Abend des 28. Dezember zeigte, war „der größte Teil Deutschlands mit Wolken bedeckt“. […]
Binnen Stunden war das nördlichste Bundesland hinter einem weißen Vorhang verschwunden. Vier Tage lang peitschten Sturmböen den frischen Pulverschnee übers flache Land. Bis zu sieben Meter wuchsen die Wächten im No, begruben Autos, stoppten die Eisenbahn, zernierten einzelne Gehöfte wie ganze Gemeinden -- 150 Orte abgeschnitten, 80 Kommunen ohne Strom. […]
Augenfällig das Dilemma der technisierten Gesellschaft: Da saßen Holsteiner neben prall gefüllten Tiefkühltruhen und aufgetankten Öl-Reserven und glaubten vorgesorgt zu haben. Doch sie hungerten und froren.
Wo Kühe elektrisch gemolken, Ferkel infrarot gewärmt werden, war schon existenzbedrohend, daß mal der Strom ausblieb -- kaum einer der Bauern hat sich ein Notstromaggregat zugelegt. In einem der bestversorgten Länder der Welt hockten sie bei Kerzenschein in kalten Stuben, wenn sie nicht Zuflucht in der Kuhwärme ihrer Ställe suchten.
Hubschrauber, im Arsenal des Nato-Staats reichlich vorhanden und vieler-Orts als Garantie für ernste Fälle verstanden, konnten oft wegen Schneesturm gar nicht aufsteigen. Grotesk nahm sich aus, daß im Land mit den meisten Autos Europas Panzer unbeholfen versuchen mußten, was Schneefräsen im glatten Gang erledigten; doch an denen fehlte es.
[…] Auf Hochtouren lief die Rettung eigentlich erst, als die Gefahr eingegrenzt schien. […]
Und der Schnee wäre gar nicht so viel Aufhebens wert, wenn es in den Häusern warm geblieben wäre. Der „Schneenotstand“ auf Grund einer Wetterlage, „die man noch vor zehn, zwanzig Jahren als strengen Winter“ und eben nicht als „Katastrophe“ beschrieben hätte, wie die „Zeit“ anmerkte, bezeichnete nur die tiefergehende Krise: den Stromausfall. […]
Ein derart flächendeckender Ausfall der Energieversorgung über Tage war das Novum für die Bundesrepublik. […]
Daß auch Räumer und Retter so recht erst nach Tagen in Schwung waren, lag nicht nur an der höheren Gewalt. Die Wucht des Unwetters deckte dünne Stellen in der Notstandsplanung auf. Bei anhaltender Krise wären die Macher höchstwahrscheinlich eingebrochen:
Auch die in Schleswig-Holstein, nach schlechten Erfahrungen mit zentraler Krisenlenkung, nun dezentral geführte Katastrophenabwehr bringt offenbar keine zufriedenstellende Früherkennung und Bekämpfung des Schadens.
Die rechtzeitige Einschaltung der Bundeswehrhilfe und deren Koordinierung mit zivilen Aktionen ist noch nicht optimal geregelt.
Der von öffentlichen Stellen bereitgehaltene Gerätepark ist zu klein und im Krisenfall ungeeignet. […]
Guter Draht zwischen Kreisoberen und Bundeswehr-Kommandeuren ermöglichte allerdings hier und da Schnelleinsätze des Militärs etwas außerhalb der vorgeschriebenen Schiene -- „als Nachbarschaftshilfe, so könnte man es sehen“ (Nordfrieslands Landrat Klaus Petersen). So bekam Petersen, wie sein Amtskollege im Kreis Schleswig-Flensburg[,] Militärhilfe schon Stunden vor dem Katastrophenalarm in seinem Kreis. „Als der Schneesturm Formen annahm“, rückten Einheiten aus Husum, Leck und Flensburg den Stromausfällen und den Verwehungen zuleibe.
Auf dem Höhepunkt der großen Schneewallschlacht war die Bundeswehr schließlich mit klotziger Ist-Stärke zur Stelle. 76 Bergepanzer, 145 weitere Kettenfahrzeuge ratterten durch die Kälte. 40 Hubschrauber, darunter Großtransporter vom Typ Sikorsky CH 53, stiegen auf. Insgesamt 3000 Soldaten waren eingesetzt.
Mit ihrer Schneeaktion, von der Frühwarnung bis zur Dauerleistung vor Ort, machten die Militärs gute Figur beim Bürger und schienen vielen tagelang, wie meist bei Sturm und Not, „der Nation liebstes Kind“ (so die „Zeit“).
