Kommunikation im Bevölkerungsschutz ist besonders wichtig, um Menschen Handlungssicherheit zu geben. Bei verbreiteter Unsicherheit kommt es zu unerwarteten Folgen. Ein leeres Regal im Bereich der Hygieneartikel nach „Hamsterkäufen“ in der Coronapandemie, März 2020" setzen. (© picture-alliance/dpa, dpa-Zentralbild/ Robert Michael)
Kommunikation im Bevölkerungsschutz ist besonders wichtig, um Menschen Handlungssicherheit zu geben. Bei verbreiteter Unsicherheit kommt es zu unerwarteten Folgen. Ein leeres Regal im Bereich der Hygieneartikel nach „Hamsterkäufen“ in der Coronapandemie, März 2020" setzen. (© picture-alliance/dpa, dpa-Zentralbild/ Robert Michael)
Kommunikation in und über
Formen der Katastrophenkommunikation. Quelle: Eigene Darstellung nach Katja Schulze und Peter Windsheimer-Kolla
Formen der Katastrophenkommunikation. Quelle: Eigene Darstellung nach Katja Schulze und Peter Windsheimer-Kolla
Mit Blick auf die Kommunikation im Kontext von Katastrophen kann im Allgemeinem zwischen Krisenkommunikation und Risikokommunikation unterschieden werden. Krisenkommunikation, die auch
Krisenkommunikation
Im Kontext von Katastrophen ist eine Warnung eine offizielle Mitteilung, die die Bevölkerung über eine mögliche bevorstehende oder bereits eingetretene Gefahr informiert. Sie ist ein zentrales Element der
Die Krisenkommunikation umfasst darüber hinaus den gesamten Prozess der Informationsvermittlung während einer Katastrophe. In akuten Bedrohungslagen ist vieles unklar. Menschen sind verunsichert und haben einen hohen Informationsbedarf. In solchen Situationen sind schnelle, klare und glaubwürdige Informationen entscheidend. Krisenkommunikation informiert daher nicht nur über das, was bereits passiert ist oder voraussichtlich passieren wird, sondern auch über die akute Bedrohung und schützende Verhaltensweisen. Typische Handlungsanweisungen sind beispielsweise: „Suchen Sie sofort ein festes Gebäude auf“, „Meiden Sie Unterführungen und Keller“, oder „Schalten Sie elektrische Geräte ab“.
Im weiteren Verlauf der Katastrophe tritt die akute Warnung in den Hintergrund, und die Krisenkommunikation richtet sich stärker auf regelmäßige Updates, Hintergrundinformationen und die Koordination längerfristiger Maßnahmen. Beispiele dafür sind Informationen zu Evakuierungsunterkünften und Hilfsangeboten für Betroffene. Zum Ende der Katastrophe wird in der Regel eine Entwarnung gegeben. Erste Informationen zu Wiederaufbaumaßnahmen und Hilfsangeboten sowie Analysen und Bewertungen folgen.
Der Schwerpunkt der Krisenkommunikation liegt somit auf der Bewältigung einer konkreten Extremsituation, von der ersten Warnung über die längerfristige Koordination bis zur Nachbereitung. Ziel ist es, Schäden weitestgehend zu minimieren und Menschenleben zu schützen.
Risikokommunikation
Zur Kommunikation im Kontext von Katastrophen gehört nicht nur die Krisenkommunikation einschließlich der Warnung, sondern auch die Weitergabe von Informationen vor oder nach einem katastrophalen Ereignis: die
Nach Krisen steht die Aufarbeitung des Ereignisses im Zentrum. Die Kommunikation dient vor allem dem Lernen aus der Katastrophe. Erfahrungen werden analysiert und kommuniziert, um zukünftig Fehler zu vermeiden und erneute Krisen besser zu bewältigen. Weitere Kommunikationsaspekte umfassen den Wiederaufbau und die Stärkung von Vertrauen. Diese Phase bildet den Übergang zur erneuten Vorsorge. Im besten Fall wird die Risikokommunikation so gestaltet, dass sie unterschiedliche Bevölkerungsgruppen erreicht, Rückmeldungen einbezieht und auf Fragen sowie Bedürfnisse eingeht.
