Meine Merkliste

Aus russischen Blogs: Nous ne sommes pas Charlie. Debatten zur Meinungsfreiheit

Russland-Analysen Memorial (16.12.2021) Von der Redaktion: Frohes Fest! Dokumentation: Friedensnobelpreisrede von Dmitrij Muratow dekoder: Memorial Dokumentation: Anträge der Staatsanwaltschaften Interview: Irina Scherbakowa Interview: Swetlana Gannuschkina Kommentar: Die Büchse der Pandora Dokumentation: Der Menschenrechtsrat ist besorgt Dokumentation: Kommentar von Wladimir Putin zu Memorial Kommentar: Wendejahre Kommentar: Angriff des Kreml auf Memorial Kommentar: "Der Westen" als Gefahr für Russlands innere Sicherheit Kommentar: Déjà-vu Kommentar: Memorial als geschichtswissenschaftlicher Akteur Kommentar: Ein Refugium der Freiheit wird zerstört Kommentar: Die Instrumente des Europarats Kommentar: Memorial im Nordkaukasus Kommentar: Einsatz für Religions- und Gewissensfreiheit Kommentar: Ist das russische "Ausländische-Agenten"-Gesetz reformierbar? dekoder: Schlag gegen Deutschland Notizen aus Moskau: Memorial und die Hoffnung Dokumentation: Fokus Memorial der Zeitschrift OSTEUROPA Dokumentation: Stellungnahmen zur drohenden Auflösung von Memorial Chronik: Covid-19-Chronik, 16. November – 03. Dezember 2021 Chronik: 15. November – 03. Dezember 2021 Erdgashandel (24.11.2021) Analyse: Der deutsch-russische Erdgashandel. Chronik: Covid-19-Chronik, 01. – 13. November 2021 Chronik: 01. – 12. November 2021 Sozialverantwortung und Klima in der Landwirtschaft (10.11.2021) Analyse: Landwirtschaftliche Betriebe in Russland für unternehmerische Sozialverantwortung Analyse: Wird die russische Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren? Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Oktober 2021 Chronik: 11. – 29. Oktober 2021 Duma- und Regionalwahlen (01.10.2021) Analyse: Die Dumawahlen 2021 und das zunehmend hegemonial-autoritäre Regime in Russland Analyse: Alexej Nawalnyj, "Smart Voting" und die Wahlen zur russischen Staatsduma 2021 Kommentar: Wahlen in der "Protestregion" Chabarowsk in Online- und sozialen Medien dekoder: Die Evolution der Duma Notizen aus Moskau: Wird (all)es nach den Wahlen wieder besser? Chronik: Covid-19-Chronik, 13. – 26. September 2021 Chronik: 13. – 26. September 2021 Wirtschaftliche Schocks (24.06.2021) Analyse: Die Wirtschaft der "Festung Russland" Analyse: Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Corona-Krise  Chronik: Covid-19-Chronik, 03. – 30. Mai 2021 Chronik: 17. Mai – 10. Juni 2021 Arktis (31.07.2021) Editorial: Sommerpause, на дачу Analyse: Arktische Visionen: Die sowjetische Expansion nach Norden Analyse: Russlands Arktis-Strategie bis 2035 – Große Pläne und ihre Grenzen Analyse: Der russische Vorsitz im Arktischen Rat: Prioritäten und Implikationen für den Hohen Norden Russlands Kommentar: Russlands arktischer Balanceakt Dokumentation: Russland und die Arktis: Eine Auswahl aktueller Publikationen Chronik: Covid-19-Chronik, 14. Juni – 17. Juli 2021 Chronik: 16. Juni – 18. Juli 2021 Duma-Wahlen/Repressionen (08.06.2021) Kommentar: Duma-Wahlen 2021 Kommentar: Informationskriege, Oppositionskoordination und die Dumawahl im Jahr 2021 Kommentar: Wird das Putin-Regime überleben? Kommentar: Vorbereitung auf die Parlamentswahlen 2021 Kommentar: Elektronische Stimmabgabe Kommentar: Bedingungen der Wahlbeobachtung Kommentar: Die wirtschaftlichen Folgen autoritärer Politik