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Auslösung und Beginn des Krieges

Wolfgang Kruse

/ 13 Minuten zu lesen

Der Kriegsbeginn im August 1914 riss weite Teile der deutschen Bevölkerung mit. Aus dem Gefühl einer existentiellen nationalen Bedrohung erwuchs ein breiter politischer Konsens zur Kriegsunterstützung: die Burgfriedenspolitik. Selbst die zuvor eher internationalistischen Sozialdemokraten unterstützten aus Pflichtpathos jenen Krieg, der als Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts gilt.

Mobilmachung 1914: Deutscher Truppentransport. (Bundesarchiv, Bild 146-1994-022-19A) Lizenz: cc by-sa/3.0/de

Beginn des Krieges

Der Kriegsbeginn stand im Zeichen verschiedener Entwicklungen, die in hohem Maße ideologisch aufgeladen waren. Die hohe Emotionalität, Suggestionskraft und Sinnstiftungsdynamik des Kriegsbeginns wirkt teilweise bis heute fort und hat auch die geschichtswissenschaftliche Forschung beeinflusst. Vor allem die Frage nach der Kriegsschuld bzw. nach der Verantwortung für die Auslösung des Krieges hat die Historiker immer wieder beschäftigt, ebenso wie die Bedeutung des „Burgfriedensschlusses“ aller gesellschaftlichen und politischen Kräfte zur „Verteidigung des Vaterlandes“. Auch das „Augusterlebnis“ und der vielbeschworene „Geist von 1914“, d. h. die mit Kriegsbegeisterung und nationalem Enthusiasmus einhergehende Stimmungsentwicklung des Kriegsbeginns, sind bis heute prägende und umstrittene Themen der Geschichtswissenschaft geblieben. Schließlich spielen der als „Schlieffenplan“ bekannte deutsche Aufmarschplan zur schnellen Niederwerfung Frankreichs und die Gründe für sein Scheitern ebenfalls bis heute eine wichtige Rolle in den Arbeiten und Analysen der Historiker.

QuellentextAus dem Tagebuch des Schreinergesellen Georg Schenk aus Nürnberg

Es war der 1. August. Die ganze deutsche Bevölkerung war gespannt; denn man wartete auf die Mobilmachung der deutschen Armee, nachdem schon am 31. Juli der Kriegszustand erklärt worden war. Ich fuhr von Nürnberg nach Hause, um von meinen Eltern Abschied zu nehmen. Endlich, am 1. August Abends 6 Uhr wurde bekannt, daß die allgemeine Mobilmachung befohlen sei und nun war Alles aufs Höchste gesteigert. So manche Träne fließt und manches Auge, das 10 Jahre trocken war, wurde feucht. Besonders waren es die Frauen und Mädchen, denn viele Männer und Burschen mußten die Heimat verlassen um für das Vaterland zu kämpfen, das von Rußland und Frankreich bedroht war. Die erste Nacht haben wenige geschlafen; denn die Sorge um den Mann, die Frau, den Bräutigam, die Braut waren schwerer als jeher, da man wußte, daß ein sehr schwerer Krieg bevorsteht. [...]


Aus: Bernd Ulrich und Benjamin Ziemann (Hg.), Frontalltag im Ersten Weltkrieg, S. 33.

Die Kriegsauslösung

Alle am Krieg beteiligten Länder betonten von Anfang an in propagandistischer Manier, ihr Vaterland gegen feindliche Aggressionen zu verteidigen. Als nach Kriegsende die Sieger im Versailler Vertrag allein Deutschland und seinen Verbündeten die Kriegsschuld zusprachen und damit nicht zuletzt Reparationspflichten begründeten, riefen „Kriegsschuldlüge“ und „Diktatfrieden“ in Deutschland große Empörung hervor. Auf der politischen Rechten wurde weiterhin die These von der alliierten „Einkreisung“ Deutschlands als Ursache des Krieges beschworen, aber auch gemäßigte Kräfte einschließlich großer Teile der Sozialdemokratie waren höchstens bereit, die „Schlitterthese“ des englischen Kriegspremiers David Lloyd George zu akzeptieren, nach der alle Länder durch die wechselseitigen Bündnisverpflichtungen ohne eigene Absicht in den Krieg „hineingerutscht“ waren.

Erst in der sogenannten Fischer-Kontroverse der 1960er Jahre wurden diese Vorstellungen grundlegend erschüttert. Der Hamburger Historiker Fritz Fischer hatte in seinem großen Werk „Griff nach der Weltmacht“ nicht nur aufgezeigt, dass in Deutschland während des Krieges umfassende, die Pläne der Nationalsozialisten in vieler Hinsicht vorwegnehmende Eroberungsprogramme entwickelt worden waren. Aufsehen erregte vielmehr vor allem seine These, die deutsche „Reichsleitung“ (monarchische Spitze einer Beamtenregierung mit Staatssekretären statt parlamentarisch verantwortlichen Ministern), insbesondere auch Reichskanzler Theobald v. Bethmann-Hollweg, habe den Krieg bewusst einkalkuliert und ihn schließlich auch willentlich ausgelöst. Obwohl einflussreiche wissenschaftliche und politische Kräfte in der Bundesrepublik Deutschland diese These voller Empörung bekämpften, regte die „Fischer-Kontroverse“ einen intensiven Forschungsprozess an, der unsere Kenntnisse über die Grundlagen und Zusammenhänge der Kriegsauslösung enorm erweitert hat. Dabei hat sich für lange Zeit die Auffassung durchgesetzt, dass die Politik des Deutschen Reiches und seines Verbündeten Österreich-Ungarn vor allem in der Julikrise die Hauptverantwortung für die Auslösung des Ersten Weltkrieges getragen hat.

"Germania" von Friedrich August von Kaulbach (1914)

Zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns kam es um 2014 herum allerdings zu einer Neuauflage der Kontroverse um die Kriegsschuldfrage, ausgelöst vor allem durch das bereits zwei Jahre vorher von dem australischen, in England lehrenden Historiker Christopher Clark veröffentlichte Buch „Die Schlafwandler“. In dieser großen Darstellung über die europäische Politik der unmittelbaren Vorkriegsjahre wurde der Schwerpunkt vor allem auf die Rolle Serbiens, Russlands und Frankreichs gelegt, während die – bereits vielschichtig untersuchte – deutsche Politik eher an den Rand rückte. So entstand der Eindruck, als hätten insbesondere diese drei Länder zum Krieg gedrängt und seinen Beginn gezielt herbeigeführt. Weniger in der Geschichtsforschung als in der deutschen Öffentlichkeit wurden Clarks „Schlafwandler“ oft als Beweis dafür genommen, sich von einer besonderen „deutschen Kriegsschuld“ freizusprechen und mit dieser geschichtspolitischen Begründung eine unbelastete deutsche Interessenpolitik in der Gegenwart zu fordern. Doch wenn Clark auch in eindringlicher Weise erneut aufgezeigt hat, dass alle europäischen Mächte im frühen 20. Jahrhundert aktive imperialistische Machtpolitik betrieben, Krieg als legitimes Mittel betrachtet und ihren Anteil an der Zuspitzung der internationalen Gegensätze gehabt haben: Eine zum Krieg treibende Rolle in der allgemeineren Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs, vor allem aber bei der Kriegsauslösung in der Julikrise 1914, ist dem Deutschen Reich weiterhin nicht abzusprechen.

