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Kriegsverlauf und Außenpolitik

Wolfgang Kruse

/ 8 Minuten zu lesen

Das Schmieden von Allianzen und diplomatisches Geschick sind ebenso wichtige Kriegsmittel wie Waffen, militärische Strategien und Kriegsgewalt. Der Erste Weltkrieg illustrierte dies nicht zuletzt im Bemühen Deutschlands, die gegnerische Entente aufzubrechen und auf einer Seite des Zweifrontenkrieges Frieden zu schließen, um auf der anderen Seite einen durchschlagenden Sieg erringen zu können. Gleichzeitig schaffte der U-Boot-Krieg neue Möglichkeiten der offensiven militärischen Kriegsführung, führte aber auch zum letztlich entscheidenden Kriegseintritt der USA.

Seeschlacht vor dem Skagerrak am 31.5./1.6.1916. Das Bild zeigt die deutsche Flotte vor der Schlacht in voller Fahrt. (© picture-alliance/akg)

Nach dem Bewegungskrieg der ersten Wochen und Monate zeichnete sich im folgenden Stellungskrieg bald ab, dass in militärischer Hinsicht die Defensive der Offensive strukturell überlegen sein würde. Zwar hatten die deutschen Truppen in den ersten Kriegswochen große Teile Belgiens und kleinere Teile Nordfrankreichs erobert, doch mit der Marneschlacht Mitte September 1914 war der Vormarsch um Stillstand gekommen und der Krieg im Westen ging in einen jahrelangen Stellungskrieg über. Trotzdem hielten die Militärs im Zeichen eines verbreiteten Kultes der Offensive auf allen Seiten an dem Versuch fest, durch großangelegte, ungeheuer verlustreiche Angriffe eine Entscheidung zu erzwingen. Da dies immer wieder scheiterte, entwickelte sich der Krieg zu einem umfassenden industriellen Abnutzungskrieg. Zugleich bemühten sich die Kriegsparteien auf unterschiedliche Weise darum, ihre Kriegsbündnisse zu erweitern, ihre strategische Stellung zu verbessern und neue Angriffspunkte zu finden. Während sich dabei die Frontlinie im Westen trotz eines bislang nicht für möglich gehaltenen Materialeinsatzes und ungeheurer Verluste bis zum Jahre 1918 kaum veränderte, waren die anderen Kriegsschauplätze von einer höheren Dynamik geprägt. Doch zu kriegsentscheidenden Veränderungen kam es auch hier lange nicht.

Diplomatie und Kriegsführung

Den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn gelang es, schon kurz nach Kriegsbeginn 1914 das Osmanische Reich, im folgenden Jahr auch Bulgarien in ihre Kriegskoalition zu integrieren und so den Kriegseintritt Japans (1914) und Italiens (1915) auf Seiten der Entente zu kompensieren. Militärisch konnten sie in den Jahren 1915 und 1916 mit der Eroberung großer Teile Russisch-Polens und des Baltikums, den Siegen über Serbien und über das schließlich auch auf Seiten der Entente in den Krieg eingetretene Rumänien beachtliche Erfolge erzielen. Die Mittelmächte beherrschten nun einen geschlossen Raum in Mitteleuropa und Kleinasien, der über eine beträchtliche wirtschaftliche und militärische Kohärenz und Stärke verfügte und 1917/18 noch ausgebaut werden konnte. Die teils zivil, teils militärisch organisierte deutsche Besatzungsherrschaft in Belgien und Nordfrankreich auf der einen, in russisch-Polen und dem Baltikum auf der anderen Seite eröffnete darüber hinaus Möglichkeiten zur Plünderung und Ausbeutung von Landwirtschaft, Industrie, Bodenschätzen und Arbeitskräften, die nicht nur vor Ort zu Zwangsarbeiten herangezogen, sondern auch mit mehr oder weniger offenem Zwang zur Arbeit nach Deutschland verbracht wurden. Besondere internationale Aufmerksamkeit erregte 1916 die Deportation von etwa 60.000 belgischen Arbeitern zur Zwangsarbeit in der deutschen Kriegsindustrie, die nach internationalen Protesten schließlich eingestellt wurde. In Osteuropa sah die die Weltöffentlichkeit nicht so kritisch hin. Bereits bei Kriegsbeginn waren die saisonalen Arbeitsverträge von etwa einer halben Million Arbeitskräften insbesondere aus russisch-Polen zwangsweise bis Kriegsende verlängert worden.