Herausforderungen der Krisenkommunikation
Katastrophen treten oft unerwartet auf. Häufig fehlen gerade zu Beginn entscheidende Informationen oder die Lage verändert sich dynamisch. Das kann Verantwortliche in Entscheidungspositionen überfordern und die Kommunikation anfällig für Störungen, Missverständnisse oder fehlende Anschlussfähigkeit machen. Für eine effektive Warn- und Krisenkommunikation sind daher viele Aspekte zu beachten. So ist die Entscheidung, wann Warnmeldungen herausgegeben werden sollen, von großer Bedeutung für ihren Erfolg. Wird zu lange gezögert, erfolgt die Warnung vielleicht zu spät und die betroffenen Personen werden nicht rechtzeitig erreicht. Welche dramatischen Folgen dies haben kann, verdeutlicht die Flutkatastrophe 2021 in Westdeutschland. Mit zu frühen Warnungen hingegen riskiert man Fehlalarme, was das Vertrauen der Bevölkerung in Warnungen selbst untergraben kann.
Studien zeigen, dass Botschaften besonders wirksam sind, wenn sie von den Adressierten wahrgenommen, beachtet, verstanden, geglaubt und als persönlich relevant eingeschätzt werden. Frühzeitige, klare, transparente, ehrliche und verständliche Kommunikation – in mehreren Sprachen und unter Vermeidung von Fachbegriffen – wird als besonders effektiv wahrgenommen. Darüber hinaus deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass konkrete, umsetzbare Handlungsempfehlungen die Akzeptanz von Maßnahmen fördern können. So erhöhen Handlungsempfehlungen in Wetterwarnungen (z.B. „Halten Sie Abstand von Gebäuden, Bäumen, Gerüsten und Hochspannungsleitungen. Sichern Sie Gegenstände im Freien.“) das Verständnis, die Gefahrenwahrnehmung und die Bereitschaft, vorsorglich Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Sie werden auch als besonders nützlich wahrgenommen.
Aus rechtlichen Gründen und aus Sorge vor Kontrollverlust besteht im
Zudem geht das bewusste Zurückhalten von Informationen auch mit dem Risiko einher, dass die fehlenden Informationen zusammen mit zum Beispiel steigenden Wasserpegeln zu einer stärkeren Verunsicherung der Bevölkerung führen und Vertrauen in den Bevölkerungsschutz untergraben. Es kann auch passieren, dass Personen auf Grund fehlender Informationen vermeidbare und gefährliche Fehlentscheidungen treffen oder unkoordinierte Hilfsaktionen starten. So kam es beispielsweise im Rahmen von Hochwassereinsätzen bereits vor, dass selbstständig agierende
Warnungen basieren häufig auf eher unsicheren Vorhersagen, etwa bei Unwettern. Die Kommunikation vorhandener Unsicherheiten kann die realistische Einschätzung der Katastrophe durch die Zielgruppen fördern und die Glaubwürdigkeit der Warnung erhöhen, zum Beispiel, wenn bei einer Wetterwarnung angegeben wird, dass die Wahrscheinlichkeit eines Sturms in den nächsten Tagen zwischen 60 und 80 Prozent liegt. Gleichzeitig erhöht sie jedoch die Komplexität der Warnung und verringert die Verständlichkeit. Dennoch erscheint es in den meisten Fällen sinnvoll, die Unsicherheit von Warnungen in einem gut verständlichen Format mit zu kommunizieren, da dies der Bevölkerung ermöglicht, Warnungen besser einzuordnen und so auch das Verständnis dafür erhöht wird, wenn eine Warnung nicht eintritt. Das kann sich wiederum positiv auf die wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit zukünftiger Warnungen auswirken.
