Meine Merkliste

Analyse: Aussichten für Russlands Wirtschaftswachstum

Russland-Analysen Memorial (16.12.2021) Von der Redaktion: Frohes Fest! Dokumentation: Friedensnobelpreisrede von Dmitrij Muratow dekoder: Memorial Dokumentation: Anträge der Staatsanwaltschaften Interview: Irina Scherbakowa Interview: Swetlana Gannuschkina Kommentar: Die Büchse der Pandora Dokumentation: Der Menschenrechtsrat ist besorgt Dokumentation: Kommentar von Wladimir Putin zu Memorial Kommentar: Wendejahre Kommentar: Angriff des Kreml auf Memorial Kommentar: "Der Westen" als Gefahr für Russlands innere Sicherheit Kommentar: Déjà-vu Kommentar: Memorial als geschichtswissenschaftlicher Akteur Kommentar: Ein Refugium der Freiheit wird zerstört Kommentar: Die Instrumente des Europarats Kommentar: Memorial im Nordkaukasus Kommentar: Einsatz für Religions- und Gewissensfreiheit Kommentar: Ist das russische "Ausländische-Agenten"-Gesetz reformierbar? dekoder: Schlag gegen Deutschland Notizen aus Moskau: Memorial und die Hoffnung Dokumentation: Fokus Memorial der Zeitschrift OSTEUROPA Dokumentation: Stellungnahmen zur drohenden Auflösung von Memorial Chronik: Covid-19-Chronik, 16. November – 03. Dezember 2021 Chronik: 15. November – 03. Dezember 2021 Erdgashandel (24.11.2021) Analyse: Der deutsch-russische Erdgashandel. Chronik: Covid-19-Chronik, 01. – 13. November 2021 Chronik: 01. – 12. November 2021 Sozialverantwortung und Klima in der Landwirtschaft (10.11.2021) Analyse: Landwirtschaftliche Betriebe in Russland für unternehmerische Sozialverantwortung Analyse: Wird die russische Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren? Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Oktober 2021 Chronik: 11. – 29. Oktober 2021 Duma- und Regionalwahlen (01.10.2021) Analyse: Die Dumawahlen 2021 und das zunehmend hegemonial-autoritäre Regime in Russland Analyse: Alexej Nawalnyj, "Smart Voting" und die Wahlen zur russischen Staatsduma 2021 Kommentar: Wahlen in der "Protestregion" Chabarowsk in Online- und sozialen Medien dekoder: Die Evolution der Duma Notizen aus Moskau: Wird (all)es nach den Wahlen wieder besser? Chronik: Covid-19-Chronik, 13. – 26. September 2021 Chronik: 13. – 26. September 2021 Wirtschaftliche Schocks (24.06.2021) Analyse: Die Wirtschaft der "Festung Russland" Analyse: Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Corona-Krise  Chronik: Covid-19-Chronik, 03. – 30. Mai 2021 Chronik: 17. Mai – 10. Juni 2021 Arktis (31.07.2021) Editorial: Sommerpause, на дачу Analyse: Arktische Visionen: Die sowjetische Expansion nach Norden Analyse: Russlands Arktis-Strategie bis 2035 – Große Pläne und ihre Grenzen Analyse: Der russische Vorsitz im Arktischen Rat: Prioritäten und Implikationen für den Hohen Norden Russlands Kommentar: Russlands arktischer Balanceakt Dokumentation: Russland und die Arktis: Eine Auswahl aktueller Publikationen Chronik: Covid-19-Chronik, 14. Juni – 17. Juli 2021 Chronik: 16. Juni – 18. Juli 2021 Duma-Wahlen/Repressionen (08.06.2021) Kommentar: Duma-Wahlen 2021 Kommentar: Informationskriege, Oppositionskoordination und die Dumawahl im Jahr 2021 Kommentar: Wird das Putin-Regime überleben? Kommentar: Vorbereitung auf die Parlamentswahlen 2021 Kommentar: Elektronische Stimmabgabe Kommentar: Bedingungen der Wahlbeobachtung Kommentar: Die wirtschaftlichen Folgen autoritärer Politik Kommentar: Michail Mischustin als ambitionierter "Systemadministrator" des Putinismus Kommentar: Bürger:innen und der starke Mann: Erwachen, soziale Klassen und sozialer Niedergang in Russlands Autokratie Kommentar: Fear and Loathing in Russia: Repressionen als Herrschaftsinstrument des Kremls Kommentar: Ausländische-Agenten-Gesetz vor der Duma-Wahl 2021 ausgeweitet Kommentar: Schrumpfende Freiräume für Russlands Medien Kommentar: Russland drosselte Twitter, um Inhalte zu zensieren dekoder: "Hätten wir eine andere Wahl gehabt? Nein." Dokumentation: Repressive Gesetze, die von Wladimir Putin am 30. Dezember 2020 unterzeichnet wurden Dokumentation: April-Chronik der Repressionen: Der Journalist Ilja Asar hat Buch geführt Umfragen: "Haben Sie Angst vor…?" Umfrageergebnisse des Lewada-Zentrums Dokumentation: Hat der Protest einen Anführer? Wie stehen die Protestierenden zu Nawalnyj? Dokumentation: Russische Online-Zeitung Meduza kämpft ums Überleben Dokumentation: Amnesty International: Die Polizei identifiziert friedliche Demonstrierende mit Gesichtserkennungstechnologie Dokumentation: Human Rights Watch: Der Fall des Menschenrechtsanwalts Iwan Pawlow und neue repressive Gesetze Dokumentation: Stellungnahmen zum Beschluss der russischen Generalstaatsanwaltschaft, deutsche Nichtregierungsorganisationen als in Russland unerwünschte Organisationen zu erklären Chronik: 3. – 14. Mai 2021 Atomenergie / Die Botschaft des Präsidenten (14.05.2021) Analyse: Zum 35. Jahrestag von Tschernobyl Analyse: Russische Reaktoren und russischer Atommüll Analyse: Putins Botschaft an die Föderalversammlung dekoder: Warum Putin dem Volk nichts mehr zu sagen hat Chronik: Covid-19-Chronik, 