Meine Merkliste

Analyse: Arbeitslosigkeit in Russland: Entwicklungen nach der Krise von 2008

Russland-Analysen Memorial (16.12.2021) Von der Redaktion: Frohes Fest! Dokumentation: Friedensnobelpreisrede von Dmitrij Muratow dekoder: Memorial Dokumentation: Anträge der Staatsanwaltschaften Interview: Irina Scherbakowa Interview: Swetlana Gannuschkina Kommentar: Die Büchse der Pandora Dokumentation: Der Menschenrechtsrat ist besorgt Dokumentation: Kommentar von Wladimir Putin zu Memorial Kommentar: Wendejahre Kommentar: Angriff des Kreml auf Memorial Kommentar: "Der Westen" als Gefahr für Russlands innere Sicherheit Kommentar: Déjà-vu Kommentar: Memorial als geschichtswissenschaftlicher Akteur Kommentar: Ein Refugium der Freiheit wird zerstört Kommentar: Die Instrumente des Europarats Kommentar: Memorial im Nordkaukasus Kommentar: Einsatz für Religions- und Gewissensfreiheit Kommentar: Ist das russische "Ausländische-Agenten"-Gesetz reformierbar? dekoder: Schlag gegen Deutschland Notizen aus Moskau: Memorial und die Hoffnung Dokumentation: Fokus Memorial der Zeitschrift OSTEUROPA Dokumentation: Stellungnahmen zur drohenden Auflösung von Memorial Chronik: Covid-19-Chronik, 16. November – 03. Dezember 2021 Chronik: 15. November – 03. Dezember 2021 Erdgashandel (24.11.2021) Analyse: Der deutsch-russische Erdgashandel. Chronik: Covid-19-Chronik, 01. – 13. November 2021 Chronik: 01. – 12. November 2021 Sozialverantwortung und Klima in der Landwirtschaft (10.11.2021) Analyse: Landwirtschaftliche Betriebe in Russland für unternehmerische Sozialverantwortung Analyse: Wird die russische Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren? Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Oktober 2021 Chronik: 11. – 29. Oktober 2021 Duma- und Regionalwahlen (01.10.2021) Analyse: Die Dumawahlen 2021 und das zunehmend hegemonial-autoritäre Regime in Russland Analyse: Alexej Nawalnyj, "Smart Voting" und die Wahlen zur russischen Staatsduma 2021 Kommentar: Wahlen in der "Protestregion" Chabarowsk in Online- und sozialen Medien dekoder: Die Evolution der Duma Notizen aus Moskau: Wird (all)es nach den Wahlen wieder besser? Chronik: Covid-19-Chronik, 13. – 26. September 2021 Chronik: 13. – 26. September 2021 Wirtschaftliche Schocks (24.06.2021) Analyse: Die Wirtschaft der "Festung Russland" Analyse: Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Corona-Krise  Chronik: Covid-19-Chronik, 03. – 30. Mai 2021 Chronik: 17. Mai – 10. Juni 2021 Arktis (31.07.2021) Editorial: Sommerpause, на дачу Analyse: Arktische Visionen: Die sowjetische Expansion nach Norden Analyse: Russlands Arktis-Strategie bis 2035 – Große Pläne und ihre Grenzen Analyse: Der russische Vorsitz im Arktischen Rat: Prioritäten und Implikationen für den Hohen Norden Russlands Kommentar: Russlands arktischer Balanceakt Dokumentation: Russland und die Arktis: Eine Auswahl aktueller Publikationen Chronik: Covid-19-Chronik, 14. Juni – 17. Juli 2021 Chronik: 16. Juni – 18. Juli 2021 Duma-Wahlen/Repressionen (08.06.2021) Kommentar: Duma-Wahlen 2021 Kommentar: Informationskriege, Oppositionskoordination und die Dumawahl im Jahr 2021 Kommentar: Wird das Putin-Regime überleben? Kommentar: Vorbereitung auf die Parlamentswahlen 2021 Kommentar: Elektronische Stimmabgabe Kommentar: Bedingungen der Wahlbeobachtung Kommentar: Die wirtschaftlichen Folgen autoritärer Politik