Selbst wenn alle kommunikativen Herausforderungen erfolgreich gemeistert werden, führt das nicht automatisch zu einem bestimmten Verhalten. Menschen treffen Entscheidungen in Katastrophen im Zusammenspiel von Information, Emotion, Erfahrung, Vertrauen, sozialem und gesellschaftlichem Kontext sowie aktuellen Ereignissen. Das heißt, die Wirkung der Katastrophenkommunikation hängt nicht nur von ihrer Qualität ab, sondern auch von den Bedingungen, unter denen Menschen handeln (können). Folglich ist es für eine erfolgreiche Krisenkommunikation von großer Bedeutung, dass sie auch Lebensrealitäten der adressierten Bevölkerung berücksichtigt und sich an ihnen ausrichtet.
Behördliche Krisenkommunikation
Die behördliche Kommunikation stellt eine zentrale Säule der Katastrophenkommunikation dar und umfasst die offizielle Informationsvermittlung durch staatliche Einrichtungen. Da es sich bei der Warn- und Krisenkommunikation um eine zentrale Aufgabe des Bevölkerungsschutzes und der öffentlichen Daseinsvorsorge handelt, sind in Deutschland staatliche Institutionen dafür zuständig. Die Verantwortlichkeiten sind föderal organisiert, das heißt auf Bund, Länder und Kommunen verteilt.
Um einen möglichst großen Teil der Bevölkerung schnell mit Warnmeldungen versorgen zu können, hat der Bund das Modulare Warnsystem (MoWaS) entwickelt. Es kombiniert verschiedene Kommunikationskanäle, um die Bevölkerung mit Warnungen und Informationen zu versorgen. Es wird vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) betrieben und weiterentwickelt. Zusammen mit der Notfall-Informations- und Nachrichten-App (NINA) sowie der Webseite warnung.bund.de, dient das System dem BBK dazu, die Bevölkerung im Zivilschutzfall, also bei einem militärischen Angriff, sowie im Falle von anderen Bedrohungsszenarien aus der Luft (wie bspw. dem Absturz von Weltraumschrott oder dem drohenden Einschlag eines Asteroiden) zu warnen. Daneben können auch Bundesbehörden, Landesregierungen, Landesbehörden und Kommunen die App für die Verbreitung von Warnungen des
Bundesweiter Warntag und Cell Broadcast. Quelle: Eigene Darstellung nach Peter Windsheimer-Kolla
Bundesweiter Warntag und Cell Broadcast. Quelle: Eigene Darstellung nach Peter Windsheimer-Kolla
Im Zuge der behördlichen Krisen- und Katastrophenkommunikation nimmt die Technologie des Cell Broadcasts eine besondere Rolle ein, da sie es ermöglicht, die meisten Menschen in Deutschland über ihr Mobiltelefon zu erreichen. Zudem hat sich der seit 2020 jährlich stattfindende bundesweite Warntag inzwischen als ein wichtiges wiederkehrendes Ereignis etabliert, mit dessen Hilfe die Präsenz des Bevölkerungsschutzes gesteigert und die Bevölkerung über die verschiedenen existierenden Warnkanäle aufgeklärt wird.
Herausforderungen behördlicher Kommunikation
Jeder Kommunikationskanal bringt eigene Vor- und Nachteile mit sich. Ihr kombinierter Einsatz ermöglicht es, viele Menschen zu erreichen und die jeweiligen Schwächen der unterschiedlichen Kommunikationskanäle zu kompensieren. Da Menschen unterschiedlich sind, sind zielgruppenspezifische Kommunikationsstrategien erforderlich. So eignen sich beispielsweise Warn-Apps, soziale Medien und Webseiten, um digitalaffine Personen zu informieren, während Radio, Fernsehen, Anzeigetafeln und Sirenen andererseits auch Personen ohne Internetzugang erreichen können.