12. April – 02. Mai 2021 Chronik: 13. April – 01. Mai 2021 60 Jahre Gagarin: Raumfahrt / Das russische Strafvollzugssystem (19.04.2021) dekoder: Juri Gagarin dekoder: Raumfahrtprogramm der UdSSR Analyse: Russland im Weltraum: Die 2020er Jahre Analyse: Russlands internationale Raumfahrtstrategie Analyse: Das Strafvollzugssystem der Russischen Föderation Chronik: Covid-19-Chronik, 15. März – 11. April 2021 Chronik: 17. März – 09. April 2021 Übersterblichkeit (27.03.2021) Analyse: Die Übersterblichkeit macht den wahren Opferzoll deutlich Analyse: Russlands Geografie und die Ausbreitung von Covid-19 Analyse: Die Pandemie in Russlands Föderationssubjekten: Gründe für die unterschiedliche Mortalität dekoder: "Die russische Propaganda hat sich selbst besiegt" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. März 2021 Chronik: 1. – 10. März 2021 Stadtentwicklung/Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen (09.03.2021) Analyse: Ausdehnung des Moskauer Wohnraumsanierungsprogramms Analyse: Urbaner Aktivismus in Russland dekoder: Das Moskau-Experiment Dokumentation: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Chronik: Covid-19-Chronik, 15. – 28. Februar 2021 Chronik: 16. – 27. Februar 2021 Digitale Diplomatie (19.02.2021) Analyse: Russlands digitale Diplomatie Analyse: Mittel und Zweck von Public Diplomacy Kommentar: Zusammenarbeit chinesischer und russischer Medien dekoder: "Schau mich gefälligst an!" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. Februar 2021 Chronik: 1. – 14. Februar 2021 Söldner im Dienst von Russland / Elite-Ranking 2020 / Proteste nach Nawalnyjs Rückkehr (08.02.2021) Söldner im Dienst autoritärer Staaten Analyse: Russische PMCs im Nahen Osten und Afrika Kommentar: Die "Wagner-Affäre" in Belarus und ihre Folgen Kommentar: Geopolitik, Waffen, Erdöl: Was Russlands Präsenz in Venezuela bedingt Karte: Söldner im Dienst von Russland Ranking: Das Elite-Ranking der "Nesawisimaja gaseta" Ranking: Die politische Elite im Jahre 2020: Regierungswechsel, Covid-19-Pandemie und Verfassungsreform dekoder: Russlandweite Proteste – wie nervös macht Nawalny den Kreml? dekoder: Nawalnys Schlusswort: "Einen einsperren, um Millionen einzuschüchtern" Notizen aus Moskau: Von 2011 zu 2021. Zehn Jahre danach. Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Januar 2021 Chronik: 11. – 31. Januar 2021 Visadialog zwischen der EU und Russland (21.01.2021) Analyse: Die Visumpflicht in den EU-Russland Beziehungen Analyse: Perspektiven des Visa-Dialogs zwischen der EU und Russland Kommentar: Visafreiheit für russische Jugendliche Kommentar: Illegale Passportisierungspolitik im Donbas Kommentar: Mit Visafreiheit Brücken in Krisenzeiten schlagen dekoder: Arbeitsmigration in Russland Chronik: Covid-19-Chronik, 30. November 2020 – 10. Januar 2021 Chronik: 3. Dezember 2020 – 9. Januar 2021 Die deutsch-russischen Beziehungen nach den Wahlen (15.10.2021) Analyse: Die Bundestagswahl und die deutsch-russischen Beziehungen Analyse: Chancen für eine neue Russlandpolitik nach der Bundestagswahl Kommentar: Die deutsche Russlandpolitik und das russische Gesetz über "ausländische Agenten" Dokumentation: Ausgewählte Publikationen über die deutsch-russischen Beziehungen Dokumentation: Vorschläge und Empfehlungen zu den EU-Russland-Beziehungen dekoder: Novaya Gazeta dekoder: Muratows Krawatte und der Friedensnobelpreis Chronik: Covid-19-Chronik, 27. September – 09. Oktober 2021 Chronik: 28. September – 08. Oktober 2021 30 Jahre Zerfall der Sowjetunion – Generationen (20.09.2021) Kommentar: Nur ein Menschenleben lang Kommentar: Staatenlosigkeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR Kommentar: Der Generationenaspekt beim Zusammenbruch der Sowjetunion Kommentar: Dreißig Jahre Transformation des russischen Hochschulwesens Kommentar: Die Jugend und die Generationen im postsowjetischen Russland: Kommentar: Unternehmerinnen in Russland Notizen aus Moskau: 30 Jahre umsonst? dekoder: Das Licht einer enttäuschten Hoffnung dekoder: Misstrauen auf allen Ebenen Chronik: Covid-19-Chronik, 02. August – 12. September 2021 Chronik: 05. – 12. September 2021 Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Von der Redaktion: Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Kommentar: Die Minsker Vereinbarungen als Chance? Kommentar: (Keine neuen) Erkenntnisse gewonnen Kommentar: Alles auf Status. Russlands riskantes Kriegsspiel mit (in) Europa Kommentar: Russlands Motive Kommentar: Die Gründe für Russlands Vorschläge Kommentar: Würde Putin vom eigenen Volk für eine Invasion in die Ukraine abgestraft werden? Kommentar: Kriegsoptimismus im Russland-Ukraine-Konflikt: Grund zum Pessimismus? Kommentar: Desinformation: ein hoch aktuelles Konzept aus dem letzten Jahrhundert Kommentar: Die Russland-Ukraine Krise: Wo steht Deutschland? Kommentar: Russlands Passportisierung des Donbas: Von einer eingeschränkten zu einer vollwertigen Staatsbürgerschaft? Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Analyse: Aussichten für Russlands Wirtschaftswachstum

