Meine Merkliste

Kommentar: Der Mord an Boris Nemzow hat Russland erschüttert

Russland-Analysen Memorial (16.12.2021) Von der Redaktion: Frohes Fest! Dokumentation: Friedensnobelpreisrede von Dmitrij Muratow dekoder: Memorial Dokumentation: Anträge der Staatsanwaltschaften Interview: Irina Scherbakowa Interview: Swetlana Gannuschkina Kommentar: Die Büchse der Pandora Dokumentation: Der Menschenrechtsrat ist besorgt Dokumentation: Kommentar von Wladimir Putin zu Memorial Kommentar: Wendejahre Kommentar: Angriff des Kreml auf Memorial Kommentar: "Der Westen" als Gefahr für Russlands innere Sicherheit Kommentar: Déjà-vu Kommentar: Memorial als geschichtswissenschaftlicher Akteur Kommentar: Ein Refugium der Freiheit wird zerstört Kommentar: Die Instrumente des Europarats Kommentar: Memorial im Nordkaukasus Kommentar: Einsatz für Religions- und Gewissensfreiheit Kommentar: Ist das russische "Ausländische-Agenten"-Gesetz reformierbar? dekoder: Schlag gegen Deutschland Notizen aus Moskau: Memorial und die Hoffnung Dokumentation: Fokus Memorial der Zeitschrift OSTEUROPA Dokumentation: Stellungnahmen zur drohenden Auflösung von Memorial Chronik: Covid-19-Chronik, 16. November – 03. Dezember 2021 Chronik: 15. November – 03. Dezember 2021 Erdgashandel (24.11.2021) Analyse: Der deutsch-russische Erdgashandel. Chronik: Covid-19-Chronik, 01. – 13. November 2021 Chronik: 01. – 12. November 2021 Sozialverantwortung und Klima in der Landwirtschaft (10.11.2021) Analyse: Landwirtschaftliche Betriebe in Russland für unternehmerische Sozialverantwortung Analyse: Wird die russische Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren? Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Oktober 2021 Chronik: 11. – 29. Oktober 2021 Duma- und Regionalwahlen (01.10.2021) Analyse: Die Dumawahlen 2021 und das zunehmend hegemonial-autoritäre Regime in Russland Analyse: Alexej Nawalnyj, "Smart Voting" und die Wahlen zur russischen Staatsduma 2021 Kommentar: Wahlen in der "Protestregion" Chabarowsk in Online- und sozialen Medien dekoder: Die Evolution der Duma Notizen aus Moskau: Wird (all)es nach den Wahlen wieder besser? Chronik: Covid-19-Chronik, 13. – 26. September 2021 Chronik: 13. – 26. September 2021 Wirtschaftliche Schocks (24.06.2021) Analyse: Die Wirtschaft der "Festung Russland" Analyse: Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Corona-Krise  Chronik: Covid-19-Chronik, 03. – 30. Mai 2021 Chronik: 17. Mai – 10. Juni 2021 Arktis (31.07.2021) Editorial: Sommerpause, на дачу Analyse: Arktische Visionen: Die sowjetische Expansion nach Norden Analyse: Russlands Arktis-Strategie bis 2035 – Große Pläne und ihre Grenzen Analyse: Der russische Vorsitz im Arktischen Rat: Prioritäten und Implikationen für den Hohen Norden Russlands Kommentar: Russlands arktischer Balanceakt Dokumentation: Russland und die Arktis: Eine Auswahl aktueller Publikationen Chronik: Covid-19-Chronik, 14. Juni – 17. Juli 2021 Chronik: 16. Juni – 18. Juli 2021 Duma-Wahlen/Repressionen (08.06.2021) Kommentar: Duma-Wahlen 2021 Kommentar: Informationskriege, Oppositionskoordination und die Dumawahl im Jahr 2021 Kommentar: Wird das Putin-Regime überleben? Kommentar: Vorbereitung auf die Parlamentswahlen 2021 Kommentar: Elektronische Stimmabgabe Kommentar: Bedingungen der Wahlbeobachtung Kommentar: Die wirtschaftlichen Folgen autoritärer Politik Kommentar: Michail Mischustin als ambitionierter "Systemadministrator" des Putinismus Kommentar: Bürger:innen und der starke Mann: Erwachen, soziale Klassen und