Meine Merkliste

Notizen aus Moskau: NGO-Agenten-Gesetz – vom kontrollierten Koma aufs Sterbebett?

Russland-Analysen Memorial (16.12.2021) Von der Redaktion: Frohes Fest! Dokumentation: Friedensnobelpreisrede von Dmitrij Muratow dekoder: Memorial Dokumentation: Anträge der Staatsanwaltschaften Interview: Irina Scherbakowa Interview: Swetlana Gannuschkina Kommentar: Die Büchse der Pandora Dokumentation: Der Menschenrechtsrat ist besorgt Dokumentation: Kommentar von Wladimir Putin zu Memorial Kommentar: Wendejahre Kommentar: Angriff des Kreml auf Memorial Kommentar: "Der Westen" als Gefahr für Russlands innere Sicherheit Kommentar: Déjà-vu Kommentar: Memorial als geschichtswissenschaftlicher Akteur Kommentar: Ein Refugium der Freiheit wird zerstört Kommentar: Die Instrumente des Europarats Kommentar: Memorial im Nordkaukasus Kommentar: Einsatz für Religions- und Gewissensfreiheit Kommentar: Ist das russische "Ausländische-Agenten"-Gesetz reformierbar? dekoder: Schlag gegen Deutschland Notizen aus Moskau: Memorial und die Hoffnung Dokumentation: Fokus Memorial der Zeitschrift OSTEUROPA Dokumentation: Stellungnahmen zur drohenden Auflösung von Memorial Chronik: Covid-19-Chronik, 16. November – 03. Dezember 2021 Chronik: 15. November – 03. Dezember 2021 Erdgashandel (24.11.2021) Analyse: Der deutsch-russische Erdgashandel. Chronik: Covid-19-Chronik, 01. – 13. November 2021 Chronik: 01. – 12. November 2021 Sozialverantwortung und Klima in der Landwirtschaft (10.11.2021) Analyse: Landwirtschaftliche Betriebe in Russland für unternehmerische Sozialverantwortung Analyse: Wird die russische Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren? Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Oktober 2021 Chronik: 11. – 29. Oktober 2021 Duma- und Regionalwahlen (01.10.2021) Analyse: Die Dumawahlen 2021 und das zunehmend hegemonial-autoritäre Regime in Russland Analyse: Alexej Nawalnyj, "Smart Voting" und die Wahlen zur russischen Staatsduma 2021 Kommentar: Wahlen in der "Protestregion" Chabarowsk in Online- und sozialen Medien dekoder: Die Evolution der Duma Notizen aus Moskau: Wird (all)es nach den Wahlen wieder besser? Chronik: Covid-19-Chronik, 13. – 26. September 2021 Chronik: 13. – 26. September 2021 Wirtschaftliche Schocks (24.06.2021) Analyse: Die Wirtschaft der "Festung Russland" Analyse: Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Corona-Krise  Chronik: Covid-19-Chronik, 03. – 30. Mai 2021 Chronik: 17. Mai – 10. Juni 2021 Arktis (31.07.2021) Editorial: Sommerpause, на дачу Analyse: Arktische Visionen: Die sowjetische Expansion nach Norden Analyse: Russlands Arktis-Strategie bis 2035 – Große Pläne und ihre Grenzen Analyse: Der russische Vorsitz im Arktischen Rat: Prioritäten und Implikationen für den Hohen Norden Russlands Kommentar: Russlands arktischer Balanceakt Dokumentation: Russland und die Arktis: Eine Auswahl aktueller Publikationen Chronik: Covid-19-Chronik, 14. Juni – 17. Juli 2021 Chronik: 16. Juni – 18. Juli 2021 Duma-Wahlen/Repressionen (08.06.2021) Kommentar: Duma-Wahlen 2021 Kommentar: Informationskriege, Oppositionskoordination und die Dumawahl im Jahr 2021 Kommentar: Wird das Putin-Regime überleben? Kommentar: Vorbereitung auf die Parlamentswahlen 2021 Kommentar: Elektronische Stimmabgabe Kommentar: Bedingungen der Wahlbeobachtung Kommentar: Die wirtschaftlichen Folgen autoritärer Politik Kommentar: Michail Mischustin als ambitionierter "Systemadministrator" des Putinismus Kommentar: Bürger:innen und der starke Mann: Erwachen, soziale Klassen und sozialer Niedergang in Russlands Autokratie Kommentar: Fear and Loathing in Russia: Repressionen als Herrschaftsinstrument des Kremls Kommentar: Ausländische-Agenten-Gesetz vor der Duma-Wahl 2021 ausgeweitet Kommentar: Schrumpfende Freiräume für Russlands Medien Kommentar: Russland drosselte Twitter, um Inhalte zu zensieren dekoder: "Hätten wir eine andere Wahl gehabt? Nein." Dokumentation: Repressive Gesetze, die von Wladimir Putin am 30. Dezember 