Roland Götz

/ 15 Minuten zu lesen

Der Ölpreis bestimmt den Trend des Wirtschaftswachstums in Russland. Doch der "Ölboom" hat vorerst seinen Zenit erreicht. Andere Faktoren wie das Arbeitskräftepotential und die staatliche Wirtschaftspolitik sind nur von zweitrangiger Bedeutung. Weiterhin wird das Wirtschaftswachstum durch Korruption, geringe Rechtssicherheit und bürokratische Willkür beeinträchtigt. Die Ukraine-Krise könnte diese Situation weiter verschlechtern.

Die Gazprom Zentrale in Moskau. Gazprom ist weltweit größte Erdgasförderunternehmen. (© picture-alliance/dpa)

Vom Wachstumsoptimismus zum Wachstumspessimismus



Als nach der Wirtschaftskrise 2008 das Wirtschaftswachstum zunächst wieder angezogen hatte, glaubte die politische Führung an eine Wiederholung des Rekordwachstums während des ersten Jahrzehnts, als Russlands Volkswirtschaft bis zur Krise 2008 mit durchschnittlich sieben Prozent pro Jahr gewachsen war. Im Januar 2011 hielt der damalige Präsident Dmitrij Medwedew für die Zukunft sogar ein durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum von acht bis zehn Prozent für möglich. Noch Anfang 2013 gab Medwedew ein jährliches Wirtschaftswachstum von mindestens fünf Prozent als Ziel vor. Der Glaube an die Machbarkeit von Wirtschaftswachstum durch staatliche Dekrete erwies sich jedoch schnell als Illusion. Tatsächlich ist Russlands Wirtschaft 2013 nur um 1,3 Prozent und damit weniger als die der meisten anderen Staaten im postsowjetischen Raum gewachsen. Nur Belarus und die Ukraine, die beide auf Russland als Absatzmarkt angewiesen sind, verzeichneten 2013 ein noch geringeres Wirtschaftswachstum. Anfang 2014 erhoffte sich Russlands Führung das Einschwenken auf einen Wachstumspfad mit Wachstumsraten von mindestens drei Prozent pro Jahr. Im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise sind diese Erwartungen jedoch fragwürdig geworden. Russlands Kapitalbesitzer transferieren liquide Mittel ins Ausland, wodurch der Kapitalabfluss 2014 nach Einschätzung des ehemaligen Finanzministers Kudrin mindestens 150 Mrd. US-Dollar erreichen wird (Externer Link: http://ria.ru/economy/20140327/1001269949.html). Die dadurch bewirkten vermehrten Käufe von Devisen führen zur Abwertung des Rubels, was Importwaren verteuert und dadurch die Inflationsrate erhöht, ohne dass die Verbilligung der eigenen Exporte einen Exportboom bewirkt. Die Zentralbank reagierte auf die über ihrem Inflationsziel liegende Inflationsrate mit Erhöhung des Leitzinses, was Kredite verteuert und die Investitionsneigung dämpft. Für 2014 und möglicherweise auch für die Folgejahre ist so kein Wirtschaftswachstum zu erwarten, sondern Stagnation plus Inflation ("Stagflation").

