Meine Merkliste

Analyse: Wiedervereinigt wider Willen

Russland-Analysen Memorial (16.12.2021) Von der Redaktion: Frohes Fest! Dokumentation: Friedensnobelpreisrede von Dmitrij Muratow dekoder: Memorial Dokumentation: Anträge der Staatsanwaltschaften Interview: Irina Scherbakowa Interview: Swetlana Gannuschkina Kommentar: Die Büchse der Pandora Dokumentation: Der Menschenrechtsrat ist besorgt Dokumentation: Kommentar von Wladimir Putin zu Memorial Kommentar: Wendejahre Kommentar: Angriff des Kreml auf Memorial Kommentar: "Der Westen" als Gefahr für Russlands innere Sicherheit Kommentar: Déjà-vu Kommentar: Memorial als geschichtswissenschaftlicher Akteur Kommentar: Ein Refugium der Freiheit wird zerstört Kommentar: Die Instrumente des Europarats Kommentar: Memorial im Nordkaukasus Kommentar: Einsatz für Religions- und Gewissensfreiheit Kommentar: Ist das russische "Ausländische-Agenten"-Gesetz reformierbar? dekoder: Schlag gegen Deutschland Notizen aus Moskau: Memorial und die Hoffnung Dokumentation: Fokus Memorial der Zeitschrift OSTEUROPA Dokumentation: Stellungnahmen zur drohenden Auflösung von Memorial Chronik: Covid-19-Chronik, 16. November – 03. Dezember 2021 Chronik: 15. November – 03. Dezember 2021 Erdgashandel (24.11.2021) Analyse: Der deutsch-russische Erdgashandel. Chronik: Covid-19-Chronik, 01. – 13. November 2021 Chronik: 01. – 12. November 2021 Sozialverantwortung und Klima in der Landwirtschaft (10.11.2021) Analyse: Landwirtschaftliche Betriebe in Russland für unternehmerische Sozialverantwortung Analyse: Wird die russische Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren? Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Oktober 2021 Chronik: 11. – 29. Oktober 2021 Duma- und Regionalwahlen (01.10.2021) Analyse: Die Dumawahlen 2021 und das zunehmend hegemonial-autoritäre Regime in Russland Analyse: Alexej Nawalnyj, "Smart Voting" und die Wahlen zur russischen Staatsduma 2021 Kommentar: Wahlen in der "Protestregion" Chabarowsk in Online- und sozialen Medien dekoder: Die Evolution der Duma Notizen aus Moskau: Wird (all)es nach den Wahlen wieder besser? Chronik: Covid-19-Chronik, 13. – 26. September 2021 Chronik: 13. – 26. September 2021 Wirtschaftliche Schocks (24.06.2021) Analyse: Die Wirtschaft der "Festung Russland" Analyse: Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Corona-Krise  Chronik: Covid-19-Chronik, 03. – 30. Mai 2021 Chronik: 17. Mai – 10. Juni 2021 Arktis (31.07.2021) Editorial: Sommerpause, на дачу Analyse: Arktische Visionen: Die sowjetische Expansion nach Norden Analyse: Russlands Arktis-Strategie bis 2035 – Große Pläne und ihre Grenzen Analyse: Der russische Vorsitz im Arktischen Rat: Prioritäten und Implikationen für den Hohen Norden Russlands Kommentar: Russlands arktischer Balanceakt Dokumentation: Russland und die Arktis: Eine Auswahl aktueller Publikationen Chronik: Covid-19-Chronik, 14. Juni – 17. Juli 2021 Chronik: 16. Juni – 18. Juli 2021 Duma-Wahlen/Repressionen (08.06.2021) Kommentar: Duma-Wahlen 2021 Kommentar: Informationskriege, Oppositionskoordination und die Dumawahl im Jahr 2021 Kommentar: Wird das Putin-Regime überleben? Kommentar: Vorbereitung auf die Parlamentswahlen 2021 Kommentar: Elektronische Stimmabgabe Kommentar: Bedingungen der Wahlbeobachtung Kommentar: Die wirtschaftlichen Folgen autoritärer Politik Kommentar: Michail Mischustin als