Nach den militärischen Eroberungen wurde dann vor allem im militärischen Herrschaftsbereich Ober-Ost in Kooperation mit der deutsch-baltischen Führungsschicht eine militaristische Herrschaftsform eingeführt, die vielfältige Formen von Ausbeutung und Zwangsarbeit praktizierte und zugleich weitreichende Perspektiven für eine deutsche Kolonialherrschaft in Osteuropa zu eröffnen schien. Die alliierten Offensiven im Westen blieben demgegenüber lange Zeit ebenso erfolglos wie ihr Flottenangriff auf die Dardanellen und ihre Vorstöße in Arabien gegen Bagdad. Doch waren auch diese defensiven Erfolge der Mittelmächte nicht in der Lage, dem Krieg eine entscheidende Wendung zu geben. Während das deutsche Oberkommando im Osten unter den Generälen Paul v. Hindenburg und Erich Ludendorff dafür eintrat, die Hauptmacht der deutschen Armee gegen Russland zu wenden und erst einmal das Zarenreich entscheidend zu schlagen, hielt die 2. Oberste Heeresleitung (OHL) unter General Erich v. Falkenhayn an der Auffassung fest, dass der Krieg im Westen entschieden werde. Falkenhayns Versuch, die französische Armee mit dem Angriff auf die strategisch und symbolisch bedeutende Festung Verdun „weißzubluten“, scheiterte 1916 jedoch ebenso unter enormen Verlusten auf beiden Seiten wie die englisch-französischen Offensiven an der Somme und die mit ihnen koordinierten Angriffe der russischen Armee in Polen sowie der Italiener an der Alpenfront.

Die vielfältigen internationalen Friedensinitiativen vor allem von dänischer, amerikanischer und spanisch-vatikanischer Seite haben immer wieder das Interesse der Forschung gefunden. Gleichwohl ist festzuhalten, dass die Erfolgsaussichten angesichts der immer weiter ausufernden Kriegsziele aller beteiligten Länder eher gering waren. Nicht nur rückblickend, angesichts der Niederlage, sondern auch aufgrund der Eroberung weiter Territorien in West- und vor allem in Mittel- und Osteuropa ist aber davon auszugehen, dass die vom Deutschen Reich geführte Mächtekoalition mehr Spielraum für mögliche Verhandlungsangebote hatte. Doch auf deutscher Seite wurde grundsätzlich das Ziel verfolgt, entweder durch Annexionen oder in der gemäßigteren Variante durch Formen indirekter Herrschaft eine hegemoniale, von den verbündeten Mächten flankierte Stellung auf dem europäischen Kontinent zu erlangen. Mittel- oder noch umfassender Kontinentaleuropa lauteten die programmatischen Herrschaftskonzepte der deutschen Kriegszielpolitik, während die Entente nicht nur die militärischen deutschen Eroberungen in Ost- und Westeuropa (einschließlich des bereits 1871 annektierten Elsass-Lothringen) revidieren, sondern auch die imperialistische Bedrohung durch das kaiserliche Deutschland grundsätzlich beseitigen wollte. So standen sich weitgehend antagonistische Kriegsziele gegenüber, die so lange kaum Verhandlungsspielräume ließen, wie keine entscheidenden militärischen Erfolge erzielt werden konnten.