Wachstumslokomotive Erdölexport



Die Dynamik der gesamtwirtschaftlichen Produktion wird in Russland vor allem durch die Veränderung des Warenexports bestimmt. Für diesen hat die Nachfrage nach Energieträgern, darunter an erster Stelle Erdöl und Erdölprodukte (Benzin, Diesel, Schmierstoffe), die über 50 Prozent Anteil am Warenexport ausmachen, besondere Bedeutung. Geringere Bedeutung für die Wachstumsdynamik der Volkswirtschaft hat Erdgas mit einem Exportanteil von 13 Prozent. Der Kohleexport mit einem Anteil von zwei Prozent spielt für die Volkswirtschaft nur eine untergeordnete Rolle. Die Schwankungen der Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts Russlands verlaufen parallel zum Wert des Warenexports, der wiederum weitgehend der Veränderung des Ölpreises folgt. Das hat mehrere Gründe: Erstens bedeutet ein Anstieg des Ölpreises vermehrte Gewinne beim Export von Rohöl und Ölprodukten. Zweitens wird die Inbetriebnahme von Ölfeldern mit höheren Förderkosten rentabel, was entsprechende Investitionen in Fördereinrichtungen, Pipelines und Verarbeitungsbetriebe nach sich zieht. Dadurch steigen wiederum die Aufträge an den Maschinen- und Fahrzeugbau, was positive Rückwirkungen auf vorgelagerte Industriezweige, die Beschäftigung und den Konsum hat. Da Ölförderung und Ölexport hoch besteuert werden, können hiermit auch die Staatsausgaben steigen. Der Ölpreis ist die "Lokomotive" der Wirtschaftsentwicklung in Russland. Dieser Zusammenhang ist durch ökonometrische Studien bestätigt worden. Besonders starke positive Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum Russlands stellten sich ein, als der Erdölpreis zwischen 1999 und 2008 auf das Sechsfache und gleichzeitig die Ölfördermenge in Russland um zwei Drittel stieg. Nach dem Einbruch des Erdölpreises in der zweiten Jahreshälfte 2008 und seit seiner Erholung 2009 und 2010 stagniert der Ölpreis (wenn auch auf hohem Niveau) seit 2011 – und das Wirtschaftswachstum kommt in Russland zum Erliegen, obwohl die Ölförderung immer noch zunimmt.

Die Zukunft des Ölpreises und von Russlands Öl- und Gasförderung



Führende Energieforschungseinrichtungen sind übereinstimmend der Ansicht, dass der "reale" Ölpreis (unter Herausrechnung der Inflationsrate in den westlichen Industrieländern) in den kommenden Jahrzehnten das 2008 erreichte Niveau nicht mehr wesentlich überschreiten wird. Die von der OECD getragene Internationale Energieagentur (IEA) nimmt in ihrem Referenzszenario ("New Policies", bei aktiver Klimaschutzpolitik) an, dass der Ölpreis (der Ölsorte "Brent") bis 2035 nicht wesentlich über 120 $ pro Barrel (159 l) ansteigen wird (IEA: World Energy Outlook. Paris 2013, S. 491). Die der US-Regierung unterstehende "Energy Information Administration" (EIA) erwartet in ihrem Referenzfall (mittleres Wirtschaftswachstum) einen Anstieg des Ölpreises bis 2035 auf knapp 150 $ pro Barrel (EIA: Annual Energy Outlook 2013, S. 31, Externer Link: http://www.eia.gov/). Derlei Prognosen können allerdings historische Ereignisse wie die Ukraine-Krise allerdings nicht einbeziehen, die einen deutlichen Anstieg des Ölpreises zur Folge haben können. Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum in Russland würden sich jedoch nur einstellen, wenn dieser Ölpreisanstieg jahrelang anhielte. Russlands Ölförderung tendiert zur Stagnation, da überwiegend Erdöl in Feldern gefördert wird, die bereits seit den 1960er Jahren entdeckt worden waren und die nun sämtlich in die Phase des Förderrückgangs eingetreten sind. Für die zukünftige Entwicklung der Ölförderung ist entscheidend, wie rasch die Ausbeutungsrate in diesen Vorkommen absinken wird und wie schnell neue Felder "zur Kompensation" in Betrieb genommen werden können. Wie Russlands Energieminister Aleksandr Nowak im Oktober 2013 verkündete, erwartet man noch bis 2020 eine leichte Zunahme der Erdölförderung auf dann 535 Millionen Tonnen. Die EIA prognostiziert das Maximum der Ölförderung Russlands sogar erst im Jahr 2035 und bei 600 Millionen Tonnen. Es ist aber durchaus möglich, dass das Tempo der Neuerschließung nicht ausreicht, um den Rückgang der Ölförderung auf den erschöpften alten Feldern auszugleichen. Entsprechende pessimistische Prognosen (so von Wojciech Konończuk, siehe Lesetipps) besagen, dass die Ölförderung in Russland bereits ab 2015/2017 fallen wird. Demnach werde sie 2020 bei rund 500 Millionen Tonnen und 2030 nur noch zwischen 400 und 440 Millionen Tonnen liegen.