Ins Leere drehte sich der Apparat vor allem, wenn es an Einsatzhilfen der zivilen Stellen fehlte. So mußten die Bewohner abgeschnittener Dörfer erst über Radio aufgefordert werden, ihre Ortsschilder vom Schnee zu säubern; mangels ortskundiger Einweisung fanden die Hubschrauberpiloten nicht zum Ziel. […]
Daß Winter über das weihnachtsgrüne Deutschland kommen würde, hatten die Wetterforscher zwar schon am Vormittag des 28. Dezember erkannt. Was sie trotz Satellitenphotos und Meldungen von vier Wetterschiffen im nördlichen Atlantik überraschte, war die Intensität der atmosphärischen Vorgänge, als kontinentale Kaltluft aus Skandinavien und Rußland auf feuchtwarme Meeresluft stieß. […]
NN, „Kalter Schock fürs reiche Land“, Der SPIEGEL 2/1979 vom 7. Januar 1979. Online: Externer Link: www.spiegel.de/politik/kalter-schock-fuers-reiche-land-a-c4739040-0002-0001-0000-000040351718?context=issue
Ein erneuter Wandel in der Ausrichtung des Bevölkerungsschutzes ergab sich durch die neuerliche Verschärfung der Blockkonfrontation im Kalten Krieg ab 1979, welche unter anderem dem NATO-Doppelbeschluss und dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan folgte. Politisch wurde der Fokus wieder stärker auf die Aufgabe des Zivilschutzes als Bestandteil der Zivilen Verteidigung gelegt. Gleichzeitig erlebte die westdeutsche Friedensbewegung einen Höhepunkt. Zivilschutz wurde zu einem politisch aufgeladenen und gesellschaftlich kontroversen Thema. Unterstützerinnen und Unterstützer des Zivilschutzes versuchten daraufhin recht erfolgreich, den öffentlichen Fokus weniger auf Verteidigungsszenarien als auf den Mehrwert des Zivilschutzes für die zivile Katastrophenbewältigung zu lenken.
Bevölkerungsschutz in der DDR
Ähnlich wie in der Bundesrepublik wurde auch in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) die Notwendigkeit gesehen, ein neues Luftschutzsystem zu etablieren. Dieses System unterschied sich in Teilen deutlich vom westdeutschen Zivilschutz. So war das System wesentlich mehr auf die Bedarfe des Militärs ausgelegt und teils paramilitärisch aufgebaut. Zudem wurde es zur politisch-ideologischen Prägung der Bevölkerung im Sinne der diktatorisch regierenden Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) genutzt. Eine konzeptuelle Trennung zwischen Zivilschutz und Katastrophenschutz wie in der Bundesrepublik gab es nicht. Ab Mitte der 1950er-Jahre wurden erste Luftschutzstrukturen geschaffen, zunächst geheim und unter der Bezeichnung „aktiver Brandschutz“ geführt, ab 1970 dann offiziell als Zivilverteidigung.
Das System des Bevölkerungsschutzes in der DDR war zentralistisch angelegt. Anders als im westdeutschen Modell war der Gestaltungsspielraum der Bezirke und Kommunen begrenzt und die Einrichtungen der Zivilverteidigung wurden darüber hinaus meist von Militärs geführt. Hauptzweck der Zivilverteidigung war die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit des Staates, der Wirtschaft sowie der Sicherheit der Bevölkerung der DDR. Theoretisch hatte die DDR große Spielräume bei der Ausgestaltung und der gesellschaftlichen Umsetzung ihres Zivilverteidigungssystems, begünstigt durch die starke Zentralisierung des Staatsaufbaus, der umfassenden Gestaltungs- und Durchgriffsmacht der SED auf Ressourcen und Arbeitskräfte sowie durch Massenorganisationen. Problematisch erwiesen sich jedoch der zunehmende Mangel an finanziellen Mitteln und Ressourcen für die Zivilverteidigung sowie der mangelnde Rückhalt der Bevölkerung. Gesellschaftlich hatte das Bevölkerungsschutzsystem der DDR mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen wie die Bundesrepublik. Jenseits des Engagements in den Freiwilligen Feuerwehren oder dem DRK der DDR stand die Bevölkerung der Zivilverteidigung eher passiv gegenüber. Insbesondere ab den späten 1970er-Jahren wurde die Zivilverteidigung auch ein Kritikpunkt in der DDR-Friedensbewegung. Die DDR-Führung versuchte in der Folge, den zusätzlichen Nutzen der Zivilverteidigung für Katastrophen und Unglücksfälle jenseits der nationalen Verteidigung hervorzuheben, zum Beispiel im Zuge der Schneekatastrophe in Norddeutschland zum Jahreswechsel 1978/79, als Militär und Zivilverteidigung stark in die Bewältigung der Krise eingebunden waren. Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 wurde die DDR-Zivilverteidigung aufgelöst. Strukturen, welche nicht unmittelbar für den Aufbau des zivilen Katastrophenschutzes in den neuen Bundesländern genutzt werden konnten, wurden abgeschafft, verkauft oder ins Ausland gespendet, so zum Beispiel umfangreiche zivile Vorräte mit kritischen Gütern und Ressourcen für den Kriegsfall.
