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Informationen zur politischen Bildung Nr. 365/2025

Die Bevölkerung im Bevölkerungsschutz

Cordula Dittmer Daniel F. Lorenz

/ 9 Minuten zu lesen

Die Möglichkeiten, Katastrophen zu bewältigen, sind ungleich verteilt. Trotz großer Hilfsbereitschaft während und nach Katastrophen erschweren fehlende Vorsorge und Mythen die Bewältigung von Krisen.

(© Tobi Dahmen, www.tobidahmen.de)

Menschen bewältigen Interner Link: Krisen und Interner Link: Katastrophen sehr unterschiedlich. Die sozialwissenschaftliche Katastrophenforschung weist darauf hin, dass „die“ Bevölkerung höchst vielfältig ist und analysiert seit Jahrzehnten, welche Faktoren die Bewältigung von und die Reaktion auf Katastrophen beeinflussen. Diese Faktoren sind abhängig von der individuellen und sozialen Situation, der Art des Ereignisses oder auch der zur Verfügung stehenden Ressourcen. Dazu zählen neben wirtschaftlichen Faktoren und sozialer Ungleichheit auch psychologische Aspekte wie Ängste sowie Verhaltensweisen (unter anderem Hilfsbereitschaft und ehrenamtliches Engagement), Interner Link: Vorsorge oder Informationsbedürfnisse. Für die Praxis des Interner Link: Bevölkerungsschutzes bedeutet dies, dass bestimmte Gruppen von Personen in Krisen und Katastrophen besonders Interner Link: vulnerabel, also verletzlich, sind. Dies nicht, weil sie es von Natur aus sind, sondern weil bestimmte Bedürfnisse, nicht (mehr) ausreichend befriedigt werden können. Das bedeutet, dass Personen oder Gruppen in bestimmten Situationen vulnerabel sein können – dies aber keinesfalls immer und überall gilt.

Vergangene Extremereignisse wie die Hochwasser- und Starkregenereignisse in Westdeutschland 2021 oder im spanischen Valencia 2024 haben gezeigt, dass sich Betroffene keineswegs hilflos oder passiv verhalten, wie dies vereinfachende Vorstellungen von „Katastrophenopfern“ oder vulnerablen Personen oder Gruppen nahe legen. Sie handeln schnell, helfen einander und organisieren Unterstützung, oft lange bevor professionelle Hilfe eintrifft. Interner Link: Spontanhelfende retten andere Menschen, leisten Erste Hilfe, informieren Behörden, beruhigen Angehörige und unterstützen Einsatzkräfte. Es ist keineswegs ungewöhnlich, dass Betroffene selbst tagelang oder sogar über Wochen Hilfe leisten und das in der Regel unter schwierigen Bedingungen, in denen unter Umständen große Teile der Infrastruktur zerstört oder auch Menschen zu Schaden gekommen sind. Häufig schließen sich Menschen in Gruppen zusammen, um gemeinsam akute Probleme zu lösen oder den Wiederaufbau zu planen. Dabei entstehen oft besondere Formen von Gemeinschaft, geprägt durch ein starkes Gefühl der Verbundenheit und gegenseitigen Unterstützung, was vielfach über soziale Grenzen hinweg funktioniert.

Diese Beobachtungen haben einen wichtigen Einfluss auf die vor allem von staatlichen Akteuren gestellte Frage, wie Katastrophenvorsorge in der Bevölkerung gestärkt werden kann. Immer mehr Programme setzen heute darauf, die Selbsthilfe- und Anpassungsfähigkeit – man spricht auch von Interner Link: Resilienz – von Gemeinschaften zu stärken. Dies ist besonders wichtig, da in einer großen Schadenslage die für den Bevölkerungsschutz zuständigen Organisationen auch ihre eigenen Ressourcen priorisieren müssen und nicht allen betroffenen Personen zeitgleich helfen können. Hilfe wird zunächst Personen oder sozialen Gruppen geleistet, die in der Situation als besonders vulnerabel angesehen und deren Bedarfe entsprechend von den zuständigen Akteuren anerkannt werden. Erst danach können sich die Einsatzkräfte auch um andere Betroffene kümmern. Je nachdem, wie stark eine Region von einem extremen Ereignis getroffen wird, ist sowohl physische als auch psychosoziale Unterstützung in der Bewältigung oft noch Monate bis Jahre danach notwendig.