QuellentextPropaganda des Kriegsministeriums: Aufruf „Der Blutrausch“ von Konrad Astfalck

Laßt, Deutsche, Euer Herz vom Rausch des Weltkriegs entzünden.
Des Auferstehungskrieges, der zu Recht der „Heilige“ heißt.
Der Berge berstender Granaten speit aus Feuerschlünden
Und grausig alle Menschheit fast in blutige Fetzen reißt,
Der, wie die Windsbraut, über Länder, über Seen und Meere
In rasend-wilder Wut dahinfegt, schurkisch angefacht …
Wenn er auch mit sich wirbelt unsere Millionenheere:
Uns hat er doch die heilige deutsche Einigkeit gebracht!
Laßt mich der lieben deutschen Sprache hehrste Worte finden,
Nun unser Adler wieder auf vom Horst zum Kampfe stieg
Und laßt mich diese Worte hier zum goldenen Kranze binden,
Das wunderbaren Worte: „Deutscher Kampf heißt Deutscher Sieg!“
Das Gebot und Wille, auch in Not- und Schicksalstagen.
Denn unseren Feinden allen nimmt der Glaube Land un Ehr’,
Und leichter läßt im Bewusstsein Leid und Tote tragen:
Sie gaben ja fürs Vaterland ihr rotes Herzblut her!
Ihr rotes Herzblut! …, schreit’s hinaus in abertausend Gassen:
„Wir wollen blutige Rache nehmen für ihr heiliges Blut.
Es muß das allerletzte sein, das Deutschland je gelassen!“
Drum stachelt alle auf zum Haß und zur allmächtigen Wut!
Kanonen her! – Stopft all’ die heißen, blanken Stahlgußrachen
Der Mörser und Haubitzen mit Granaten und Schrapnells,
Und laßt sie jeden festen Platz zur Trümmerstätte machen,
Wie jede Feindes-Festung, sei sie auch granit’ner Fels!
Laßt Sonn’ und Mond in Frankreich fürder auf „Geschlagne“ scheinen,
Laßt Schreckensfurchen hinter Euch in Russland meilenbreit …
Das mag die trösten, die um ihre Kriegsgefallenen weinen.
Das soll Vergeltung bringen dem, der nach Vergeltung schreit!
Und sorgt, dass England, stets gewohnt des opferlosen Siegens,
Diemal in Gram und Grau’n in Blut und Flammen wird getaucht!
Laßt den Granaten dort das fürchterliche Recht des Pflügens,
So, daß kein Bauer da mehr nächstes Jahr zu pflügen braucht!
Noch steht das Wort breit auf dem Titelblatt der Weltgeschichte,
Das wuchtige Wort: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!“
Die letzte Zeile aber lautet aller Tatberichte:
„ … und es verkroch die Welt sich vor Germanias Angesicht!“
[...]



Aus: Richard Müller, Geschichte der deutschen Revolution, Bd. 1: Vom Kaiserreich zur Republik. Mit einer Einleitung von Frank Dingel, Berlin 1974 (zuerst 1924).

Die feindliche „Einkreisung“, von der man sich in Deutschland vor dem Krieg bedroht sah und mit der die Berechtigung eines „Präventivkrieges“ begründet wurde, stellt sich in beträchtlichem Maße als eine Folge der deutschen Politik selbst dar. Mit ihren unberechenbaren Aggressionen und mit dem Bau einer großen Schlachtflotte hatte sie nicht nur in Frankreich und Russland, sondern auch in England Angst geschürt und einer Verständigung der drei Mächte den Weg bereitet. Noch 1912 hatte die Reichsleitung schließlich einen letzten Versuch der englischen Politik, zu einem Ausgleich mit dem Kaiserreich zu gelangen, ins Leere laufen lassen und sah sich allein auf das Bündnis mit Österreich-Ungarn gestellt, womit die deutsche Politik immer enger in die vielfältigen Balkankrisen hineingezogen wurde. Nach dem Attentat eines serbischen Separatisten auf den habsburgischen Thronfolger und seine Frau am 28. Juni im bosnischen, zur Doppelmonarchie gehörenden Sarajewo drängte die Reichsleitung die verantwortlichen Stellen in Österreich-Ungarn, möglichst schnell mit einem unannehmbaren Ultimatum und einem damit begründeten Krieg gegen Serbien vorzugehen. Und sie stellte dem Bundesgenossen zugleich einen „Blankoscheck“ für ihre militärische Unterstützung im Falle einer allgemeinen Ausweitung des Krieges aus. Die Habsburger Politik brauchte lange, doch am 23. Juli stellte sie Serbien schließlich ein kaum annehmbares Ultimatum und erklärte nur fünf Tage später trotz eines weitreichenden serbischen Entgegenkommens den Krieg. Die nun von deutscher und österreichischer Seite proklamierte Lokalisierung des Konfliktes auf dem Balkan bedeutete, dass Russland seinen Schützling Serbien hätte fallenlassen müssen. Und die englischen Bemühungen um eine gemeinsame Initiative der europäischen Großmächte zur raschen Beendigung des Krieges wurden von deutscher Seite Ende Juli teils zurückgewiesen, teils bewusst verzögert behandelt, weil man erst einmal auf einen schellen österreichischen Sieg über Serbien setzte.

QuellentextKriegsziele der Regierung Bethmann Hollweg im „Septemberprogramm“ 1914

Sicherung des Deutschen Reichs nach West und Ost auf erdenkliche Zeit. Zu diesem Zweck muß Frankreich so geschwächt werden, daß es als Großmacht nicht neu erstehen kann, Rußland von der deutschen Grenze nach Möglichkeit abgedrängt und seine Herrschaft über die nichtrussischen Vasallenvölker gebrochen werden.

Die Ziele des Krieges im einzelnen:

1. Frankreich. Von den militärischen Stellen zu beurteilen, ob die Abtretung von Belfort, des Westabhangs der Vogesen, die Schleifung der Festungen und die Abtretung des Küstenstrichs von Dünkirchen bis Boulogne zu fordern ist. In jedem Falle abzutreten, weil für die Erzgewinneung unserer Industrie nötig, das Erzbecken von Briey. Ferner eine in Raten zahlbare Kriegsentschädigung; sie muß so hoch sein, daß Frankreich nicht imstande ist, in den nächsten fünfzehn bis 20 Jahren erhebliche Mittel für Rüstung aufzuwenden.

Des weiteren: ein Handelsvertrag, der Frankreich in wirtschaftliche Abhängigkeit von Deutschland bringt, es zu unserem Exportland macht, und es ermöglicht, den englischen Handel in Frankreich auszuschalten. Dieser Handelsvertrag muß uns finanzielle und industrielle Bewergungsfreiheit in Frankreich schaffen – so daß deutsche Unternehmungen nicht mehr anders als französische behandelt werden können.

2. Belgien. Angliederung von Lüttich und Verviers an Preußen, eines Grenzstriches der Provinz Luxemburg an Luxemburg.

Zweifelhaft bleibt, ob Antwerpen mit einer Verbindung nach Lüttich gleichfalls zu annektieren ist.

Gleichviel, jedenfalls muß Belgien, wenn es auch als Staat äußerlich bestehen bleibt, zu einem Vasallenstaat herabsinken, in etwa militärisch wichtigen Hafenplätzen ein Besatzungsrecht zugestehen, seine Küste militärisch zur Verfügung stellen, wirtschaftlich zu einer deutschen Provinz werden. Bei einer solchen Lösung, die die Vorteile der Annexion, nicht aber ihre innerpolitisch nicht beseitigenden Nachteile hat, kann franz. Flandern mit Dünkirchen, Calais und Boulogne mit großenteils flämischer Bevölkerung diesem unveränderten Belgien ohne Gefahr angegliedert werden. Den militärischen Wert dieser Position England gegenüber werden die zuständigen Stellen zu beurteilen haben.

3. Luxemburg. Wird deutscher Bundesstaat und erhält einen Streifen aus der jetzt belgischen Provinz Luxemburg und eventuell die Ecke von Longwy.

4. Es ist zu erreichen die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes durch gemeinsame Zollabmachungen, unter Einschluß von Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Österreich-Ungarn, Polen (!) und eventuell Italien, Schweden und Norwegen. Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muß die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren.