2020 unterzeichnet wurden Dokumentation: April-Chronik der Repressionen: Der Journalist Ilja Asar hat Buch geführt Umfragen: "Haben Sie Angst vor…?" Umfrageergebnisse des Lewada-Zentrums Dokumentation: Hat der Protest einen Anführer? Wie stehen die Protestierenden zu Nawalnyj? Dokumentation: Russische Online-Zeitung Meduza kämpft ums Überleben Dokumentation: Amnesty International: Die Polizei identifiziert friedliche Demonstrierende mit Gesichtserkennungstechnologie Dokumentation: Human Rights Watch: Der Fall des Menschenrechtsanwalts Iwan Pawlow und neue repressive Gesetze Dokumentation: Stellungnahmen zum Beschluss der russischen Generalstaatsanwaltschaft, deutsche Nichtregierungsorganisationen als in Russland unerwünschte Organisationen zu erklären Chronik: 3. – 14. Mai 2021 Atomenergie / Die Botschaft des Präsidenten (14.05.2021) Analyse: Zum 35. Jahrestag von Tschernobyl Analyse: Russische Reaktoren und russischer Atommüll Analyse: Putins Botschaft an die Föderalversammlung dekoder: Warum Putin dem Volk nichts mehr zu sagen hat Chronik: Covid-19-Chronik, 12. April – 02. Mai 2021 Chronik: 13. April – 01. Mai 2021 60 Jahre Gagarin: Raumfahrt / Das russische Strafvollzugssystem (19.04.2021) dekoder: Juri Gagarin dekoder: Raumfahrtprogramm der UdSSR Analyse: Russland im Weltraum: Die 2020er Jahre Analyse: Russlands internationale Raumfahrtstrategie Analyse: Das Strafvollzugssystem der Russischen Föderation Chronik: Covid-19-Chronik, 15. März – 11. April 2021 Chronik: 17. März – 09. April 2021 Übersterblichkeit (27.03.2021) Analyse: Die Übersterblichkeit macht den wahren Opferzoll deutlich Analyse: Russlands Geografie und die Ausbreitung von Covid-19 Analyse: Die Pandemie in Russlands Föderationssubjekten: Gründe für die unterschiedliche Mortalität dekoder: "Die russische Propaganda hat sich selbst besiegt" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. März 2021 Chronik: 1. – 10. März 2021 Stadtentwicklung/Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen (09.03.2021) Analyse: Ausdehnung des Moskauer Wohnraumsanierungsprogramms Analyse: Urbaner Aktivismus in Russland dekoder: Das Moskau-Experiment Dokumentation: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Chronik: Covid-19-Chronik, 15. – 28. Februar 2021 Chronik: 16. – 27. Februar 2021 Digitale Diplomatie (19.02.2021) Analyse: Russlands digitale Diplomatie Analyse: Mittel und Zweck von Public Diplomacy Kommentar: Zusammenarbeit chinesischer und russischer Medien dekoder: "Schau mich gefälligst an!" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. Februar 2021 Chronik: 1. – 14. Februar 2021 Söldner im Dienst von Russland / Elite-Ranking 2020 / Proteste nach Nawalnyjs Rückkehr (08.02.2021) Söldner im Dienst autoritärer Staaten Analyse: Russische PMCs im Nahen Osten und Afrika Kommentar: Die "Wagner-Affäre" in Belarus und ihre Folgen Kommentar: Geopolitik, Waffen, Erdöl: Was Russlands Präsenz in Venezuela bedingt Karte: Söldner im Dienst von Russland Ranking: Das Elite-Ranking der "Nesawisimaja gaseta" Ranking: Die politische Elite im Jahre 2020: Regierungswechsel, Covid-19-Pandemie und Verfassungsreform dekoder: Russlandweite Proteste – wie nervös macht Nawalny den Kreml? dekoder: Nawalnys Schlusswort: "Einen einsperren, um Millionen einzuschüchtern" Notizen aus Moskau: Von 2011 zu 2021. Zehn Jahre danach. Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Januar 2021 Chronik: 11. – 31. Januar 2021 Visadialog zwischen der EU und Russland (21.01.2021) Analyse: Die Visumpflicht in den EU-Russland Beziehungen Analyse: Perspektiven des Visa-Dialogs zwischen der EU und Russland Kommentar: Visafreiheit für russische Jugendliche Kommentar: Illegale Passportisierungspolitik im Donbas Kommentar: Mit Visafreiheit Brücken in Krisenzeiten schlagen dekoder: Arbeitsmigration in Russland Chronik: Covid-19-Chronik, 30. November 2020 – 10. Januar 2021 Chronik: 3. Dezember 2020 – 9. Januar 2021 Die deutsch-russischen Beziehungen nach den Wahlen (15.10.2021) Analyse: Die Bundestagswahl und die deutsch-russischen Beziehungen Analyse: Chancen für eine neue Russlandpolitik nach der Bundestagswahl Kommentar: Die deutsche Russlandpolitik und das russische Gesetz über "ausländische Agenten" Dokumentation: Ausgewählte Publikationen über die deutsch-russischen Beziehungen Dokumentation: Vorschläge und Empfehlungen zu den EU-Russland-Beziehungen dekoder: Novaya Gazeta dekoder: Muratows Krawatte und der Friedensnobelpreis Chronik: Covid-19-Chronik, 27. September – 09. Oktober 2021 Chronik: 28. September – 08. Oktober 2021 30 Jahre Zerfall der Sowjetunion – Generationen (20.09.2021) Kommentar: Nur ein Menschenleben lang Kommentar: Staatenlosigkeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR Kommentar: Der Generationenaspekt beim Zusammenbruch der Sowjetunion Kommentar: Dreißig Jahre Transformation des russischen Hochschulwesens Kommentar: Die Jugend und die Generationen im postsowjetischen Russland: Kommentar: Unternehmerinnen in Russland Notizen aus Moskau: 30 Jahre umsonst? dekoder: Das Licht einer enttäuschten Hoffnung dekoder: Misstrauen auf allen Ebenen Chronik: Covid-19-Chronik, 02. August – 12. September 2021 Chronik: 05. – 12. September 2021 Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Von der Redaktion: Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Kommentar: Die Minsker Vereinbarungen als Chance? Kommentar: (Keine neuen) Erkenntnisse gewonnen Kommentar: Alles auf Status. Russlands riskantes Kriegsspiel mit (in) Europa Kommentar: Russlands Motive Kommentar: Die Gründe für Russlands Vorschläge Kommentar: Würde Putin vom eigenen Volk für eine Invasion in die Ukraine abgestraft werden? Kommentar: Kriegsoptimismus im Russland-Ukraine-Konflikt: Grund zum Pessimismus? Kommentar: Desinformation: ein hoch aktuelles Konzept aus dem letzten Jahrhundert Kommentar: Die Russland-Ukraine Krise: Wo steht Deutschland? Kommentar: Russlands Passportisierung des Donbas: Von einer eingeschränkten zu einer vollwertigen Staatsbürgerschaft? Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Notizen aus Moskau: NGO-Agenten-Gesetz – vom kontrollierten Koma aufs Sterbebett?

/ 6 Minuten zu lesen



Wie in meinem Russlandblog schon mehrfach beschrieben (zuletzt hier: Externer Link: http://russland.boellblog.org/2013/02/04/russlands-traum-vorerst-ausgetraumt/), haben die seit dem Frühjahr 2012 verabschiedeten repressiven Gesetze (wie fast alle "politischen" Gesetze in Russland) mehrere Funktionen: Sie sollen einschüchtern, sie sollen ablenken, sie sollen "dem einfachen Volk" signalisieren, wer zu den "Feinden Russlands" gehört, und ganz zuletzt sollen sie auch angewendet werden, selektiv versteht sich. Mit diesen vielen neuen, gegen Opposition und Protest gerichteten Gesetzen ist es nun wie mit den aktuellen oder erst kürzlich beendeten staatlichen Großbauten (zum Beispiel für den ASEAN-Gipfel bei Wladiwostok im Vorjahr, für die Sotschi-Winterolympiade im nächsten Jahr oder einer neuen, zusätzlichen Moskauer Ringautobahn in naher Zukunft): Sie werden immer grandioser, zugleich aber immer schlechter geplant. Nicht zuletzt wegen ihrer zunehmenden Größe und Grandiosität läuft die Korruption immer mehr aus dem Ruder. Wie z. B. Kirill Rogow schreibt (Externer Link: http://www.novayagazeta.ru/columns/56667.html) und auch in vielen anderen Berichten, unter anderem besonders glaubwürdig bei Transparency International (Externer Link: http://www.transparency.org.ru/) nachzulesen ist, hat sich seit Putins Amtsantritt generell eine Kick-Back-Rate von 30 Prozent eingependelt, die aber bei den erwähnten Großbauten in letzter Zeit auf 60 bis 70 Prozent hochschnellte. Gleichzeitig werden die Projekte noch mangelhafter umgesetzt, wie jüngst das Putinsche Schimpfen über Sotschi zeigte, das er nun, wenn ich das richtig verstanden habe, lieber von türkischen Firmen zu Ende bauen lässt. Man will sich ja in einem Jahr nicht völlig blamieren (Nur zur Sicherheit: Vergleiche mit BER oder Stuttgart 