Meine Merkliste

Analyse: Die russische Herausforderung

Russland-Analysen Memorial (16.12.2021) Von der Redaktion: Frohes Fest! Dokumentation: Friedensnobelpreisrede von Dmitrij Muratow dekoder: Memorial Dokumentation: Anträge der Staatsanwaltschaften Interview: Irina Scherbakowa Interview: Swetlana Gannuschkina Kommentar: Die Büchse der Pandora Dokumentation: Der Menschenrechtsrat ist besorgt Dokumentation: Kommentar von Wladimir Putin zu Memorial Kommentar: Wendejahre Kommentar: Angriff des Kreml auf Memorial Kommentar: "Der Westen" als Gefahr für Russlands innere Sicherheit Kommentar: Déjà-vu Kommentar: Memorial als geschichtswissenschaftlicher Akteur Kommentar: Ein Refugium der Freiheit wird zerstört Kommentar: Die Instrumente des Europarats Kommentar: Memorial im Nordkaukasus Kommentar: Einsatz für Religions- und Gewissensfreiheit Kommentar: Ist das russische "Ausländische-Agenten"-Gesetz reformierbar? dekoder: Schlag gegen Deutschland Notizen aus Moskau: Memorial und die Hoffnung Dokumentation: Fokus Memorial der Zeitschrift OSTEUROPA Dokumentation: Stellungnahmen zur drohenden Auflösung von Memorial Chronik: Covid-19-Chronik, 16. November – 03. Dezember 2021 Chronik: 15. November – 03. Dezember 2021 Erdgashandel (24.11.2021) Analyse: Der deutsch-russische Erdgashandel. Chronik: Covid-19-Chronik, 01. – 13. November 2021 Chronik: 01. – 12. November 2021 Sozialverantwortung und Klima in der Landwirtschaft (10.11.2021) Analyse: Landwirtschaftliche Betriebe in Russland für unternehmerische Sozialverantwortung Analyse: Wird die russische Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren? Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Oktober 2021 Chronik: 11. – 29. Oktober 2021 Duma- und Regionalwahlen (01.10.2021) Analyse: Die Dumawahlen 2021 und das zunehmend hegemonial-autoritäre Regime in Russland Analyse: Alexej Nawalnyj, "Smart Voting" und die Wahlen zur russischen Staatsduma 2021 Kommentar: Wahlen in der "Protestregion" Chabarowsk in Online- und sozialen Medien dekoder: Die Evolution der Duma Notizen aus Moskau: Wird (all)es nach den Wahlen wieder besser? Chronik: Covid-19-Chronik, 13. – 26. September 2021 Chronik: 13. – 26. September 2021 Wirtschaftliche Schocks (24.06.2021) Analyse: Die Wirtschaft der "Festung Russland" Analyse: Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Corona-Krise  Chronik: Covid-19-Chronik, 03. – 30. Mai 2021 Chronik: 17. Mai – 10. Juni 2021 Arktis (31.07.2021) Editorial: Sommerpause, на дачу Analyse: Arktische Visionen: Die sowjetische Expansion nach Norden Analyse: Russlands Arktis-Strategie bis 2035 – Große Pläne und ihre Grenzen Analyse: Der russische Vorsitz im Arktischen Rat: Prioritäten und Implikationen für den Hohen Norden Russlands Kommentar: Russlands arktischer Balanceakt Dokumentation: Russland und die Arktis: Eine Auswahl aktueller Publikationen Chronik: Covid-19-Chronik, 14. Juni – 17. Juli 2021 Chronik: 16. Juni – 18. Juli 2021 Duma-Wahlen/Repressionen (08.06.2021) Kommentar: Duma-Wahlen 2021 Kommentar: Informationskriege, Oppositionskoordination und die Dumawahl im Jahr 2021 Kommentar: Wird das Putin-Regime überleben? Kommentar: Vorbereitung auf die Parlamentswahlen 2021 Kommentar: Elektronische Stimmabgabe Kommentar: Bedingungen der Wahlbeobachtung Kommentar: Die wirtschaftlichen Folgen autoritärer Politik Kommentar: