Der Wiederaufbau nach dem Jahrhunderthochwasser 2021 wird noch Jahre andauern. Auf einer ein Fenster ersetzenden Pressspanplatte steht „Danke an alle Helfer und Einsatzkräfte“. Swisttal-Odendorf, 8. September 2021." (© 2021, KNA GmbH, www.kna.de, All Rights Reserved)
Der Wiederaufbau nach dem Jahrhunderthochwasser 2021 wird noch Jahre andauern. Auf einer ein Fenster ersetzenden Pressspanplatte steht „Danke an alle Helfer und Einsatzkräfte“. Swisttal-Odendorf, 8. September 2021." (© 2021, KNA GmbH, www.kna.de, All Rights Reserved)
Wer schützt uns vor
Einsatzorganisationen und ehrenamtliches Engagement
Die größtenteils ehrenamtlichen Einsatzkräfte im Bevölkerungsschutz in Deutschland wirken in den Freiwilligen Feuerwehren, der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW) und den anerkannten
Das ehrenamtliche Engagement im Kontext von Krisen und Katastrophen ist eng mit der historischen Entwicklung der verschiedenen Einsatzorganisationen verknüpft. Die Geschichte der organisierten Brandbekämpfung reicht von Brandgilden im Mittelalter über die traditionsreichen Feuerwehren und Löschvereine im 19. Jahrhundert bis hin zu staatlich kontrollierten paramilitärischen Organisationen in der Weimarer Republik und ihrer Unterstellung unter das Polizeiwesen zur Zeit des Nationalsozialismus. Der Wiederaufbau der Feuerwehren nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte in der Bundesrepublik Deutschland nach Maßgabe der Alliierten kommunal und in strikter Trennung von der Polizei, während das
Als Vorgängerorganisation der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW) wurde in den 1920er-Jahren die Technische Nothilfe (TN) gegründet, um den fortlaufenden Betrieb von
Zu den in Krisen und Katastrophen hinzugezogenen Hilfsorganisationen zählen die im
Seit ihren Gründungen haben die Hilfsorganisationen ihre Ausrichtungen angepasst und ihr Aufgabenspektrum deutlich erweitert. Neben ihren heutigen Tätigkeiten in der Wohlfahrt, im Sozialwesen und der humanitären Hilfe verfügen die verschiedenen Organisationen über Katastrophenschutzeinheiten, die Sanitäts- und Betreuungsdienste,
Laut dem Freiwilligensurvey 2019 engagieren sich etwa 1,9 Millionen Ehrenamtliche bzw. 2,7 Prozent der in Deutschland lebenden Personen ab 14 Jahren im Unfall- und Rettungsdienst oder in den Freiwilligen Feuerwehren, teils sogar auch in mehr als einer Organisation. Die im Bevölkerungsschutz tätigen Ehrenamtlichen durchlaufen eine Ausbildung und nehmen regelmäßig an Übungen sowie nach Bedarf an Einsätzen teil. Der zeitliche Aufwand, den viele Ehrenamtliche leisten, ist beachtlich. So umfasst beispielsweise die Grundausbildung im THW etwa 100 Stunden, gefolgt von weiteren Spezialisierungen. Für Kinder und Jugendliche bieten viele Organisationen die Möglichkeit an, sich in Jugendorganisationen bereits mit den verschiedenen Aufgaben vertraut zu machen und auf Einsatztätigkeiten vorzubereiten.