Zugleich unterlagen alle sog. Friedensbemühungen auch selbst kriegsstrategischem Kalkül: Sie waren auf deutscher Seite unauflöslich mit dem Ziel verbunden, die Belastungen des Zweifrontenkrieges aufzubrechen und mit einer Seite Frieden zu schließen, um auf der anderen Seite umso erfolgreicher einen militärischen Sieg erringen zu können. Die Versuche, Russland durch militärischen Druck einen Verständigungsfrieden aufzuzwingen, scheiterten jedoch immer wieder an der bereits 1914 vom Zarenreich mit England und Frankreich im Londoner Abkommen getroffenen Vereinbarung, keinen Separatfrieden zu schließen. Und alle Verständigungsversuche im Westen mussten schon deshalb erfolglos bleiben, weil die Reichsleitung nicht bereit war, die von der Entente als Vorbedingung geforderte Wiederherstellung der belgischen Unabhängigkeit zu garantieren. Mit der Ernennung der 3. OHL unter Paul v. Hindenburg und Erich Ludendorff im August 1916 setzte sich in Deutschland schließlich endgültig die Perspektive durch, den Krieg nur mit einem umfassenden Siegfriedensschluss beenden zu können.

Revolutionierungsversuche, Englische Seeblockade und U-Boot-Krieg

Alfred von Tirpitz, Zur Kriegssituation, 24. Januar 1917

Alfred von Tirpitz, Zur Kriegssituation, 24. Januar 1917

Inhalt

Während die Mittelmächte auf dem europäischen Kontinent lange eine strategisch starke Stellung einnehmen konnten, gerieten sie im globalen Kontext bald ins Hintertreffen. Sehr schnell gingen die deutschen Kolonien verloren, nur die deutsche Schutztruppe in Ostafrika unter dem Kommando von General Paul v. Lettow-Vorbeck führte bis Kriegsende einen Guerillakrieg, der zwar verheerende Wirkungen auf die afrikanischen Völker hatte, den Krieg insgesamt aber nicht wesentlich beeinflussen konnte. Die deutschen Bemühungen um eine Revolutionierung der von Russland und Großbritannien beherrschten Völker waren lange kaum von Erfolg gekrönt. Insbesondere in Arabien waren die Briten mit ihrem Versuch, Aufstände gegen die Osmanische Herrschaft zu unterstützen, weit erfolgreicher. Vor allem aber beherrschten sie die Weltmeere und den maritimen Welthandel. Zwar konnten deutsche Auslandskreuzer nach Kriegsbeginn einige Aufsehen erregende Erfolge erzielen. Doch erwiesen sich diese bald als Strohfeuer, die deutschen Kriegsschiffe wurden von der Royal Navy schnell ausgeschaltet. Vor allem aber gelang es der englischen Flotte seit Kriegsbeginn im Nordatlantik und in der Nordsee, bald ergänzt durch das Mittelmeer, eine großangelegte Seeblockade zu errichten, um das Deutsche Reich und seine Verbündeten vom Weltmarkt abzuschließen. Die Blockade galt anfangs nur für Kriegsmaterial, wurde aber bald in völkerrechtswidriger Weise auch auf Rohstoffe und Lebensmittel ausgeweitet. Allerdings war die „Hungerblockade“ lange nur begrenzt erfolgreich, weil die Mittelmächte über ihre Handelskontakte mit neutralen Nachbarländern weiterhin über Zugänge zum Weltmarkt verfügten, die erst langsam durch diplomatischen Druck der Entente verschlossen werden konnten. Die deutsche Hochseeflotte dagegen musste die strategische Überlegenheit der Grand Fleet (britische Flotte) anerkennen, auch als sie 1916 in der Schlacht am Skagerak zwar gewisse Erfolge, aber letztlich keinen Durchbruch erzielen konnte und sich zurückziehen musste.

QuellentextDie militärstrategische Planung der II. OHL unter General Erich v. Falkenhayn Ende 1915

Frankreich ist militärisch und wirtschaftlich – dies durch dauernde Entziehung der Kohlenfelder im Nordosten des Landes – bis nahe an die Grenze des Erträglichen geschwächt. Rußlands Wehrmacht ist nicht voll niedergerungen, aber seine Offensivkraft doch so gebrochen, daß sie in annähernd der alten Stärke nicht wieder aufleben kann. Serbiens Heer kann als vernichtet gelten. Italien hat zweifellos eingesehen, daß es auf Verwirklichung seiner Raubgelüste in absehbarer Zeit nicht rechnen kann, und würde deshalb wahrscheinlich froh sein, das Abenteuer auf irgendeine anständige Weise bald liquidieren zu können.