ambitionierter "Systemadministrator" des Putinismus Kommentar: Bürger:innen und der starke Mann: Erwachen, soziale Klassen und sozialer Niedergang in Russlands Autokratie Kommentar: Fear and Loathing in Russia: Repressionen als Herrschaftsinstrument des Kremls Kommentar: Ausländische-Agenten-Gesetz vor der Duma-Wahl 2021 ausgeweitet Kommentar: Schrumpfende Freiräume für Russlands Medien Kommentar: Russland drosselte Twitter, um Inhalte zu zensieren dekoder: "Hätten wir eine andere Wahl gehabt? Nein." Dokumentation: Repressive Gesetze, die von Wladimir Putin am 30. Dezember 2020 unterzeichnet wurden Dokumentation: April-Chronik der Repressionen: Der Journalist Ilja Asar hat Buch geführt Umfragen: "Haben Sie Angst vor…?" Umfrageergebnisse des Lewada-Zentrums Dokumentation: Hat der Protest einen Anführer? Wie stehen die Protestierenden zu Nawalnyj? Dokumentation: Russische Online-Zeitung Meduza kämpft ums Überleben Dokumentation: Amnesty International: Die Polizei identifiziert friedliche Demonstrierende mit Gesichtserkennungstechnologie Dokumentation: Human Rights Watch: Der Fall des Menschenrechtsanwalts Iwan Pawlow und neue repressive Gesetze Dokumentation: Stellungnahmen zum Beschluss der russischen Generalstaatsanwaltschaft, deutsche Nichtregierungsorganisationen als in Russland unerwünschte Organisationen zu erklären Chronik: 3. – 14. Mai 2021 Atomenergie / Die Botschaft des Präsidenten (14.05.2021) Analyse: Zum 35. Jahrestag von Tschernobyl Analyse: Russische Reaktoren und russischer Atommüll Analyse: Putins Botschaft an die Föderalversammlung dekoder: Warum Putin dem Volk nichts mehr zu sagen hat Chronik: Covid-19-Chronik, 12. April – 02. Mai 2021 Chronik: 13. April – 01. Mai 2021 60 Jahre Gagarin: Raumfahrt / Das russische Strafvollzugssystem (19.04.2021) dekoder: Juri Gagarin dekoder: Raumfahrtprogramm der UdSSR Analyse: Russland im Weltraum: Die 2020er Jahre Analyse: Russlands internationale Raumfahrtstrategie Analyse: Das Strafvollzugssystem der Russischen Föderation Chronik: Covid-19-Chronik, 15. März – 11. April 2021 Chronik: 17. März – 09. April 2021 Übersterblichkeit (27.03.2021) Analyse: Die Übersterblichkeit macht den wahren Opferzoll deutlich Analyse: Russlands Geografie und die Ausbreitung von Covid-19 Analyse: Die Pandemie in Russlands Föderationssubjekten: Gründe für die unterschiedliche Mortalität dekoder: "Die russische Propaganda hat sich selbst besiegt" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. März 2021 Chronik: 1. – 10. März 2021 Stadtentwicklung/Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen (09.03.2021) Analyse: Ausdehnung des Moskauer Wohnraumsanierungsprogramms Analyse: Urbaner Aktivismus in Russland dekoder: Das Moskau-Experiment Dokumentation: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Chronik: Covid-19-Chronik, 15. – 28. Februar 2021 Chronik: 16. – 27. Februar 2021 Digitale Diplomatie (19.02.2021) Analyse: Russlands digitale Diplomatie Analyse: Mittel und Zweck von Public Diplomacy Kommentar: Zusammenarbeit chinesischer und russischer Medien dekoder: "Schau mich gefälligst an!" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. Februar 2021 Chronik: 1. – 14. Februar 2021 Söldner im Dienst von Russland / Elite-Ranking 2020 / Proteste nach Nawalnyjs Rückkehr (08.02.2021) Söldner im Dienst autoritärer Staaten Analyse: Russische PMCs im Nahen Osten und Afrika Kommentar: Die "Wagner-Affäre" in Belarus und ihre Folgen Kommentar: Geopolitik, Waffen, Erdöl: Was Russlands Präsenz in Venezuela bedingt Karte: Söldner im Dienst von Russland Ranking: Das Elite-Ranking der "Nesawisimaja gaseta" Ranking: Die politische Elite im Jahre 2020: Regierungswechsel, Covid-19-Pandemie und Verfassungsreform dekoder: Russlandweite Proteste – wie nervös macht Nawalny den Kreml? dekoder: Nawalnys Schlusswort: "Einen einsperren, um Millionen einzuschüchtern" Notizen aus Moskau: Von 2011 zu 2021. Zehn Jahre danach. Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Januar 2021 Chronik: 11. – 31. Januar 2021 Visadialog zwischen der EU und Russland (21.01.2021) Analyse: Die Visumpflicht in den EU-Russland Beziehungen Analyse: Perspektiven des Visa-Dialogs zwischen der EU und Russland Kommentar: Visafreiheit für russische Jugendliche Kommentar: Illegale Passportisierungspolitik im Donbas Kommentar: Mit Visafreiheit Brücken in Krisenzeiten schlagen dekoder: Arbeitsmigration in Russland Chronik: Covid-19-Chronik, 30. November 2020 – 10. Januar 2021 Chronik: 3. Dezember 2020 – 9. Januar 2021 Die deutsch-russischen Beziehungen nach den Wahlen (15.10.2021) Analyse: Die Bundestagswahl und die deutsch-russischen Beziehungen Analyse: Chancen für eine neue Russlandpolitik nach der Bundestagswahl Kommentar: Die deutsche Russlandpolitik und das russische Gesetz über "ausländische Agenten" Dokumentation: Ausgewählte Publikationen über die deutsch-russischen Beziehungen Dokumentation: Vorschläge und Empfehlungen zu den EU-Russland-Beziehungen dekoder: Novaya Gazeta dekoder: Muratows Krawatte und der Friedensnobelpreis Chronik: Covid-19-Chronik, 27. September – 09. Oktober 2021 Chronik: 28. September – 08. Oktober 2021 30 Jahre Zerfall der Sowjetunion – Generationen (20.09.2021) Kommentar: Nur ein Menschenleben lang Kommentar: Staatenlosigkeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR Kommentar: Der Generationenaspekt beim Zusammenbruch der Sowjetunion Kommentar: Dreißig Jahre Transformation des russischen Hochschulwesens Kommentar: Die Jugend und die Generationen im postsowjetischen Russland: Kommentar: Unternehmerinnen in Russland Notizen aus Moskau: 30 Jahre umsonst? dekoder: Das Licht einer enttäuschten Hoffnung dekoder: Misstrauen auf allen Ebenen Chronik: Covid-19-Chronik, 02. August – 12. September 2021 Chronik: 05. – 12. September 2021 Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Von der Redaktion: Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Kommentar: Die Minsker Vereinbarungen als Chance? Kommentar: (Keine neuen) Erkenntnisse gewonnen Kommentar: Alles auf Status. Russlands riskantes Kriegsspiel mit (in) Europa Kommentar: Russlands Motive Kommentar: Die Gründe für Russlands Vorschläge Kommentar: Würde Putin vom eigenen Volk für eine Invasion in die Ukraine abgestraft werden? Kommentar: Kriegsoptimismus im Russland-Ukraine-Konflikt: Grund zum Pessimismus? Kommentar: Desinformation: ein hoch aktuelles Konzept aus dem letzten Jahrhundert Kommentar: Die Russland-Ukraine Krise: Wo steht Deutschland? Kommentar: Russlands Passportisierung des Donbas: Von einer eingeschränkten zu einer vollwertigen Staatsbürgerschaft? Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Analyse: Wiedervereinigt wider Willen Mit Druck und Finanzhilfen integriert Russland die ehemaligen Sowjetrepubliken