Die Attraktivität des Ehrenamts, die Möglichkeiten, sich in den beschriebenen Einsatzorganisationen zu engagieren, und die Anforderungen an die Einsatzkräfte werden durch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen beeinflusst. So wirken sich beispielsweise die Präferenz für projektbezogenes statt mitgliedsbasierten Engagements, berufliche Belastungen, stetige Weiterbildungsbedarfe und veränderte familiäre Rollenaufteilungen auf die Bereitschaft und die Möglichkeiten aus, die Zeit für Ausbildung, Übungsabende und langfristiges Engagement aufzubringen. Gleichzeitig steigen mit neuen Aufgabengebieten im digitalen Bereich und einem zunehmenden Verständnis für die Diversität von
QuellentextEhrenamt bei der Freiwilligen Feuerwehr
[…] Wenn Hochwasser Städte flutet, wenn in ganzen Landstrichen der Strom ausfällt oder im Krieg kritische Infrastruktur angegriffen wird, brauchen im Zweifelsfall sehr viele Menschen innerhalb sehr kurzer Zeit Hilfe. Den Bevölkerungsschutz übernehmen in Deutschland Organisationen wie das Technische Hilfswerk, Rettungsdienste oder die freiwilligen Feuerwehren. Nur: Dieses System beruht zu ungefähr 90 Prozent auf Ehrenamtlichen, wie Zahlen des Bundesinnenministeriums zeigen. […]
Menschen, die ihre Freizeit opfern, im Zweifelsfall sogar ihr Leben gefährden, um anderen zu helfen – ohne einen Cent Bezahlung, manchmal sogar, ohne dass es ihnen gedankt wird.
Ein Mittwoch im Sommer. Max von Treuberg steht in seinem Reihenhaus im Münchner Westen. Er ist 38 Jahre alt, Dreitagebart, die Haare pragmatisch kurz. In seinem Arbeitszimmer hat er eine kleine Feuerwehr-Ecke eingerichtet: alte Helme, ein Strahlrohr, Stoffaufnäher von Feuerwehren aus Finnland und Hawaii. […] Die Feuerwehr hat ihn schon als Kind fasziniert, wie so viele Jungs. Entscheidend war für ihn aber der 11. September 2001. Er war vierzehn, als er die Bilder im Fernsehen sah. Die einstürzenden Türme in New York. Die Einsatzkräfte, die in die Flammen liefen, während andere flohen. „Was mich damals beeindruckt hat, war, wie selbstlos die Feuerwehrleute in den Einsatz gegangen sind.“ Drei Monate später trat er in die Jugendfeuerwehr ein.
Von seinem Haus zur Feuerwache sind es nur fünfzehn Minuten. Seine Einsatzkleidung hat er im Kofferraum liegen, den Pager – einen grauen Funkmelder – trägt er immer in der Hosentasche. Der Pager piept, wann immer Menschen Hilfe brauchen, ganz egal, wo Treuberg gerade ist. Vergangenes Jahr an Heiligabend zum Beispiel. Gegen halb drei am Nachmittag ging der Alarm ein: Mikrowellenbrand in einem Altenheim. Klang erst mal unspektakulär, doch als sie ankamen, standen sie vor einem Großbrand. Treuberg koordinierte die Löscharbeiten. […] Als er nach Hause kam, war die Bescherung vorbei, das Essen kalt. […] Weihnachten, Geburtstage, solche Tage verpasst er immer mal wieder. Treuberg zuckt mit den Schultern.