QuellentextVulnerabilität in Katastrophen

Personen oder Gruppen sind unterschiedlich von einer Katastrophe betroffen. Die Betroffenheit hängt davon ab, welche Fähigkeiten, ökonomischen oder sozialen Ressourcen zur Verfügung stehen, um mit einer extremen Situation umzugehen: Die Forschung zu Katastrophen zeigt zum Beispiel, dass ökonomisch besser gestellte Menschen bei der Wahl ihres Wohnortes auch Sicherheitserwägungen einfließen lassen können. Sie können sich sichere Wohngegenden und -gebäude sowie mehr Schutzmaßnahmen leisten und verfügen über finanzielle Ressourcen, um nach Katastrophen deutlich schneller Gebäude und Infrastrukturen wiederaufzubauen, was für ökonomisch schlechter gestellte Personen außerhalb ihrer Möglichkeiten liegt. Es kann jedoch auch sein, dass in einer Katastrophe auf einmal andere Ressourcen Bedeutung erhalten, die nicht auf Vermögen beruhen, sondern beispielsweise auf speziellen handwerklichen Fähigkeiten oder sozialen Netzwerken und damit das finanzielle Kapital, wenigstens für einen gewissen Zeitraum, weniger Bedeutung hat: So kann in einer Katastrophe ein großes und leistungsstarkes Beziehungsnetzwerk sehr viel mehr Hilfe leisten als große Summen auf der Bank, an die man nicht rankommt. Die individuelle sowie kollektive Anfälligkeit für Kata­stro­phen wird als Vulnerabilität, also Verletzlichkeit, bezeichnet. Wichtig ist, dass Vulnerabilität keine persönliche unveränderbare Eigenschaft ist, sondern Resultat wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Prozesse. Faktoren, die Vulnerabilität in Katastrophen verstärken können, sind neben Einkommen/Vermögen unter anderem auch Geschlecht, körperliche Einschränkungen, Bildungshintergrund oder religiöse Aspekte. Teilweise können Betroffene ihre Vulnerabilität kompensieren. So sind beispielsweise Menschen mit geringen Deutschkenntnissen vulnerabel, wenn Warnungen ausschließlich auf Deutsch kommuniziert werden, zugleich kann diese Vulnerabilität jedoch zum Teil durch eine effektive Nutzung eines Smartphones ausgeglichen werden. Entscheidender ist jedoch, ob und inwieweit unterschiedliche Formen der Vulnerabilität gesellschaftlich und politisch als wichtige Aspekte der Katastrophenvorsorge und -bewältigung anerkannt werden: Wenn Warnungen von vornherein auf verschiedenen Sprachen und über verschiedene Warnkanäle kommuniziert werden, hängt das Verstehen von Warnungen nicht mehr daran, ob jemand über ein Smartphone verfügt und dieses Warnungen richtig übersetzt.

Für eine wirksame Katastrophenvorsorge und -bewältigung ist zudem entscheidend, dass Katastrophen von unterschiedlichen Gruppen und Individuen unterschiedlich wahrgenommen und erlebt werden. Neben einer messbaren objektiven Betroffenheit (z. B. versicherte Schäden am Eigentum), spielt auch die subjektive Bewertung der eigenen Betroffenheit eine wichtige Rolle.

Katastrophen sind also keine „Gleichmacher”, sondern spiegeln vielmehr soziale Ungleichheiten wider, können diese verstärken und sind in ihren Auswirkungen auch davon abhängig, wie die Personen ihre eigene Betroffenheit wahrnehmen.

Wie stark die Vulnerabilität die Überlebenschancen beeinflusst, veranschaulicht beispielsweise der Untergang des britischen Passagierschiffs RMS Titanic 1912: Frauen und Kinder hatten durch die soziale Norm „Frauen und Kinder zuerst“, die teilweise von der Schiffscrew mit Waffen durchgesetzt wurde, tendenziell höhere Überlebensraten als Männer, jedoch galt dieser Vorteil primär für Passagiere der ersten und zweiten Klasse. Reisende der dritten Klasse, unabhängig von Geschlecht oder Alter, waren deutlich vulnerabler, da sie schlechtere Kabinenlagen und seltener Zugang zu Rettungsbooten hatten. Somit wirkte hier soziale Klasse als entscheidender Faktor von Verletzlichkeit, während das Geschlecht in seinem Effekt durch die Klassenzugehörigkeit überlagert wurde.