21 eignen sich, vor allem der Korruption wegen, allenfalls bedingt). Fehler und Fallen werden immer erst entdeckt, wenn es zu spät ist. Ähnlich ist es mit den neuen Gesetzen. Sie sind meist schnell, geradezu im Eiltempo gestrickt, handwerklich schlecht, es sind viele auf einmal, manche werden nicht fertig, viele wiederum sind unfertig, wenn sie in Kraft treten. Man kann die Gesetzeschreiber, die in diesen, politisch besonders wichtigen Fällen in der Präsidentenadministration sitzen und nicht im Parlament, fast verstehen. Warum sich anstrengen, wenn nachher von Staatsanwaltschaft, Polizei, Geheimdienst und Gerichten ohnehin alles so angewandt wird, wie sie wollen? Dieses Schicksal teilt auch das berühmt-berüchtigte NGO-Agentengesetz. Seine Fallen liegen in zwei Bereichen. Die erste Falle habe ich schon öfter beschrieben (u. a. hier: http://russland.boellblog.org/2013/01/21/sergej-mag nitskij-dima-jakowlew-und-der-aufstand-der-anstandigen/). Sie ist aber wichtig und prinzipiell genug, um sie hier noch einmal genau anzuschauen. Für viele NGOs lässt dieses Gesetz keinen Kompromiss mit dem Staat mehr zu. Sich selbst als "Agent" zu bezeichnen, liegt jenseits dessen, was für die Organisation auch bei der größten Verbiegung ethisch und moralisch noch erträglich wäre. Deshalb, und nicht weil sie so mutig wären (was sie dennoch sind!), haben eine ganze Reihe NGOs, darunter Memorial, Transparency International Russland und die Moskauer Helsinki Gruppe im vergangenen Herbst erklärt, sie würden sich dem Gesetz unter keinen Umständen beugen, sondern lieber brechen.

Insbesondere für Memorial hat das Putinsche Agentenspiel (und niemand soll sagen, das sei dem Kreml nicht bewusst) einen ganz besonders bitteren Beigeschmack, denn es war schlechte Tscheka-NKWD-MGB-KGB-Tradition, also von Trotzkij über Stalin bis hin zu Chruschtschow, Breschnjew und Andropow, als "Feinde" eingestufte Menschen als "ausländische Agenten" zu denunzieren (und sie immer wieder, oft unter Folter, dazu zu zwingen, sich selbst "zu bekennen"), um sie dann, je nach Grausamkeitsgrad von Herrscher und Zeit, von Staats wegen zu ermorden oder für lange Zeit in den Gulag und seine Nachfolgelager zu stecken. Zu Memorials selbst gestellten Kernaufgaben gehört es, diese Praxis aufzudecken, ihre Opfer zu rehabilitieren und für die Opfer selbst, so sie überlebt haben, bzw. für ihre Angehörigen und Nachkommen zu sorgen. Allein das reicht aus, jeden Kompromiss mit einem Staat auszuschließen, der ein (falsches!) Selbstbekenntnis als "ausländischer Agent" fordert. Für den Kreml, der sich bis dahin in der Offensive wähnte und die NGOs in der erwünschten Ecke zu haben glaubte, zeigte sich plötzlich, dass er nur noch die Wahl hatte zwischen einem großen, internationalen Skandal und dem Eingeständnis, das NGO-Agentengesetz sei vielleicht doch keine so gute Idee gewesen. Keine schöne Wahl. Vor allem eine, die so oder so keinen Gewinn verspricht. Zum Glück für den Kreml verbirgt sich im Gesetz aber noch die zweite Falle, die Beamte des Justizministeriums (denen, das muss ihnen zur beruflichen Ehre gesagt werden, das Gesetz aus professionell-juristischen Gründen von Anfang an nicht so recht gefallen wollte) mit Hilfe von NGO-Anwälten, nach langem, langem Studium, gefunden haben und die Justizminister Alexander Konowalow Ende Januar verkündete (Externer Link: http://www.pmem.ru/index.php?id=643): Das NGO-Agentengesetz widerspricht fundamental dem eigentlichen NGO-Gesetz, das ja erst 2006 beschlossen und verkündet worden war, ebenfalls zur Züchtigung der NGOs und zur Verhinderung einer "Orangener Revolution" à la Ukraine auch in Russland. Dieses (nun schon wieder alte) NGO-Gesetz verbietet NGOs schlicht jegliche "politische Tätigkeit" unter Androhung ihrer Auflösung. Wenn sich nun also eine NGO als "Agent" registrieren ließe (wie es das NGO-Agentengesetz fordert), weil sie sich "politisch betätigt” und Geld aus dem Ausland bekommt, müsste das Justizministerium sie sofort schließen.