Seit fast 24 Jahren ist Max von Treuberg jetzt bei der freiwilligen Feuerwehr. Er war bei etwa tausend Einsätzen dabei, „Brände, Unfälle, alles Mögliche“. Manche Bilder bleiben. Das Mehrfamilienhaus, in dem es vor ein paar Jahren brannte. Wohnungen, schwarz vor Ruß, in denen sie mit Atemschutzgeräten nach Menschen suchten. Oder ein Unfall in Sendling, noch nicht lang her. Ein Auto war mit einem Linienbus kollidiert, die Türen so stark eingedrückt, dass sie sich nicht mehr öffnen ließen. Sechs Verletzte, manche schwer, einige sehr schwer, Fahrer und Beifahrer des Autos mussten mit der Hydraulikschere herausgeschnitten werden. […] Meistens aber laufen die Einsätze ungefähr so ab: Es brennt, Treuberg fährt mit der Feuerwehr hin, sie löschen, fahren zurück und nach acht Stunden ist spätestens Schluss. So ist er es seit Jahren gewohnt. Klar, er half mal bei Hochwasser, bei starkem Schneefall. Aber große Unwetterkatastrophen, ganze Landstriche, die von einem Stromausfall lahmgelegt waren? Eher nicht. […]
Seit der Pandemie und dem Überfall Russlands auf die Ukraine denkt Treuberg oft darüber nach, dass Bevölkerungsschutz auch etwas anderes bedeuten kann, als Brände zu löschen und Keller leerzupumpen. […] Im Verteidigungsfall, sagt Treuberg, könne niemand sicher sein, wie viele Helfer überhaupt noch zur Verfügung stehen. Reservisten würden eingezogen, Ressourcen wie Treibstoff oder Kommunikationsnetze könnten eingeschränkt sein. „Dann können wir nicht mehr aus dem Vollen schöpfen wie heute“, sagt er. Heißt konkret: Der Bevölkerungsschutz, etwa durch Feuerwehren, könnte stark eingeschränkt sein. […]
Als Feuerwehrmann merkt Max von Treuberg zurzeit ständig, wie die Weltlage den Alltag verändert. Vor zweieinhalb Jahren wurde er Stadtbrandmeister, eine ehrenamtliche Führungsposition, für die er eine kleine Aufwandsentschädigung bekommt. Er ist damit auch für den Bevölkerungsschutz in München-Stadtmitte zuständig. Immer wieder diskutieren sie jetzt über Einsätze, die Tage oder sogar Wochen dauern könnten. […]
Der Schutz der Bevölkerung war in der Bundesrepublik noch nie leicht zu koordinieren. […] In Deutschland gibt es nicht für jede Lage einen bundesweit einheitlichen Plan. Der Bevölkerungsschutz [ist] historisch gewachsen, aus dem Katastrophenschutz für Naturereignisse und Industrieunfälle auf der einen und dem Zivilschutz für Kriege auf der anderen Seite. […] Das [zeigt] sich etwa beim Hochwasser. Der Bevölkerungsschutz ist je nach Bundesland anders organisiert, das Wasser hält sich aber nicht an Landesgrenzen und fließt im Zweifelsfall drüber hinweg. Dann müssen Zuständigkeiten geklärt, Anträge gestellt werden, während das Wasser fließt und fließt. […]
Mal abgesehen von der Bürokratie: Wie viele Menschen sind überhaupt noch bereit, etwas für die Gemeinschaft zu tun? In München, sagt Treuberg, gebe es zum Glück noch genug Ehrenamtliche und auch Geld seitens der Stadt. Auf dem Land sieht es oft ganz anders aus. Es fehlt an Material, sagt er, manchmal auch an Wertschätzung durch die Gemeinden. Und vor allem fehlt es an Leuten. Seit 2000 ist die Zahl der ehrenamtlichen Feuerwehrleute in Deutschland um mehr als 55.000 gesunken. 2022 waren noch etwas mehr als eine Million Menschen in freiwilligen Feuerwehren aktiv. […]
Der schwindende Nachwuchs ist eines der größten Probleme, die auf den Bevölkerungsschutz zukommen. Wobei es nicht nur daran liegt, dass junge Menschen keine Lust mehr hätten, zur Feuerwehr zu gehen. In Bayern etwa gibt es immer mehr Ganztagsschulen, Unterricht bis in den Abend. Also starten die Feuerwehrübungen später, sind kürzer. Und jede verpasste Übung bedeutet weniger Bindung, weniger Vertrautheit. […] Und dann ist da die Phase, wenn aus jungen Menschen Erwachsene mit Familie und Vollzeitjob werden. […] Dann kommen die Leute immer seltener zur Übung, verschwinden irgendwann aus den Einsatzlisten. Es ist die Gruppe der Mitte 20-Jährigen […]. „Die Ehrenamtlichen, die wir am dringendsten brauchen“, sagt Treuberg.