Katastrophenmythen

In Katastrophenfilmen und Medienberichten nach und über Katastrophen wird häufig das Bild vermittelt, dass Katastrophen unweigerlich zu Chaos, Gewalt oder antisozialem Verhalten führen und Menschen panisch reagieren oder plündern. Diese Bilder sind emotional stark, fesselnd, vielleicht auch unterhaltsam, aber wissenschaftlich betrachtet falsch. Es handelt sich hierbei um „Kata­strophenmythen“, die übertriebene Vorstellungen menschlichen Verhaltens in Katastrophen beschreiben, jedoch kaum in realen Fällen auftreten. Die sozialwissenschaftliche Forschung konnte in vielen empirischen Analysen zeigen, dass derartiges Verhalten selten auftritt und diese seltenen Fälle in einem größeren gesellschaftlichen Kontext betrachtet werden sollten, damit Katastrophen­mythen nicht zur Grundlage von politischen und öffentlichen Diskussionen werden.

QuellentextFallbeispiel Hurrikan Katrina

Hurrikan Katrina, der im Jahr 2005 große Teile der US-amerikanischen Südküste, insbesondere die Stadt New Orleans, verwüstete, gilt bis heute als Beispiel dafür, wie Katastrophenmanagement möglichst nicht funktionieren sollte und welche fatale Rolle Katastrophenmythen dabei spielen können. Der Katastrophenforscher Enrico L. Quarantelli (1924–2017) sprach sogar von der „schlechtesten Bewältigung einer Katastrophe“, die er je analysiert habe. Der Hurrikan selbst war ein Naturereignis; die zuvor bestehende soziale Ungleichheit und Vulnerabilität in New Orleans sowie die humanitäre Katastrophe wurden jedoch vor allem durch politische Versäumnisse und Fehlentscheidungen verursacht.

Die Katastrophe zeigte nicht nur die physische Anfälligkeit der Stadt gegenüber dem Hurrikan, sondern legte auch tiefe gesellschaftliche Ungleichheiten offen, die die Auswirkungen des Sturms massiv verstärkten. Vor Hurrikan Katrina war die Vulnerabilität in New Orleans stark durch soziale und ökonomische Faktoren geprägt. Viele Stadtteile, insbesondere jene mit einem hohen Anteil afroamerikanischer und einkommensschwacher Einwohnerinnen und Einwohner, befanden sich in tief liegenden Gebieten unterhalb des Meeresspiegels und waren durch unzureichend gewartete Dämme und Pumpensysteme besonders gefährdet. Die Überschwemmungen trafen daher also primär strukturell benachteiligte Viertel. Die Rettungsmaßnahmen erreichten diese Viertel oft erst nach einigen Tagen, sodass die Betroffenen zunächst ohne Hilfe auskommen mussten.

In den Tagen nach dem Sturm dominierten in den Medien Bilder und Schlagzeilen, die das Bild eines völligen Zusammenbruchs der öffentlichen Ordnung zeichneten. Zeitungen berichteten über angebliche massenhafte Plünderungen, Anarchie sowie extreme Gewalt und Schlagzeilen wie „Reich der Plünderer“ oder „Schlangengrube der Gesetzlosigkeit“ machten die Runde. In Talkshows kursierten sogar Berichte über Massenvergewaltigungen und Gewaltausbrüche im städtischen Stadion, dem Superdome, in dem tausende Menschen, die nicht evakuiert werden konnten, Schutz suchten. Rassistische Stereotype spielten bei der Beschreibung der vermeintlichen Zustände in New Orleans – und damit auch für die Fortschreibung der Katastrophenmythen – eine zentrale Rolle. Diese Berichte stellten sich später fast vollständig als falsch heraus. Sowohl eine Untersuchung des US-Senats als auch mehrere wissenschaftliche Studien kamen zu dem Schluss, dass die Berichte übertrieben und in vielen Fällen schlicht erfunden waren.