Susanne Spahn

/ 11 Minuten zu lesen

Seit 2010 hat die Putin-Führung ihre Integrationsaktivitäten im postsowjetischen Raum intensiviert: mit der Neugründung der Zollunion, die zwei Jahre später zum Einheitlichen Wirtschaftsraum ausgebaut wurde und 2015 in die Eurasische Wirtschaftsunion münden soll. Ende Mai 2014 unterzeichneten die Präsidenten Russlands, Kasachstans und Belarus’ den Vertrag zur Gründung der Eurasischen Wirtschaftsunion (Jewrasijskij Ekonomitscheskij Sojus; russ. Abk.: JeAES). Es soll damit ein Binnenmarkt mit 170 Millionen Menschen entstehen, in dem die Freiheit von Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital herrscht. Armenien hat angekündigt, ebenfalls beitreten zu wollen. Das neue eurasische Reich ist Putins geopolitisches Kernprojekt, der Versuch, eine von Russland dominierte Union als Gegengewicht zur EU zu etablieren und damit die russische Einflusssphäre zu sichern.

Ein russisch-weißrussischer Grenzübergang. (© picture-alliance, ITAR-TASS)

Das wichtigste Ziel: Machterhalt

Das wichtigste Ziel der russischen Führung ist die Erhaltung der eigenen Macht. Diesem Ziel sind alle anderen Ziele der Innen- und Außenpolitik untergeordnet. Die russische Staatsführung um Präsident Wladimir Putin will im eigenen Land und im postsowjetischen Raum mögliche Regimewechsel nach dem Vorbild der Farbenrevolutionen oder des Euromaidan in der Ukraine verhindern. Insbesondere in der Revolution in der Ukraine wird eine Gefahr für das eigene autoritäre Regime gesehen. In der Außenpolitik beansprucht Russland bereits seit Anfang der 90er Jahre den postsowjetischen Raum als "Sphäre privilegierter Interessen", also als exklusive Einflusssphäre, die gegenüber dritten Mächten zu verteidigen ist. Hier wird insbesondere die Östliche Partnerschaft der EU als Konkurrenz um den Einfluss im postsowjetischen Raum wahrgenommen. Die Außenpolitik ist in Russland zudem auch ein wichtiger Faktor der Innenpolitik: Es geht darum, Stärke zu demonstrieren und die Großmacht Russland zu stärken. Wie die patriotische Euphorie über die Annexion der Krim gezeigt hat, instrumentalisiert die russische Führung Außenpolitik erfolgreich für ihre Machtinteressen. Die Außenpolitik verleiht somit der russischen Führung Popularität und Legitimität, nachdem der wirtschaftliche Modernisierungskurs gescheitert ist.

Die Idee der Eurasischen Union

Die Funktion der Eurasischen Wirtschaftsunion muss in diesem Kontext gesehen werden: Geostrategische Interessen gaben bei dieser Initiative den Ausschlag. Putin führte dazu in einem Beitrag in der Zeitung Iswestija aus: "Wir schlagen das Modell einer starken supranationalen Vereinigung vor, die fähig ist, einen der Pole der heutigen Welt zu bilden" (Iswestija v. 3. 10. 2011; http://izvestia.ru/news/502761) Wenn es der russischen Führung gelingt, Russland als bedeutendes Machtzentrum in einer multipolaren Weltordnung zu verankern, dient dies auch ihrem eigenen Machterhalt.

Das wirtschaftliche Interesse Russlands am gemeinsamen Binnenmarkt spielt eine untergeordnete Rolle, denn Russland wickelt nur einen geringen Teil seines Außenhandels mit Belarus und Kasachstan ab (vier bzw. drei Prozent im Jahr 2012). Umgekehrt ist Russland für Belarus der mit Abstand wichtigste Handelspartner; Kasachstan wickelt etwa ein Sechstel seines Handels mit Russland ab. Die wirtschaftlichen Präferenzen sind das Hauptinteresse von Belarus zur Teilnahme an den russisch dominierten Integrationsprojekten. Minsk spart durch die zollfreie Einfuhr von russischem Gas und Öl zu Vorzugspreisen etwa sechs Milliarden Dollar jährlich – das entspricht etwa zehn Prozent des belarussischen Bruttoinlandsprodukts. Das ist der Preis, den die Putin-Führung für die Teilnahme an ihrem geopolitischen Prestigeobjekt zahlt. Auch die Unterzeichnung des Vertrags zur Schaffung der Eurasischen Wirtschaftsunion ließ sich der belarussische Präsident Aleksandr Lukaschenka gesondert bezahlen: Bislang musste Belarus die Zölle für russisches Öl, das in Belarus weiterverarbeitet und als Benzin in den Westen weiterverkauft wird, erstatten. Die Hälfte dieser Kompensationen wurden Belarus nun erlassen, damit wird Minsk von 2015 an weitere 1,5 bis 2 Mrd. US-Dollar an Subventionen erhalten. Der Export von Ölprodukten ist eine wichtige Einkommensquelle für die weitgehend unreformierte belarussische Staatswirtschaft: nach Angaben der belorussischen Nachrichtenagentur Belapan erwirtschaftete Belarus 2013 dadurch mehr als zehn Milliarden USD, das ist etwa ein Drittel des Exporterlöses des Landes. Da die Öl-Branche in Belarus vom Import aus Russland abhängig ist, demonstriert dies die starke wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland. Außerdem ist Russland einer der wichtigsten Kreditgeber des Landes: nachdem Moskau in diesem Jahr bereits Kredite über 2 Mrd. USD an Minsk vergeben hat, legte der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedew im September noch einmal nach und vergab einen 1,5 Mrd. USD-Kredit an die belarussische Regierung. Das hochverschuldete Belarus hängt somit am Tropf russischer Subventionen. Die Außenverschuldung beträgt nach Angaben der belarussischen Nationalbank bereits 56 % des BIP. Es ist zweifelhaft, ob Belarus die Stabilitätskriterien des Eurasischen Wirtschaftsraums erfüllen wird, die ähnlich der Maastricht-Kriterien in der EU Begrenzungen für die Gesamtverschuldung und die Inflation vorsehen.