In Deutschland sollen sich nach Schätzungen […] etwa 1,8 Millionen Menschen ehrenamtlich im Bevölkerungsschutz engagieren. […] Klar ist aber, dass die Zahl der Ehrenamtlichen weiter schrumpfen wird. Allein bei den freiwilligen Feuerwehren in Bayern wird wegen der Altersgrenze von 67 Jahren bis 2040 schätzungsweise ein Drittel der heutigen Aktiven ausscheiden. Und die Zahl junger Menschen, die nachrücken, wird nicht ausreichen, um einen Rückgang zu verhindern.
Wozu das führen kann, lässt sich gerade in Schleswig-Holstein beobachten. Dort wurden in den vergangenen Jahren wegen des Personalmangels mehrere freiwillige Wehren in Pflichtfeuerwehren umgewandelt – ein Instrument, das das Gesetz überall in Deutschland vorsieht, um den Brandschutz sicherzustellen. Wer in einer betroffenen Gemeinde wohnt, kann verpflichtet werden, Dienst bei der Feuerwehr zu leisten.
Spätestens in diesen Wochen [im Herbst 2025], in denen an europäischen Flughäfen immer öfter Drohnen gesichtet werden, wird klar, wie wichtig der Bevölkerungsschutz ist. Und gerade jetzt fehlt es an ehrenamtlichen Helfern. […] Ob Deutschland heute besser vorbereitet ist als am Anfang von Putins Krieg? [Max von Treuberg] schüttelt den Kopf. „Wenn morgen der Ernstfall eintreten würde, wirklich massiv und flächendeckend, wären wir nicht vorbereitet.“ [Viele] Strukturen [seien] seit dem Ende des Kalten Kriegs „eingeschlafen“, sagt er. „In ganz München gibt es keine feste Sirene mehr.“ Warnungen laufen über Apps oder mobile Sirenen, aber was, wenn das Netz zusammenbricht, wie im Ahrtal? „Dann bringt mir die schönste App nichts.“
Und die Technik ist ja nur das eine. Das andere sind die Menschen. […] Die Leute müssten verstehen, was im Ernstfall passiere, und wissen, wie sie selbst reagieren können. „Was mache ich, wenn es mitten in der Nacht zu einem Blackout oder Angriff kommt und keine Zeit bleibt, noch Taschen zu packen?“ Dann kommt es auf die kleinen Dinge an: eine gepackte Tasche, genügend Wasser im Keller, genügend Nudeln. Und auf Menschen, die vom Tisch aufspringen, wenn der Pager piept.
Sebastian Strauß (Text) und Paul Dittmann (Fotos), „Und dann muss Papa wieder weg“, Süddeutsche Zeitung vom 7. Oktober 2025. Online: Externer Link: www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/ehrenamt-feuerwehr-bevoelkerungsschutz-zivilschutz-putin-e337308/
Beiträge des Sozialsystems, der Zivilgesellschaft und Spontanhilfe
Der soziale Zusammenhalt einer Gesellschaft beeinflusst ihre Fähigkeit, mit Extremereignissen, Schocks und Krisen umzugehen (
Im Zuge der zuvor genannten gesellschaftlichen Entwicklungen und der Digitalisierung ist eine steigende Vielfalt des krisen- und katastrophenbezogenen Engagements zu beobachten. In den vergangenen Jahren engagierten sich neben den Einsatzorganisationen und bestehenden zivilgesellschaftlichen Akteuren viele Menschen spontan und ohne vorherige Berührungspunkte im Bevölkerungsschutz, so zum Beispiel im Rahmen der Betreuung und Versorgung von Geflüchteten 2015/2016 und 2022, in der Coronapandemie seit 2020 und nach der Flutkatastrophe 2021. Sie übernehmen dabei sowohl Tätigkeiten, die zu den Aufgaben des Bevölkerungsschutzes zählen, als auch solche, die weit darüber hinaus gehen.