Kommentar: Michail Mischustin als ambitionierter "Systemadministrator" des Putinismus Kommentar: Bürger:innen und der starke Mann: Erwachen, soziale Klassen und sozialer Niedergang in Russlands Autokratie Kommentar: Fear and Loathing in Russia: Repressionen als Herrschaftsinstrument des Kremls Kommentar: Ausländische-Agenten-Gesetz vor der Duma-Wahl 2021 ausgeweitet Kommentar: Schrumpfende Freiräume für Russlands Medien Kommentar: Russland drosselte Twitter, um Inhalte zu zensieren dekoder: "Hätten wir eine andere Wahl gehabt? Nein." Dokumentation: Repressive Gesetze, die von Wladimir Putin am 30. Dezember 2020 unterzeichnet wurden Dokumentation: April-Chronik der Repressionen: Der Journalist Ilja Asar hat Buch geführt Umfragen: "Haben Sie Angst vor…?" Umfrageergebnisse des Lewada-Zentrums Dokumentation: Hat der Protest einen Anführer? Wie stehen die Protestierenden zu Nawalnyj? Dokumentation: Russische Online-Zeitung Meduza kämpft ums Überleben Dokumentation: Amnesty International: Die Polizei identifiziert friedliche Demonstrierende mit Gesichtserkennungstechnologie Dokumentation: Human Rights Watch: Der Fall des Menschenrechtsanwalts Iwan Pawlow und neue repressive Gesetze Dokumentation: Stellungnahmen zum Beschluss der russischen Generalstaatsanwaltschaft, deutsche Nichtregierungsorganisationen als in Russland unerwünschte Organisationen zu erklären Chronik: 3. – 14. Mai 2021 Atomenergie / Die Botschaft des Präsidenten (14.05.2021) Analyse: Zum 35. Jahrestag von Tschernobyl Analyse: Russische Reaktoren und russischer Atommüll Analyse: Putins Botschaft an die Föderalversammlung dekoder: Warum Putin dem Volk nichts mehr zu sagen hat Chronik: Covid-19-Chronik, 12. April – 02. Mai 2021 Chronik: 13. April – 01. Mai 2021 60 Jahre Gagarin: Raumfahrt / Das russische Strafvollzugssystem (19.04.2021) dekoder: Juri Gagarin dekoder: Raumfahrtprogramm der UdSSR Analyse: Russland im Weltraum: Die 2020er Jahre Analyse: Russlands internationale Raumfahrtstrategie Analyse: Das Strafvollzugssystem der Russischen Föderation Chronik: Covid-19-Chronik, 15. März – 11. April 2021 Chronik: 17. März – 09. April 2021 Übersterblichkeit (27.03.2021) Analyse: Die Übersterblichkeit macht den wahren Opferzoll deutlich Analyse: Russlands Geografie und die Ausbreitung von Covid-19 Analyse: Die Pandemie in Russlands Föderationssubjekten: Gründe für die unterschiedliche Mortalität dekoder: "Die russische Propaganda hat sich selbst besiegt" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. März 2021 Chronik: 1. – 10. März 2021 Stadtentwicklung/Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen (09.03.2021) Analyse: Ausdehnung des Moskauer Wohnraumsanierungsprogramms Analyse: Urbaner Aktivismus in Russland dekoder: Das Moskau-Experiment Dokumentation: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Chronik: Covid-19-Chronik, 15. – 28. Februar 2021 Chronik: 16. – 27. Februar 2021 Digitale Diplomatie (19.02.2021) Analyse: Russlands digitale Diplomatie Analyse: Mittel und Zweck von Public Diplomacy Kommentar: Zusammenarbeit chinesischer und russischer Medien dekoder: "Schau mich gefälligst an!" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. Februar 2021 Chronik: 1. – 14. Februar 2021 Söldner im Dienst von Russland / Elite-Ranking 2020 / Proteste nach Nawalnyjs Rückkehr (08.02.2021) Söldner im Dienst autoritärer Staaten Analyse: Russische PMCs im Nahen Osten und Afrika Kommentar: Die "Wagner-Affäre" in Belarus und ihre Folgen Kommentar: Geopolitik, Waffen, Erdöl: Was Russlands Präsenz in Venezuela bedingt Karte: Söldner im Dienst von Russland Ranking: Das Elite-Ranking der "Nesawisimaja gaseta" Ranking: Die politische Elite im Jahre 2020: Regierungswechsel, Covid-19-Pandemie und Verfassungsreform dekoder: Russlandweite Proteste – wie nervös macht Nawalny den Kreml? dekoder: Nawalnys Schlusswort: "Einen einsperren, um Millionen einzuschüchtern" Notizen aus Moskau: Von 2011 zu 2021. Zehn Jahre danach. Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Januar 2021 Chronik: 11. – 31. Januar 2021 Visadialog zwischen der EU und Russland (21.01.2021) Analyse: Die Visumpflicht in den EU-Russland Beziehungen Analyse: Perspektiven des Visa-Dialogs zwischen der EU und Russland Kommentar: Visafreiheit für russische Jugendliche Kommentar: Illegale Passportisierungspolitik im Donbas Kommentar: Mit Visafreiheit Brücken in Krisenzeiten schlagen dekoder: Arbeitsmigration in Russland Chronik: Covid-19-Chronik, 30. November 2020 – 10. Januar 2021 Chronik: 3. Dezember 2020 – 9. Januar 2021 Die deutsch-russischen Beziehungen nach den Wahlen (15.10.2021) Analyse: Die Bundestagswahl und die deutsch-russischen Beziehungen Analyse: Chancen für eine neue Russlandpolitik nach der Bundestagswahl Kommentar: Die deutsche Russlandpolitik und das russische Gesetz über "ausländische Agenten" Dokumentation: Ausgewählte Publikationen über die deutsch-russischen Beziehungen Dokumentation: Vorschläge und Empfehlungen zu den EU-Russland-Beziehungen dekoder: Novaya Gazeta dekoder: Muratows Krawatte und der Friedensnobelpreis Chronik: Covid-19-Chronik, 27. September – 09. Oktober 2021 Chronik: 28. September – 08. Oktober 2021 30 Jahre Zerfall der Sowjetunion – Generationen (20.09.2021) Kommentar: Nur ein Menschenleben lang Kommentar: Staatenlosigkeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR Kommentar: Der Generationenaspekt beim Zusammenbruch der Sowjetunion Kommentar: Dreißig Jahre Transformation des russischen Hochschulwesens Kommentar: Die Jugend und die Generationen im postsowjetischen Russland: Kommentar: Unternehmerinnen in Russland Notizen aus Moskau: 30 Jahre umsonst? dekoder: Das Licht einer enttäuschten Hoffnung dekoder: Misstrauen auf allen Ebenen Chronik: Covid-19-Chronik, 02. August – 12. September 2021 Chronik: 05. – 12. September 2021 Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Von der Redaktion: Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Kommentar: Die Minsker Vereinbarungen als Chance? Kommentar: (Keine neuen) Erkenntnisse gewonnen Kommentar: Alles auf Status. Russlands riskantes Kriegsspiel mit (in) Europa Kommentar: Russlands Motive Kommentar: Die Gründe für Russlands Vorschläge Kommentar: Würde Putin vom eigenen Volk für eine Invasion in die Ukraine abgestraft werden? Kommentar: Kriegsoptimismus im Russland-Ukraine-Konflikt: Grund zum Pessimismus? Kommentar: Desinformation: ein hoch aktuelles Konzept aus dem letzten Jahrhundert Kommentar: Die Russland-Ukraine Krise: Wo steht Deutschland? Kommentar: Russlands Passportisierung des Donbas: Von einer eingeschränkten zu einer vollwertigen Staatsbürgerschaft? Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Analyse: Arbeitslosigkeit in Russland: Entwicklungen nach der Krise von 2008