Kommentar: Michail Mischustin als ambitionierter "Systemadministrator" des Putinismus Kommentar: Bürger:innen und der starke Mann: Erwachen, soziale Klassen und sozialer Niedergang in Russlands Autokratie Kommentar: Fear and Loathing in Russia: Repressionen als Herrschaftsinstrument des Kremls Kommentar: Ausländische-Agenten-Gesetz vor der Duma-Wahl 2021 ausgeweitet Kommentar: Schrumpfende Freiräume für Russlands Medien Kommentar: Russland drosselte Twitter, um Inhalte zu zensieren dekoder: "Hätten wir eine andere Wahl gehabt? Nein." Dokumentation: Repressive Gesetze, die von Wladimir Putin am 30. Dezember 2020 unterzeichnet wurden Dokumentation: April-Chronik der Repressionen: Der Journalist Ilja Asar hat Buch geführt Umfragen: "Haben Sie Angst vor…?" Umfrageergebnisse des Lewada-Zentrums Dokumentation: Hat der Protest einen Anführer? Wie stehen die Protestierenden zu Nawalnyj? Dokumentation: Russische Online-Zeitung Meduza kämpft ums Überleben Dokumentation: Amnesty International: Die Polizei identifiziert friedliche Demonstrierende mit Gesichtserkennungstechnologie Dokumentation: Human Rights Watch: Der Fall des Menschenrechtsanwalts Iwan Pawlow und neue repressive Gesetze Dokumentation: Stellungnahmen zum Beschluss der russischen Generalstaatsanwaltschaft, deutsche Nichtregierungsorganisationen als in Russland unerwünschte Organisationen zu erklären Chronik: 3. – 14. Mai 2021 Atomenergie / Die Botschaft des Präsidenten (14.05.2021) Analyse: Zum 35. Jahrestag von Tschernobyl Analyse: Russische Reaktoren und russischer Atommüll Analyse: Putins Botschaft an die Föderalversammlung dekoder: Warum Putin dem Volk nichts mehr zu sagen hat Chronik: Covid-19-Chronik, 12. April – 02. Mai 2021 Chronik: 13. April – 01. Mai 2021 60 Jahre Gagarin: Raumfahrt / Das russische Strafvollzugssystem (19.04.2021) dekoder: Juri Gagarin dekoder: Raumfahrtprogramm der UdSSR Analyse: Russland im Weltraum: Die 2020er Jahre Analyse: Russlands internationale Raumfahrtstrategie Analyse: Das Strafvollzugssystem der Russischen Föderation Chronik: Covid-19-Chronik, 15. März – 11. April 2021 Chronik: 17. März – 09. April 2021 Übersterblichkeit (27.03.2021) Analyse: Die Übersterblichkeit macht den wahren Opferzoll deutlich Analyse: Russlands Geografie und die Ausbreitung von Covid-19 Analyse: Die Pandemie in Russlands Föderationssubjekten: Gründe für die unterschiedliche Mortalität dekoder: "Die russische Propaganda hat sich selbst besiegt" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. März 2021 Chronik: 1. – 10. März 2021 Stadtentwicklung/Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen (09.03.2021) Analyse: Ausdehnung des Moskauer Wohnraumsanierungsprogramms Analyse: Urbaner Aktivismus in Russland dekoder: Das Moskau-Experiment Dokumentation: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Chronik: Covid-19-Chronik, 15. – 28. Februar 2021 Chronik: 16. – 27. Februar 2021 Digitale Diplomatie (19.02.2021) Analyse: Russlands digitale Diplomatie Analyse: Mittel und Zweck von Public Diplomacy Kommentar: Zusammenarbeit chinesischer und russischer Medien dekoder: "Schau mich gefälligst an!" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. Februar 2021 Chronik: 1. – 14. Februar 2021 Söldner im Dienst von Russland / Elite-Ranking 2020 / Proteste nach Nawalnyjs Rückkehr (08.02.2021) Söldner im Dienst autoritärer Staaten Analyse: Russische PMCs im Nahen Osten und Afrika Kommentar: Die "Wagner-Affäre" in Belarus und ihre Folgen Kommentar: Geopolitik, Waffen, Erdöl: Was Russlands Präsenz in Venezuela bedingt Karte: Söldner im Dienst von Russland Ranking: Das Elite-Ranking der "Nesawisimaja gaseta" Ranking: Die politische Elite im Jahre 2020: Regierungswechsel, Covid-19-Pandemie und Verfassungsreform dekoder: Russlandweite Proteste – wie nervös macht Nawalny den Kreml? dekoder: Nawalnys Schlusswort: "Einen einsperren, um Millionen einzuschüchtern" Notizen aus Moskau: Von 2011 zu 2021. Zehn Jahre danach. Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Januar 2021 Chronik: 11. – 31. Januar 2021 Visadialog zwischen der EU und Russland (21.01.2021) Analyse: Die Visumpflicht in den EU-Russland Beziehungen Analyse: Perspektiven des Visa-Dialogs zwischen der EU und Russland Kommentar: Visafreiheit für russische Jugendliche Kommentar: Illegale Passportisierungspolitik im Donbas Kommentar: Mit Visafreiheit Brücken in Krisenzeiten schlagen dekoder: Arbeitsmigration in Russland Chronik: Covid-19-Chronik, 30. November 2020 – 10. Januar 2021 Chronik: 3. Dezember 2020 – 9. Januar 2021 Die deutsch-russischen Beziehungen nach den Wahlen (15.10.2021) Analyse: Die Bundestagswahl und die deutsch-russischen Beziehungen Analyse: Chancen für eine neue Russlandpolitik nach der Bundestagswahl Kommentar: Die deutsche Russlandpolitik und das russische Gesetz über "ausländische Agenten" Dokumentation: Ausgewählte Publikationen über die deutsch-russischen Beziehungen Dokumentation: Vorschläge und Empfehlungen zu den EU-Russland-Beziehungen dekoder: Novaya Gazeta dekoder: Muratows Krawatte und der Friedensnobelpreis Chronik: Covid-19-Chronik, 27. September – 09. Oktober 2021 Chronik: 28. September – 08. Oktober 2021 30 Jahre Zerfall der Sowjetunion – Generationen (20.09.2021) Kommentar: Nur ein Menschenleben lang Kommentar: Staatenlosigkeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR Kommentar: Der Generationenaspekt beim Zusammenbruch der Sowjetunion Kommentar: Dreißig Jahre Transformation des russischen Hochschulwesens Kommentar: Die Jugend und die Generationen im postsowjetischen Russland: Kommentar: Unternehmerinnen in Russland Notizen aus Moskau: 30 Jahre umsonst? dekoder: Das Licht einer enttäuschten Hoffnung dekoder: Misstrauen auf allen Ebenen Chronik: Covid-19-Chronik, 02. August – 12. September 2021 Chronik: 05. – 12. September 2021 Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Von der Redaktion: Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Kommentar: Die Minsker Vereinbarungen als Chance? Kommentar: (Keine neuen) Erkenntnisse gewonnen Kommentar: Alles auf Status. Russlands riskantes Kriegsspiel mit (in) Europa Kommentar: Russlands Motive Kommentar: Die Gründe für Russlands Vorschläge Kommentar: Würde Putin vom eigenen Volk für eine Invasion in die Ukraine abgestraft werden? Kommentar: Kriegsoptimismus im Russland-Ukraine-Konflikt: Grund zum Pessimismus? Kommentar: Desinformation: ein hoch aktuelles Konzept aus dem letzten Jahrhundert Kommentar: Die Russland-Ukraine Krise: Wo steht Deutschland? Kommentar: Russlands Passportisierung des Donbas: Von einer eingeschränkten zu einer vollwertigen Staatsbürgerschaft? Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Aus russischen Blogs: Nous ne sommes pas Charlie. Debatten zur Meinungsfreiheit