Michail Mischustin als ambitionierter "Systemadministrator" des Putinismus Kommentar: Bürger:innen und der starke Mann: Erwachen, soziale Klassen und sozialer Niedergang in Russlands Autokratie Kommentar: Fear and Loathing in Russia: Repressionen als Herrschaftsinstrument des Kremls Kommentar: Ausländische-Agenten-Gesetz vor der Duma-Wahl 2021 ausgeweitet Kommentar: Schrumpfende Freiräume für Russlands Medien Kommentar: Russland drosselte Twitter, um Inhalte zu zensieren dekoder: "Hätten wir eine andere Wahl gehabt? Nein." Dokumentation: Repressive Gesetze, die von Wladimir Putin am 30. Dezember 2020 unterzeichnet wurden Dokumentation: April-Chronik der Repressionen: Der Journalist Ilja Asar hat Buch geführt Umfragen: "Haben Sie Angst vor…?" Umfrageergebnisse des Lewada-Zentrums Dokumentation: Hat der Protest einen Anführer? Wie stehen die Protestierenden zu Nawalnyj? Dokumentation: Russische Online-Zeitung Meduza kämpft ums Überleben Dokumentation: Amnesty International: Die Polizei identifiziert friedliche Demonstrierende mit Gesichtserkennungstechnologie Dokumentation: Human Rights Watch: Der Fall des Menschenrechtsanwalts Iwan Pawlow und neue repressive Gesetze Dokumentation: Stellungnahmen zum Beschluss der russischen Generalstaatsanwaltschaft, deutsche Nichtregierungsorganisationen als in Russland unerwünschte Organisationen zu erklären Chronik: 3. – 14. Mai 2021 Atomenergie / Die Botschaft des Präsidenten (14.05.2021) Analyse: Zum 35. Jahrestag von Tschernobyl Analyse: Russische Reaktoren und russischer Atommüll Analyse: Putins Botschaft an die Föderalversammlung dekoder: Warum Putin dem Volk nichts mehr zu sagen hat Chronik: Covid-19-Chronik, 12. April – 02. Mai 2021 Chronik: 13. April – 01. Mai 2021 60 Jahre Gagarin: Raumfahrt / Das russische Strafvollzugssystem (19.04.2021) dekoder: Juri Gagarin dekoder: Raumfahrtprogramm der UdSSR Analyse: Russland im Weltraum: Die 2020er Jahre Analyse: Russlands internationale Raumfahrtstrategie Analyse: Das Strafvollzugssystem der Russischen Föderation Chronik: Covid-19-Chronik, 15. März – 11. April 2021 Chronik: 17. März – 09. April 2021 Übersterblichkeit (27.03.2021) Analyse: Die Übersterblichkeit macht den wahren Opferzoll deutlich Analyse: Russlands Geografie und die Ausbreitung von Covid-19 Analyse: Die Pandemie in Russlands Föderationssubjekten: Gründe für die unterschiedliche Mortalität dekoder: "Die russische Propaganda hat sich selbst besiegt" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. März 2021 Chronik: 1. – 10. März 2021 Stadtentwicklung/Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen (09.03.2021) Analyse: Ausdehnung des Moskauer Wohnraumsanierungsprogramms Analyse: Urbaner Aktivismus in Russland dekoder: Das Moskau-Experiment Dokumentation: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Chronik: Covid-19-Chronik, 15. – 28. Februar 2021 Chronik: 16. – 27. Februar 2021 Digitale Diplomatie (19.02.2021) Analyse: Russlands digitale Diplomatie Analyse: Mittel und Zweck von Public Diplomacy Kommentar: Zusammenarbeit chinesischer und russischer Medien dekoder: "Schau mich gefälligst an!" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. Februar 2021 Chronik: 1. – 14. Februar 2021 Söldner im Dienst von Russland / Elite-Ranking 2020 / Proteste nach Nawalnyjs Rückkehr (08.02.2021) Söldner im Dienst autoritärer Staaten Analyse: Russische PMCs im Nahen Osten und Afrika Kommentar: Die "Wagner-Affäre" in Belarus und ihre Folgen Kommentar: Geopolitik, Waffen, Erdöl: Was Russlands Präsenz in Venezuela bedingt Karte: Söldner im Dienst von Russland Ranking: Das Elite-Ranking der "Nesawisimaja gaseta" Ranking: Die politische Elite im Jahre 2020: Regierungswechsel, Covid-19-Pandemie und Verfassungsreform dekoder: Russlandweite Proteste – wie nervös macht Nawalny den Kreml? dekoder: Nawalnys Schlusswort: "Einen einsperren, um Millionen einzuschüchtern" Notizen aus Moskau: Von 2011 zu 2021. Zehn Jahre danach. Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Januar 2021 Chronik: 11. – 31. Januar 2021 Visadialog zwischen der EU und Russland (21.01.2021) Analyse: Die Visumpflicht in den EU-Russland Beziehungen Analyse: Perspektiven des Visa-Dialogs zwischen der EU und Russland Kommentar: Visafreiheit für russische Jugendliche Kommentar: Illegale Passportisierungspolitik im Donbas Kommentar: Mit Visafreiheit Brücken in Krisenzeiten schlagen dekoder: Arbeitsmigration in Russland Chronik: Covid-19-Chronik, 30. November 2020 – 10. Januar 2021 Chronik: 3. Dezember 2020 – 9. Januar 2021 Die deutsch-russischen Beziehungen nach den Wahlen (15.10.2021) Analyse: Die Bundestagswahl und die deutsch-russischen Beziehungen Analyse: Chancen für eine neue Russlandpolitik nach der Bundestagswahl Kommentar: Die deutsche Russlandpolitik und das russische Gesetz über "ausländische Agenten" Dokumentation: Ausgewählte Publikationen über die deutsch-russischen Beziehungen Dokumentation: Vorschläge und Empfehlungen zu den EU-Russland-Beziehungen dekoder: Novaya Gazeta dekoder: Muratows Krawatte und der Friedensnobelpreis Chronik: Covid-19-Chronik, 27. September – 09. Oktober 2021 Chronik: 28. September – 08. Oktober 2021 30 Jahre Zerfall der Sowjetunion – Generationen (20.09.2021) Kommentar: Nur ein Menschenleben lang Kommentar: Staatenlosigkeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR Kommentar: Der Generationenaspekt beim Zusammenbruch der Sowjetunion Kommentar: Dreißig Jahre Transformation des russischen Hochschulwesens Kommentar: Die Jugend und die Generationen im postsowjetischen Russland: Kommentar: Unternehmerinnen in Russland Notizen aus Moskau: 30 Jahre umsonst? dekoder: Das Licht einer enttäuschten Hoffnung dekoder: Misstrauen auf allen Ebenen Chronik: Covid-19-Chronik, 02. August – 12. September 2021 Chronik: 05. – 12. September 2021 Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Von der Redaktion: Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Kommentar: Die Minsker Vereinbarungen als Chance? Kommentar: (Keine neuen) Erkenntnisse gewonnen Kommentar: Alles auf Status. Russlands riskantes Kriegsspiel mit (in) Europa Kommentar: Russlands Motive Kommentar: Die Gründe für Russlands Vorschläge Kommentar: Würde Putin vom eigenen Volk für eine Invasion in die Ukraine abgestraft werden? Kommentar: Kriegsoptimismus im Russland-Ukraine-Konflikt: Grund zum Pessimismus? Kommentar: Desinformation: ein hoch aktuelles Konzept aus dem letzten Jahrhundert Kommentar: Die Russland-Ukraine Krise: Wo steht Deutschland? Kommentar: Russlands Passportisierung des Donbas: Von einer eingeschränkten zu einer vollwertigen Staatsbürgerschaft? Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Analyse: Die russische Herausforderung