Eurasische Wirtschaftsunion und Zollunion

Die Eurasische Wirtschaftsunion ist bereits verkündet worden, ohne dass die ihr vorausgehende Integrationsstufe, die 2010 in Kraft getretene Zollunion erreicht wäre. Die Partner der Zollunion sind von einer gemeinsamen Handelspolitik gegenüber Drittstaaten weit entfernt, wie der Konflikt um die Ukraine zeigte. So droht Russland, Importzölle auf ukrainische Waren zu erheben, wenn das Freihandelsabkommen zwischen der EU und der Ukraine in Kraft treten sollte. Zwar wurde die Implementierung des wirtschaftlichen Teils des Assoziierungsabkommens auf 2016 verschoben, aber die russische Regierung hat bereits vorsorglich eine entsprechende Verfügung erlassen. Die Drohkulisse Russlands erhält jedoch Risse, weil sich ausgerechnet die Bündnispartner Belarus und Kasachstan widersetzen. Beide Staaten haben eine Resolution des Rates der Eurasischen Wirtschaftskommission über ein neues Handelsregime mit der Ukraine abgelehnt. Nun kann Russland immer noch im Alleingang handeln. Aber die Handelsbarrieren können umgangen werden, indem ukrainische Exporteure ihre Waren über Belarus auf den russischen Markt bringen.

Es ist aber nicht nur die fehlende Einigkeit in der Handelspolitik, auch untereinander leidet der Handel: "Bis zu einem gemeinsamen Markt ist es noch weit. Es gibt noch nicht einmal den absolut freien Warenverkehr", kritisierte der Moskauer Wirtschaftswissenschaftler Aleksandr Knobel vom Gajdar-Institut für Wirtschaftspolitik im Gespräch mit der Autorin. Zahlreiche Hindernisse erschwerten laut Knobel den Handel zwischen den Partnern. Die Eurasische Wirtschaftsunion sei nur ein Wechsel der Etiketten: "Bislang hat sich nur die Bezeichnung des Integrationsprojektes geändert, aber die Teilnehmer versuchen immer noch, die innerhalb der Zollunion ungelösten Probleme zu bewältigen", sagte Knobel. Diese Ansicht teilt Pawel Koktyschew, Generaldirektor des Instituts für Entwicklung und Wirtschaftspolitik in Almaty. Die Zollunion sei eine "bürokratische Organisation", der nicht die Prinzipien des Freihandels zugrunde lägen. Stattdessen "wetteifert jede Seite von Anfang an darin, besonders raffinierte protektionistische Maßnahmen einzuführen", sagte Koktyschew im Interview mit der Autorin. Ein Beispiel dafür sei, dass die kasachischen Exporteure Spirituosen nur in Spezialfahrzeugen russischer Spediteure auf dem Territorium Russlands transportieren dürften.

Die Eurasische Wirtschaftsunion

Auch ein Blick auf den am 29. Mai unterzeichneten Vertrag zur Eurasischen Wirtschaftsunion zeigt, dass zunächst die im Rahmen der Zollunion und des 2012 gegründeten Einheitlichen Wirtschaftsraums gestellten Aufgaben bewältigt werden müssen: Zwei von vier Teilen des Vertrages sind aus den Verträgen über die Zollunion von 2009 und über den Einheitlichen Wirtschaftsraum von 2011 übernommen. Der erste Teil widmet sich der Gründung neuer Organe, die im Grunde eine Umbenennung der bestehenden ist: der Oberste Eurasische Wirtschaftsrat der Staats- und Regierungschefs, ein Rat der stellvertretenden Regierungschefs der drei Mitgliedsländer und das Gericht der Eurasischen Wirtschaftsunion. Die seit 2012 agierende Eurasische Wirtschaftskommission bleibt das wichtigste Exekutivorgan des Zusammenschlusses. Erst im vierten Teil des Vertrages finden sich neue Integrationsschritte – die allerdings in die Zukunft verlegt wurden. Die sensible Frage einer Integration des Öl-, Gas- und Finanzsektors wurde auf das Jahr 2025 verlegt, also in die ferne Zukunft. Bei der Stromwirtschaft wollen die Seiten bis 2019 eine Einigung erzielen. Die einzige zeitnahe Bestimmung betrifft die Abschaffung von gegenseitigen Barrieren im Handel mit Arzneimitteln und medizinischen Geräten – bis zum 1. Juli 2016. Dies betrifft alles den gemeinsamen Markt von Waren. Der im Vertrag über den Einheitlichen Wirtschaftsraum vorgesehene gemeinsame Markt von Dienstleistungen wurde noch nicht angegangen. Auch der gemeinsame Markt für Arbeitskräfte ist nicht so bald zu erwarten. Für die Gastarbeiter aus den GUS-Staaten gibt es in Russland einschränkende Quoten, ihre Aufhebung ist wegen der weit verbreiteten Xenophobie politisch nicht opportun.