Warnkanäle des Bevölkerungsschutzes und ihre Vor- und Nachteile. Quelle: Eigene Darstellung nach Peter Windsheimer-Kolla
Warnkanäle des Bevölkerungsschutzes und ihre Vor- und Nachteile. Quelle: Eigene Darstellung nach Peter Windsheimer-Kolla
Nur wenn die Zielgruppen dem Absender einer Warnung oder Kriseninformation ausreichend Vertrauen entgegenbringen, werden die Warnungen und Handlungsempfehlungen ernstgenommen. Wer großes Vertrauen in Personen hat, die den offiziellen Empfehlungen des Bevölkerungsschutzes widersprechen, ist oft weniger bereit, diese Empfehlungen zu befolgen. Solche Personen können etwa Influencerinnen und Influencer oder andere Personen mit großer Reichweite in sozialen Medien sein. Manche widersprechen, weil sie ehrlich überzeugt sind, dass die Maßnahmen nicht sinnvoll sind. Andere tun dies jedoch, um bewusst Verunsicherung zu erzeugen oder um Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Coronapandemie sowie die sie begleitende Debatte in den sozialen Medien über Schutzmaßnahmen lieferte zahlreiche Beispiele für beide Arten von Akteuren. Dabei zeigte sich wiederum die große Bedeutung eines hohen Vertrauens der Bevölkerung in Warnungen des Bevölkerungsschutzes und die Notwendigkeit, dieses Vertrauen zu pflegen.
Mediale Kommunikation
Die mediale Kommunikation umfasst die Berichterstattung durch klassische und soziale Medien und spielt eine entscheidende Rolle bei der Informationsverbreitung vor, während und nach Katastrophen. Medien leiten behördliche Warnungen und Informationen weiter, wobei sie die Informationen teilweise filtern und selektiv rahmen. Medien haben dabei eine eigene Perspektive, die sie durch Auswahl, Gewichtung und Darstellung von Ereignissen reproduzieren. Sie prägen öffentliche Debatten, politische Agenden und individuelle Meinungen.
Sie geben Betroffenen eine Stimme, wecken Mitgefühl und fördern Solidarität, wodurch die Hilfs- und Spendenbereitschaft gesteigert wird. Medien übernehmen eine kritische Kontrollfunktion, indem sie Missstände aufdecken und Hilfen bzw. Reformen anstoßen können. Sie beeinflussen, welche Ereignisse in der Gesellschaft als katastrophal wahrgenommen und wie sie erinnert werden. Sie prägen so das kollektive Gedächtnis.
Wie Medien Ereignisse präsentieren, verleiht diesen durch die Kontextualisierung eine bestimmte Bedeutung. Beim Framing (wörtlich übersetzt „Rahmung“) wird durch die Nutzung von Wörtern, Bildern oder Geschichten die Wahrnehmung eines Themas beeinflusst, indem bestimmte Aspekte betont und andere ausgeblendet werden. Das kann beispielsweise Katastrophenmythen befördern oder aufrechterhalten.
Framing-Effekte in der Berichterstattung über Katastrophen. Quelle: Eigene Darstellung nach Katja Schulze
Framing-Effekte in der Berichterstattung über Katastrophen. Quelle: Eigene Darstellung nach Katja Schulze
Ein Frame stellt dabei einen Deutungsrahmen dar, der strukturiert, wie Ereignisse interpretiert werden. Frames können sowohl gezielt als auch unbewusst durch journalistische Routinen oder gesellschaftliche Diskurse reproduziert werden.
Entscheidend ist auch, wie Medien ein Ereignis in eine zusammenhängende Erzählung (Narrativ) einbetten. Medien nutzen Narrative, um komplexe Themen verständlich zu machen, Aufmerksamkeit zu gewinnen, eine Identifikation zu ermöglichen und eine (einfache) Erklärung zu liefern. Sie prägen, wie Ereignisse wahrgenommen und bewertet werden und wie darauf reagiert wird. Die Erzählmuster in der deutschen Katastrophenberichterstattung können sich nach Art des Ereignisses leicht unterscheiden, teilen aber in den meisten Fällen grundlegende Strukturen.