Wenn aus diesen Tatsachen nirgends Folgerungen gezogen wurden, so liegt dies an vielen Erscheinungen, in deren Erörterung man im einzelnen nicht einzutreten braucht. Nur an der hauptsächlichsten darf man nicht vorübergehen. Sie ist der ungeheuerliche Druck, den England noch immer auf seine Verbündeten ausübt. […]

Um so notwendiger ist es, daß gleichzeitig alle jene Mittel rücksichtslos zur Anwendung gebracht werden, die geeignet sind, England auf seinem eigensten Gebiet zu schädigen. Es sind dies der Unterseekrieg und die Anbahnung eines politischen und wirtschaftlichen Zusammenschlusses Deutschlands nicht nur mit seinen Verbündeten, sondern auch mit allen noch nicht ganz im Bannkreis Englands gefesselten Staaten. Sich mit diesem Zusammenschluß zu beschäftigen, ist nicht Sache dieser Darlegung. Die Lösung der Aufgabe liegt ausschließlich der politischen Leitung ob.

Die Unterseekrieg dagegen ist ein Kriegsmittel wie jedes andere. Die Gesamtkriegsleitung darf sich der Stellungnahme zu ihm nicht entziehen.

Er zielt auf die verwundbarste Stelle des Feindes ab, in dem er ihm die Zufuhren über See abzuschneiden versucht. Gehen die bestimmten Zusagen der Marine dahin in Erfüllung, daß der unbeschränkte Unterseebootkrieg England innerhalb des Jahres 1916 zum Einlenken bringen muß, so ist selbst die Annahme einer feindlichen Haltung seitens der Vereinigten Staaten jetzt zu ertragen. Ihr Eingreifen in den Krieg kann nicht so schnell entscheidende Wirkung üben, daß es England, welches das Gespenst des Hungers und viele andere Nöte auf seiner Insel auftauchen sieht, zum Weiterkämpfen bewegen könnte. […]

Ein Vorgehen auf Moskau führt uns ins Uferlose. Für keine dieser Unternehmungen verfügen wir über ausreichende Kräfte. Mithin scheidet Rußland als Angriffsobjekt aus. Es bleibt allein Frankreich übrig. […]

Hinter dem französischen Abschnitt der Westfront gibt es in Reichweite Ziele, für deren Behauptung die französische Führung gezwungen ist, den letzten Mann einzusetzen. Tut sie es, so werden sich Frankreichs Kräfte verbluten, da es ein Ausweichen nicht gibt, gleichgültig, ob wir das Ziel selbst erreichen oder nicht. Tut sie es nicht und fällt das Ziel in unsere Hände, dann wird die moralische Wirkung in Frankreich ungeheuer sein. Deutschland wird nicht gezwungen sein, sich für die räumlich eng begrenzte Operation so zu verausgaben, daß alle anderen Fronten bedenklich entblößt werden. Es kann mit Zuversicht den an ihnen zu erwartenden Entlastungsunternehmungen entgegensehen, ja hoffen, Kräfte in genügender Zahl zu erübrigen, um den Angriffen mit Gegenstößen begegnen zu können. Denn es steht ihm frei, seine Offensive schnell oder langsam zu führen, sie zeitweise abzubrechen oder sie zu verstärken, wie es seinen Zwecken entspricht.

Die Ziele, von denen hier die Rede ist, sind Belfort und Verdun. Für beide gilt das oben Gesagte. Dennoch verdient Verdun den Vorzug. […]



Aus: Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellungen, Bd. 8, S. 383-85.