Tatiana Karabchuk

/ 5 Minuten zu lesen

Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise hat nicht zu einem gravierenden Anstieg der Arbeitslosigkeit in Russland geführt. Dies ist auf die Rückgriffe der Arbeitgeber auf Kurzarbeit, Zwangsurlaub und verzögerte Lohnzahlungen zurückzuführen sowie ein Ausweichen etlicher Arbeitnehmer in die Schattenwirtschaft.

Hunderttausende Menschen in ganz Russland demonstrieren am 1. Mai. Infolge der Wirtschaftskrise ist die Arbeitslosigkeit in Russland stark angestiegen. (© picture-alliance/AP)

Einleitung

Der russische Arbeitsmarkt hat im Zuge der postsozialistischen Wirtschaftstransformation sein eigenes Anpassungsmodell an wirtschaftliche Krisen entwickelt. Dieses Modell ist gekennzeichnet durch eine relativ niedrige Arbeitslosenquote im Vergleich zu anderen mittel- und osteuropäischen Volkswirtschaften. Ursache hierfür ist der Rückgriff auf Kurzarbeit, Gehaltskürzungen, verzögerte Gehaltszahlungen, Zwangsurlaub, begrenzte Durchsetzung des Arbeitsrechts und massive Arbeitsplatzverlagerungen anstelle von Entlassungen und steigender Arbeitslosigkeit. Selbst im Zuge der tiefen Krise von 1998 in Folge der Zahlungsunfähigkeit des russischen Staates blieb die Arbeitslosenquote unter 14 % und ein ähnliches Muster zeigte sich auch in der Reaktion auf die globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09. Mit speziellen Anti-Krisen-Gesetzen schränkte der Staat die Möglichkeiten zur Entlassung von Arbeitnehmern ein, so dass Arbeitgeber gezwungen waren, erneut mit Kurzarbeit und verzögerten Gehaltszahlungen zu reagieren. Die Arbeitslosenquote blieb dementsprechend unter 9 %. Im Ergebnis wurde aber der langanhaltende Anstieg der Reallöhne vorübergehend unterbrochen und Rückstände bei der Gehaltsauszahlung wurden zum ersten Mal seit langem wieder ein öffentlich diskutiertes Thema. In meinem Beitrag in den Russland-Analysen Nr. 200, die am 7. Mai 2010 erschienen, habe ich die Reaktion des russischen Arbeitsmarktes auf die globale Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/09 beschrieben. Im vorliegenden Beitrag soll nun dargestellt werden, in welcher Form die folgende Wirtschaftserholung auf den Arbeitsmarkt gewirkt hat. Dabei ist insbesondere zu fragen, inwieweit einzelne Risikogruppen am Arbeitsmarkt, etwa Jugendliche oder Arbeitssuchende in strukturschwachen Gebieten, in den Arbeitsmarkt einbezogen werden.

Erholung am Arbeitsmarkt

Ein Blick auf die Arbeitslosenzahlen nach der international vergleichbaren Erhebungsmethode der International Labour Organization (ILO) zeigt, dass das russische Arbeitsmarktmodell erneut funktioniert hat. Die Zahl der Arbeitslosen ist mit 4,8 Mio. mittlerweile wieder auf den Stand von vor dem Beginn der Wirtschaftskrise gesunken. Der Anteil der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung (im Alter von 15 bis 72 Jahren) ist dabei mit knapp 75 Mio. Menschen, was einer Quote von 68 % entspricht, relativ stabil geblieben. Dasselbe gilt für die Beschäftigungsrate, die sich nach einem Rückgang um 7 % im Jahre 2008 kaum noch verändert hat. Dies ist darauf zurückzuführen, dass kaum neue Arbeitsplätze geschaffen wurden. Eine Studie des nationalen russischen Statistikamtes (Rosstat) vom Februar 2012 zeigt, dass die Zahl der Neuanstellungen nur geringfügig über der der Entlassungen lag. Nur in 6 % der Fälle wurden neu geschaffene Stellen besetzt. Insgesamt entspricht die zusätzliche Arbeitskraftnachfrage nur 1,8 % der aktuell Beschäftigten. Dass die Zahl der Arbeitslosen sinkt, während die Zahl der Beschäftigten kaum steigt, ist zu einem großen Teil auf Beschäftigung in der Schattenwirtschaft und Kurzarbeit zurückzuführen. Nach Expertenschätzungen hatte die Schattenwirtschaft 2009/10 einen Anteil von einem Viertel bis zu einem Drittel an der gesamten Beschäftigung. Gleichzeitig hatte sich die Zahl der Beschäftigten in Kurzarbeit und Zwangsurlaub im Februar 2012 nach der Rosstat-Studie auf 1,1 % bzw. 3,7 % reduziert. Mit 1,8 % und 6,0 % waren die entsprechenden Werte in der Industrie am höchsten. Im Februar 2012 sind insgesamt 1,5 Mio. Menschen bei den Arbeitsämtern als arbeitslos gemeldet. Davon erhalten 1,2 Mio. Arbeitslosengeld. Die tatsächliche Zahl der Arbeitslosen, wie sie mit der ILO-Methode erfasst wird, ist aber um das 3,6-fache höher. Dies zeigt, dass Arbeitslosengeld immer noch von geringer Bedeutung für Arbeitslose ist und sich deshalb viele nicht bei den Arbeitsämtern registrieren. Im Durchschnitt beträgt das Arbeitslosengeld nur ein Zehntel des Durchschnittslohns. Aufgrund der Einführung neuer Förderprogramme in Reaktion auf die Wirtschaftskrise, vor allem Mobilitätsförderung und Förderung der Selbstständigkeit, hat sich mittlerweile aber immerhin ein größerer Teil der Arbeitslosen als früher bei den Arbeitsämtern gemeldet.