Denn "politische Tätigkeit" ist nach dem weiter geltenden bisherigen NGO-Gesetz ja verboten. So nebenbei monierte Konowalow auch noch, seine Juristen seien schlicht nicht in der Lage, rechtlich belastbar zu beurteilen, was das denn nun sei, "politisch tätig” zu sein. Kurz: Das Gesetz wird vorerst nicht angewandt. Man müsse das erst weiter studieren. Und um auch ganz sicher zu gehen, wurden flugs die regionalen Vertretungen des Justizministeriums, die mitunter ein munteres Eigenleben zum Wohle der Provinz-Mächtigen führen, schriftlich angewiesen, jeden Schritt in Bezug auf das NGO-Agentengesetz mit der Zentrale in Moskau abzustimmen. Dieser interne Brief fand seinen Weg in die Presse (Externer Link: http://hro.org/node/15707), damit auch wirklich nichts anbrennt. Somit befindet sich das Gesetz in einem Zustand, der einem kontrollierten Koma gleicht. Es lebt, ist aber in jeder Hinsicht ruhig gestellt, kann andererseits jederzeit durch die Injektion eines Gegenmittels ins wirkliche Leben zurückgeholt werden. Für den Kreml ist das zwar nicht ideal, aber wohl akzeptabel. Denn eine weitere Hauptaufgabe hat das Gesetz längst erfüllt, indem es im Bewusstsein vieler Menschen in Russland (das Wort von der "Öffentlichkeit" will mir immer nur schwer aus der Tastatur) die Begriffe "NGO" und "ausländischer Agent" durchaus fest miteinander in Verbindung gebracht hat. Die einzelnen Komponenten können später wie "Trigger" wirken: Wenn für nötig befunden, werden sie in den staatlichen Medien oder von hohen Amtsträgern ausgesprochen. In vielen ansonsten von Wissen über NGOs eher unbelasteten Köpfen verbinden sie sich dann wieder: NGO? Ach ja, das waren doch die Verräter und Agenten. Für die NGOs ist der staatliche Teilrückzug des NGO-Agentengesetzes also bei Leibe kein Sieg in der Schlacht, immerhin aber ein weiterer abgewehrter einzelner Angriff. Den Sieg soll nun eine Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) bringen, die 11 NGOs (vgl. die Pressemitteilung auf S. 9) Anfang Februar eingereicht haben. Wobei das "nun" im vorigen Satz nicht ganz richtig ist, da die Beschwerde schon seit zwei Monaten intensiv vorbereitet wird. Vom halben (wohl eher taktischen) Rückzieher des Kremls Ende Januar konnten die NGOs also noch nichts wissen, als sie sich im November 2012 zu diesem Schritt entschlossen. Er sollte ursprünglich vor allem eine weitere Verteidigungslinie aufbauen, sollte sich der Kreml doch zur Generalattacke entschließen. Möglich ist die Beschwerde, weil sich die russischen NGOs als "potentielle Opfer" des NGO-Agentengesetzes sehen. "Potentielle Opfer" können nach den Regeln des EGMR auch schon gegen diskriminierende und die Europäische Menschenrechtskonvention verletzende Gesetze Beschwerde einlegen, wenn sie noch gar nicht geschädigt wurden, um einer, vielleicht irreversiblen, Schädigung zuvor zu kommen. Natürlich kann es passieren, dass der EGMR solche Beschwerden nicht annimmt, aber das wird sich zeigen. Solange die Beschwerde dort liegt, bietet sie einen gewissen Schutz. Sollte sie angenommen werden, es zur Verhandlung kommen und der EGMR das Gesetz für mit der Menschenrechtskonvention nicht vereinbar erklären, wäre das für Russland ein Novum: Ein Gesetz, das noch nicht angewandt wurde, ist schon höchstrichterlich für rechtswidrig erklärt. Möglich, dass das der Todesstoß für dieses eine Gesetz wäre. Es bleiben aber noch viele andere.

Diesen und andere Texte finden Sie auf Jens Siegerts Russlandblog Externer Link: http://russland.boellblog.org/.

Fussnoten