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dekoder: Großmacht im Abseits

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dekoder: Großmacht im Abseits

Lilija Schewzowa

/ 5 Minuten zu lesen

Die Politikwissenschaftlerin Lilija Schewzowa nimmt in ihrem Beitrag die Beziehung der westlichen Welt zu Russland in den Blick. Verliert die Weltgemeinschaft das Interesse an den Russen? Was hat es mit der scheinbaren Gleichgültigkeit gegenüber Russland auf sich? Oder erlebt Russland als Garant für Stabilität und Sicherheit ein Comeback?

Der russische Präsident Wladimir Putin und der französische Präsident Emmanuel Macron während eines Gesprächs im August 2019 in Frankreich. (© picture alliance/Sergey Guneev/Sputnik/dpa)

Der folgende Beitrag erschien ursprünglich am 4. November 2019 in The New Times und wurde von dekoder ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht.

Einleitung von dekoder

Unerwartete Schützenhilfe für den Kreml: In einem Interview mit dem Economist hat Emmanuel Macron Anfang November 2019 die NATO für "hirntot" erklärt. Auch mit seiner Charmeoffensive gegenüber Moskau sorgt der französische Präsident derzeit für Unmut unter vielen seiner europäischen Kollegen. So warnte der scheidende Präsident des Europäischen Rates Donald Tusk seinen "lieben Freund" Emmanuel: "Unser harter und konsequenter Kurs gegenüber Russland war der erste klare und unmissverständliche Ausdruck unserer Souveränität. Wir müssen dies weiterverfolgen."

Es ist jedenfalls nicht nur das Interview von Macron, sondern vor allem auch Russlands Eingreifen in den Syrien-Krieg, das dem Kreml auf der internationalen Bühne derzeit wieder mehr Gewicht zu verleihen scheint. Manche russischen Analysten gehen vor diesem Hintergrund bereits so weit, Russland eine Schlüsselrolle in der globalen Sicherheitsarchitektur zuzuschreiben. Die Politikwissenschaftlerin Lilija Schewzowa nimmt all dies zum Anlass, um in The New Times zu fragen, um welche Art von Comeback es sich dabei überhaupt handelt.

Russland hat sich erneut den Weg auf die Vorbühne der globalisierten Welt gebahnt. Hat sich mit Erdogan Syrien geteilt. Hat Kiew dazu gebracht, den Friedensbedingungen des Kreml zuzustimmen. Afrika wurde Putin frei Haus nach Sotschi geliefert. Doch das Wichtigste: Europa, repräsentiert von Macron, empfängt uns mit offenen Armen.

"Russland wird ein Garant für Stabilität", so die Heerscharen aus dem Kreml

Ist es etwa kein Grund zum Jubel, wenn die russische Regierung durch Großmachtgebahren ihre Selbstbestätigung findet?! Andere Wege gibt es ja nicht mehr. Die begeisterte Heerschar aus dem Kreml hat laut aufgejault: "Russland wird ein fundamentaler Garant für Stabilität und Sicherheit in der Welt."

Doch warum hat dann der US-amerikanische Außenminister Mike Pompeo in seiner programmatischen Rede in New York (anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Herman Kahn Award), als er von den Prioritäten in der US-amerikanischen Außenpolitik sprach, Russland kein einziges Mal erwähnt – weder als Dialogpartner noch als Gefahr? Nur über China hat Pompeo gesprochen.

Übrigens sieht auch der Rest der Welt nicht ganz ein, wieso es so wichtig sein soll, dass Russland wieder als Garant positiver Werte auftritt. Vielmehr wirken die russischen Erfolge wie dräuender Ärger. Sogar kremlfreundliche Beobachter geben das zu: "Russland hat einige prominente Gipfel in der internationalen Politik eingenommen und wird nun darum ringen, sie zu halten, besser gesagt: Es wird in einem Knäuel äußerst komplizierter Konstellationen versumpfen. Und es wird bereuen, sich darin verstrickt zu haben."

Russland als Verkörperung des Fremden und Gefährlichen

Und in der Tat: Sich im Nahen Osten – von wo die Amerikaner Reißaus nehmen – in den Blutbrei einzumischen, das spricht eher für Torheit denn für strategische Kalkulation.

Und was bedeutet bitte die Bereitschaft Selenskyjs, die russische Interpretation der Steinmeier-Formel anzunehmen? Die bittere Ironie besteht darin, dass Selenskyj zur sicheren Beute seines eigenen Maidans wird, wenn er das riskiert. Und die offenen Arme des schönen Macron? Auch nicht sehr vielversprechend: Der französische Präsident versucht, Moskau zu benutzen, um die Führungsrolle auf dem verwaisten Feld der Europapolitik einzunehmen. Womit er übrigens den Deutschen und dem restlichen Europa auf die Nerven geht. Und was bekommt Russland dafür, wenn es erstmal Sprungbrett für Macron geworden ist?