5. Die Frage der kolonialen Erwerbungen, unter denen in erster Linie die Schaffung eines zusammenhängenden mittelafrikanischen Kolonialreichs anzustreben ist, desgleichen die Rußland gegenüber zu erreichenden Ziele werden später geprüft. Als Grundlage der mit Frankreich und Belgien zu treffenden wirtschaftlichen Abmachungen ist eine kurze provisorische, für einen eventuellen Präliminarfrieden geeignete Formel zu finden.

6. Holland. Es wird zu erwägen sein, durch welche Mittel und Maßnahmen Holland in ein engeres Verhältnis zu dem Deutschen Reich gebracht werden kann. [...]

Aus: Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18, Düsseldorf 1961, S. 93f.

Der deutsche Angriff im Westen (© Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr)

Mit einem solchen Ausgang wäre man auf deutscher und österreichischer Seite durchaus zufrieden gewesen. Doch um die von dem Kanzler-Berater Kurt Riezler entworfene – und nach ihm von vielen deutschen Historikern beschworene – „Politik des kalkulierten Risikos“, nur hart am Rand des großen Krieges, die nur durch Fehler der anderen Mächte zum großen Krieg geführt habe, handelte es sich dabei nicht. Denn, dass Russland die militärische Niederwerfung seines Schützlings Serbien wohl nicht einfach hinnehmen würde, war den Verantwortlichen in Deutschland durchaus bewusst. Als Russland am 30. Juli mobil machte, reagierte das Deutsche Reich sofort mit scharf formulierten Ultimaten zur Einstellung dieser Maßnahmen an Russland sowie zur Erklärung der Neutralität in einem deutsch-russischen Krieg an Frankreich, auf deren Nichtbeantwortung am 1. bzw. am 3. August Kriegserklärungen an die Entente-Mächte folgten. Doch zu diesem Zeitpunkt war die Entscheidung für den Kriegsbeginn in Berlin de facto längst gefallen. Denn als hier am 1. August die Mobilmachung verkündet wurde, trat der militärische Automatismus des Schlieffenplans in Gang, der einen möglichst schnellen Angriff auf Frankreich unter Verletzung der Neutralität Belgiens und Luxemburgs vorsah. Diese Neutralitätsverletzungen boten Großbritannien schließlich den Vorwand, dem Deutschen Reich seinerseits den Krieg zu erklären.

Das Scheitern des Schlieffenplans

Mit dem vom früheren Generalstabschef Alfred v. Schlieffen entwickelten Kriegsplan hatte die deutsche Militärführung versucht, das Problem eines Zweifrontenkrieges gegen Russland und Frankreich sowie eines daraus hervorgehenden Abnutzungskrieges zu lösen, in dem das Reich langfristig zu unterliegen drohte. Da die Mobilmachung im technologisch rückständigen Zarenreich erwartungsgemäß viel länger dauern würde, sah der Plan vor, zuerst einmal den Großteil der deutschen Streitkräfte gegen Frankreich zu führen und hier eine schnelle Kriegsentscheidung zu erzwingen. Die französischen Truppen sollten durch eine riesige Umfassungsbewegung durch Belgien und Nordfrankreich hindurch und um Paris herum eingekesselt und vernichtend geschlagen werden. Anschließend hätte man sich dann nach Osten wenden und gemeinsam mit Österreich-Ungarn Russland militärisch besiegen können. In der Erwartung eines solchen Sieges entwarf die Reichsleitung in ihrem sog. Septemberprogramm entschieden offensive Kriegsziele. Doch es kam anders.

Da Russland schneller mobilisierte als erwartet und Österreich seine Streitmacht vor allem gegen Serbien richtete, konnten russische Truppen weit nach Ostpreußen und Galizien eindringen. Die deutsche Heeresleitung sah sich deshalb genötigt, zwei Armeekorps von der Westfront abzuziehen und nach Osten zu transportieren. Der durch belgischen Widerstand und das schnelle Eingreifen britischer Berufssoldaten teilweise schon verzögerte deutsche Vormarsch im Westen, bei dem es zu erheblichen Gewaltakten wie der Niederbrennung der Bibliothek von Löwen und Greueltaten gegen die belgische Bevölkerung kam, musste deshalb verändert werden. Statt der geplanten, großräumigen Umfassung von Paris marschierte die am weitesten vorgerückte Heeresgruppe von Norden nun direkt auf die französische Hauptstadt zu. Doch an der Marne wurde sie gestoppt und musste sich in Verteidigungsstellungen zurückziehen. Nun begann der sogenannte Wettlauf zum Meer, in dem beide Seiten sich erfolglos zu umfassen versuchten. Daraus entstand eine bald mit Stacheldrahtverhauen und Schützengräben gesicherte Frontlinie, die durch Nordfrankreich und Teile Belgiens bis an die Nordseeküste reichte, nach Süden bis an die Schweizer Grenze ausgebaut wurde und bis 1918 cum grano salis ohne entscheidende Frontverschiebungen bestehen blieb.

Schlieffenplan von 1905. (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

QuellentextBericht des deutschen General-Gouverneurs Freiherr von Bissing über Vorgänge beim deutschen Einmarsch in Belgien, 28.2.1915

Die für den Bereich des Generalgouvernements abgeschlossenen Ermittlungen haben folgendes ergeben:

A.

1. Im Bistum Namur sind 26 Priester getötet worden, 25 erschossen, 1 gehängt.
2. Im Bistum Lüttich sind 6 Priester erschossen.
3. Im Bistum Mecheln sind 13 Priester erschossen.
4. Im Bistum Tournai sind 2 Priester erschossen.
Die bischöflichen Behörden behaupten, daß alle unschuldig getötet seien. Auskunft über die Gründe der Erschießungen würden nur die beteiligten Truppen geben können, welche indessen bis jetzt nicht ermittel sind.

Bezüglich des Berichts der Königlichen Preußischen Gesandtschaft in Rom ist folgendes festzustellen:

1. Bei der Zerstörung Löwens flüchtete ein großer Teil der Bevölkerung, darunten auch ein Trupp von mindestens 70 Geistlichen, nach Brüssel zu. Bei Tervueren wurden die Geistlichen von deutschen Truppen festgehalten, mußten dann nach Brüssel marschieren und sollten auf dem Weitermarsch der Truppen durch die einzelnen Dörfer als Geiseln dienen. Auf Verwendung des päpstlichen Nuntius beim Gouverneur v. Lüttwitz wurden die Geistlichen jedoch freigelassen. Ob Spanier und Amerikaner darunter waren, ist nicht festgestellt. Nut der Jesuitennovize Dupierreux wurde in der Nähe von Tervueren erschossen, weil er verdächtige Notizen über die Vorgänge in Löwen bei sich trug.

2. Die Pfarrer von Vueken und Gelrode sind erschossen.

3. Der Parrer von Schaffen hat am 25. Januar erklärt, er selber haber niemandem von auswärts irgendwelche Mitteilungen über seine persönlichen Erlebnisse im August gemacht. Zur Sache erzählt der Pfarrer, welcher einen vertrauenswürdigen Eindruck macht: Am 18. August seien die ersten deutschen Truppen eingezogen.

Am selben Morgen sei eine Radfahrerpatrouille der in Diest im Standort liegenden Karabiniers in den Ort gekommen, und diese habe die deutschen Spitzenreiter niedergeschossen. Beim Einrücken deutscher Abteilungen sei die Patrouille schleunigst abgefahren.

Die Deutschen hätten ihre toten Kameraden gefunden, sie seien des Glaubens gewesen, diese seien von der Dorfbevölkerung erschossen worden, und hätten daraufhin, wohl zweifellos in guten Glauben, an dem Dorf ein Strafgericht vollzogen.

Ihn selbst, den Pfarrer, hätten sie in seinem Garten gefunden und ihm vorgeworfen, es sei vom Kirchturm aus geschossen worden.