Wenn aber der Westen in Reaktion auf einen Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine ein Ölembargo gegenüber Russland verhängen würde, wozu er wegen der Möglichkeit des Ausweichens auf andere Lieferanten in der Lage ist, wäre ein drastischer Rückgang des Erdölexports und der Erdölförderung unausweichlich und ein schwerer und lange anhaltender Einbruch des Wirtschaftswachstums in Russland die Folge. Bei Erdgas sind die Prognosen übereinstimmend optimistisch. Russlands Regierung wie auch westliche Energieforschungsinstitute gehen von einem Anstieg der Erdgasförderung gegenüber 2012 um rund 150 Mrd. m³ (das entspricht dem Doppelten des Erdgasverbrauchs in Deutschland) zumindest bis 2035 aus; dieser würde nicht von den Produktionsmöglichkeiten in Russland, sondern allenfalls von der Nachfrageentwicklung in Europa und in China begrenzt werden. Freilich tritt in Russland die Bedeutung von Erdgas als Exportprodukt und Mittel zur Generierung von Staatseinnahmen weit hinter dem Erdöl zurück, so dass die steigende Gasförderung einen ausgeprägten Rückgang der Ölförderung nicht ausgleichen könnte. Dass die russische Führung oder gar Gazprom selbst zur "Gaswaffe" (einer Blockade der Gaslieferungen in einzelne EU-Staaten oder die EU insgesamt) greifen könnte und wollte, gehört zu den am meisten kolportierten "Narrativen" im Russlanddiskurs. Wegen der symmetrischen Interdependenz der europäisch-russischen Gasbeziehungen scheidet die "Gaswaffe" sowohl für Russland als Druckmittel als auch für den Westen als Sanktionsinstrument aus. Deswegen sind Überlegungen, die auf Einschränkung der Gasbezüge aus Russland abzielen, unbegründet. Auch weil realistische Alternativen zum Gas aus Russland nicht bestehen, kann davon ausgegangen werden, dass Europa noch für Jahrzehnte der Hauptabsatzmarkt für Erdgas aus Russland bleiben wird. Eine Einschränkung des Wirtschaftswachstums in Russland durch Rohstoffmangel ist kaum zu erwarten. Doch ist Rohstoffreichtum andererseits auch kein Garant für eine gedeihliche Wirtschaftsentwicklung. Die These vom "Ressourcenfluch" (resource curse) und die verwandte Theorie der "holländischen Krankheit" (Dutch disease) besagen, dass Reichtum an Naturressourcen in einer stark auf Rohstoffexport ausgerichteten Volkswirtschaft negative Wirkungen haben kann, wenn wie in Russland Gesellschaft und Staat nicht regulierend eingreifen. Zu diesen Wirkungen gehören eine ausgeprägte Abhängigkeit von der Weltmarktkonjunktur, eine starke Währung mit der Folge hoher Importe und geringer Exporte von Industriewaren, das Streben nach "mühelosem" Einkommen ("Ressourcenrenten") und die Verfestigung autoritärer Herrschaft. Die mit der Ukrainekrise verbundene Kapitalflucht bewirkt eine Abwertung des Rubels bzw. eine Verteuerung der Importgüter. Da das Land außer Rohstoffen (die in US-Dollar abgerechnet werden) aber nur wenige weltmarktfähige Waren anzubieten hat, wird gleichzeitig – trotz der abwertungsbedingten niedrigen Exportpreise der Industriewaren – jedoch kein ausgeprägter Exportboom ausgelöst, der das Wirtschaftswachstum wesentlich positiv beeinflussen könnte.

Investitionen und Investitionsklima



Der "Ölboom" der Jahre 2000–2008 war möglich, weil das gesamtwirtschaftliche Produktionspotential zu Anfang des Jahrzehnts bei Weitem nicht ausgelastet gewesen war. Die gesamtwirtschaftliche Produktion war der amtlichen Statistik zufolge zwischen 1988 und 1998 um rund 60 Prozent zurückgegangen. Das Produktionspotential (der Kapitalstock, das Sachanlagevermögen) hatte dagegen im selben Zeitraum stagniert, weil selbst die geringen Investitionen der 1990er Jahre (die allerdings höher waren, als von der amtlichen Statistik ausgewiesen wird) zu seinem Erhalt ausreichten. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts bestand daher eine Kapazitätsreserve, die bei vergleichsweise geringen Investitionen in den Folgejahren eine Verdoppelung des BIP zuließ. Seither ist das Produktionspotential nahezu voll ausgelastet und bedarf zu seiner Erneuerung und Erweiterung höherer Investitionen als in den Vorjahren, in denen man noch "aus der Substanz" leben konnte. Bei einer Stagnation des Ölpreises und dem daraus resultierenden schwachen Impuls für das Wirtschaftswachstum sind aber nur niedrige Investitionen zu erwarten, die ihrerseits die gesamtwirtschaftliche Nachfrage dämpfen. Die Ukraine-Krise wird gegenläufige Auswirkungen auf die Investitionstätigkeit haben: Einerseits werden westliche Unternehmen ihre Investitionsvorhaben in Russland kürzen oder ganz fallen lassen und Kapital abziehen. Andererseits werden in Russland Produktionskapazitäten aufgebaut werden müssen, um wegfallende Importe aus der Ukraine (darunter vor allem Rüstungsgüter) zu ersetzen. Auf der Krim laufen zwar Infrastrukturprojekte wie die Schaffung einer Landverbindung zum russischen Festland an. Insgesamt aber dürfte die Investitionstätigkeit unter dem Eindruck der Ukraine-Krise jedoch verhalten bleiben.