Mithilfe sozialer Medien und digitaler Kommunikations- und Koordinierungsmöglichkeiten können sich Helfende auch ohne vorherige Organisationsstrukturen sehr schnell und effektiv vernetzen. Beispielsweise entstanden rund um die Erstaufnahme von Geflüchteten aus der Ukraine im Frühling 2022 innerhalb kürzester Zeit Chatgruppen, über die sich Helfende informiert und abgesprochen haben. Binnen weniger Tage wurde im Berliner Hauptbahnhof eine Anlaufstelle eingerichtet, an der spontan hilfsbereite Menschen die Ankommenden mit Essen, Kleidung und Informationen versorgten und an (Privat-)Unterkünfte vermittelten. Erst nach einigen Wochen übernahm der Verein Berliner Stadtmission im Auftrag des Berliner Senats die Koordination. Während der Coronapandemie haben sich viele Menschen der Lage entsprechend eher dezentral im Rahmen der Nachbarschaftshilfe eingebracht und teils über Suche-Biete-Plattformen vernetzt. Neben der direkten Hilfe vor Ort engagieren sich Menschen auch rein digital, beispielsweise durch die Weitergabe von Informationen, die Entwicklung von Apps zur Koordination der Hilfe oder über die Eintragung von Geodaten in digitale Karten für Kriseneinsätze zum Beispiel im Rahmen von Mapathons, die der Erstellung von digitalen Karten dienen.
Helfende, die sich ohne Bindung an eine Einsatzorganisation in der Krisen- und Katastrophenbewältigung engagieren, werden als
Während einige Helfende enger mit Einsatzorganisationen zusammenarbeiten bzw. diese unterstützen, helfen andere ganz unabhängig und autark. In beiden Fällen kann das Zusammenwirken der verschiedenen Akteure Herausforderungen bergen. So kann es unter Spontanhelfenden zur Selbstüberschätzung und -gefährdung kommen, beispielsweise, wenn Informationen über Gefahrengebiete fehlen oder diese missachtet werden. Es gibt auch Fälle, in denen Menschen sich in die Krisen- und Katastrophenbewältigung einbringen und zugleich Falschnachrichten verbreiten oder aktiv gegen Einsatzakteure vorgehen bzw. diese bewusst behindern, beispielsweise um eigene (politische) Ziele zu verfolgen.
Die Aktivitäten von Spontanhelfenden sind aus Sicht von Einsatzkräften häufig unberechenbar und erhöhen die Komplexität des Einsatzmanagements. Gleichzeitig zeigen sich viele Einsatzkräfte verunsichert, wie sie Spontanhelfenden konstruktiv begegnen und gegebenenfalls mit ihnen zusammenarbeiten können. Auch wenn es Konzepte und Handlungshilfen zur Zusammenarbeit mit Spontanhelfenden und zivilgesellschaftlichen Akteuren gibt, sind diese in den meisten Behörden und Organisationen noch im Prozess der Verbreitung, Anpassung und Umsetzung. So wussten die Angehörigen der Feuerwehren, der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk und der Hilfsorganisationen nach den Flutereignissen 2021 zunächst nicht, wie sie mit den zehntausenden Engagierten umgehen sollten, die mit Spaten in der Hand in das Katastrophengebiet reisten, dabei unabsichtlich Straßen und Rettungswege blockierten und sich durch unzureichende Schutzkleidung Verletzungen, Krankheitserregern oder Giftstoffen aussetzten. Auch Unkenntnis über die jeweiligen Strukturen, Prozesse und Qualifikationen kann zu Missverständnissen, Fehleinschätzungen, gegenseitiger Skepsis oder Konkurrenzempfinden führen. Die Flexibilität der Spontanhelfenden steht zudem teilweise im Widerspruch zu Einsatzabläufen, -hierarchien, -regularien und Sicherheitsvorkehrungen. So können oder dürfen die Einsatzorganisationen aus (datenschutz-)rechtlichen oder einsatztaktischen Gründen Einsatzinformationen oftmals nicht über soziale Medien teilen oder die vielfältigen Kommunikationskanäle der Spontanhelfenden nutzen, was die Zusammenarbeit erschweren kann. In den vergangenen Jahren wurden viele Schritte eingeleitet, um diesen Herausforderungen zu begegnen und eine wertschätzende Zusammenarbeit zu ermöglichen. Hierzu wurden Leitfäden und Handlungsempfehlungen erarbeitet, Ausbildungscurricula überarbeitet sowie Apps und IT-Lösungen zur Koordinierung mit Spontanhelfenden entwickelt.