Er habe sogleich erklärt, das sei unmöglich, denn die Kirche sei – gegen die sonstige Gewohnheit - von ihm selbst wegen der Unruhe der Zeit abgeschlossen worden; man möge sich davon überzeugen. Trotzdem habe man ihn festgenommen und von morgens neun bis abends sieben Uhr festgehalten. Dabei sei er von den deutschen Soldaten recht erheblich mißhandelt worden. Man habe ihn mit vielen anderen, nachdem das Dorf in Flammen gesetzt worden sei, auf eine benachbarte Höhe geführt und dort gezwungen, das Schauspiel des niederbrennenden Dorfes mit anzusehen.

In dem Dorfe selbst hätten die Soldaten alles in Brand gesteckt und 23 Personen, darunter auch einige Frauen, erschossen.

Abends um 7 Uhr habe dann der Führer der deutschen Truppen – deren Regimentsnummer er nicht kenne – ihn freigelassen mit den Worten: „Sie sind ein braver Mann!“ Er sei dann fortgegangen, und dabei sei er von den deutschen Kanonieren mit ihren Kantschus durchgeprügelt worden.

Als er einige Schritte von den Truppen entfernt gewesen sei, hätten ihm Schüsse um die Ohren gepfiffen; daraufhin sei er ohnmächtig geworden, nicht aber habe er er sich selbst zum Schein hingeworfen und könne das auch niemandem erzählt haben.

Er verzeihe aber seinen Peinigern, da er den Eindruck habe, daß sie unter dem Zwang eines verhängnisvollen Irrtums gehandelt hätten.

Der Pfarrer von Spontin ist nach eidlichen belgischen Zeugenaussagen sehr übel behandelt worden. Er wurde aus dem Pfarrhause nach einer Wiese beim Bahnhof weggeführt. Unterwegs erhielt er einen Kolbenstoß unter das Kinn, so daß er aus dem Munde blutete, dann drei Bajonettstiche in den Hals. Dann wurde er an Ort und Stelle an Händen und Füßen gebunden, an den Haaren in die Höhe gehoben und schließlich erschossen.



Aus: Ernst Johann, Innenansicht eines Krieges. Bilder, Briefe, Dokumente 1914–1918, S. 104-106.

Paul von Hindenburg, Oberbefehlshaber der 8. Armee: Dankerlass nach der Schlacht von Tannenberg

Paul von Hindenburg, Oberbefehlshaber der 8. Armee: Dankerlass nach der Schlacht von Tannenberg

Inhalt

Der Schlieffenplan war damit gescheitert, doch die militärische Position der Mittelmächte stellte sich zum Jahreswechsel 1914/15 trotz des englischen Kriegseintritts nicht aussichtslos dar. Denn nachdem die neue Heeresleitung im Osten unter den Generälen Hindenburg und Ludendorff in den Schlachten bei Tannenberg und an den masurischen Seen die russischen Invasoren vertrieben hatten und weit auf russisches Gebiet vorgerückt war, standen deutsche Truppen sowohl im Osten als auch im Westen weit auf feindlichem Territorium. Die oft vertretene Auffassung, der Krieg sei für die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn mit dem Scheitern des Schlieffenplans bereits verloren gewesen, ist so angesichts einer strategisch durchaus nicht schlechten, große Teile Europas kontrollierenden Lage kaum haltbar. Zwar zeichnete sich der drohende Abschluss vom Weltmarkt schon früh ab. Doch bereits im August 1914 wurde auf Initiative des Industriellen Walter Rathenau die Kriegsrohstoffabteilung im Preußischen Kriegsministerium gegründet, die den Grundstein für den Aufbau einer organisierten Kriegswirtschaft legte. Es brauchte immerhin noch vier Jahre und den Kriegseintritt der USA, um den Krieg militärisch zugunsten der Alliierten zu entscheiden.

QuellentextEin Stimmungsbericht über die sozialdemokratischen Antikriegsdemonstrationen zum Kriegsbeginn

Nach Schluß versuchten die Teilnehmer aller Versammlungen, in großen meist nach tausenden zählenden Ansammlungen, nach dem Stadtinnern zu drängen und es gelang zum Teil erst durch Waffenanwendungen und unter Vornahme von Sistierungen, die sich unter Johlen und Brüllen revolutionärer Lieder fortbewegenden Massen zu zerstreuen oder nach der Peripherie abzudrängen.


Aus einem Bericht der Berliner Politischen Polizei über die sozialdemokratischen Antikriegsdemonstrationen am Abend des 28. Juli.
Aus: Wolfgang Kruse, Krieg und nationale Integration, S. 41.

Der Burgfriedensschluss

Innenpolitisch stand der Kriegsbeginn im Zeichen des Burgfriedensschlusses, d. h. der Integration aller relevanten politischen Kräfte in eine nationale Einheitsfront. Alle politischen und sozialen Konflikte wurden vertagt, um erst einmal mit gemeinsamen Anstrengungen den Krieg zu gewinnen. Diese Entwicklung war keineswegs selbstverständlich, insbesondere nicht für die Sozialdemokratie, die bisher betont kriegsgegnerische, fundamentaloppositionelle und internationalistische Positionen bezogen hatte, während sie von den herrschenden Kräften umgekehrt als „vaterlandslos“ und „reichsfeindlich“ denunziert und aus der Nation ausgegrenzt worden war. Beim offiziellen Burgfriedensschluss anlässlich der Eröffnung des Reichstages im Berliner Stadtschloss am 4. August 1914, wo die bürgerlichen Parteiführer dem Kaiser bei einer feudalstaatlich anmutenden Zeremonie in die Hand gelobten, mit ihm „durch dick und dünn, durch Not und Tod“ zu gehen, waren die bislang monarchiekritischen sozialdemokratischen Abgeordneten dementsprechend gar nicht anwesend. Als sie anschließend jedoch trotzdem im Reichstag einstimmig, auch mit Beteiligung des prominenten, der Parteidisziplin folgenden Kriegsgegners Karl Liebknecht die Kriegskredite bewilligten (nur 14 Abgeordnete hatten zuvor in der Fraktion gegen die Kreditbewilligung gestimmt, zwei weniger prominente SPD-Abgeordnete, Fritz Kunert und Josef Simon, verließen vor der Abstimmung unauffällig das Reichstagsplenum), kannte der Jubel kaum Grenzen. Der Krieg schien sich mit den Worten der konservativen Täglichen Rundschau als ein „Zauberkünstler und Wundertäter“ zu erweisen, der sogar das „größte aller Wunder“ vollbracht und die Sozialdemokraten nach langen Jahren der inneren Auseinandersetzungen „an die Seite ihrer deutschen Brüder“ gezwungen habe.

QuellentextThronrede Wilhelm II. am 4. August 1914 anlässlich der Eröffnung des Reichstages am 4. August 1914 im Berliner Schloß

In schicksalsschwerer Stunde habe Ich die gewählten Vertreter des deutschen Volkes um Mich versammelt. Fast ein halbes Jahrhundert lang konnten wir auf dem Weg des Friedens verharren. Versuche, Deutschland kriegerische Neigungen anzudichten und seine Stellung in der Welt einzuengen, haben unseres Volkes Geduld oft auf harte Proben gestellt. In unbeirrbarer Redlichkeit hat Meine Regierung auch unter herausfordernden Umständen die Entwicklung aller sittlichen, geistigen und wirtschaftlichen Kräfte als höchstes Ziel verfolgt. Die Welt ist Zeuge gewesen, wie unermüdlich wir in dem Dran und den Wirren der letzten Jahre in erster Reihe standen, um den Völkern Europas einen Krieg zwischen Großmächten zu ersparen.