Sergey Medvedev

/ 7 Minuten zu lesen

Der Terroranschlag auf die Redaktion der Satire-Magazins Charlie Hebdo hat Frankreich und die ganze Welt erschüttert. Wie die meisten Staaten hat das offizielle Moskau den islamistischen Terror zwar verurteilt. Der Vorsitzende der Staatsduma Sergej Naryschkin hat aber neben den unmittelbaren Tätern auch die europäischen Politiker für verantwortlich erklärt.

Ein Stapel der ersten Ausgabe von Charlie Hebdo nach dem Anschlag von Paris. (© picture-alliance/dpa)

Der Terroranschlag auf die Redaktion der Satire-Magazins Charlie Hebdo hat Frankreich und die ganze Welt erschüttert. Wie die meisten Staaten hat das offizielle Moskau den islamistischen Terror zwar verurteilt. Der Vorsitzende der Staatsduma Sergej Naryschkin hat aber neben den unmittelbaren Tätern auch die europäischen Politiker für verantwortlich erklärt, deren Politik konsequent Hass aufgrund sprachlicher, nationaler und religiöser Merkmale [das ist dem Volksverhetzungsparagraphen des russischen Strafgesetzbuches entlehnt; d. Red.] schüre und die Täter provoziert habe. Angesichts der riesigen Resonanz auf die Ereignisse in Frankreich hat das russische Meinungsforschungsinstitut "WZIOM" eine Umfrage durchgeführt und unter anderem festgestellt, dass 48 % der Befragten die Menschen, die die Redaktion überfallen haben, "nicht verstehen und nicht gutheißen", 39 % [den Anschlag] "nicht gutheißen aber die Motive dieser Menschen verstehen" und 5 % es "verstehen und die Taten dieser Menschen gutheißen". Die kremlnahen Experten sahen in dem Anschlag eine Niederlage der Politik des Multikulturalismus und des europäischen Models und verweisen vor allem auf die Gefahr unbegrenzter Meinungsfreiheit.

Die Medienaufsichtsbehörde "Roskomnadsor" verbot die Veröffentlichung jeglicher Karikaturen von Mohammed und zu religiösen Themen in der russischen Presse. Tabu sind auch Fotos der ersten nach dem Terroranschlag erschienenen Ausgabe von Charlie Hebdo. Daraufhin wurden sechs Medien, darunter die große Medienholding "RBC", von "Roskomnadsor" verwarnt und dazu verpflichtet, diese Bilder unverzüglich zu löschen. Auch alle Solidaritätskundgebungen waren de facto untersagt, nachdem zwei Aktivisten mit dem Plakat "Je suis Charlie" während individueller Mahnwachen in der Nähe vom Roten Platz festgenommen, auf eine Polizeiwache gebracht und zu hohen Geldbußen verurteilt wurden. Das Oberhaupt Tschetscheniens, Ramsan Kadyrow, hingegen organisierte in Grosnyj eine Großdemonstration mit Hunderttausenden Teilnehmern. Parole der Kundgebung war die Verurteilung der Karikaturen des Propheten Mohammed und Protest gegen die Beleidigung religiöser Gefühle von Muslimen. Kurz davor hatte Kadyrow in mehreren Instagram-Beiträgen Äußerungen von Michail Chodorkowskij kritisiert, der für einen Nachdruck der Karikaturen in russischen Medien plädiert hatte, sowie Alexej Wenediktow, den Chefredakteur des Radiosenders "Echo Moskwy", der eine Umfrage dazu durchgeführt hatte, ob man in Russland Karikaturen zu religiösen Themen veröffentlichen dürfe. Schließlich erklärte der tschetschenische Herrscher beide "Liberalen" zu Feinden der Muslime.

Die Pariser Tragödie hat heftige Debatten über die Grenzen der Meinungs- und Pressefreiheit ausgelöst. Auf die Äußerungen von Kadyrow antwortete unter anderem die Fernsehmoderatorin Ksenija Sobtschak; die Strafanzeige von Abgeordneten der Staatsduma wegen des Aufrufs von Chodorkowskij kommentierte der namhafte Rechtsanwalt Genri Resnik; der Chef des Russischen Eisenbahnkonzerns Wladimir Jakunin nahm in seinem Blog Stellung zu Politik und Meinungsfreiheit im Westen.

Kadyrow: Wenediktow hat "Echo Moskwy" zum führenden antiislamischen Sprachrohr gemacht