Typische Narrative der Katastrophenberichterstattung am Beispiel der Flut im Sommer 2021. Quelle: Eigene Darstellung nach Katja Schulze
Typische Narrative der Katastrophenberichterstattung am Beispiel der Flut im Sommer 2021. Quelle: Eigene Darstellung nach Katja Schulze
Während Frames den Rahmen für die Wahrnehmung liefern, umfassen Narrative die Geschichte innerhalb dieses Deutungsrahmens. Sie bringen die Ereignisse in eine zusammenhängende Geschichte mit Akteuren, Ursachen, Konflikten und Lösungen. Auch Narrative können gezielt eingesetzt werden, entstehen aber häufig aus etablierten Erzähltraditionen oder geteilten kulturellen Mustern.
Soziale Medien haben die Katastrophenkommunikation wesentlich verändert: Die Bevölkerung wird nicht mehr nur als passive Empfängerin von Informationen verstanden, sondern als aktiv an der Kommunikation beteiligt (partizipative Kommunikation). Menschen teilen unter anderem Lageinformationen, welche von Behörden genutzt werden können, oder organisieren eigenständig Hilfsmaßnahmen.
Herausforderungen der medialen Kommunikation
Medien wählen die Themen nach Nachrichtenwert aus, wobei Neuartigkeit, Dramatik und Emotionalität dominierende Faktoren sind. Persönliche Schicksale werden hervorgehoben. Das fördert Solidarität, geht aber auch mit einigen Herausforderungen einher. So bilden Medien die Perspektive von Betroffenen oft nur unzureichend ab, können Persönlichkeitsrechte verletzen oder Kontexte ausblenden. Auch ist die mediale Aufmerksamkeit oft nur kurzfristig.
Die partizipative Kommunikation, insbesondere in den sozialen Medien, ist schnell, niederschwellig, interaktiv und kann aufgrund ihrer geringen Zugangshürden auch die Lebensrealitäten verschiedener Betroffener gut abbilden. Sie birgt andererseits aber auch das Risiko von Falschinformationen, mangelnder Überprüfbarkeit und den Ausschluss digital weniger affiner Menschen. Zugleich stellen sich Fragen der koordinierten Einbindung der allgemeinen Bevölkerung in den Bevölkerungsschutz, des Datenschutzes und der Ethik bei der Nutzung der Daten durch Behörden.
QuellentextKrisenkommunikation, Falschinformationen und die Rolle von Social Media
Die Verunsicherung und der Wunsch nach schnellen Informationen lassen [nach Katastrophen] einen Raum entstehen, in dem sich Desinformation besonders leicht verbreitet. Antidemokratische Akteur:innen und Propagandist:innen versuchen diese Momente zu nutzen, um ihre Themen zu setzen und die Verunsicherung zu vergrößern. Das sah man bei Corona oder auch der Energiekrise [2021–2023].
Insgesamt zeigt die Forschung, dass Verschwörungserzählungen nach sozialen Krisen und großen Ereignissen besonders schnell Verbreitung finden. Psychologische Studien konnten zeigen, dass Menschen eher dazu neigen, bei gewichtigen Ereignissen zu glauben, dass es auch gewichtige Ursachen für das Auftreten des Ereignisses geben muss. Menschen neigen also dazu, in gravierenden Momenten eher zu glauben, dass hinter der Katastrophe eine willentliche Ursache liegt und nicht der Zufall oder menschliches Versagen eine Rolle gespielt haben.
Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 kursierte beispielsweise die Behauptung, dass angeblich 600 Kinderleichen gefunden worden seien. Angeblich seien die Leichen in Bad Neuenahr/ Ahrweiler angeschwemmt worden. Im Netz verbreitete sich diese Behauptung in verschiedenen Versionen rasant und erreichte eine große Anzahl von Menschen. Neben der falschen Behauptung von angeblich 600 Kinderleichen wurde auch ein Zusammenhang mit dem „Regierungsbunker“ hergestellt. Die Anlage trägt offiziell den Titel „Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes (AdVB) im Krisen- und Verteidigungsfall zur Wahrung von deren Funktionstüchtigkeit“ und ist seit den 1990er Jahren stillgelegt. Auf Telegram wurde aber suggeriert, dass der angebliche Tod der Kinder mit der Regierung in Verbindung stehen würde. […]
Fakten sind dazu da, um uns über den Zustand der Welt zu informieren. Aber gerade in Extremsituationen haben Fakten auch eine weitere psychologische Funktion. Sie können Menschen dabei helfen, die Katastrophe besser (oder schlechter) zu bewältigen, strukturieren das Erlebte und tragen damit dazu bei, dass das Kohärenzerleben gesteigert werden kann. […]
Die Menge an Postings auf Social Media nimmt in Ausnahmesituationen oft rasant zu. […] Das macht es für Menschen noch schwieriger, valide von falschen Informationen zu unterscheiden. […] Immer wieder führen fehlende Umsetzung von Content Moderation dazu, dass sich während Katastrophen Falschinformationen und Verschwörungserzählungen fast ungebremst verbreiten. […] Social Media Plattformen können aber auch eine wichtige Ressource bei der Bereitstellung von Informationen während Katastrophen sein. Viele Institutionen und Medien nutzen Social Media, um Informationen schnell bereitzustellen. […] Soziale Medien können zum einen genutzt werden, um Informationen zu verbreiten und Nutzungsfeedback über eingehende Nachrichten, Pinnwandeinträge und Umfragen zu erhalten. Ein weiterer Ansatz beinhaltet die systematische Nutzung sozialer Medien als Notfallmanagementinstrument. Die systematische Nutzung könnte Folgendes umfassen:
Nutzung für die Notfallkommunikation und die Ausgabe von Warnungen
Nutzung zur Entgegennahme von Hilfeersuchen von Opfern und Betroffenen
Überwachung von Nutzeraktivitäten und -postings zur Schaffung eines Situationsbewusstseins
Nutzung hochgeladener Bilder zur Erstellung von Schadensschätzungen
Nutzung von Social-Media-Monitoring, um Falschinformationen früh zu erkennen
Ein Ansatz gegen die Verbreitung von Falschinformationen ist die sogenannte Inoculation, eine Technik zur Bildung von mentaler Resistenz gegen Desinformation durch die Vermittlung von erwartbaren irreführenden Argumenten oder Strategien. Hier zeigt sich, dass bereits die bloße Warnung vor einer Häufung von Falschinformationen einen positiven Effekt hat. Dies kann wiederum genutzt werden, um Menschen in der Katastrophe für das Aufkommen von Gerüchten zu sensibilisieren. Aufgrund der Relevanz von Social Media in Krisenzeiten wurden bei verschiedenen Katastrophen schon seit Jahren auch virtuelle Teams eingesetzt. […] Solche Teams können in Zusammenarbeit mit Expert:innen zu Desinformation und falschen Mythen auch dabei helfen, virale Falschinformationen frühzeitig zu identifizieren und auf sie zu reagieren.