Die schwersten Gefahren, die durch die Ereignisse am Balkan heraufbeschworen waren, schienen überwunden. Da tat sich mit der Ermordung Meines Freundes, des Erzherzogs Franz Ferdinand, ein Abgrund auf. Mein hoher Verbündeter, der Kaiser und König Franz Joseph, war gezwungen, zu den Waffen zu greifen, um die Sicherheit seines Reichs gegen gefährliche Umtriebe aus einem Nachbarstaat zu verteidigen. Bei der Verfolgung ihrer berechtigten Interessen ist der verbündeten Monarchie das Russische Reich in den Weg getreten. An die Seite Österreich-Ungarns ruft uns nicht nur unsere Bündnispflicht. Uns fällt zugleich die gewaltige Aufgabe zu, mit der alten Kulturgemeinschaft der beiden Reiche unsere eigene Stellung gegen den Ansturm feindlicher Kräfte zu schirmen [...]

Geehrte Herren! Was menschliche Einsicht und Kraft vermag, um ein Volk für die letzten Entscheidungen zu wappnen, das ist mit Ihrer patriotischen Hilfe geschehen. Die Feindseligkeit, die im Osten und im Westen seit langer Zeit um sich gegriffen hat, ist nun zu hellen Flammen aufgelodert. Die gegenwärtige Lage ging nicht aus vorübergehenden Interessenkonflikten oder diplomatischen Konstellationen hervor, sie ist das Ergebnis eines seit langen Jahren tätigen Übelwollens gegen Macht und Gedeihen des Deutschen Reichs. Uns treibt nicht Eroberungslust, uns beseelt der unbeugsame Wille, den Platz zu bewahren, auf den Gott uns gestellt hat, für uns und alle kommenden Geschlechter.[...]

Sie haben gelesen, meine Herren, was Ich an Mein Volk vom Balkon des Schlosses aus gesagt habe. Hier wiederhole Ich: Ich kenne keine Parteien mehr, Ich kenne nur Deutsche.

(Langanhaltendes brausendes Bravo.)

Zum Zeichen dessen, daß Sie fest entschlossen sind, ohne Parteiunterschiede, ohne Stammesunterschiede, ohne Konfessionsunterschiede durchzuhalten mit Mir durch dick und dünn, durch Not und Tod, fordere ich die Vorstände der Parteien auf, vorzutreten und Mir das in die Hand zu geloben.



Aus: Verhandlungen des Reichstages, XIII. Legislaturperiode, II. Session- 1914-1916. Stenographische Berichte, Bd. 306, Berlin 1916, S. 1f.

Tatsächlich wurde die Bewilligung der Kriegskredite zu einem Wendepunkt in der Geschichte der Sozialdemokratie. Noch in der letzten Juliwoche hatte sie überall im Reich große Antikriegsproteste mit einer Massenbeteiligung von etwa einer ¾ Million Menschen organisiert und so die Ängste der bürgerlichen Öffentlichkeit vor ihrem Widerstand gegen den Krieg noch einmal bestärkt. Doch in den Zusammenhängen des Kriegsbeginns schienen die oppositionellen Positionen der Sozialdemokratie ihre Überzeugungskraft zu verlieren: Zu einem offenen Kampf gegen den Krieg war man nicht bereit und stand so der in den Krieg führenden Entwicklung ohnmächtig gegenüber, zumal auch die Sozialistische Internationale ihre Machtlosigkeit erkannte und zu verfallen begann. Trotzdem schienen auch bei fortgesetzter politischer Opposition gegen den Krieg Verfolgung und Illegalität zu drohen, während die Unterstützung der nationalen Kriegspolitik umgekehrt den Nachweis nationaler Loyalität sowie damit verbundene nationale Integrationsperspektiven und politische Reformhoffnungen zu eröffnen schien. Die so entstehende, nur aus einem zuvor durchlaufenen Prozess der „negativen Integration“ erklärbare, burgfriedlich-integrative Perspektive der Sozialdemokratie wurde noch dadurch bestärkt, dass die Reichsleitung, deren kriegstreiberische Politik die Parteipresse noch vor wenigen Tagen angeprangert hatte, sich nun ebenfalls um eine nationale Versöhnung mit der Arbeiterbewegung bemühte und, wie der Kaiser öffentlich erklärte, „keine Parteien mehr“, sondern nur noch „deutsche Brüder“ kennen wollte. Als Angreifer und Hauptkriegsgegner wurde darüber hinaus nun das zaristische Russland in den Mittelpunkt gerückt, das den Sozialdemokraten traditionell als „Hort der Reaktion“ in Europa galt.

In einer hektischen, von aufgepeitschten Stimmungen geprägten Situation entschieden sich Parteiführung und Reichstagsfraktion der SPD, ähnlich wie zuvor bereits die Gewerkschaften, schließlich mit großer Mehrheit für die Bewilligung der Kriegskredite. Um einen „Verrat“ ging es dabei nicht, wohl aber um den Beginn einer „Neuorientierung“ der Sozialdemokratie. Die Erklärung, mit der Hugo Haase, der noch in der Reichstagsfraktion gegen die Kreditbewilligung gestimmt hatte, nun als Partei- und Fraktionsvorsitzender diesen Schritt im Reichstag begründete, war frei von Chauvinismus und beschwor einen möglichst schnellen Friedensschluss. Doch konnte dies nur oberflächlich verdecken, dass die Partei mit zentralen Grundpositionen brach, angesichts des Krieges ihre fundamentaloppositionelle Haltung aufgab und damit auch die Hoffnung auf eine dauerhafte nationale Integration verband.

QuellentextDie Stimmungsentwicklung Ende Juli/Anfang August 1914 in den großstädtischen Zentren Deutschlands

In der Tat machen sich Angst und Unsicherheit breit. Bei der Reichsbank werden vermehrt Banknoten in Gold eingetauscht; Geschäftsleute, ja selbst die Reichsbahn verweigern die Annahme von Papiergeld. Die Nachricht von der russischen Teilmobilmachung löst trotz öffentlicher Beschwichtigung einen Sturm auf Banken und Sparkassen aus, der, nach kurzer Pause, am 30. Juli erneut einsetzt. Die Menschen heben ihre Guthaben ab, sie richten sich auf Krieg ein. In den Lebensmittelgeschäften herrscht schon vor dem 30. Juli ein gewaltiger Andrang. Es bilden sich Käuferschlangen, so daß am nächsten Tag Geschäfte kurzfristig schließen müssen, sogar polizeilich geschlossen werden, weil der Ansturm zu groß wird. Waren werden nur noch in begrenzter Menge abgegeben, denn der Großhandel liefert nicht mehr genug, da auch die Kommunen Vorräte anzulegen beginnen. Die Spekulation auf den Krieg beginnt, die Preise steigen entsprechend. Zucker, Kaffee, Mehl und besonders Konserven sind gefragt. Vorsichtige, die mit ihrer baldigen Einberufung rechnen müssen, versorgen sich mit Unterwäsche und Strümpfen, die ihnen der Staat nicht stellen wird. Es herrscht allgemein „Kriegsfurcht“, die auch in Geschäftskreisen Wirkungen hat, „die ohne Parallele in der Vergangenheit dastehen“.

Auf den Bahnhöfen herrscht hektischen Treiben. Alle ankommenden und abfahrenden Züge sind überfüllt, die Fahrpläne sind vollkommen durcheinander geraten, auf den Bahnsteigen türmt sich, von Schutzmännern bewacht, das Gepäck. Die Sommerfrischler kehren in Scharen vorzeitig zurück, Österreicher kommen ihren Gestellungsbefehlen nach, aus den bedrohten Grenzgebieten im Osten treffen die ersten Flüchtlinge ein. Schaulustige drängen in die Bahnhofshallen, um an den Anschlagbrettern die neuesten Nachrichten der Telegraphenbüros verfolgen zu können. In Frankfurt am Main bildet sich auf dem Börsenplatz eine „lebendige Mauer“ vor dem Gebäude der „Frankfurter Zeitung“, wo die Nachrichten von einem neuartigen Gerät als „Lichtbildmeldungen“ abgelesen werden können.