Bevölkerung und Humankapital



Neben dem Realkapital ist der Arbeitskräfteeinsatz und dessen Produktivität der zweite wichtige Faktor, der den Umfang der Produktion und des möglichen Wirtschaftswachstums bestimmt. Das Arbeitskräftepotential hängt wiederum von der Bevölkerungsentwicklung ab. Für das nachsowjetische Russland war lange Zeit einerseits eine für Industrieländer typische niedrige Geburtenrate (unter 1,5 Kinder pro Frau), andererseits eine für Industrieländer atypisch hohe Sterblichkeit – vor allem im Alter zwischen 15 und 60 Jahren – kennzeichnend gewesen. Letztere war in erster Linie dafür verantwortlich, dass die Bevölkerung des Landes in den 1990er Jahren abnahm. Hinzu kam die Emigration gut ausgebildeter Arbeitskräfte, die im Westen nicht nur mehr verdienen können, sondern auch der in der Heimat herrschenden Willkür des staatlichen Apparats entgehen wollten. Dieser brain drain wird zwar quantitativ durch die Immigration von Arbeitskräften aus Zentralasien ersetzt, die aber nicht die berufliche Qualifikation der Emigranten aufweisen. Prognosen eines unaufhaltsamen Rückgangs der Bevölkerung haben sich im neuen Jahrtausend nicht bewahrheitet. Seit 2006 stagniert die Bevölkerung Russlands bei rund 143 Millionen, weil Geburten und Immigration zunahmen, während die Zahl der Gestorbenen zurückging. Wie sich die Bevölkerung künftig entwickeln wird, kann nur mit einem beträchtlichen Spielraum geschätzt werden. Klar scheint zu sein, dass das Arbeitskräftepotential deutlich abnehmen wird, weil die geburtenstarken Jahrgänge der Spätzeit der Sowjetunion aus dem Erwerbsleben ausscheiden und die nachrückenden Generationen der nach 1990 Geborenen um 40 Prozent zahlenschwächer sind. Selbst der Migrationsüberschuss von rund 300.000 Menschen pro Jahr kann diesen Verlust nicht ausgleichen. Auch die Aufhebung der Visapflicht und der Arbeitsbeschränkungen für Arbeitskräfte aus Zentralasien, die für die Vorbereitung der Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland gebraucht werden, wird dieses Defizit nicht beseitigen können.

Staatlichen Wachstumspolitik und die Korruption



Für marktwirtschaftliche Reformen als Hauptinstrumente der Wirtschafts- und Wachstumspolitik sprechen sich in Russland die in westlichem ökonomischem Denken geschulten Ökonomen aus, die vorwiegend an den nach 1990 neu gegründeten wirtschaftswissenschaftlichen Hochschulen tätig sind. Zu ihnen gehören Jewgenij Jasin, der Gründungsvater der Moskauer Hochschule für Ökonomie ("Higher School of Economics") deren Rektor Jaroslaw Kusminow, der Vizerektor Andrej Jakowlew, der Rektor der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und den Staatsdienst Wladimir Mau, der Leiter der Ökonomischen Expertengruppe beim Finanzministerium Jewsej Gurwitsch sowie der im April 2013 nach Frankreich emigrierte ehemalige Rektor der Russischen wirtschaftswissenschaftlichen Hochschule Sergej Gurijew. Ihre wirtschaftspolitischen Positionen werden von wichtigen Staatsfunktionären wie dem Wirtschaftsberater des Präsidenten Andrej Belousow, Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew, der Zentralbankchefin Elvira Nabiullina und der Leiterin der Föderalen Agentur für die Verwaltung des Staatseigentums Olga Dergunowa geteilt, die alle auf Weisung Putins in ihre Ämter berufen wurden. Ihnen und den Ratschlägen des IWF und der Weltbank ist zu verdanken, dass die Geld-, Finanz- und Privatisierungspolitik Russlands bislang noch eine "liberale" Handschrift aufweist: Die Zentralbank Russlands verfolgt mit ihrer Geldpolitik in erster Linie das Ziel einer Inflationskontrolle (inflation-targeting). Diesem Ziel diente auch die am 25.04.2014 erfolgte Erhöhung des Leitzinssatzes auf 7,5 Prozent (Externer Link: http://cbr.ru/eng/press/pr.aspx?file=25042014_1335371.htm).