QuellentextFallbeispiel: Zusammenarbeit bei der Katastrophe im Ahrtal
Im Juli 2021 kam es im Nachgang heftiger Regenfälle in Teilen von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen zu schwerwiegenden Flutereignissen mit über 180 Todesopfern und einer großflächigen Zerstörung von Privathäusern und Infrastrukturen wie Bahnstrecken, Straßen, Schulen, Krankenhäusern und Geschäften. In den ersten Tagen und Wochen danach waren mehrere tausend Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehren, des THW sowie weiterer Hilfsorganisationen im Einsatz. Hinzu kamen Kräfte der Bundespolizei, des Bundeskriminalamts sowie Angehörige der Bundeswehr. Neben diesen offiziellen Einsatzkräften unterstützten laut Schätzungen in den ersten Monaten rund 100.000 privat Helfende im Rahmen von Vereinen, bestehenden oder neu gegründeten Netzwerken und Initiativen oder auch als Einzelpersonen die Aufräumarbeiten sowie die Versorgung von Betroffenen. Eine informelle Liste von tätigen Gruppen, Initiativen und Portalen zählte im Jahr nach der Flut über 800 Einträge. Erleichtert wurden die Vernetzung und Kommunikation durch die Nutzung sozialer Medien und digitaler Plattformen. Die Helfenden haben dabei Tätigkeiten übernommen, die weit über den Verantwortungsbereich des Bevölkerungsschutzes hinausgehen (z. B. Aufräum- und Renovierungsarbeiten, Reparaturen oder Unterstützung mit Anträgen), und teilweise auch direkt mit Einsatzorganisationen zusammengearbeitet (z. B. haben Landwirtinnen und Landwirte mit Traktoren die Evakuierungsprozesse unterstützt). Einige spontan gegründete Initiativen – wie das Helfer-Shuttle im Ahrtal oder der Helferstab Katastrophenhilfe gGmbH – haben explizit eine Brückenfunktion zwischen den Helfenden und den Behörden und Einsatzorganisationen eingenommen. Während sich manche Gruppen schnell wieder auflösten, haben sich andere über Monate gehalten, fortentwickelt und teilweise auch verstetigt.
Breites Akteursspektrum und Formen der Zusammenarbeit
Mit einer wachsenden Intensität von Krisen und Katastrophen steigen sowohl die Anforderungen an den Bevölkerungsschutz als auch die Belastung der verschiedenen Akteure. In der Umfrage der Katastrophenforschungsstelle von 2023 gaben über 80 Prozent der befragten Einsatzkräfte an, dass sie mit einer Zunahme der Einsatzhäufigkeit, der Einsatzdauer, der Komplexität von Einsatzlagen sowie der Hilfsbedarfe der Bevölkerung rechnen. Das liegt einerseits an der Veränderung von Gefahrenlagen – wenn beispielsweise im Zuge des Klimawandels Starkregenereignisse, Dürren und extreme Hitzewellen wahrscheinlicher werden und außerdem digitale Abhängigkeiten,
Vor diesem Hintergrund sowie im Hinblick auf die oben geschilderten veränderten Rahmenbedingungen für das Ehrenamt im Bevölkerungsschutz wird ein Zusammenwirken der verschiedenen Akteursgruppen immer notwendiger, um auch künftige Krisen und Katastrophen gut bewältigen zu können. Menschen, die sich außerhalb der Behörden und Organisationen im Bevölkerungsschutz einbringen, können die Einsatzkräfte entlasten, weiterführende Aufgaben übernehmen und damit auch die gesamtgesellschaftliche Resilienz stärken.