Stattdessen setzte die deutsche Seekriegsleitung auf den ebenfalls offen völkerrechtswidrigen U-Boot-Krieg gegen den Seehandel mit England und Frankreich, der nicht zuletzt amerikanische Schiffe traf. Der U-Boot-Krieg wurde nach der Versenkung des Passagierschiffes Lusitania am 7. Mai 1915 mit mehr als 1.000 Toten zwar zeitweilig eingeschränkt, doch auf Druck der Obersten Heeresleitung Anfang 1917 in vollem Umfang wieder aufgenommen, was wenig später zur Kriegserklärung der USA und in deren Gefolge vieler weiterer Länder führte. Die Hoffnung jedoch, Großbritannien auf diesem Weg zum Frieden zwingen zu können, erfüllte sich trotz anfänglicher Erfolge nicht. Mit der Einführung des Konvoi-Systems, der gemeinsamen Fahrt einer großen Zahl von Handelsschiffen unter dem Schutz von Kriegsschiffen, konnten die Verluste begrenzt werden, und der amerikanische Kriegseintritt stärkte zugleich die alliierten Hoffnungen, mittelfristig das Deutsche Reich und seine Verbündeten niederringen zu können. Auf dem europäischen Kriegsschauplatz machte sich die amerikanische Verstärkung allerdings erst langsam bemerkbar, denn die USA mussten erst einmal eine entsprechende Armee aufbauen.

Der Kriegsverlauf im Osten 1915-1917 (© Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr)

Der Kriegseintritt der USA brachte aber auch grundlegende Veränderungen für die Frage der Kriegsziele mit sich: Aus der Sicht des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, die er Anfang 1918 in seinem berühmten 14-Punkte-Programm formulierte, sollten nicht territoriale, imperialistische Herrschaftsansprüche für die Kriegszieldiskussion leitend sein, sondern ideelle völkerrechtliche Ziele wie vor allem das demokratische Selbstbestimmungsrecht der Völker, das nun auch von der Revolution in Russland proklamiert wurde. Auch wenn solche Forderungen für die westeuropäischen Verbündeten Frankreich und Großbritannien anschlussfähiger waren als für die autokratisch regierten Mittelmächte, brachten sie doch auch für diese – insbesondere wegen der damit verbundenen kolonialen Selbstbestimmungsforderungen – gravierende Spannungsfelder mit sich, die schließlich nach Kriegsende in den Pariser Vorortverhandlungen ausgetragen wurden. Vorerst aber war das Selbstbestimmungsrecht der Völker doch eine mitreißende demokratische Parole, die dem Krieg gegen das Deutsche Kaiserreich und seine Verbündeten nicht nur weitere Legitimation verschaffen konnte, sondern diesen auch ihr Ende ankündigten.

Die deutsche Offensive 1918 (© Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr)

Kriegsentscheidung 1917/18

Als 1917 die Revolution Russland erfasste, konnte die deutsche Politik allerdings ihre schon früh einsetzenden Versuche, die innere Revolutionierung Russlands durch die finanzielle Unterstützung von oppositionellen Bewegungen zu unterstützen, erst einmal als Erfolg verbuchen. Zwar setzte nach der Februarrevolution 1917 auch die neue russische Regierung ihre Kriegsanstrengungen fort. Doch mit dem Transport der im Schweizer Exil lebenden Bolschewiki um Wladimir I. Lenin durch das deutsch beherrschte Europa nach Russland trug Deutschland maßgeblich zur bolschewistischen Oktoberrevolution bei, deren Führung sich schließlich unter Einfluss Lenins zu Verhandlungen über einen Separatfriedensschluss bereitfand. Nun schien die deutsche Siegfriedensstrategie des „devide and conquer“ doch noch aufzugehen. In den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk wurde dem bolschewistischen Russland, gestützt auf einen umfangreichen, auch den gerade erst gegründeten ukrainischen Staat erfassenden militärischen Vormarsch, ein Gewaltfrieden mit riesigen Gebietsabtretungen in Mittel- und Osteuropa aufgezwungen. Und im Westen bereitete die Militärführung anschließend eine großangelegte Offensive vor, die auch hier eine militärische Entscheidung zugunsten des Deutschen Reiches erzwingen sollte.