Ob die Eurasische Wirtschaftsunion das Wirtschaftswachstum der Mitgliedsstaaten fördert, wird die Zukunft zeigen. Wissenschaftler bezweifeln jedoch, dass der Zusammenschluss dreier Staaten mit ineffizienten wirtschaftlichen Strukturen die Modernisierung vorantreiben und die internationale Wettbewerbsfähigkeit stärken wird. Zwei der Partner, Russland und Kasachstan, weisen eine starke Rohstoffabhängigkeit auf, der Anteil von Öl und Gas am Export dieser Länder beträgt etwa drei Viertel. Wichtiger – aus der Perspektive Russlands – ist die politische Funktion der Union: Das Eurasische Reich soll Russlands Dominanz im postsowjetischen Raum zementieren. Denn die Mitgliedstaaten sind nur auf den ersten Blick gleichberechtigt: Die Räte sind paritätisch besetzt und entscheiden im Konsens. Umgesetzt werden die Beschlüsse von der Kommission, deren Zusammensetzung sich nach dem bisherigen Zollaufkommen richtet. So sind 84 % der mehr als 1.000 Beamten des in Moskau ansässigen Gremiums Russen, Kasachstan stellt zehn Prozent und Belarus sechs Prozent der Mitarbeiter. Obwohl Putin Wert darauf legt, die Eurasische Wirtschaftsunion nicht als Konkurrenzunternehmen zur EU darzustellen und sie als "integralen Bestandteil eines größeren Europa" bezeichnet, steht die EAES de facto im Gegensatz zur EU. Denn die Union verhindert, dass europäische Strukturen und Normen auf den postsowjetischen Raum ausgeweitet werden. Eine Mitgliedschaft in der Zollunion schließt den Freihandel mit der EU aus, so wird verhindert, dass die Adressaten der Östlichen Partnerschaft der EU Assoziierungsabkommen mit "tief greifendem und umfassenden Freihandel" abschließen.

Perspektiven der Eurasischen Union

Dass die JeAES ein wenig demokratisches Gebilde ist, verdeutlicht auch die Tatsache, dass zwei Staaten nicht ganz freiwillig beitraten. Belarus stand 2010/2011 kurz vor dem Staatsbankrott, als es der Zollunion beitrat und auch die zweite Hälfte des Aktienpakets an dem Gasverteiler Beltransgas an Gazprom verkaufte. Das politische Wohlverhalten belohnte Moskau mit wirtschaftlichen Präferenzen in Form von niedrigen Energiepreisen und Krediten. Ähnlich ging Russland auch bei Armenien vor, das auf die ursprünglich geplante Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU verzichtete und ankündigte, der EAES beizutreten. Hier waren vor allem sicherheitspolitische Argumente ausschlaggebend, denn Russland unterstützt Armenien im Konflikt mit Aserbaidschan um Berg-Karabach. Auch Armenien erhielt einen günstigen Gaspreis und trat den letzten Anteil an dem Pipelinenetz Armrosgas an Gazprom ab. Diese Politik aus wirtschaftlichem Druck und der Nutzung eingefrorener Konflikte wendet Russland auch bei Georgien und der Republik Moldau an, die bislang jedoch dem Druck standhielten. Hier übt Moskau Einfluss über die abtrünnigen Provinzen Abchasien, Südossetien und Transnistrien aus. Zu den wirtschaftlichen Druckmitteln gehören die Energielieferungen und die Importverbote für georgische und moldauische Lebensmittel. Wenig erfolgreich war das Spiel aus wirtschaftlichem und militärischem Druck auch im Fall der Ukraine, allerdings wird die Ukraine möglicherweise für ihren Widerstand den Preis eines weiteren "Transnistriens" im Osten des Landes zahlen müssen. Mit Blick auf die Verhinderung einer EU-Assoziierung war Russland also hinsichtlich Belarus und Armeniens erfolgreich, bei der Ukraine, der Republik Moldau und Georgien nicht. Aserbaidschan als sechstes Land der Östlichen Partnerschaft ist derzeit weder an einer Integration in die EU noch in die Eurasische Wirtschaftsunion interessiert.