Heinrich Vogel

/ 9 Minuten zu lesen

Dieser Artikel untersucht den Stand der deutsch-russischen Beziehungen nach den Regierungsgesprächen in Moskau sowie deren außenpolitisches Umfeld. Im Mittelpunkt stehen Überlegungen, wie eine Öffnung des russischen Modernisierungskonzepts ermöglicht werden kann.

Der russische Präsident Wladimir Putin und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel während der Deutsch-Russischen Regierungskonsultationen am 16.11.2012 im Forum des Grand Kremlin Palace in Moskau. (© picture-alliance/AP, Alexander Zemlianichenko)

Deutsch-russische Verstimmungen


Der Petersburger Dialog ist überstanden. Im Vorfeld hatte ein russischer Affront gegen den Koordinator für die deutsch-russische zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit für Aufregung gesorgt, eine Diskussion im Deutschen Bundestag zum Thema Rechtsstaatlichkeit in Russland am 19. Oktober 2012 ergab Übereinstimmung in der Feststellung beunruhigender Tendenzen. In der abschließenden Pressekonferenz der Regierungskonsultationen in Moskau am 16. Oktober fand die Kanzlerin dann, dem Auftrag des Deutschen Bundestages folgend, deutliche Worte gegen den repressiven Trend in der russischen Innenpolitik. Putin musste mit der absurden rhetorischen Frage, Merkel wolle doch wohl nicht mit ihrer Kritik an der Verurteilung der Mitglieder von Pussy Riot den Antisemitismus in Russland fördern, die Notbremse ziehen. Als positives Ergebnis wurde andererseits die Unterzeichnung eines 2,5 Milliarden Euro schweren Auftrags allein an Siemens für die Lieferung von Lokomotiven gefeiert. Ende gut, alles gut? Solange in zentralen Politikfeldern keine besseren Ergebnisse erzielt werden als "to agree not to agree", bleiben Zweifel am immer wieder beschworenen strategischen Charakter der deutsch-russischen Beziehungen. Politik und Öffentlichkeit in Deutschland sehen weiterhin Besorgnis erregende Defizite an Rechtsstaatlichkeit in Russland. Die russische Gesellschaft ihrerseits ist aufgewacht und fordert die Einlösung der wiederholten Versprechen Putins, ernsthafte Reformen durchzusetzen, aber ihre Emanzipationsversuche werden verleumdet und systematisch unterdrückt. Die deutsche Außenpolitik scheint hilflos gegenüber dem Kurs der russischen Führung, die die wachsende Unruhe in der eigenen Bevölkerung mit patriotisch-aggressiver Propaganda und Schuldzuweisungen an ein feindliches Ausland einzudämmen sucht. Der demonstrative Autismus der russischen Außenpolitik zwingt jetzt zu einer illusionsfreien Überprüfung jener Erklärungsmuster, die eine demokratisch legitimierte Transformation Russlands nur als eine Frage der Zeit ansehen.

Schwachstellen westlicher Politik


Im Rückblick auf zwanzig Jahre Transformation erweisen sich westliche Klagen über Defizite an Rechtsstaatlichkeit im heutigen Russland als in hohem Maße selbstgerecht, denn das Beratungskonzept des Westens war vom Zeitgeist des angelsächsischen Neoliberalismus geprägt, in dem die mühsame Institutionalisierung der Funktionen des Rechts weit hinter dem Mythos vom unfehlbaren Erfolgsrezept der "Market-Democracy" rangierte. Westliche Frustration über Stagnation und Rückfall der Politik in Russland fallen heute umso heftiger aus, je naiver die Erwartungen an den Zeitbedarf der angestrebten Transformation waren. Die russische Führung benutzt jetzt das Argument der zeitintensiven Komplexität des "Übergangs" zur Kaschierung innerer Blockaden sowie zur Rechtfertigung der Sabotage einer umfassenden Modernisierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Für Versagen und Ignoranz wird Verständnis eingefordert, gleichzeitig aber in aller Machtarroganz der Anspruch erhoben, das richtige Timing und Tempo notwendiger Reformen zu kennen. Angesichts solcher Intransigenz ist jedes mit der Formel vom "langen Atem" signalisierte Verständnis für die überlastete Führung in Moskau kontraproduktiv. Eine zielführende Strategie für den Übergang zu einem tragfähigen, d. h. demokratisch legitimierten politischen System kann nur in Russland selbst entwickelt werden. Die politischen Eliten des Landes sind jedoch durch die Sowjetzeit und die Goldgräberstimmung der 1990er Jahre geprägt. Das Ergebnis ist ein korrupter Petro-Staat, dessen autoritäre Strukturen nur dürftig mit demokratischen Ornamenten kaschiert sind. Die neue Oligarchie wird ihre Machtpositionen nicht freiwillig räumen, schon gar nicht für das Projekt eines funktionsfähigen Verfassungs- und Rechtsstaats. Damit ist die Verschärfung der innenpolitischen Konflikte in Russland programmiert. Diese bittere Realität muss ohne Weichzeichner zur Kenntnis genommen werden. Die westliche Diskussion über Entscheidungsabläufe, Clan-Strukturen und Partikularinteressen im "tiefen Staat Russlands" sowie mögliche Motive der Handelnden in Moskau verharren im Ungefähren der Spekulation über "den Kreml" und eine Blackbox, genannt "Putin". Die gängige Personalisierung der russischen Probleme von Stagnation und Regression verdeckt jedoch deren systemische Ursachen, im Nebeneffekt bedient sie sogar die byzantinischen Bedürfnisse der dort herrschenden Klasse. Die langfristige Stabilisierung der Beziehungen zu einem für Europa eminent wichtigen Land, dessen wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Untergrund in schwer berechenbare Bewegung geraten ist, fördert sie sicher nicht.