Pia Lamberty, Lea Frühwirth und Anna Lisa Jakobi, „Naturkatastrophen als Nährboden für Falschinformationen und antidemokratische Agitation“, CeMAS – Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Research Paper), Juni 2024. Online: Externer Link: https://cemas.io/publikationen/naturkatastrophen-falschinformationen-antidemokratische-agitation/2024-06-03%20CeMAS_ResearchPaper_Naturkatastrophen.pdf
Falschinformationen. Quelle: Eigene Darstellung nach Peter Windsheimer-Kolla
Falschinformationen. Quelle: Eigene Darstellung nach Peter Windsheimer-Kolla
In Katastrophenlagen werden immer wieder Falschinformationen sowohl bewusst (Desinformation) als auch unbewusst (Misinformation) verbreitet. Dies geschieht über verschiedene Kommunikationskanäle, besonders häufig aber über soziale Medien. Hierdurch werden Warnungen sowie die korrekte Einschätzung der Lage verkompliziert. Zudem können Falschinformationen das Vertrauen in den Staat sowie den Bevölkerungsschutz und somit die Kooperationsbereitschaft der Bevölkerung mit dem Bevölkerungsschutz beeinträchtigen und seine Legitimität untergraben.
Um der Verbreitung von Falschinformationen entgegenzuwirken, kann das systematische Beobachten von sozialen Medien in Einsätzen des Katastrophenschutzes einen wichtigen Beitrag leisten. Hierfür werden von den Akteuren des Bevölkerungsschutzes Virtual Operations Support Teams (VOST) eingesetzt. Diese Teams beobachten einsatzrelevante Aktivitäten im Internet und leiten anschließend die zusammengetragenen Informationen an die Einsatzkräfte weiter (bspw. erstellen sie aktuelles Kartenmaterial des Einsatzgebietes oder liefern einen Überblick über momentan kursierende (Falsch-)Informationen). Ein praktisches Beispiel hierfür stellt das VOST des THW dar, das als erster digitaler Ortsverband des THW in Krisen- und Katastrophenlagen dezentral über Deutschland verteilt aktiv wird.
QuellentextDas virtuelle Ehrenamt im Bevölkerungsschutz: Chancen und Herausforderungen des VOST
Das Virtual Operations Support Team (VOST) des Technischen Hilfswerks (THW) ist eine spezialisierte, digitale Einheit im Bevölkerungsschutz, die seit ihrer Gründung im Jahr 2016 eine zentrale Rolle bei der Unterstützung von Krisenstäben spielt. Über 70 engagierte Ehrenamtliche aus ganz Deutschland arbeiten hier digital vernetzt zusammen, um in Echtzeit entscheidungsrelevante Informationen aus öffentlich zugänglichen Quellen zu analysieren, einzuordnen und als Lagebild für die Krisenbewältigung aufzubereiten […]. Was das VOST besonders macht: Es ist flexibel, online-basiert und inklusiv – ein Ehrenamt, das Menschen mit unterschiedlichsten Lebensrealitäten und Voraussetzungen offensteht. Volker Tondorf, Gründungsmitglied des VOST, heutiger Leiter des Teams und Ortsbeauftragter des ersten virtuellen Ortsverbands (vOV), gibt Einblicke in die Besonderheiten, Herausforderungen und Chancen dieser innovativen Form des digitalen Engagements im Bevölkerungsschutz. […]
Seine Motivation fasst er so zusammen: „Die Digitalisierung bietet enorme Chancen für den Bevölkerungsschutz – diesen Wandel wollte ich mitgestalten.“
Das digitale Ehrenamt im VOST ermöglicht es, flexibel und ortsunabhängig tätig zu sein. […] Gerade durch das digitale Format können mit sehr kurzer Vorlaufzeit Krisenstäbe unterstützt, Lagebilder erstellt und Informationen geliefert werden, die operativen Kräften echte Vorteile verschaffen. Die Vielfalt der Einsatzszenarien, von Naturkatastrophen bis zur Bekämpfung von Desinformation, macht den Alltag abwechslungsreich und spannend. […]
Das VOST fordert besondere Fähigkeiten seiner Mitglieder: „Analytisches Denken, Medienkompetenz, sicherer Umgang mit bewährten und neuen digitalen Tools und Teamarbeit auf Distanz“ seien zentral.