"Täglich passieren in der modernen Welt Tragödien. Meistens werden sie durch dumme Taten bestimmter Kräfte oder Personen provoziert. Die sogenannten Liberalen haben unterschiedliche Begriffe und Termini ausgedacht, die ihnen das Recht geben, unter dem Deckmantel der Redefreiheit das Böse zu erzeugen. Nach den Pariser Ereignissen sind unsere Liberalen eifrig bemüht, ihren westlichen Patronen einen Gefallen zu tun. So führt der Chef des Radiosenders "Echo Moskwy" Alexej Wenediktow eine Umfrage zum Thema durch, ob man Karikaturen des Propheten Mohammed (sas) [Abkürzung für die arabische Eulogie "Gott segne ihn und schenke ihm Heil!", die von Muslimen nach dem Namen des Propheten verwendet wird, Anm. d. Red.] zeichnen soll. Allein die Frage ist eine Provokation. Das ist das Bestreben, die Muslime Russlands und der ganzen Welt zu beleidigen, Feindschaften zwischen den Völkern hervorzurufen, Chaos und Unruhen zu säen. Wenn jemand die Gelegenheit benutzt, "Echo" eine Lehre zu erteilen, würde es sofort den Muslimen zugeschrieben werden. Die Muslime Russlands sehen schon seit langem, dass Wenediktow "Echo Moskwy" zum führenden antiislamischen Sprachrohr gemacht hat. Davon kann man sich vergewissern, wenn man das Material eines beliebigen Tages hört oder liest. Auf dieses Thema ist eine ganze Mannschaft von Autoren spezialisiert, die durch nichts mit Russland verbunden sind. Wenediktow hat weder familiäre noch religiöse Werte. Das gibt ihm aber kein Recht, Dutzende Millionen Muslime endlos in den Schmutz zu ziehen und zu beleidigen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Staatsgewalt den Sender, der Feindschaft und Hass zwischen den Menschen und Völkern schürt, zur Ordnung rufen muss. Sonst werden sich diejenigen finden, die Wenediktow zur Verantwortung ziehen. Russland hat heute viele Probleme, zu deren Bewältigung mehr denn je Einheit und Geschlossenheit der Völker vonnöten sind. Die Wenediktows brauchen aber Wirren, brauchen einen jeden Funken, um das Volk auf die Straßen zu treiben. Wir hoffen, dass diese Versuche nicht ohne Beachtung und Nachfrage durch die Staatsorgane bleiben. Sonst werden die Muslime Russlands, denen das Schicksal ihres Vaterlandes nicht gleichgültig ist, die Rüpeleien von Wenediktow und Co. nicht ewig dulden."
Ramsan Kadyrow via Instagram, 9.01.2015 Externer Link: http://instagram.com/p/xos2OpiRri

Ksenija Sobtschak: Satire ist keine Straftat!

"Die Staatsgewalt muss den Radiosender zur Ordnung rufen", schreibt Kadyrow. Worin besteht die Verletzung der Ordnung? Gegen welchen Paragraphen des Strafgesetzbuches Russlands hat Wenediktow verstoßen? "Wenediktow hat keinerlei religiöse und familiäre Werte" – Ramsan Achmatowitsch, vielleicht sind das schlicht ANDERE Werte? Nicht bessere und nicht schlechtere als Ihre? Ich zum Beispiel habe die Nase fürchterlich voll von diesen "verletzbaren" Gläubigen und ihren Gefühlen! Ich habe auch antireligiöse Gefühle, die Sie ständig beleidigen; und ich dulde es! Deswegen heißt die einzige friedliche Lösung für uns alle: sich vom GESETZ leiten zu lassen. Glauben Sie an wen Sie wollen, von mir aus auch an einen heiligen Kater, aber bloß keine Aggression, keine ständigen "beleidigten Gefühle". Allein ein allgemeines SÄKULARES Gesetz für alle. Kein eigenmächtiges Handeln, vorgerichtliche Abrechnungen usw. Oder – machen Sie Lobbyarbeit, ändern Sie Gesetze (vielleicht sollte man es bei der Terrorismusbekämpfung tun, ich weiß es nicht). ABER: Das Gesetz steht höher als die Gerechtigkeit, höher als jegliche Gefühle. Laut Gesetz ist Satire, Verspottung KEINE Straftat! […]
Ksenija Sobtschak via Instagram, 9.01.2015 Externer Link: http://instagram.com/p/xo5h4MiCF4/

Genri Resnik: Wir leben, wenn nicht direkt im Irrenhaus, dann zumindest in der Aufnahme

"In den Äußerungen von Chodorkowskij konnte ich keine Erregung von Hass und Feindschaft feststellen. Michail Borisowitsch [Chodorkowskij] hat mit seinem schmissigen Statement seine Verbundenheit zu den Werten der westlichen Gesellschaft erklärt. Mit "Westen" meine ich nicht den geographischen, sondern den sozialen Begriff. Chodorkowskij spricht davon, dass man einer Erpressung gegenüber auf keinem Fall nachgeben darf. […] Ich glaube nicht, dass sie sich die Einleitung eines Strafverfahrens erhoffen. Die Reaktion der Abgeordneten ist politisch. Für sie ist es ein Anlass, ihre Einstellungen kund zu tun.