Wiedervereinigung und Abbau von Bevölkerungsschutzstrukturen
Die deutsche Wiedervereinigung 1990 und das Ende des Kalten Kriegs 1991 ließen die Kontroverse um den Zivilschutz abflauen. Weder gesellschaftlich noch politisch wurde eine Fortführung des Zivilschutzes im Bevölkerungsschutz als dringlich angesehen. Vor dem Hintergrund der Kosten der Wiedervereinigung wurden in den Folgejahren umfangreich Strukturen, Behörden und Organisationsbestandteile des Zivilschutzes eingespart, was sich auch auf den Katastrophenschutz auswirkte. Die eingesparten Kosten durch den Strukturabbau im Zivilschutz, zum Beispiel durch den Abbau des Sirenenwarnsystems, der Hilfskrankenhausstruktur oder des Bundesverbandes für den Selbstschutz (BVS), werden auch dem als „Friedensdividende” bezeichneten Abbau von militärischen und zivilen Verteidigungsstrukturen zugerechnet. Schadensszenarien wurden für Deutschland bis in die 2000er-Jahre nur noch räumlich und zeitlich begrenzt vorhergesehen und ihre Bewältigung auf der lokalen Ebene verortet. Politik und Expertinnen und Experten gingen also davon aus, dass Schadenslagen innerhalb kurzer Zeit vor allem durch die Kommunen und auf Landkreisebene bewältigt werden könnten. Erst die Terroranschläge des 11. September 2001 und die damit verbundene Sensibilisierung für Terrorgefahren sowie das länderübergreifende Elbhochwasser 2002 sorgten für eine Neubelebung des politischen Diskurses um die Relevanz des Zivilschutzes und die Rolle des Bundes im Bevölkerungsschutz. Bund und Länder waren sich einig, dass alle föderalen Akteure eine gemeinsame Verantwortung im Bevölkerungsschutz tragen und koordinierter und kooperativer zusammenarbeiten müssten. In diesem Zuge erkannte die rot-grüne Bundesregierung die Notwendigkeit der Wiedereinführung einer eigenen Bundesbehörde und gründete 2004 das
Die gewachsene Bedeutung des Bevölkerungsschutzes
Zeitstrahl zur Entwicklung des Bevölkerungsschutzes. Quelle: Eigene Darstellung nach Nicolas Bock
Zeitstrahl zur Entwicklung des Bevölkerungsschutzes. Quelle: Eigene Darstellung nach Nicolas Bock
Ab Mitte der 2010er-Jahre gewann der Bevölkerungsschutz erneut an Bedeutung. Durch die russische Annexion der Krim im Jahr 2014 begann sich die sicherheitspolitische Bedrohungswahrnehmung langsam zu wandeln. Der veränderten sicherheitspolitischen Lage wurde öffentlich vor allem durch zwei Strategiekonzeptionen Rechnung getragen. Das Bundesministerium der Verteidigung gab 2016 mit einem „Weißbuch zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr” ein Strategiepapier heraus, das die Aufgabe der Landes- und Bündnisverteidigung wieder stärker in den sicherheitspolitischen Fokus rückte. Das Bundesministerium des Innern veröffentlichte ebenfalls 2016 mit der „Konzeption Zivile Verteidigung” ein Dokument, welches erstmals nach der Abbauphase im Zivilschutz in den 1990er-Jahren für die Bundesressorts wieder konzeptionell Aufgaben und Planungsziele für eine Revitalisierung der Zivilen Verteidigung festlegte. Beide Dokumente markieren den Beginn einer bis zum Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine 2022 langsam erfolgenden sicherheitspolitischen Bedeutungszunahme der Themen der Landesverteidigung sowie auch des Bevölkerungsschutzes im Ganzen.
Im Zuge des Kriegs in Syrien und dem Irak und der damit verbundenen Flucht- und Vertreibungskrise der Zivilbevölkerung unter anderem in Richtung Europa sah sich die Bundesrepublik ab 2015 mit einer alle Kommunen betreffenden und gesamtgesellschaftlich zu lösenden Herausforderung konfrontiert, da die Versorgung der Vielzahl von Schutzsuchenden die kommunalen Ressourcen oftmals überforderte. Dies forderte nicht zuletzt auch die Organisationen des Bevölkerungsschutzes, welche vor allem mit ihren Einheiten und Ressourcen im Bereich der Betreuung, Versorgung und Sanität in großem Umfang an der Versorgung Geflüchteter beteiligt wurden. Die globale Coronapandemie ab 2020 und die Flutkatastrophe im Sommer 2021 in Westdeutschland sorgten jeweils für eine enorme Bedeutungszunahme des Gesamtthemas Bevölkerungsschutz. Der erweiterte russische Angriffskrieg auf die Ukraine ab 2022 mit seinen Folgen für Deutschland – seien es die erneute Bewältigung einer großen Anzahl von Geflüchteten oder die drohende Gasmangellage 2022 – rückte auch den seit Ende des Kalten Kriegs vernachlässigten Zivilschutz und die Zivile Verteidigung zurück in den Fokus der wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit den Themen des Bevölkerungsschutzes.