In den sog. Frühjahrsoffensiven des Jahres 1918 konnten die deutschen Truppen anfangs tatsächlich umfangreiche, seit Kriegsbeginn nicht mehr erreichte territoriale Gewinne erzielen. Trotz immer weiter forcierter Angriffsbemühungen an wechselnden Frontabschnitten gelang es jedoch nicht, einen entscheidenden Durchbruch zu erzielen. Als die nun durch frische amerikanische Truppen verstärkten alliierten Armeen im Sommer 1918 zur Gegenoffensive antraten, hatten ihnen die ausgezehrten deutschen Kräfte nicht mehr viel entgegenzusetzen, sondern mussten sich hinter ihre Ausgangsstellungen auf die sogenannte Siegfriedlinie zurückziehen und bald auch hier gravierende Durchbrüche hinnehmen. Zugleich begann sich auch der militärische Zusammenbruch der verbündeten Armeen von Österreich-Ungarn, der Türkei und Bulgariens immer deutlicher abzuzeichnen.

Erst unter diesen Bedingungen entschied sich die OHL, nun doch auf einen Friedensschluss zu setzen. Sie erklärte gegenüber der Reichsleitung, dass die Front nicht mehr lange gehalten werden könne, und forderte sie ultimativ auf, so schnell wie möglich einen Waffenstillstand zu schließen. Dies war allerdings nicht so einfach, denn zu Waffenstillstandsverhandlungen waren die nunmehr vom bevorstehenden Sieg überzeugten Alliierten nur mit den Vertretern einer demokratisch legitimierten deutschen Regierung bereit. Spätestens damit rückte die schon lange schwelende Frage nach politischer Reform oder revolutionärem Umsturz der herrschenden Ordnung des Kaiserreichs unabweisbar auf die politische Agenda.

Quellentext14-Punkte Programm des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson in seiner Botschaft an den US-Kongreß, 8.1.1918

Das Programm des Weltfriedens ist unser Programm, und dieses Programm – unserer Auffassung nach das einzig mögliche – ist folgendes:

I. Offene Friedensverträge, die offen zustande gekommen sind, und danach sollen keine geheimen internationalen Vereinbarungen irgendwelcher Art mehr getroffen werden, sondern die Diplomatie soll immer offen und vor aller Welt arbeiten.

II. Vollkommene Freiheit der Schiffahrt auf den Meeren, außerhalb der Küstengewässer, sowohl im Frieden als auch im Kriege, außer insoweit, als die Meere ganz oder teilweise durch internationale Maßnahmen zur Erzwingung internationaler Abmachungen geschlossen werden mögen.

III. Beseitigung aller wirtschaftlichen Schranken, soweit möglich, und Errichtung gleicher Handelsbeziehungen unter allen Nationen, die dem Frieden zustimmen und sich zu seiner Aufrechterhaltung zusammenschließen.

IV. Austausch ausreichender Garantien dafür, daß die nationalen Rüstungen auf das niedrigste, mit der inneren Sicherheit zu vereinbarende Maß herabgesetzt werden.

V. Eine freie, weitherzige und unbedingt unparteiische Schlichtung aller kolonialen Ansprüche, die auf einer genauen Beobachtung des Grundsatzes fußt, daß bei der Entscheidung aller derartigen Souveränitätsfragen die Interessen der betroffenen Bevölkerung ein ebensolches Gewicht haben müssen wie die berechtigten Forderungen der Regierung, deren Rechtsanspruch bestimmt werden soll.

VI. Räumung des ganzen russischen Gebiets und eine solche Regelung aller Rußland betreffenden Fragen, die ihm die beste und freieste Zusammenarbeit der anderen Nationen der Welt für die Erlangung einer unbeeinträchtigten und unbehinderten Gelegenheit zur unabhängigen Bestimmung seiner eigenen politischen Entwicklung und nationalen Politik sicherstellt und es eines aufrichtigen Willkommens im Bunde der freien Nationen unter von ihm selbst gewählten Staatseinrichtungen versichert, und darüber hinaus die Gewährung von Beistand jeder Art, dessen es bedürfen und selbst wünschen sollte. Die Rußland in den nächsten Monaten von seinen Schwesternationen gewährte Behandlung wird der Prüfstein für deren gute Absichten und ihr Verständnis für seine Bedürfnisse – zum Unterschied von ihren eigenen Interessen – sowie für ihre verständige und selbstlose Sympathie sein.