Tatsächlich zeigte sich nach Katrina ein ganz anderes Bild: Die meisten Menschen handelten solidarisch. Sie halfen einander, organisierten Nahrungsmittel, versorgten Verletzte und boten Unterkünfte an. Zwar kam es vereinzelt zu Einbrüchen in Supermärkte, jedoch wurden dabei meistens Wasser, Medikamente oder Lebensmittel entwendet. Es ging somit vornehmlich um die Sicherung des Überlebens, weil staatliche Hilfe die Betroffenen tagelang nicht erreichte. Trotzdem konzentrierten sich die Behörden auf solche Vorfälle. Anstatt humanitäre Hilfe zu leisten, behandelten sie viele Betroffene wie potenzielle Kriminelle.

Ein Teil der Erklärung liegt in der politischen Rahmung der Ereignisse. Die Katastrophe wurde nicht nur als Natur­ereignis, sondern als sicherheitspolitisches Risiko eingeordnet – und zwar in einer Zeit, in der der „Krieg gegen den Terror“ und der Irakkrieg die politische Debatte in den USA bestimmten. Begriffe wie „Kriegsgebiet“ wurden zur Beschreibung der Situation genutzt und der Eindruck erweckt, man habe es mit einer von extremer Gewalt geprägten Situation, nicht mit einer Katastrophe zu tun. Rettungskräfte zögerten ihren Einsatz hinaus oder wurden nicht zur Einsatzstelle gelassen, weil die Sicherheitskräfte zunächst eine angebliche „Plünderungswelle“ eindämmen wollten, wofür 1500 Polizistinnen und Polizisten von den Rettungsmaßnahmen abgezogen wurden. Ausgangssperren erschwerten die gegenseitige Hilfe unter Betroffenen, viele wurden wie Kriminelle behandelt, nicht wie Opfer eines extremen Naturereignisses, die eigentlich Hilfe bedurften.

Die rassistischen Narrative über New Orleans als Ort der Gesetzlosigkeit und der Gewalt legitimierten indirekt die militarisierte Polizeipräsenz und verzögerten humanitäre Hilfe, da afroamerikanische Stadtteile eher als Sicherheitsrisiko, denn als vulnerable Gemeinschaften betrachtet wurden. Zudem führten diese Stereotype dazu, dass die strukturelle Benachteiligung und Armut vieler Betroffener nicht als Resultat systemischer Diskriminierung verstanden, sondern individualisiert und moralisch abgewertet wurde. So bestärkte die Katastrophenberichterstattung bestehende rassistische Ungleichheitsverhältnisse und prägte öffentliche sowie politische Reaktionen auf die Katastrophe entscheidend. Es wird vermutet, dass hunderte Menschen zusätzlich gestorben sind oder verletzt wurden, weil Hilfe zu spät kam oder gar ausblieb. Das Beispiel von Hurrikan Katrina zeigt, wie Katastrophen durch gesellschaftliche Deutungen und politische Entscheidungen geprägt sind und dass Katastrophenmythen, Vorurteile und Stereotype reale und im Falle von Katastrophen sogar tödliche Folgen haben können.

Antisoziales Verhalten – also etwa Plünderungen, Gewalt oder das gezielte Ausnutzen der Not anderer – entsteht, wenn es überhaupt im Kontext von Katastrophen auftritt, nicht durch die Katastrophe selbst, sondern spiegelt meist den Zustand der Gesellschaft vor der Katastrophe wider, wenn dort bereits langanhaltende Konflikte, soziale Ungleichheit oder politischer Zerfall vorherrschten. Selbst unter diesen schwierigen Bedingungen überwiegen jedoch fast immer prosoziale Verhaltensweisen: Menschen helfen sich gegenseitig, organisieren Hilfe, schaffen Strukturen zur Bewältigung und übernehmen füreinander Verantwortung. Betroffene erleben insbesondere in den ersten Phasen nach einer Katastrophe Gemeinschaft, Solidarität und Verbundenheit durch das gemeinsam erlebte Schicksal.