Die deutsche Haltung


Deutschlands Interesse am Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen dient als zentrales Argument für den Ruf nach Mäßigung der Kritik an politischen Fehlentwicklungen in Russland. Deutsche Wirtschaftsverbände beschränken ihre Problembeschreibungen mit Rücksicht auf das hochgradig politikabhängige Umfeld des Russlandgeschäfts auf Forderungen nach zügiger Umsetzung "der Modernisierung" und die Formulierung vager Hoffnungen ("das Entstehen eines russischen Mittelstands"). Gleichzeitig mahnen ihre Vertreter die Politik mit dem stereotypen Hinweis auf deutsche Arbeitsplätze und Exportchancen zu öffentlicher Zurückhaltung. Die Grenze zur peinlichen Anbiederung ist hier längst überschritten. Zweifellos sind die Wirtschaftsbeziehungen der wichtigste Stabilisator bei der Suche nach gemeinsamen Interessen und belastbaren politischen Beziehungen. Die weitere Entwicklung ihres objektiv vorhandenen Potenzials leidet jedoch unter den Unwägbarkeiten der russischen Innenpolitik und deren notorischem Mangel an Transparenz. Der russische Beitritt zur WTO ist als Fortschritt im Sinne der Öffnung zur Weltwirtschaft zu begrüßen. Dennoch bleiben langfristige Planungen deutscher Unternehmen mit erheblichen Risiken belastet, solange die strukturellen Rahmenbedingungen für ausländische Investitionen in Russland nicht dekontaminiert sind. Die Gefahr einer Infektion der deutschen und europäischen Wirtschaft mit den Praktiken des korrupt-kriminellen Hybrid aus Politik und Wirtschaft in Russland sollte keinesfalls unterschätzt werden. Durchsichtige russische Propagandaformeln genießen in der deutschen Diskussion eine völlig unangemessene Aufmerksamkeit. Dazu gehört vor allem die seit Jahren von russischen PR-Agenten lancierte Drohung mit Liebesentzug, d. h. einer möglichen Umorientierung der Außen- und Wirtschaftspolitik Moskaus nach Asien, weg von den widerspenstigen Partnern in Europa. Solche angeblich strategischen Überlegungen lösen erstaunlich nervöse Reaktionen bei Wirtschaftsvertretern und Anhängern einer geostrategischen Denkschule in Deutschland aus. Andererseits fühlt sich die deutsche Politik immer wieder verpflichtet, dem Vorwurf der Russophobie ausführlich und beflissen zu widersprechen. Dabei hat diese Anschuldigung keine andere Funktion als die der letzten Rückfallposition beim Abblocken kritischer Fragen nach der Substanz russischer Politik.