„In einer Spannung“, so beschreibt die liberale „Frankfurter Zeitung“ die Stimmung, „die sich immer weiterer Kreise des Volkes bemächtigt und unter der nachgerade auch gute Nerven leiden, warte man jetzt noch auf die Entscheidung, die unmöglich mehr lange ausbleiben kann.“ Zum Mittag hatte ein Extrablatt des „Berliner Lokalanzeigers“ für Aufregung gesorgt; aber die Meldung von der Mobilmachung war falsch gewesen, vielleicht in provozierender Absicht gefälscht worden und muß kurze Zeit später dementiert werden. Doch am nächsten Tat, es ist der 31. Juli, wird es kurz nach 14 Uhr offiziell: Extrablätter, aus fahrenden Autos verteilt, verkünden den „Zustand drohender Kriegsgefahr“. Unter den Linden wiederholt dies in traditionellem Ritual ein Leitnant an der Spitze eines Trupps Infanterie, nachdem ein Trommler für Aufmerksamkeit und Ruhe gesorgt hat. An den Litfaßsäulen werden die Theaterplakate mit den vorbereiteten Bekanntmachungen überklebt, die die Rechtslage erläutern: Die vollziehende Gewalt ist auf das Militär übergegangen.

In kürzester Zeit sind die Straßen Berlins voller Menschen, denen bewußt wird, daß die Regierung sich auf das Äußerste vorbereitet. Am Kranzler-Eck sammelt sich die Menge, Hochrufe erschallen: „Überall macht sich die Entspannung in einer freudigen Stimmung über die endlich gefallene Entscheidung kund“, obwohl dies die eigentliche Entscheidung nicht ist: Noch ist die Mobilmachung nicht befohlen, noch ist der Krieg nicht erklärt. Selbst die „Tägliche Rundschau“, ein konservatives Blatt, das den Krieg gefordert hat, bestätigt die anfängliche Nüchternheit, mit der die Nachricht aufgenommen wird: „‘Na endlich‘. Wie ein Erlösungsschrei geht’s durch die Menge. Kein Jubel wird laut, kein Hoch wird laut, alle Mienen sind ernst – die unheimliche Spannung, die auf ganz Berlin lastet, löst sich in einem befreiten Aufatmen: Also doch!“

Erst allmählich steigert sich die Entspannung zur Begeisterung. Die Menge drängt spontan zum kaiserlichen Schloß, skandiert dort Hochrufe und beginnt mit dem Absingen vaterländischer Lieder: ‚Heil Die im Siegerkranz‘, ‚Die Wacht am Rhein‘, ‚Es braust ein Ruf wie Donnerhall‘ und immer wieder: ‚Deutschland, Deutschland über alles‘. […] Wie in Berlin, so war es in allen Großstädten, erst recht in den Residenzstädten zu ähnlichen „Volkskundgebungen“ gekommen. Bis spät in die Nacht dauerten die Umzüge, die Debatten in den Wirtshäusern. Am nächsten Tag, am 1. August, wird jedoch wieder normal gearbeitet. Die Welle der Begeisterung ist vorübergehend abgeebbt, aber die Spannung ist geblieben. In den Morgenausgaben melden die Zeitungen: Noch immer keine Mobilmachung, noch immer keine Entscheidung, noch immer warten. Als mittags die Schloßwache in Berlin mit klingendem Spiel aufzieht, springt der Funke plötzlich wieder über. Eine Masse von „ungezählten Tausenden“ folgt der Wache zum Schloß. Dort hindert sie die Kapelle am Abmarsch, verlangt von ihr die ‚Wacht am Rhein‘, das ‚Deutschland-Lied‘. „Die Begeisterung der Massen kannte keine Grenzen und als zum Schluß sich der einheitlich geschlossene Wille der Massen den ‚Pariser Einzugsmarsch‘ erzwang, erreichte die Begeisterung ihren Höhepunkt.“ Endlich darf die Kapelle in Richtung ihrer Kaserne abziehen. Doch als sie, an der französischen Botschaft vorbeimarschierend, eher zufällig die ‚Wacht am Rhein‘ spielt, fällt die begleitende Menge in einer spontanen Demonstration tausendstimmig ein.

Nach diesem Intermezzo beginnt erneut das Warten. […] Punkt 17 Uhr wird die Entscheidung bekanntgegeben. Generalstabsoffiziere fahren in offenen Autos über die Prachtstraßen, winken mit ihren Taschentüchern; vor dem Schloß verkündet ein Gendarm auf Befehl des Kaisers: „Mobilmachung!“ Im Handumdrehen sind die Straßen Berlins wieder dicht gefüllt, immer neue Massen strömen herbei: „Die große Mehrheit reißt der Schwung des Augenblicks unwiderstehlich mit.“ Mobilmachung, das weiß jeder, bedeutet Krieg, auch wenn der noch nicht erklärt ist. Wieder strömt die Menge zum kaiserlichen Schloß. […] „Wir wollen den Kaiser sehen.“ Endlich, gegen 18.30 Uhr, erscheint dieser auf dem Balkon und spricht die berühmt gewordenen Worte: „Aus tiefem Herzen danke ich Euch für den Ausdruck Eurer Liebe, Eurer Treue. In dem jetzt bevorstehenden Kampfe kenne Ich in Meinem Volk keine Parteien mehr. Es gibt unter uns nur noch Deutsche. Und welche von den Partien auch im Laufe des Meinungskampfes sich gegen Mich gewandt haben, Ich verzeihe ihnen allen. Es handelt sich jetzt nur darum, daß alle wie Brüder zusammenstehen, und dann wird dem deutschen Volk Gott zum Siege verhelfen.“ Als nun die Glocken des Doms erklingen, stimmt die Menge spontan den Choral an: ‚Nun danket alle Gott‘.



Nach Berichten der "Frankfurter Zeitung" und der "Täglichen Rundschau".
Aus: Gunther Mai, Das Ende des Kaiserreichs. Politik und Kriegführung im Ersten Weltkrieg, München 1987, S. 10-12.

Kriegsbegeisterung? Die Stimmungsentwicklung bei Kriegsbeginn

Der sozialdemokratische Burgfriedensschluss ist oft mit einer kriegsbegeisterten Massenstimmung begründet worden, der sich die Partei nicht habe widersetzen können; mehr noch, selbst die Entscheidung der Reichsleitung für den Krieg hat man auf einen vermeintlich demokratischen Massendruck zurückgeführt, der in einer umfassenden Kriegsbegeisterung seinen unabweisbaren Ausdruck gefunden habe. All dies ist historisch so nicht haltbar. Zwar erfasste die deutsche Bevölkerung, wie in anderen Ländern auch, eine dynamische Stimmungsentwicklung, in der Kriegsbegeisterung und Nationalismus eine wesentliche Rolle spielten. Das ideologisch geprägte und lange unhinterfragte Bild indes, die Massenstimmung im Juli/August 1914 sei in erster Linie oder gar ausschließlich von nationalistischer Kriegsbegeisterung geprägt worden, ist von der neueren Forschung seit langem nachhaltig widerlegt und relativiert worden. Zweifellos gab es kriegsbegeisterte Massen, die auf den Straßen der Großstädte die Mobilmachung bejubelten und zum Krieg drängten; und nach Kriegsbeginn wurde der Burgfrieden in der Öffentlichkeit sogar als das „große Augusterlebnis des deutschen Volkes“ gefeiert. Es handelte sich jedoch weniger um eine Begeisterung für den Krieg an sich als vielmehr für die Ergebnisse, die der Kriegsbeginn mit der Überwindung lange beklagter Verwerfungen und Probleme bewirkt zu haben schien: In ihrem Mittelpunkt standen die nun im Massenerlebnis und im Burgfriedensschluss scheinbar verwirklichte und als Erlösung gefeierte nationale Einheit und Erneuerung des deutschen Volkes.