Struktur der Arbeitslosigkeit

Einleitend ist darauf hinzuweisen, dass die Arbeitslosigkeit in Russland starken saisonalen Schwankungen unterworfen ist. Da die Arbeitslosenquote nicht saisonal bereinigt ist, sollten also entweder Werte für das Gesamtjahr oder dieselben Monate über mehrere Jahre miteinander verglichen werden. Insgesamt ist die Arbeitslosenquote aufgrund saisonaler Schwankungen im Zeitraum von Dezember bis Februar besonders hoch und im Juli und August besonders niedrig, wobei die Schwankungen im ländlichen Raum ausgeprägter sind. Eine Betrachtung der längerfristigen Struktur der Arbeitslosigkeit zeigt erst einmal, dass die Arbeitslosigkeit im ländlichen Raum ziemlich stabil doppelt so groß ist wie in den Städten. Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind bei der Arbeitslosigkeit – anders als beim Gehalt – hingegen kaum vorhanden. Jugendliche bis 25 Jahre haben mit einem Anteil von über einem Viertel einen deutlich überproportionalen Anteil an den Arbeitslosen. In dieser Altersgruppe liegt die Arbeitslosenquote bei 16 % und ist damit fast dreimal so hoch wie in der Altersgruppe der 30- bis 49-Jährigen. Bei den Jugendlichen ist – im Gegensatz zur mittleren Altersgruppe, aber genau wie bei den Älteren – die Arbeitslosigkeit in den Städten größer als im ländlichen Raum. Dies dürfte darauf zurückzuführen sein, dass Jugendliche, genau wie Ältere, auf dem Land häufiger in die Subsistenzwirtschaft ihrer Familie integriert und deshalb nicht als Arbeitslose erfasst werden. Vor allem aufgrund der hohen Jugendarbeitslosigkeit haben insgesamt 28 % der Arbeitslosen noch keine Arbeitserfahrung. Neben dem Alter prägt der Ausbildungsgrad die Struktur der Arbeitslosigkeit. Fast zwei Drittel der Arbeitslosen haben nur eine allgemeine Schulbildung. Der Anteil von Hochschulabsolventen unter den Arbeitslosen liegt bei nur 15 %. Das höhere Risiko von Arbeitslosigkeit für Arbeitssuchende mit niedrigerem Ausbildungsgrad hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. Derzeit liegt die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit bei etwa acht Monaten. Gleichzeitig gibt es aber eine große Gruppe von Langzeitarbeitslosen. Etwa 40 % der Arbeitslosen in den Städten und 30 % der Arbeitslosen im ländlichen Raum suchen bereits mehr als ein Jahr nach einer Beschäftigung. Auch dies ist kein neues Phänomen. Langzeitarbeitslosigkeit hat sich im russischen Arbeitsmarkt verfestigt. Obwohl die Erholung am Arbeitsmarkt alle Regionen des Landes erfasst hat, gibt es nach wie vor starke regionale Unterschiede in der Höhe der Arbeitslosigkeit. In Moskau und St. Petersburg liegt die Arbeitslosenquote bei nur etwa 1 %. Es folgen die Regionen Moskau, Belgorod und Jaroslawl mit etwa 4 %. Im Nordkaukasus liegt die Arbeitslosenquote hingegen insgesamt immer noch bei 15 %. In einigen Regionen ist sie hier noch deutlich höher.

Resümee

Der russische Arbeitsmarkt hat sich sehr schnell von der Wirtschaftskrise des Jahres 2008 erholt, die nur einen relativ moderaten Anstieg der Arbeitslosenquote bewirkt hatte. Ursache hierfür ist vor allem der Rückgriff der Arbeitgeber auf Kurzarbeit, Zwangsurlaub und verzögerte Lohnzahlungen sowie ein Ausweichen etlicher Arbeitnehmer in die Schattenwirtschaft. Mittlerweile ist die Arbeitslosigkeit sowohl in ihrem Umfang als auch in ihrer Struktur der Situation der Jahre 2006/07 wieder sehr ähnlich.

Fussnoten

Dr. Tatiana Karabchuk ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Laboratory of Comparative Social Research der National Research University "Higher School of Economics" in Moskau.