Zwangsvorstellungen in Russland und den USA


Moskaus Rolle im Krisenmanagement der Vereinten Nationen wie auch in regionalen Gremien der internationalen Gemeinschaft konzentriert sich auf dilatorisches Taktieren als Schutzpatron für autoritäre Regime. Das Motiv ist klar: Präzedenzfälle international sanktionierter Einmischung von außen sollen um jeden Preis vermieden werden, Waffengeschäfte mit Altkunden wie Assad-Syrien behalten Vorrang vor gemeinsamen diplomatischen Initiativen zur Kriseneindämmung mit westlichen Staaten. Die russische Führung sieht sich damit auf dem sicheren Weg zur Wiederherstellung früherer Großmacht. Dabei ist die fortgesetzte, auf Aspekte der Hard Power reduzierte Rivalität mit den USA der alleinige Erfolgsmaßstab in einer imaginierten Aufholjagd. Bei näherer Betrachtung erschließt sich eine absurde Symmetrie in der Programmatik russischer wie amerikanischer Außenpolitik: "Russlands Größe" bzw. "America‘s Greatness" haben identische Funktionen bei der patriotischen Mobilisierung. Feindbilder und Hegemonialstrategien des Kalten Krieges sind in diesem Zusammenhang unentbehrlich. Aktuelle Bestätigung für dieses Weltbild finden Konservative auf beiden Seiten in der Georgienkrise von 2008 (natürlich mit diametral unterschiedlichen Schuldzuweisungen), vor allem aber im anhaltenden Streit um die Stationierung amerikanischer Abfangraketen (BMD) in Ost-Mitteleuropa. Vorschläge für eine Überbrückung der Vertrauenslücke (engere Zusammenarbeit im Rahmen der NATO, ein Inspektionsregime, Weitergabe kritischer Daten, Kooperation bei der Lösung der technologischen Probleme dieses Waffensystems) werden als inopportun abgeblockt. In der herablassenden Perzeption durch amerikanische Konservative (Demokraten wie Republikaner) muss Europa wegen politischer Unfähigkeit und Selbstgefährdung durch Naivität vor sich selbst geschützt werden. Deutschland steht ohnehin unter Bewährungsaufsicht, weshalb jede Andeutung von Verständnis für russische Positionen oder gar eigenständige russlandpolitische Initiativen aus Berlin tiefes Misstrauen in Washington wecken (zur Not müssen auch Deutschlandphobien in Ostmitteleuropa als Instrument herhalten). Dieses Umfeld engt den Bewegungsspielraum deutscher Außenpolitik erheblich ein, und besonders die Russlandpolitik wird auf absehbare Zeit zum Balanceakt. Eine gründliche Bestandsaufnahme, die auch vor der Doktrin der traditionellen und deshalb bedingungslosen Gefolgschaft gegenüber den USA nicht haltmacht, ist überfällig. Aussicht auf Realisierung hat der Versuch der Emanzipation von amerikanischer Interessenpolitik jedoch nur im Rahmen der GASP. Es wäre unpolitisch und mit hohen Opportunitätskosten belastet, hier auf einen spontanen Konsens mit den EU-Partnern über nicht-kosmetische Korrekturen – auch an den transatlantischen Beziehungen – zu warten. Mehr Selbstbewusstsein bei der Entwicklung deutscher Initiativen sollte angesichts der Erfahrungen und Leistungen deutscher Europapolitik nach 1989 als zulässig angesehen werden.