Außerdem erhöhte die Zentralbank die Flexibilität des Wechselkurses, damit "externe Schocks" besser absorbiert werden können, die aus der Volatilität des Ölpreises und damit der Exporteinnahmen resultieren. 2015 will sich die Zentralbank vollständig aus der Regulierung des Wechselkurses zurückziehen und sich darauf konzentrieren, die Inflation in einem im Voraus bekannt gegebenen Umfang zu senken. Sie verzichtet damit auf eine eigenständige Wachstumspolitik, die sie der Fiskalpolitik und der allgemeinen Reformpolitik überantwortet. Ob die Zentralbank allerdings ihre auf makroökonomische Stabilität ausgerichtete Geldpolitik beibehalten kann, wenn es im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise zu einem fundamentalen Kurswechsel der Außen- und Wirtschaftspolitik kommen sollte, ist zweifelhaft. Die Staatsausgaben orientieren sich seit 2013 am durchschnittlichen Ölpreis der zehn Vorjahre. Die Budgetplanung begrenzt ab 2013 das Haushaltsdefizit auf ein Prozent des BIP, was den Spielraum für fiskalische Ankurbelungspolitik deutlich beschränkt. Die Privatisierung der Staatsunternehmen geht weiter. Wenn sich jedoch Russland nach dem Vorbild der Krim weitere Teile der Ukraine aneignen würde, müsste die Fiskalpolitik ihre Ausrichtung auf finanzielle Stabilität aufgeben. Dann würden nämlich aus dem Staatshaushalt nicht nur vermehrte Ausgaben für das Militär, sondern auch für den Umbau der Infrastruktur sowie Sozialausgaben zur Angleichung der Lebensverhältnisse in den neuen Territorien an das in Kernrussland bestehende Niveau finanziert werden müssen; das würde die entsprechenden Aufwendungen für die Integration der Krim um ein Vielfaches übersteigen. Ganz andere Positionen als die in der Geld- und Finanzpolitik tonangebenden "Liberalen" vertreten Wissenschaftler aus der ehemaligen sowjetischen ökonomisch-mathematischen Schule, die nun an der Russischen Akademie der Wissenschaften tätig sind, beispielsweise Sergej Glasjew und Viktor Iwanter. Sie und Gleichgesinnte wie Michail Deljagin haben sich in dem nach dem ehemaligen Wehrdorf Isborsk im Gebiet Pskov an der Grenze zu Estland benannten Isborsker Klub zusammen gefunden (Isborskij klub, Externer Link: http://www.dynacon.ru/index.php), der sich als "Institut des dynamischen Konservativismus" bezeichnet. Nach ihrer Meinung muss die Regierung vor allem den technologischen Fortschritt fördern, damit das Land eine "vorauseilende Entwicklung" einschlägt. Der Staat solle vorausschauend Investitionen in moderne Technologien sowie die Infrastruktur finanzieren. Glasjew stützt sich dabei auf die von Nikolaj Kondratjew nach dem Ersten Weltkrieg begründete Theorie der "langen Wellen" technologischer Neuerungen. Er glaubt, einen Technologiezyklus 2010–2040 identifiziert zu haben, in dem Nanotechnologie, Kernenergie und Heliumanwendungen entwickelt werden, während der Zyklus der Mikroelektronik 2010 seine Wachstumsphase beendet habe. Durch eine entsprechende Industriepolitik, die von einer wachstumsfördernden Geld- und Finanzpolitik flankiert wird, könnte nach seiner Meinung in Russland wieder Wirtschaftswachstum von mindestens sechs Prozent pro Jahr erzeugt werden. Zur Finanzierung sollen die Steuereinnahmen auf die Öl- und Gasexporte herangezogen werden, die im staatlichen Nationalen Wohlfahrtsfonds akkumuliert wurden.

Die Regierung hat einige dieser Ideen in abgeschwächter Form aufgegriffen. Mittel im Umfang von rund 30 Mrd. Euro aus dem Nationalen Wohlfahrtsfonds sollen als Kredite in drei mehrjährige Verkehrsprojekte fließen: Zum einen in die Hochgeschwindigkeits-Bahnstrecke Moskau–Kasan, zweitens in eine kostenpflichtige Ringautobahn um Moskau und drittens in die Modernisierung der Transsibirischen Eisenbahnstrecken Transsib und BAM. Es trifft zwar zu, dass durch die Verausgabung staatlicher Gelder ein die Wirtschaft anregender Effekt erzielt werden kann. Umstritten ist jedoch sowohl in der westlichen wie in der russländischen Fachwelt, wie stark und wie nachhaltig sich ein solcher Impuls auf das Wirtschaftswachstum auswirkt. Die staatliche "Sberbank" schätzt, dass die drei vorgesehenen Projekte das jährliche Wirtschaftswachstum langfristig um ein Drittel Prozent erhöhen würden. Die liberalen Kritiker dieses Vorschlags kommen dagegen zum Ergebnis, dass durch staatliche Verschuldung finanzierte Infrastrukturinvestitionen nur einen kurzfristigen Wachstumseffekt haben werden. Die Ergebnisse der Industriepolitik werden in Russland in hohem Maße durch die Korruption beeinträchtigt. Diese gilt in Russland als ewiges Übel, gegen das der Staat machtlos zu sein scheint. Sowohl unter Jelzin als auch während Putins erster Präsidentschaft blieb die Korruptionsbekämpfung erfolglos. Immerhin sind – zumindest auf dem Papier – seither einige Fortschritte zu verzeichnen. 2008 war unter der Präsidentschaft Medwedews mit dem "Gesetz zur Bekämpfung der Korruption" erstmals der Straftatbestand der Korruption in das Strafrecht eingeführt worden. Zwei weitere Gesetze regelten 2008 und 2009 ebenfalls erstmals den Zugang zu Informationen der staatlichen Stellen und die Offenlegung von Informationen in der Justiz. Gesetze und Verordnungen müssen darauf hin überprüft werden, ob sie Korruption begünstigen. Inhaber öffentlicher Ämter müssen jährlich ihr Einkommen und Vermögen deklarieren. 2012 trat Russland der UN-Konvention gegen Korruption bei. Trotz der größeren Offenheit lässt die Praxis der Korruptionsbekämpfung noch sehr zu wünschen übrig. Obwohl die Antikorruptionskonvention der UNO dies verlangt, wurden keine Gesetze zum Schutz von "Whistleblowern" verabschiedet. Russland weigert sich auch, den in Artikel 20 der Konvention formulierten Straftatbestand der "unerlaubten Bereicherung von Amtsträgern" in nationale Gesetzgebung zu übernehmen. Erst dadurch könnte jedoch die illegale Vermehrung des Vermögens von "hohen Tieren" belangt werden, da die vom Gesetz geforderte Deklaration des Vermögens folgenlos bleibt. Die "große Korruption" wird, ebenso wie die "kleine", in Russland bislang nicht wirksam angegangen. Ebenso wenig wird die erpresserische Übernahme von Unternehmen (das sogenannte "rejderstwo"), die von Amtsträgern begünstigt wird, bekämpft. So lange hohe Ressourcenrenten zu verteilen sind, die Transparenz niedrig ist und die Bestrafung von Korruption ausbleibt, wird sie weiter gedeihen und das Wirtschaftsklima und damit auch das Wirtschaftswachstum negativ beeinflussen.