Fraglich ist, ob es Russland gelingen wird, die Eurasische Wirtschaftsunion zu einer politischen Union auszubauen. Belarus und Kasachstan haben sich deutlich dagegen ausgesprochen. Auch im Konflikt mit dem Westen wegen der Ukraine geben die drei Mitgliedsländer kein einheitliches Bild ab. Kasachstan hat offiziell erklärt, sich an dem Embargo für westliche Lebensmittel nicht zu beteiligen. Belarus nutzt die Situation für eigene Geschäfte. Zum einen hat die belarussische Regierung Vereinbarungen mit Russland über die Lieferung von Milch, Fleisch, Zucker und anderen Lebensmitteln aus belarussischer Produktion abgeschlossen. Belarus re-exportiert aber auch Lebensmittel aus EU-Staaten. So hat sich beispielsweise der Import von Lachs nach Belarus seit der Einführung des russischen Embargos verdreifacht, wie die norwegische Firma Fjordlaks mitteilte. Dort erhält der Lachs einen neuen Zollcode und ist damit nicht mehr dem Embargo unterworfen. Die belarussische Firma SP Santa Bremor liefere den norwegischen Fisch weiter nach Russland, berichtete die russische Zeitung RBK-Daily. In Kasachstan ist man über eine Äußerung Putins verärgert, der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew habe einen Staat auf einem Territorium geschaffen, auf dem es zuvor nie einen Staat gegeben habe. "Die Kasachen hatten keine Staatlichkeit", sagte Putin laut russischsprachigem Dienst der BBC (2. September 2014; http://www.bbc.co.uk/russian/international/2014/09/140901_kazakhstan_putin). Die Eurasische Wirtschaftsunion nütze den Kasachen wirtschaftlich, um "in den Weiten der großen russischen Welt zu bleiben", so Putin. Dies folgte auf eine Drohung des Rechtspopulisten Wladimir Schirinowskij, Russland müsse erst die Sache mit der Ukraine klären und dann einen näheren Blick auf Kasachstan werfen. Nasarbajew warnte daraufhin im kasachischen Fernsehen, Kasachstan werde aus der Eurasischen Wirtschaftsunion austreten, wenn seine Unabhängigkeit bedroht sei.

Lesetipps zum Thema "Eurasische Integration"

Adomeit, Hannes: Die Eurasische Union: Reintegration des postsowjetischen Raums oder Teil einer Gemeinschaft von Lissabon bis Wladiwostok?, in: Eckart D. Stratenschulte (Hg.): Heilsame Vielfalt? Integrationsstrukturen in Europa, Baden-Baden 2014, S. 229–278.

Atilgan, Canan, Gabriele Baumann, Alexander Brakel et al.: Die Eurasische Union. Ein Integrationsprojekt auf dem Prüfstand (= KAS Auslandsinformationen 2/2014).

Blockmans, Steven; Kostanyan, Hrant; Vorobiov, Ievgen: Towards a Eurasian Economic Union: The challenge of integration and unity, December 2012 (= CEPS Special Report No. 75 / December 2012 Externer Link: http://www.ceps.be/ceps/dld/7544/pdf, 4. Januar 2013), 32 S.

Tsygankov, Andrei P. [Cygankov, Andrej P.]: Moscow’s Soft Power Strategy, in: Current History, 112.2013, S. 259–264.

Dragneva, Rilka; Wolczuk, Kataryna: Russia, the Eurasian Customs Union and the EU: Cooperation, Stagnation or Rivalry?, August 2012 (= Chatham House. Briefing Paper. Russia and Eurasia Programme REP BP 2012/01 http://www.chathamhouse.org/sites/default/files/public/Research/Russia%20and%20Eurasia/0812bpdragneva wolczuk.pdf, 3. August 2012), 16 S.

Dragneva, Rilka; Wolczuk, Kataryna (Hrsg.): Eurasian Economic Integration. Law, Policy, and Politics, Cheltenham / Brookfield: Edward Elgar 2013, 256 S.

Jackson, Nicole J.: Trans-Regional Security Organisations and Statist Multilateralism in Eurasia, in: Europe-Asia Studies, 66.2014, Nr. 2 (07 Feb 2014), S. 181–203.