Dieses Gemeinschaftsgefühl löst sich jedoch vielfach im weiteren Bewältigungsprozess auf und es kann zu Konflikten kommen. Insbesondere in Gesellschaften, in denen technische Lösungen wie beispielsweise hochfunktionale Warnsysteme, Hochwasserschutz durch Deiche oder Hochwassermodellierung und das Vorhandensein von Notstromaggregaten eine große Rolle für den Schutz vor Risiken und Gefahren spielen, stellen sich im Interner Link: Katastrophenfall schnell Fragen nach politischer und individueller Verantwortlichkeit mit den entsprechenden Schuldzuweisungen. In diesem Sinne sind Katastrophen immer wieder Gegenstand politischer und gesellschaftlicher Kontroversen, da durch sie verschiedene Weltbilder und Vorstellungen angesichts fundamentaler Fragen von Leben und Tod, Macht, Ungleichheit und Betroffenheit aufeinanderprallen.

Warum Panik und Plünderung selten die Realität sind

Mehr als 75 Jahre Katastrophenforschung haben gezeigt: Panik ist ein seltenes Verhalten, das nur unter ganz bestimmten Umständen auftritt. Und auch Plünderungen sind kein typisches Merkmal von Katastrophen, sondern treten meist in ohnehin angespannten gesellschaftlichen Zuständen auf, zum Beispiel bei sozialen Unruhen.

Panik bedeutet, dass Menschen in einer gefährlichen Situation die Kontrolle verlieren, vollkommen unüberlegt und ohne Rücksicht auf ihre Mitmenschen fliehen – und diese dabei verletzen oder gar niedertrampeln. Damit es zu Panik kommt, müssen mehrere Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein. Eine Gefahr muss als unmittelbar und lebensbedrohlich wahrgenommen werden. Gleichzeitig muss es so wirken, als gäbe es kaum noch Möglichkeiten zur Flucht, und es dürfen kaum Informationen oder Orientierungshilfen verfügbar sein. Oft ist Panik auch mit einem plötzlichen Gefühl der Desorientierung verbunden. Menschen merken dann, dass ihre bisherigen Annahmen über die Situation nicht mehr passen, aber sie wissen noch nicht, wie sie sich neu orientieren können und sollen.

Die folgenden Kriterien sind entwickelt worden, um zu erkennen, wann Panikverhalten wahrscheinlich ist:

  • die Wahrnehmung einer unmittelbaren Gefahr,

  • das Gefühl, in einer Falle zu sitzen,

  • der Eindruck, der Situation völlig ausgeliefert zu sein,

  • und das Fehlen sozialer Unterstützung oder Orientierung durch andere.

Solche Bedingungen sind jedoch selten gleichzeitig erfüllt, weshalb Panik ein Ausnahmephänomen bleibt.

Die meisten Ereignisse, die medial als „Panik“ oder gar „Massenpanik“ bezeichnet werden, zeigen nicht die genannten Eigenschaften, sondern resultieren vielmehr aus einer falschen Planung und einem falschen Management von großen Menschenmassen, daher ist die Bezeichnung Massenunglück in den meisten Fällen auch zutreffender. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist das Unglück bei der Technoparade Loveparade in Duisburg: Am 24. Juli 2010 ereignete sich ein schweres Unglück, bei dem 21 Menschen ihr Leben verloren und über 650 verletzt wurden. Vor Ort kam es zu einem fatalen Zusammenspiel aus mangelhafter Planung, unzureichender Kommunikation von Sicherheitskräften und einer räumlich problematischen Infrastruktur. Der einzige Zu- und Ausgang zum Festivalgelände führte durch einen engen Tunnel- und Rampenbereich. Die Situation geriet bei starkem Besucherandrang schließlich außer Kontrolle. Menschen erstickten, weil sich zu viele Personen auf zu engem Raum befanden und von hinten in Unkenntnis der Situation weiter Menschen auf das Gelände strömten. Selbst wenn es hierbei zu individuellen Panikreaktionen gemäß den oben genannten Kriterien kam, so war die Ursache für die Toten und Verletzten nicht die Panikreaktionen, sondern vielmehr die Fehler bei der Planung und Durchführung der Veranstaltung. Die Panikreaktion war allenfalls eine weitere Folge, die jedoch die bestehende Gefahrensituation kaum mehr veränderte.