Kann man überhaupt darauf hoffen, dass Russland den Dialog mit dem Westen wieder aufnimmt, wenn es für den Westen zu einer Verkörperung des Fremden und Gefährlichen geworden ist?

[…] Wie kann man vor diesem Hintergrund zu dem Schluss kommen, dass Russland eine Schlüsselrolle für die globale Sicherheit und Stabilität einnimmt?

Inzwischen verliert die Weltgemeinschaft das Interesse an Russland

Inzwischen verliert die Weltgemeinschaft das Interesse an Russland. Die, die über Russland schreiben, quälen sich im Bemühen, die Aufmerksamkeit an ihrem Thema zu halten. Selbst Putin regt die Fantasien nicht mehr an.

Russlandexperten rackern sich ab, um die Bedeutung Russlands (und damit gleichzeitig ihre eigene) zu steigern. Während es früher Mode war, die Integration Russlands in die westliche Welt zu beweisen, so heißt es nun, seine Gefahr für die Welt zu begründen. Ende der Themenliste. Die ewige Leier der russischen Forderungen und das endlose russische Gejammer zum Thema "Wo bleibt denn da der Respekt!" geht allen gehörig auf den Geist.

Erniedrigend ist nicht, dass man uns nicht mehr respektiert und uns nicht glaubt.

Erniedrigend ist, dass man uns für einen hoffnungslosen Fall hält. Erniedrigend ist, dass die Welt unserer müde ist.

Es gibt nicht mal mehr gesteigertes Interesse daran, sich mit uns auseinanderzusetzen. Eher im Gegenteil. Die westlichen Pragmatiker sagen: Die Russen kann man nicht ändern, doch es lohnt nicht, sich mit ihnen zu streiten. Wir tun einfach so, als würden sie uns interessieren, besprechen Pläne, die nie umgesetzt werden. Einfach, damit sie uns nicht ans Bein pinkeln.

Die angewiderte Gleichgültigkeit ist das Erniedrigendste für den russischen Stolz

Das Erniedrigendste für den russischen Stolz ist die angewiderte Gleichgültigkeit und dass man uns behandelt wie einen verdammten Anachronismus.

Übrigens kann Russland den Westen sehr wohl beeinflussen. Wie? Indem es versucht, das eine oder andere westliche Staatsoberhaupt mit seiner Freundschaft zu beglücken. Wenn die liberale Welt Russland als genuin Böses betrachtet, ist das ein verlässliches politisches Mordinstrument. Ein erneutes Gipfeltreffen zwischen Putin und Trump könnte für Letzteren durchaus zum Anlass für ein Impeachment werden.

Insofern: Wir können uns rächen. Rächen für die Nicht-Liebe, die Nicht-Wertschätzung, für die Gleichgültigkeit. Doch inwiefern wird diese Rache ein gerechter Preis sein für das verlorene Interesse an uns?

Übersetzung aus dem Russischen (gekürzt): dekoder-Redaktion

Das russischsprachige Original des vorliegenden Beitrags ist online verfügbar unter Externer Link: https://newtimes.ru/articles/detail/187234/, die Übersetzung ins Deutsche durch dekoder unter Externer Link: https://www.dekoder.org/de/article/aussenbeziehungen-stabilitaet-macron-schewzowa.

Die Redaktion der Russland-Analysen freut sich, dekoder.org als langfristigen Partner gewonnen zu haben. Auf diesem Wege möchten wir helfen, die Zukunft eines wichtigen Projektes zu sichern und dem russischen Qualitätsjournalismus eine breitere Leserschaft zu ermöglichen. Wir danken unserem Partner dekoder, The New Times und Lilija Schewzowa für die Erlaubnis zum Nachdruck.

Die Redaktion der Russland-Analysen

Fussnoten

Lilija Schewzowa (geb. 1949) gehört zu den bekanntesten russischen Politikwissenschaftlerinnen. Sie ist unter anderem Mitarbeiterin der Russischen Akademie der Wissenschaften und assoziierte Forscherin in der britischen Denkfabrik Chatham House – The Royal Institute of International Affairs sowie in der US-amerikanischen Denkfabrik Brookings Institution. Zu Schewzowas wissenschaftlichen Schwerpunkten gehören neueste Geschichte und politische Transformationsprozesse in Russland.