Kassenova, Nargis: Kazakhstan and Eurasian Economic Integration: Quick Start, Mixed Results and Uncertain Future, Paris: IFRI November 2012 (= Russie NEI Reports no 14 http://www.ifri.org/downloads/ifrikassenova kazandeurasianintegrationengnov2012.pdf, 30. November 2012), 29 S.

Krickovic, Andrej: Imperial nostalgia or prudent geopolitics? Russia’s efforts to reintegrate the post-Soviet space in geopolitical perspective, in: Post-Soviet Affairs, 30.2014.

Popescu, Nicu: Eurasian Union: the real, the imaginary and the likely, Paris: EUISS 9.9. 2014 (= Chaillot Paper No. 132 Externer Link: http://www.iss.europa.eu/uploads/media/CP132.pdf, 9. September 2014), 45 S.

Roberts, Sean; Marin, Anaïs; Moshes, Arkady; Pynnöniemi, Katri: The Eurasian Economic Union: Breaking the pattern of post-Soviet integration?, 11.9. 2014 (= FIIA Analysis No. 3 http://www.fiia.fi/en/publication/439/thee urasianeconomicunion/, 11. September 2014), 20 S.

Sadowski, Rafal: Partnership in times of crisis. Challenges for the Eastern European countries’ integration with Europe, July 2013 (= OSW Point of View, Number 36 http://www.osw.waw.pl/sites/default/files/pw36enpartner shipnet.pdf, 8. August 2013), 53 S.

Saivetz, Carol R.: The ties that bind? Russia’s evolving relations with its neighbors, in: Communist and Post-Communist Studies, 45.2012, Nr. 3–4, S. 401–412.

Satpajew, Dossym: Die Eurasische Wirtschaftsunion als geopolitisches Instrument und Wirtschaftsraum: eine Analyse aus Kasachstan, Juni 2014 (= Friedrich Ebert Stiftung. Perspektive Externer Link: http://library.fes.de/pdf-files/id-moe/10810.pdf, 20. Juni 2014), 7 S.

Shumylo-Tapiola, Olga: Ukraine at the Crossroads: Between the EU DCFTA and Customs Union, Paris: IFRI avril 2012 (= Russie.Nei.Reports, n° 11 Externer Link: http://www.ifri.org/downloads/rnr11shumylotapiolaapril2012.pdf, 8. Mai 2012), 25 S.

Spahn, Susanne: Warum die ostslawische Gemeinschaft der Russen, Belarussen und Ukrainer gescheitert ist, in: Agnieszka Gasior, Lars Karl, Stefan Troebst (Hg.): Post-Panslavismus. Slavizität, Slavische Idee und Antislavismus im 20. und 21. Jahrhundert, Göttingen 2014, S. 258–273.

Starr, S. Frederick; Cornell, Svante E. (Hrsg.): Putin’s Grand Strategy: The Eurasian Union and Its Discontents, Washington, D.C. / Stockholm: Central Asia-Caucasus Institute / Silk Road Studies Program 2014 (=Externer Link: http://www.silkroadstudies.org/new/docs/publications/1409EurasiaUnion.pdf, 17. September 2014), 203 S.

Tolksdorf, Dominik: The EU, Russia and the Eastern Partnership: What Dynamics under the New German Government?, February 2014 (= Note du Cerfa No.109 – Russie.Nei.Visions No.74 http://www.ifri.org/downlo ads/ndc109tolksdorfeng.pdf, 11. Februar 2014), 24 S.

Trenin, D.; Lipman, M.; Malashenko, A.: The end of an era in EU-Russia relations, Moscow: Carnegie Moscow Center May 2013 (=Externer Link: http://carnegieendowment.org/files/newerarussiaeu.pdf), 24 S.

Wisniewska, Iwona: Eurasian integration. Russia’s attempt at the economic unification of the Post-Soviet area, July 2013 (= OSW Studies, Number 44 http://www.osw.waw.pl/sites/default/files/prace44eurasian-integration net.pdf, 8. August 2013), 41 S.

Fussnoten

Dr. phil. Susanne Spahn lebt als freie Journalistin, Historikerin und Politologin in Berlin. Sie ist auf Politik, Wirtschaft und Geschichte Osteuropas spezialisiert. Ihre Dissertation "Staatliche Unabhängigkeit – das Ende der ostslawischen Gemeinschaft? Die Außenpolitik Russlands gegenüber der Ukraine und Belarus seit 1991" ist 2011 in Hamburg erschienen.