Auch Plünderungen werden in der Öffentlichkeit oft mit Katastrophen in Verbindung gebracht. Doch auch hier zeigt sich: Katastrophen führen nur äußerst selten zu einer massiven Zunahme von Kriminalität in Form von Eigentumsdelikten wie Diebstahl oder zur Zerstörung von Eigentum. Zwar kann in Katastrophen die statistische Erfassung von Delikten ausgesetzt sein, weil die Polizei mit anderen Aufgaben beschäftigt ist. Befunde aus Jahrzehnten der Katastrophenforschung zeigen jedoch, dass in Katastrophen Kriminalitätsraten eher sinken und die Hilfsbereitschaft und gegenseitige Unterstützung eher steigen. Für eine aussagekräftige Interpretation der Kriminalität in und nach Kata­stro­phen ist es vielmehr erforderlich, diese ins Verhältnis zu den Kriminalitätsraten vor dem Ereignis zu setzen. So wird es in von Gewalt und hohen Kriminalitätsraten geprägten Orten auch in Kata­stro­phen vermutlich entsprechende Vorfälle geben, auch wenn in der Regel nicht mit einer massiven Zunahme zu rechnen ist. Zudem muss der genaue Tatkontext betrachtet werden: Ist die Aneignung von Lebensmitteln oder Wasser als Diebstahl zu bewerten, wenn im Katastrophengebiet über Tage Hilfe ausbleibt und Betroffene diese Güter dringend zum Überleben benötigen?

Gleichzeitig weisen Forschende darauf hin, dass spezifische Formen von Kriminalität nach Katastro­phen durchaus zunehmen können, jedoch nicht in Form von Gewaltverbrechen, sondern vor allem wirtschaftliche Vergehen. Dazu zählen etwa Versicherungsbetrug, Abrechnungsmanipulationen oder Preiswucher, bei dem Wasser, Strom oder Medikamente in einer Notlage zu überhöhten Preisen verkauft werden.

Mythen über Panik und Plünderungen lenken nicht nur vom tatsächlichen Verhalten während Katastrophen sowie realen Problemen bei der Katastrophenbewältigung ab, sondern können politische Reaktionen prägen, etwa durch überzogene Sicherheitsmaßnahmen oder einem verstärkten Misstrauen gegenüber Betroffenen. Eine informierte Öffentlichkeit und ein differenzierter Blick auf Krisen und Katastrophen sind daher essenziell für eine wirksame Katastrophenvorsorge und -bewältigung.

Wie können sich Menschen besser vor Katastrophen schützen?

Möglichkeiten der Katastrophenvorsorge und -hilfe für Bürgerinnen und Bürger. Quelle: Eigene Darstellung nach Cordula Dittmer und Daniel F. Lorenz

Grundsätzlich sind Privatpersonen aufgrund des Interner Link: Subsidiaritätsprinzips zunächst selbst dafür verantwortlich, sich vor einem Notfall oder einer Katastrophe zu schützen. Interner Link: Selbsthilfemaßnahmen können zum Beispiel das Anlegen eines Notvorrates, die Aneignung von Erste-Hilfe-Kenntnissen, die Fähigkeit zum Löschen kleiner Brände oder auch Nachbarschaftshilfe sein. In den allermeisten Fällen sind Betroffene auch dazu im Stande, sich so lange zu unterstützen, bis Hilfe von außen eintrifft. Sowohl die EU als auch die deutschen Behörden empfehlen einen Vorrat an wichtigen Nahrungsmitteln, Wasser, Medikamenten und sonstigen notwendigen Gütern des täglichen Bedarfs für zumindest 72 Stunden, im besten Fall bis zu 10 Tagen.

Warum (manche) Menschen dennoch nicht vorsorgen

Einstellungen und Einschätzungen in Verbindung mit Notfallvorsorge. Quelle: Eigene Darstellung nach Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Stärkung der Handlungsfähigkeit der Bevölkerung in Krisen und Katastrophen. Informationen zur Notfallvorsorge bürgerzentriert und wirksam gestalten, Berlin 2026 (im Erscheinen).