Dabei sei Technikaffinität zwar hilfreich, aber nicht alles: „Kommunikationsfähigkeit, Belastbarkeit und die Bereitschaft zur Weiterbildung sind ebenso entscheidend.“
Die Arbeit im VOST unterscheidet sich deutlich von klassischen Einsatzformen. […] Die Mehrheit der Arbeit erfolgt […] virtuell und basiert auf der systematischen Auswertung sozialer und digitaler Medien bzw. Datenquellen sowie der Erstellung digitaler Lagebilder und Dashboards – eine völlig neue Einsatzform im Bevölkerungsschutz, die digital und ortsunabhängig agiert. […]
Ein großer Vorteil des digitalen Ehrenamtes ist die Inklusion, so können sich beispielsweise Menschen mit Mobilitätseinschränkungen problemlos einbringen: „Das digitale Ehrenamt im VOST ist wie geschaffen für die Inklusion,“ sagt Tondorf. Die flexible Zeiteinteilung und die Vielfalt der Aufgaben ermöglichen individuelle Schwerpunkte und fördern eine breite gesellschaftliche Teilhabe.
Im Gegensatz zu klassischen Vorstellungen von Katastrophenschutz, bei denen oft robustes Equipment im Gelände im Fokus steht, zeigt das VOST, „dass auch jenseits von wasserabweisenden Einsatzstiefeln und stabilen Werkzeugen ein wertvoller Beitrag geleistet werden kann.“ Die digitale Form der Zusammenarbeit schafft neue Zugangswege für Menschen, die sonst kaum die Möglichkeit hätten, aktiv im Bevölkerungsschutz mitzuwirken. […]
In über 80 Einsätzen hat das VOST bereits wertvolle Erfahrungen gesammelt. Besonders herausfordernd war die Ahrtalflut 2021, als das Team es mit einer hohen Dynamik, einer riesigen Informationsflut und hoher emotionaler Belastung durch Augenzeugenberichte zu tun hatte. Gleichzeitig sei die Verbreitung gezielter Desinformation ein großes Problem gewesen, das das Vertrauen in Einsatzkräfte untergraben sollte. […] Dies zeigt, wie innovativ und zugleich herausfordernd die Etablierung digitaler Ehrenamtsformen im klassischen Bevölkerungsschutz ist. […]
Der besondere Mehrwert des digitalen Ehrenamts im Bevölkerungsschutz liegt laut Tondorf darin, „neue Kompetenzen einzubringen, klassische Strukturen zu ergänzen und die Reaktionsgeschwindigkeit zu erhöhen.“ Das VOST schaffe es, „eine Brücke zwischen technischer Innovation und praktischer Einsatzrealität“ zu schlagen. Für die Zukunft sieht er großes Potenzial vor allem in der Nutzung neuer Technologien: „KI-gestützte Auswertungen, automatisierte Prozesse und neue Technologien können künftig entscheidend zur Lagebewältigung beitragen.“ Gleichzeitig warnt er vor Risiken: „KI-generierte Desinformationen werden immer ausgefeilter und können schlimmstenfalls Entscheidungsprozesse verzerren.“ Ein starkes VOST könne dem jedoch entgegenwirken, indem es als „digitaler Sensor“ verlässliche Informationen identifiziere und einordne. Mit dem digitalen Ehrenamt eröffnen sich somit völlig neue Perspektiven für den Bevölkerungsschutz, der sich immer stärker an den Möglichkeiten der digitalen Vernetzung und Informationsverarbeitung orientiert.
BBK, Referat N.I.4 - Ehrenamt im Bevölkerungsschutz, „Flexibel, digital, inklusiv: Wie das VOST des THW den Bevölkerungsschutz zukunftsfähig macht“, Bundesanstalt Technisches Hilfswerk, 30. Juni 2025. Online: Externer Link: www.mit-dir-fuer-uns-alle.de/flexibel-digital-inklusiv-wie-das-vost-des-thw-den-bevoelkerungsschutz-zukunftsfaehig-macht/