VII. Belgien muß, wie die ganze Welt übereinstimmen wird, geräumt und wiederhergestellt werden, ohne jeden Versuch, seine Souveränität , deren es sich ebenso wie alle anderen freien Nationen erfreut, zu beschränken. Keine andere Einzelhandlung wird so wie diese dazu dienen, das Vertrauen unter den Nationen, das Vertrauen unter den Nationen zu Gesetzen wiederherzustellen, die sie selbst für die Regelung der Beziehungen untereinander aufgestellt und festgesetzt haben. Ohne diesen heilenden Akt ist die ganze Struktur und Geltung des Völkerrechts für immer erschüttert.

VIII. Alles französische Gebiet sollte befreit und die besetzten Teile sollten wiederhergestellt werden, und das Frankreich von Preußen im Jahre 1871 hinsichtlich Elsaß-Lothringen angetane Unrecht, das den Weltfrieden während eines Zeitraums von nahezu fünfzig Jahren in Frage gestellt hat, sollte wieder gutgemacht werden, damit erneut Friede im Interesse aller gemacht werde.

IX. Es sollte eine Berichtigung der Grenzen Italiens nach den klar erkennbaren Linien der Nationalität durchgeführt werden.

X. Den Völkern Österreichs-Ungarns, deren Platz unter den Völkern wir sichergestellt und zugesichert zu sehen wünschen, sollte die freieste Gelegenheit zu autonomer Entwicklung gewährt werden.

XI. Rumänien, Serbien und Montenegro sollten geräumt werden; besetzte Gebiete sollten wiederhergestellt werden; Serbien sollte freier und sicherer Zugang zum Meere gewährt werden; und die Beziehungen der verschiedenen Balkanstaaten zueinander sollten durch freundschaftliche Verständigung gemäß den geschichtlich feststehenden Grundlinien von Zugehörigkeit und Nationalität bestimmt werden. Auch sollten internationale Bürgschaften für die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit sowie für die territoriale Unverletzlichkeit der verschiedenen Balkanstaaten übernommen werden.

XII. Den türkischen Teilen des gegenwärtigen Osmanischen Reiches sollte eine sichere Souveränität, den anderen derzeit unter türkischer Herrschaft stehenden Nationalitäten aber eine unzweifelhafte Sicherheit der Existenz und unbeeinträchtigte Gelegenheit für autonome Entwicklung zugesichert werden; auch sollten die Dardanellen unter internationaler Garantie dauernd als ein freier Durchgang für die Schiffe und den Handel aller Nationen geöffnet werden.

XIII. Es sollte ein unabhängiger polnischer Staat errichtet werden, der die von unbestritten polnischen Bevölkerungen bewohnten Gebiete einschließen sollte, dem ein freier und sicherer Zugang zum Meere zugesichert werden sollte und dessen politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit und territoriale Unverletzlichkeit durch internationales Abkommen garantiert werden sollten.

XIV. Es muß zum Zwecke wechselseitiger Garantieleistung für politische Unabhängigkeit und territoriale Unverletzlichkeit der großen wie der kleinen Staaten unter Abschluß spezifischer Vereinbarungen eine allgemeine Gesellschaft von Nationen gebildet werden.

Aus: Der Waffenstillstand 1918-1919. Das Dokumeten-Material der Waffenstillstands-Verhandlungen von Compiègne, Spa, Trier und Brüssel, hg. i. Auftrag der Deutschen Waffenstillstands-Kommission, Bd. 1, Berlin 1928, S. 3-6.

Quellen / Literatur

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Hölzle, Erwin: Die Selbstentmachtung Europas. Das Experiment des Friedens vor und im Ersten Weltkrieg, Göttingen u.a. 1975.

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Fussnoten

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Apl. Prof. Dr. Wolfgang Kruse, geb. 1957, ist Akademischer Oberrat und außerplanmäßiger Professor im Arbeitsbereich Neuere Deutsche und Europäische Geschichte am Historischen Institut der Fernuniversität Hagen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte des Ersten Weltkriegs, die Geschichte der Französischen Revolution, Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung und die Geschichte des politischen Totenkults. Von Kruse ist u.a. erschienen: Wolfgang Kruse: Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009 (Geschichte Kompakt der WBG).