Obwohl es eine Vielzahl an Informationsangeboten und auch Kampagnen gibt, sorgen bei weitem nicht alle Menschen wirklich in dem Maße vor, wie es staatliche Stellen empfehlen – sogar dann nicht, wenn sie selbst eine Katastrophe erlebt haben. In einer bundesweit repräsentativen Telefonbefragung des BBK im Zeitraum von November 2024 bis Januar 2025 zeigt sich, dass der Hälfte der Befragten durchaus bewusst ist, dass sie eine Eigenverantwortung zur Vorsorge haben. So stimmen 46 Prozent der Aussage zu, dass es an ihnen selbst liegt, Auswirkungen von Katastrophen und Notfällen auf ihren Alltag abzumildern, wenn auch mehr als die Hälfte (61%) die Bewältigung als Aufgabe des Staates ansieht.

Rund die Hälfte der Befragten in der BBK-Studie gibt an, bereits verschiedene Vorsorgemaßnahmen wie das Anlegen von Lebensmittel- oder Trinkwasservorräten zu treffen. Der Anteil derjenigen, die gezielt Vorsorge betrieben haben, ist unter den von Katastrophen Betroffenen deutlich höher als unter den Befragten, die noch nicht betroffen waren.

Umgesetzte Maßnahmen zur Notfallvorsorge – nach (früherer) Betroffenheit. Quelle: Eigene Darstellung nach Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Stärkung der Handlungsfähigkeit der Bevölkerung in Krisen und Katastrophen. Informationen zur Notfallvorsorge bürgerzentriert und wirksam gestalten, Berlin 2026 (im Erscheinen).

Ferner deuten die Ergebnisse der Studie darauf hin, dass das Bewusstsein dafür vorhanden sein muss, dass überhaupt eine Bedrohung für das eigene Wohl existiert, um Vorsorgemaßnahmen zu treffen. In einer vom Versicherungsdienstleister R+V Versicherung durchgeführten Langzeitbefragung zu den größten Ängsten in Deutschland rangieren Naturgefahren in der Erhebung von 2024 erst auf Platz 13. Davor finden sich vielfältige Ängste, die mit steigenden Lebenshaltungskosten und Krankheit, Folgen von Migration und politischem Extremismus zu tun haben. Die Mehrzahl der Menschen sorgt sich demnach vorrangig um andere Gefahren und Herausforderungen und setzt sich daher wenig mit Naturgefahren und Katastrophen auseinander.

Auch in der praktischen Umsetzung der individuellen Notfallvorsorge gibt es einige Hemmnisse: In der Befragung des BBK wird deutlich, dass ein Großteil derjenigen, die nicht gezielt vorgesorgt haben, erst reagiert, wenn der Notfall oder die Katastrophe eingetreten ist. Viele verlassen sich eher auf die Unterstützung von Familien oder Freundeskreis, als dass sie eigene Vorsorge betreiben würden. Einigen der Befragten fehlt die Zeit, sich mit Vorsorge zu beschäftigen oder sie erwähnen Platzprobleme. Die Motivation und Hemmnisse dafür, individuelle Vorsorge zu betreiben, sind also vielfältig und komplex. Um die Bevölkerung zu mehr Vorsorge für Katastrophen zu bewegen, braucht es daher sehr unterschiedliche Ansätze, die Information, bedarfsgerechte Kommunikation, aber auch sozialpolitische Maßnahmen miteinander verbinden.

Dr. Cordula Dittmer ist Katastrophensoziologin, von 2015–2025 an der Katastrophenforschungsstelle (KFS) der FU Berlin, seit 2025 als Senior Researcher an der Akademie der Katastrophenforschungsstelle (AKFS) und einer eigenen PartG („Undoing Disaster“) als Gesellschafterin tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen an der Schnittstelle von sozialwissenschaftlicher Forschung, Praxis und der Entwicklung von Beratungskonzepten für den Umgang mit Katastrophen in Vorsorge, Bewältigung und Wiederaufbau.

Dr. Daniel F. Lorenz ist Katastrophensoziologe und seit 2008 als wissenschaftlicher Mitarbeiter sowie Projektleiter an der Katastrophenforschungsstelle (KFS) der FU Berlin tätig. Im Rahmen verschiedener Projekte arbeitete er zu sozialwissenschaftlichen Fragestellungen im Kontext von Katastrophen, u. a. Vulnerabilität und Resilienz, Katastrophenmanagement (einschl. atypischer Lagen) und Verhalten in Extremsituationen.