Wirtschaftliche und politische Modernisierung



Ökonomische Modernisierung, die sich nicht nur auf Industriepolitik und Technologieförderung beschränkt, verlangt, dass in der Wirtschaft formellen Regeln Geltung verschafft, Wettbewerb organisiert und bewahrt wird. Dies kann jedoch kaum gelingen, wenn auf dem Gebiet der Innenpolitik gerade Forderungen dieser Art zurückgewiesen werden. Was aber verhindert eine rasche Modernisierung der Gesellschaft und damit auch der Wirtschaft Russlands? Nach Richard Sakwa agiert in Russland ein legal-rationaler Verfassungsstaat in enger Verflechtung mit einem neopatrimonialen Verwaltungsstaat. Die Macht ist in Netzwerken zentriert, die sich informeller Praktiken bedienen und die formale verfassungsmäßige Ordnung aushebeln. Im heutigen Russland stehen Sakwa zufolge zumindest drei Weltbilder miteinander in Konkurrenz und blockieren sich gegenseitig: Das erste ist das liberale Weltbild mit der Forderung nach einer "Rückkehr nach Europa" und einer westlichen Standards genügenden politischen Kultur. Dem liberalen steht ein "traditionalistisches" Weltbild entgegen, das von Monarchisten, die sich auf die Zeit des Imperiums berufen bis hin zu Vertretern neosowjetischen Denkens geteilt wird. Das Putin-Regime vertritt eine dazwischen angesiedelte "zentristische" Ideologie. Ihm fehlt jedoch eine eigene wirtschaftspolitische Idee, weswegen es sich mit einer Mischung von liberalen und interventionistischen Ansätzen behilft. Liberale wirtschaftspolitische Ansätze lassen sich in der Politik der Zentralbank, in der Privatisierungspolitik, der Förderung der Klein- und Mittelunternehmen sowie in der Wettbewerbspolitik erkennen. Andererseits werden in der Industriepolitik Zugeständnisse an die traditionalistischen Kräfte gemacht. Die Ukraine-Krise könnte, wenn sie eine grundsätzliche Abwendung Russlands vom Westen zur Folge hat, die interventionistische Richtung begünstigen. An die Spitze einer derartigen Bewegung stehen linksnationale Ökonomen und Politologen unter der Führung von Sergej Glasjew, die eine "Säuberung der Eliten" sowie die Entwicklung einer "effektiven planwirtschaftlichen Marktwirtschaft" bei einer Hinwendung zum kommunistischem China fordern (s. das Manifest des Isborsker Klubs vom 25.04.2014 "Die Ukraine zwischen dem Westen und Russland", http://www.dynacon.ru/). Wie Wladimir Mau feststellt, besitzt das Putinsche Russland Ähnlichkeiten mit der Sowjetunion vom Anfang der achtziger Jahre. Das Hauptproblem war damals der Widerstand gegen gesellschaftliche Modernisierung und ist es heute ebenfalls. Die reichliche Verfügbarkeit von Naturressourcen behinderte schon damals eine institutionelle und technologische Erneuerung, wie es auch heute der Fall ist. Ein Indikator dafür ist die Dominanz der Rohstoffwirtschaft und die auf Grund der niedrigen Arbeitsproduktivität bestehende Vollbeschäftigung. Wie das Beispiel der Sowjetunion zeigte, könne – so Wladimir Mau – eine derartige Stabilität jedoch schnell in Stagnation umschlagen. Bei weiterer Verschärfung der Ukraine-Krise und drohendem Abbruch der Wirtschaftsbeziehungen zum Westen könnte Russlands Wirtschaft tatsächlich schon bald auf dem Weg in die Stagnation sein.

Lesetipps

  • Rautava, Jouko: The Role of Oil Prices and the Real Exchange Rate in Russia’s Economy [= BOFIT Discussion Papers 3/2002], Helsinki 2002.

  • Konończuk, Wojciech: Russia’s Best Ally. The situation of the Russian oil sector and forecast for its future [= OSW Studies 39/ 2012], Warschau 2012; Externer Link: http://www.osw.waw.pl/sites/default/files/PRACE_39_en.pdf.

  • Heinrich, Andreas, Heiko Pleines: Weder Fluch noch Segen. Die Steuerung des Ölbooms im postsowjetischen Raum, in: Osteuropa 63.2013, Nr. 7, S. 87–100.

  • Schulze, Günther, Bambang Sjahrir, Nikita Zakharov: Corruption in Russia [= Department of International Economic Policy Discussion Paper 22], Freiburg i. Breisgau 2013.

  • Sakwa, Richard: Anatomie einer Blockade. Stillstand im Doppelstaat Russland, in: Osteuropa 62.2012, Nr. 6–8, S. 45–54.

  • Mau, Vladimir: Between Modernisation and Stagnation. Russian economic policy and global crisis, in: Post-Communist Economies, 25.2013, Nr. 4, S. 448–464.

Fussnoten

Roland Götz beschäftigte sich am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln und an der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin mit der sowjetischen und russischen Wirtschaft.