Doch insgesamt war die Stimmungsentwicklung bei Kriegsbeginn zuerst einmal von sehr gegensätzlichen Ausdrucksformen geprägt, die von den massenhaften sozialdemokratischen Antikriegsprotesten in der letzten Juliwoche bis zu den anfangs vergleichsweise kleinen Prokriegsdemonstrationen reichten. Zwischen diesen Polen war die Massenstimmung von einer wachsenden Unsicherheit, Anspannung und Erregung der Bevölkerung geprägt, die in vielfältigen Erscheinungsformen zum Ausdruck kam und sich schließlich in einer teils begeisterten, teils von Hass erfüllten, oft aber vor allem ernüchterten Akzeptanz des Krieges verdichteten. „Die Spannung löste sich“, berichtete etwa der sozialdemokratische „Vorwärts“ über die Stimmung in Berlin nach der Verkündigung der Mobilmachung: „Wenn auch der Beifall der Kriegslüsternen stark hervortrat, so konnte dem aufmerksamen Beobachter doch nicht entgehen, wie vielen mit der Bekanntmachung der letzte Strohhalm ihrer Hoffnungen entglitt und tiefernste Sorge aufs Antlitz trat.“

QuellentextBericht eines Pfarrers über die Stimmung im Berliner Arbeiterbezirk Moabit, Herbst 1914

Aus den Fenstern hängen jetzt Fahnen heraus, in manchen Häusern bis zu sechs – ein erstaunlicher Anblick für den Kenner der Verhältnisse. Sonst zeigte etwa an Kaisers Geburtstag die ganze Stadt nicht eine einzige Fahne; aus sozialistischen Parteikneipen heraus hört man die Klänge der Wacht am Rhein. Die eigentliche Begeisterung – ich möchte sagen, die akademische Begeisterung, wie sie sich der Gebildete leisten kann, der nicht unmittelbare Nahrungssorgen hat, scheint mir doch zu fehlen. Das Volk denkt sehr real, und die Not liegt schwer auf den Menschen. In den Fabriken wird freilich noch gearbeitet, meist jetzt für das Heer, daher haben noch viele Männer Arbeit – Frauen sind aber massenhaft brotlos geworden. Die Zahl der Eingezogenen ist doch ganz beträchtlich, sie schwankt in den Häusern zwischen 2 und 14, soweit ich habe feststellen können. Ansätze zu revolutionärer Gesinnung sind in keiner Weise vorhanden. Im ganzen muß man sagen; es herrscht eigentlich ein prachtvoller Ernst. Immer wieder hört man sagen: es muß sein, unsre Sache ist gerecht. Der sozialdemokratische Arbeiter ist stolz, daß er seine vaterländische Gesinnung zeigen kann. [...] Kriegslustig ist der sozialistische Arbeiter nicht, aber kriegsentschlossen. Das Kleinbürgertum, das bisher schon national war, ist eher etwas radaumäßig gestimmt. In Genossenschaftskreisen empfindet man teilweise das sittliche Problem des Krieges, auch das Unrechte des Krieges – der normale Kirchenmensch ist leider davon weit entfernt.


Aus: Monatsschrift für die Pastoraltheologie zur Vertiefung des gesamten pfarramtlichen Wirkens, hg. v. D. Paul Wurster und Prof. D. J. Schnell, 11. Jg., 2. Kriegsheft, Nov. 1914, S. 50f.

Auch nachdem die sozialdemokratischen Antikriegsproteste am 31. Juli angesichts der Verhängung des Belagerungszustandes abgebrochen worden waren, finden sich nur wenige Beispiele für nationalistische Kriegsbegeisterung in der Arbeiterschaft. Die SPD-Zeitungen berichteten vielmehr von Verzweiflung und Tränen beim Abschied der Einberufenen, bald auch von der wachsenden sozialen Not, die breite Bevölkerungsschichten kaum in Begeisterung versetzen konnte. Ähnliche Berichte liegen auch über die Stimmung auf dem Lande vor. Offene Begeisterung dagegen herrschte vor allem in den großstädtischen Zentren, wo die Kriegserklärungen verkündet, die Truppen verabschiedet und erste Siegesmeldungen bejubelt wurden. Ihr Träger war allem Anschein nach insbesondere das Bürgertum: Nicht, wie es immer wieder hieß, Millionen junge Männer, aber viele Studenten und Oberschüler meldeten sich in Massen freiwillig, es herrschte teilweise eine karnevaleske Übergangsstimmung, viele, insbesondere Bildungsbürger schrieben begeisterte Gedichte und Aufrufe, in denen der Kriegsbeginn als nationale Erneuerung und Wiedergeburt gefeiert wurde. „Das deutsche Wesen ist uns erschienen“, jubelte der deutsch-österreichische Dichter Hermann Bahr. Zugleich kam es aber auch zu Erscheinungsformen von Chaos und Panik, die sich vor allem in Hamsterkäufen, einem Ansturm auf die Banken und nicht zuletzt einer hysterischen Angst vor feindlichen Spionen äußerten. Hinzu kam ein aggressiver Chauvinismus. Hassphantasien auf die Kriegsgegner wurden laut und „Gott strafe England!“, diese von Ernst Lissauers berühmten, bei Kriegsbeginn entstandenen Gedicht „Haßgesang gegen England“ inspirierte Parole wurde für viele in Armee und Öffentlichkeit zu einer Art „deutschem Gruß“. Fremd aussehende oder sich der nationalen Hochstimmung verweigernde Menschen wurden in aller Öffentlichkeit beschimpft und verfolgt, fremdsprachige Geschäfts- oder Warennamen geändert. Andere Menschen dagegen blieben distanziert, manche verfielen in tiefe Verzweiflung, und oft standen widersprüchliche Emotionen auch in einer Person unverbunden nebeneinander.

QuellentextErnst Lissauer: Haßgesang gegen England (1914)

Was schiert uns Russe und Franzos
Schuß wider Schuß und Stoß um Stoß
wir lieben sie nicht
Wir hassen sie nicht
Wir schützen Weichsel und Wasgaupaß
Wir haben nur einen einzigen Haß
Wir lieben vereint, wir hassen vereint
Wir haben nur einen einzigen Feind
Den ihr alle wißt, den ihr alle wißt
Er sitzt geduckt hinter der grauen Flut
voll Neid, voll Mut, voll Schläue, voll List
durch Wasser getrennt, die sind dicker als Blut
Wir wollen treten in ein Gericht
einen Schwur zu schwören, Gesicht in Gesicht
einen Schwur von Erz, den verbläst kein Wind,
einen Schwur für Kind und für Kindeskind.
Vernehmt das Wort, sagt nach das Wort
es wälze sich durch ganz Deutschland fort:
Wir wollen nicht lassen von unserm Haß
Wir haben alle nur einen Haß
Wir lieben vereint, wir hassen vereint
Wir haben alle nur einen Feind:
England

In der Bordkajüte, im Feiersaal
saßen Schiffsoffiziere beim Liebesmahl
wie ein Säbelhieb, wie ein Segelschwung
einer riß grüßend empor den Trunk
knapp, hinknallend wie Ruderschlag
drei Worte sprach er: „Auf den Tag!“
Wem galt das Glas?
Sie hatten alle nur einen Haß.
wer war gemeint?
sie hatten alle nur einen Feind:
England

Nimm du die Völker der Erde in Sold
baue Wälle aus Barren von Gold,
bedecke die Meerflut mit Bug bei Bug
du rechnetest klug, doch nicht klug genug
Was schiert uns Russe und Franzos´:
Schuß wider Schuß und Stoß um Stoß!
Wir kämpfen den Kampf mit Bronze und Stahl
und schließen Frieden irgend einmal
DICH werden wir hassen mit langem Haß
wir werden nicht lassen von unserm Haß

Haß zu Wasser und Haß zu Land
Haß des Hauptes und Haß der Hand
Haß der Hämmer und Haß der Kronen
drosselnder Haß von siebzig Millionen
Sie lieben vereint, sie hassen vereint
Sie haben alte nur einen Feind:
England

Ernst Lissauer : Haßgesang gegen England, in: Worte in der Zeit, Flugblätter, Göttingen / Berlin 1914, auch in: Marcell Salzer: Kriegs-Programme 1914/15, Hamburg 1915.