Optionen deutscher Russlandpolitik


Bis heute bleibt deutsche Russlandpolitik jedoch in einer zur Routine erstarrten Rhetorik gefangen, die möglichst wenig Aufsehen erregen will. Die beflissene Bestätigung der "Unentbehrlichkeit Russlands bei der Lösung internationaler Konflikte" hat sich verbraucht, und die Verurteilung von Verstößen gegen die mit dem Beitritt Russlands zur Charta des Europarats übernommenen Verpflichtungen wird im Kreml locker zu den Akten genommen. Natürlich müssen die Verhandlungen mit den russischen Machteliten zur Konkretisierung der Modernisierungspartnerschaft weiter geführt werden, und dies nicht nur im Rahmen von Routinegesprächen. Die Deblockierung anhaltender Versteifungen oder gar ein Paradigmenwechsel in der russischen Politik sind jedoch nur durch die Einbeziehung der aufgeklärten Öffentlichkeit in Russland zu erreichen. Darauf heute zu verzichten, würde Resignation gegenüber systematischem Bluff aus Moskau bedeuten und als Einladung zur Fortsetzung der anmaßenden Rhetorik und der Re-Ideologisierung der russischen Außenpolitik interpretiert. Grundsätzlich gilt, dass ideologische Kampagnen (z. B. das Bestehen auf Anerkennung europäischer Werte) kaum praktische, politische Wirkung erzielen. Andererseits wirken lyrische Formeln, wie "Russland in Europa einbinden" auf Dauer lähmend. Mehr Aussicht auf Erfolg hat eine Diskussion auf der Ebene pragmatischer Überlegungen: Nachfragen, wie denn die Zuversicht der russischen Führung, auf dem richtigen Weg zu sein, begründet sei und Hinweise auf den mit ihrer Politik verbundenen Verlust an internationalem Prestige und Vertrauen in die Vertragstreue einer russischen Retro-Großmacht können vom Kreml nicht ohne weiteres unter dem Tisch gehalten werden. Die politische Klasse und eine erweiterte Öffentlichkeit offen mit den Kosten der von der Putin-Administration und ihrer "Partei der Macht" betriebenen Politik zu konfrontieren, hieße den notorischen Vorwurf der "Einmischung in innere Verhältnisse" zu neutralisieren, sofern dies als Ausdruck des legitimen Eigeninteresses der europäischer Partner am Erfolg einer kooperativen Modernisierung formuliert wird. "Russland zu einer führenden Industrienation machen" – dieses hohe Ziel der Politik Putins ist nicht mit der Größe des Sozialprodukts, sondern durch dessen Struktur und Dynamik zu definieren. Hier kommen international vergleichbare Indikatoren zu Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft ins Spiel, mit denen sich auch mehrdimensionale Fragen zum Ranking Russlands beantworten lassen: Wie steht es um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, um die Leistungsfähigkeit von Forschung und Entwicklung, um das Investitionsklima, die soziale Mobilität, das Vertrauen der Bürger in die Funktionsfähigkeit der Institutionen des Staates usw.? Vergleichende, allgemein zugängliche Statistiken von UN, OECD und EU machen es leicht, Propagandaslogans zu entlarven und den Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Erfolg, sozialer Kohäsion und politischer Stabilität zu veranschaulichen. In diesen Kategorien können und müssen die europäische und deutsche Außenpolitik argumentieren, wenn es um die Formulierung von Erwartungen an die russische Regierung geht. Wo die vitalen Interessen der EU betroffen sind, müssen andererseits politische, wirtschaftliche und rechtliche Vorkehrungen durchgesetzt bzw. beschleunigt werden, deren Realisierung durch EU-typische Abstimmungsprobleme und bürokratische Überlastung behindert oder durch Interessenkonflikte der in Russland engagierten Unternehmen kompliziert wird. Absoluten Vorrang verdienen hier das Energieprogramm 2020 und dessen Konzept der Entbündelung der Produktion und des Transports von Energie. Die Aufkündigung des nie ratifizierten Beitritts zur Energie-Charta der EU durch Russland und die kartellrechtlichen Ermittlungen der EU gegen Gazprom im Jahr 2012 können als Anhaltspunkte für die inakzeptablen Vorstellungen in Moskau von Kooperation in der Energiepolitik dienen. Die Gewährung der Visumsfreiheit für Bürger Russlands, die nach Deutschland einreisen wollen, spielte bei den Regierungsgesprächen in Moskau keine Rolle, obwohl sie seit jeher zu den zentralen Forderungen der russischen Seite, des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, wie auch der politischen Stiftungen in Deutschland gehört. Grundsätzlich ist ein solcher Schritt positiv zu bewerten, auch wenn die erhofften positiven Effekte nur längerfristig eintreten können. In kurzer Frist müssen jedoch die Risiken einer Öffnung Europas gegenüber dem weithin rechtsfreien Milieu der russischen Wirtschaft beachtet werden. Schon im Vorfeld eines solchen Schritts müssen deshalb Kompetenz und Kapazitäten der deutschen und europäischen Sicherheitsbehörden ausgebaut werden. Wünschenswert wäre andererseits ein großzügig dotiertes Programm, in dessen Rahmen sich Richter aller Ebenen aus Russland ein Bild von der Praxis der Rechtsprechung in Deutschland und Europa machen können. Es ist höchste Zeit, dem in der Kooperation mit Moskau vernachlässigten Aspekt der Rechtsstaatlichkeit ein höheres Maß an Aufmerksamkeit zu widmen. Schnelle Erfolge bei der Durchsetzung europäischer Standards in Russland sind freilich nicht zu erwarten. Die politische Glaubwürdigkeit erfordert deshalb auch in Zukunft ein gewisses Maß an Bereitschaft zum öffentlichen Konflikt mit den russischen Partnern. Die deutsche und europäische Politik sind alles andere als machtlos gegenüber den Zumutungen russischer Politik.

Fussnoten

(Professor Dr.) hat Sozialwissenschaften, Volkswirtschaft und Osteuropawissenschaften studiert. Derzeit ist er Associate Professor for European Security Studies an der Universität Amsterdam. Von 1976 bis 2000 war er Direktor des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln, danach bis 2006 Mitglied des Vorstands der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.