Überhaupt wird bei der Bewertung der Ereignisse in Frankreich nicht öffentlich gesagt: "selbst Schuld", doch ist das Wort "aber" präsent und wird zur Verurteilung der Werten von Demokratie und Freiheit eingesetzt. Man darf ja nicht offen sagen: "Mord ist gut". Deswegen sagt man: "Mord ist schlecht, aber…" […]

Wir leben, wenn nicht direkt im Irrenhaus, dann zumindest in der Aufnahme, und man wundert sich schon über gar nichts mehr."
Genri Resnik via Otkrytaja Rossija, 10.01.2015; Externer Link: https://openrussia.org/post/view/2000/

Wladimir Jakunin: Welche Wahrheit liefern die Mohammed-Karikaturen?

"[…] Meiner Meinung nach ist der Mord an den Karikaturisten der Zeitschrift Charlie Hebdo nichts anderes als politischer Terror, solche Sachen sind durch nichts zu rechtfertigen – weder durch besondere Umstände noch durch Provokationen.

Dabei halte ich als Politologe (das ist meine Spezialisierung) die französische Tragödie leider für eine unausweichliche Fortsetzung der Weltentwicklung. Damit meine ich die Politik der Globalisierung, die der modernen Gesellschaft von der Finanzoligarchie, vor allem aus den USA aufgenötigt wird. Die europäischen Länder sind ebenfalls daran beteiligt, wobei das Experiment sich gegen diese wendet. Die Ausgangshaltung bestand darin, einerseits das Vorgehen in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Medien auf eine verringerte Souveränität aller Länder zu richten, einschließlich derjenigen in Europa, und anderseits alle Zivilisationsgemeinschaften über einen Kamm zu scheren. Die dabei betriebene Ideologie des Multikulturalismus hat die Tatsache ignoriert, dass sich die zivilisatorischen Besonderheiten nicht ohne weiteres unifizieren lassen, selbst beim Einsatz des modernsten Manipulations-Knowhow. […]

Die wichtigsten Schlussfolgerungen laufen darauf hinaus, dass die zukünftige Weltarchitektur auf einer Anerkennung zivilisatorischer Vielfalt basieren muss, und auf der Notwendigkeit eines Dialogs der verschiedenen Zivilisationen und Kulturen, wo die Gleichberechtigung aller Subjekte einer solchen Zusammenarbeit gegeben ist. […]

Der zweite Aspekt, der im Zusammenhang mit dem Terroranschlag in Paris intensiv diskutiert wird, sind die Grenzen des Erlaubten bei der Meinungsfreiheit. Die Reaktionen und Schlussfolgerungen, die zu hören sind, unter anderem aus dem Munde westlicher Politiker, sind meines Erachtens den modernen Herausforderungen, die Europa zu bewältigen hat, nicht angemessen. Einerseits wird der Wert der Meinungsfreiheit bedingungslos verteidigt; die wird in den westlichen Demokratien eindeutig interpretiert: keinerlei Zensur oder Selbstzensur verteidigt, also: "ich sage, was ich will". Andererseits gibt es das Postulat, dass die Freiheit dort ihre Grenzen hat, wo die Freiheit des Anderen beginnt. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Ist eine Veröffentlichung heftiger Satire zu religiösen Themen ein Ausdruck der Meinungsfreiheit oder aber eine Provokation, die zu Konflikten innerhalb der europäischen Gemeinschaft führt? Mir scheint, wenn eine solche Publikation die religiösen Gefühle eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung verletzt, weshalb wird das dann getan? Wozu die Menschen provozieren, die man zu sich reingelassen hat? […] Welche Wahrheit liefern die Mohammed-Karikaturen?

In einer säkularen Gesellschaft ist es grundsätzlich erlaubt, sich über die Schwächen und Makel von Religion und Glauben lustig zu machen, doch ist dieses Thema recht delikat und heikel. Wenn die westlichen Liberalen die Diskussion aus der Position "wir verteidigen die Meinungsfreiheit" führen, sollte man möglicherweise auch an eine Verteidigung der Rechte Anderer erinnern, die sich im eigenen Hause beleidigt fühlen. Es ist klar, dass solche Fragen auf der Ebene staatlicher Innenpolitik reguliert werden müssen, auf der Ebene der Traditionen und Kanone, die sich in der Gesellschaft formieren. […]"
Wladimir Jakunin via Livejournal, 15. Januar 2015 Externer Link: http://v-yakunin.livejournal.com/94678.html

Ausgewählt und zusammengefasst von Sergey Medvedev, Berlin
(Die Blogs, auf die verwiesen wird, sind in russischer Sprache verfasst)

Fussnoten