Zur Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den Verwaltungen und Einsatzorganisationen einerseits und den privaten zivilgesellschaftlich, nachbarschaftlich und/oder spontan organisierten Hilfsinitiativen andererseits, entwickeln viele Einsatzorganisationen und Behörden aktuell Konzepte, Strategien, rechtliche Rahmenbedingungen, Zuständigkeiten sowie Aus- und Fortbildungen weiter, und bauen Ressourcen aus. Für Einsatzorganisationen und Verwaltungen ist es jedoch mit Blick auf ihre begrenzten Kapazitäten sowie geltende Einsatzrichtlinien nicht immer möglich, sich in der akuten Lagebewältigung aus dem Stegreif heraus mit externen Akteuren zu koordinieren und zu kooperieren. Neuere Ansätze sehen daher vor, längerfristige Kollaborationen durch eine bereits im Alltag angelegte Vernetzung zwischen Behörden und Organisationen im Bevölkerungsschutz einerseits und den Kontakt zu neu auftretenden zivilgesellschaftlichen Initiativen, die Engagierte bündeln und koordinieren, andererseits zu fördern. Ferner können Spontanhelfende durch die Registrierung in Helferpools Einsatzorganisationen sowohl in Alltagsnotfällen (z.B. über Apps zur Ersthelferalarmierung) als auch in Katastrophen (z.B. über die DRK TEAM-Strukturen wie in Bayern oder über Apps wie „Mobile Helfer“, die sich in Entwicklung befinden) konkret unterstützen. Behörden und Einsatzorganisationen wiederum können ihre eigenen Einsatzkräfte schulen und über ihre Öffentlichkeitsarbeit Hinweise an die Bevölkerung weitergeben, beispielsweise zur Lageentwicklung, zu Hilfsbedarfen, zu angemessener Kleidung und Arbeitsmaterialien, zum Versicherungsschutz sowie zu Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit.
Lagebewältigung und Stärkung der gesamtgesellschaftlichen Resilienz durch das Zusammenspiel verschiedener Engagementgruppen. Quelle: Eigene Darstellung nach Sara T. Merkes und Theresa Zimmermann
Lagebewältigung und Stärkung der gesamtgesellschaftlichen Resilienz durch das Zusammenspiel verschiedener Engagementgruppen. Quelle: Eigene Darstellung nach Sara T. Merkes und Theresa Zimmermann
Diese organisatorischen, kommunikativen und technischen Ansätze seitens der Behörden und Organisationen können als Anpassungsprozess an die gesellschaftlichen Veränderungen betrachtet werden, um Engagement für und mit Einsatzorganisationen auch außerhalb eines langfristigen Ehrenamts einzubinden, zu fördern und wertzuschätzen. Letztlich bedarf es eines gegenseitigen Verständnisses für die unterschiedlichen Fähigkeiten, Herangehensweisen, Verantwortlichkeiten und Rahmenbedingungen und einen respektvollen und wertschätzenden Umgang auf Augenhöhe. Eine abgestimmte Politik zwischen Bund, Ländern und Kommunen kann dafür ebenso unterstützend wirken wie ein gesamtgesellschaftlicher Austausch über Erwartungen, Möglichkeiten und Grenzen der individuellen und kollektiven Hilfsbereitschaft.