Dieses Haßgedicht wurde laut Heinz Lemmermann "Kriegserziehung im Kaiserreich" während des Krieges oft bei Schulfeiern vorgetragen.

QuellentextTagebucheintrag des jungen Hamburger Sozialdemokraten Wilhelm Heberlein vom 16. August 1914

"Wegen Einberufung der Genossen muß ich Parteibeiträge kassieren – Wohnungselend, Kummer verlassener Frauen, Arbeitslosigkeit, Mutlosigkeit, vereinzelt gefaßte Menschen."

Aus: Volker Ullrich, Kriegsalltag in Hamburg, Köln 1982, S. 21.

QuellentextFriedrich Stampfer: Sein oder Nichtsein!

Solange es die Möglichkeit gibt, den Frieden zu retten gibt es nur eine Pflicht: für ihn zu arbeiten. In dem Augenblick aber, in dem das weltgeschichtliche Ringen beginnt – und wir wissen nicht, um wieviele Stunden wir von ihm getrennt sind – ändern sich auch die Aufgaben des deutschen klassenbewußten Proletariats.

Deutschland wird dann mit einem Bundesgenossen, der mit starker Heeresmacht auf einem anderen Kriegsschauplatz festgehalten ist, gegen zwei Fronten – vielleicht obendrein noch in der Nordsee gegen England zu kämpfen haben. Das ist ein Krieg, gegen den der von 1870/71 ein Kinderspiel war.

Die ungeheure Mehrheit des deutschen Volkes hat diesen Krieg nicht gewollt. Aber es gibt in Deutschland keine Partei, keine Gruppe und – wir glauben – keinen Menschen, der in diesem Krieg eine Niederlage Deutschlands will.

Diese Niederlage wäre etwas Unausdenkbares, Entsetzliches. Ist schon ein Krieg an sich der Schrecken aller Schrecken, so wird das Furchtbare dieses Krieges noch durch den Umstand vermehrt, daß er nicht nur unter zivilisierten Nationen geführt wird. Wir haben das Vertrauen zu unseren Klassen- und Volksgenosse in Uniform, daß sie sich von aller überflüssigen Grausamkeit fernhalten werden. Wir können dieses Vertrauen nicht haben zu den buntgemengten Völkerschaften des Zaren, und wir wollen nicht, daß unsere Frauen und Kinder Opfer kosakischer Bestialitäten werden. [...]

Niederlage aber wäre gleichbedeutend mit Zusammenbruch, Vernichtung und namenlosem Elend für uns alle. Und unser aller Gedanken bäumen sich gegen diese Möglichkeit auf. Unsere Vertreter im Reichstag haben es unzählige Male für eine Verleumdung erklärt, daß die Sozialdemokraten ihr Land im Augenblick der Gefahr im Stich lassen könnten. Wenn die verhängnisvolle Stunde schlägt, dann werden die Arbeiter das Wort einlösen, das von ihren Vertretern für sie abgegeben worden ist. Die „vaterlandslosen Gesellen“ werden ihre Pflicht erfüllen und sich darin von den Patrioten in keiner Weise übertreffen lassen. [...]

Unser Herz weiß nicht von Begeisterung für einen Krieg. Es ist erfüllt mit tiefem Abscheu vor dem Krieg. Aber wenn kein Opfer mehr hilft, um das Verhängnis aufzuhalten, wenn wir uns dann der namenlosen Schändlichkeiten erinnern, die der Zarismus an seinen eigenen Volksgenossen verübt hat, wenn wir uns weiter vorstellen, die Schergen dieser barbarischen Gewalt könnten als trunkene Sieger unser Land betreten, dann dringt ein Schrei über unsere Lippen: Nur das nicht! Jenseits aller Greuel der Verwüstung steigt uns ein anderes, freundlicheres Bild auf: Ein freies deutsches Volk, das sich sein Vaterland eroberte, indem es dieses sein Land verteidigte. Dieses freie deutsche Volk nach billigen Friedensbedingungen im Bunde mit den großen Kulturvölkern des Westens. Unsere große Sache allüberall im Vordringen. Drüben aber im Osten die rauchenden Trümmer eines Zarenthrons.



Vielfach in der SPD-Presse nachgedruckter Korrespondenzartikel vom 31.7.1914, der die Entscheidung für die Bewilligung der Kriegskredite vorwegnahm.

Insgesamt kann festgehalte werden, dass der Kriegsbeginn von einer vielschichtigen Stimmungsentwicklung geprägt war, in der Äußerungen von Begeisterung, Verunsicherung, Ablehnung und Verzweiflung sich teilweise schroff gegenüberstanden, teilweise aber auch miteinander verbunden. Im Ergebnis setzte sich eine zwar keineswegs durchgehend kriegsbegeisterte, schließlich aber doch entschlossene, den Krieg akzeptierende Stimmung durch. Noch aber ging die öffentliche Meinung dabei von einem kurzen Krieg aus, der bis Jahresende siegreich entschieden werden könnte. Nur langsam trat ins Bewusstsein, dass man erst am Anfang eines mehrjährigen industriellen Abnutzungskrieges stand, der die ganze Welt ergreifen und die gesellschaftspolitische Ordnung nicht nur in Deutschland grundlegend verändern sollte.

Quellen / Literatur

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Geinitz, Christian: Kriegsfurcht und Kampfbereitschaft. Das Augusterlebnis in Freiburg. Eine Studie zum Kriegsbeginn 1914, Essen 1998.

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Jäger, Wolfgang: Historische Forschung und politische Kultur in Deutschland. Die Debatte 1914-1980 über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, Göttingen 1984.

Joll, James: Die Ursprünge des Ersten Weltkrieges, München 1988.

Krumeich, Gerd: Juli 1914 – Eine Bilanz, Paderborn 2014.

Kruse, Wolfgang: Krieg und nationale Integration. Eine Neuinterpretation des sozialdemokratischen Burgfriedensschlusses 1914/15, Essen 1993.

Leed, Eric J.: No Man’s Land. Combat and Identity in World War I, Cambridge u. a. 1979.

Mombauer, Anika, Die Julikrise. Europas Weg in den Ersten Weltkrieg, München 2014.

Müller, Sven Oliver: Unerwartete Feinde. Zivile Gewalt und Emotionen im Ersten Weltkrieg, Weinheim 2025.

Raithel, Thomas: Das "Wunder der inneren Einheit“. Studien zur deutschen und französischen Öffentlichkeit bei Beginn des Ersten Weltkrieges, Bonn 1996.

Ritter, Gerhard: Der Schlieffen-Plan. Kritik eines Mythos, München 1956.

Schöllgen, Gregor (Hg.): Flucht in den Krieg? Die Außenpolitik des kaiserlichen Deutschland, Darmstadt 1991.

Stöcker, Michael: „Augusterlebnis 1914“ in Darmstadt. Legende und Wirklichkeit, Darmstadt 1994.

Verhey, Jeffrey T.: Der "Geist von 1914“ und die Erfindung der Volksgemeinschaft, Hamburg 2000.

Fussnoten

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Apl. Prof. Dr. Wolfgang Kruse, geb. 1957, ist Akademischer Oberrat und außerplanmäßiger Professor im Arbeitsbereich Neuere Deutsche und Europäische Geschichte am Historischen Institut der Fernuniversität Hagen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte des Ersten Weltkriegs, die Geschichte der Französischen Revolution, Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung und die Geschichte des politischen Totenkults. Von Kruse ist u.a. erschienen: Wolfgang Kruse: Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009 (Geschichte Kompakt der WBG).