sozialer Niedergang in Russlands Autokratie Kommentar: Fear and Loathing in Russia: Repressionen als Herrschaftsinstrument des Kremls Kommentar: Ausländische-Agenten-Gesetz vor der Duma-Wahl 2021 ausgeweitet Kommentar: Schrumpfende Freiräume für Russlands Medien Kommentar: Russland drosselte Twitter, um Inhalte zu zensieren dekoder: "Hätten wir eine andere Wahl gehabt? Nein." Dokumentation: Repressive Gesetze, die von Wladimir Putin am 30. Dezember 2020 unterzeichnet wurden Dokumentation: April-Chronik der Repressionen: Der Journalist Ilja Asar hat Buch geführt Umfragen: "Haben Sie Angst vor…?" Umfrageergebnisse des Lewada-Zentrums Dokumentation: Hat der Protest einen Anführer? Wie stehen die Protestierenden zu Nawalnyj? Dokumentation: Russische Online-Zeitung Meduza kämpft ums Überleben Dokumentation: Amnesty International: Die Polizei identifiziert friedliche Demonstrierende mit Gesichtserkennungstechnologie Dokumentation: Human Rights Watch: Der Fall des Menschenrechtsanwalts Iwan Pawlow und neue repressive Gesetze Dokumentation: Stellungnahmen zum Beschluss der russischen Generalstaatsanwaltschaft, deutsche Nichtregierungsorganisationen als in Russland unerwünschte Organisationen zu erklären Chronik: 3. – 14. Mai 2021 Atomenergie / Die Botschaft des Präsidenten (14.05.2021) Analyse: Zum 35. Jahrestag von Tschernobyl Analyse: Russische Reaktoren und russischer Atommüll Analyse: Putins Botschaft an die Föderalversammlung dekoder: Warum Putin dem Volk nichts mehr zu sagen hat Chronik: Covid-19-Chronik, 12. April – 02. Mai 2021 Chronik: 13. April – 01. Mai 2021 60 Jahre Gagarin: Raumfahrt / Das russische Strafvollzugssystem (19.04.2021) dekoder: Juri Gagarin dekoder: Raumfahrtprogramm der UdSSR Analyse: Russland im Weltraum: Die 2020er Jahre Analyse: Russlands internationale Raumfahrtstrategie Analyse: Das Strafvollzugssystem der Russischen Föderation Chronik: Covid-19-Chronik, 15. März – 11. April 2021 Chronik: 17. März – 09. April 2021 Übersterblichkeit (27.03.2021) Analyse: Die Übersterblichkeit macht den wahren Opferzoll deutlich Analyse: Russlands Geografie und die Ausbreitung von Covid-19 Analyse: Die Pandemie in Russlands Föderationssubjekten: Gründe für die unterschiedliche Mortalität dekoder: "Die russische Propaganda hat sich selbst besiegt" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. März 2021 Chronik: 1. – 10. März 2021 Stadtentwicklung/Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen (09.03.2021) Analyse: Ausdehnung des Moskauer Wohnraumsanierungsprogramms Analyse: Urbaner Aktivismus in Russland dekoder: Das Moskau-Experiment Dokumentation: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Chronik: Covid-19-Chronik, 15. – 28. Februar 2021 Chronik: 16. – 27. Februar 2021 Digitale Diplomatie (19.02.2021) Analyse: Russlands digitale Diplomatie Analyse: Mittel und Zweck von Public Diplomacy Kommentar: Zusammenarbeit chinesischer und russischer Medien dekoder: "Schau mich gefälligst an!" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. Februar 2021 Chronik: 1. – 14. Februar 2021 Söldner im Dienst von Russland / Elite-Ranking 2020 / Proteste nach Nawalnyjs Rückkehr (08.02.2021) Söldner im Dienst autoritärer Staaten Analyse: Russische PMCs im Nahen Osten und Afrika Kommentar: Die "Wagner-Affäre" in Belarus und ihre Folgen Kommentar: Geopolitik, Waffen, Erdöl: Was Russlands Präsenz in Venezuela bedingt Karte: Söldner im Dienst von Russland Ranking: Das Elite-Ranking der "Nesawisimaja gaseta" Ranking: Die politische Elite im Jahre 2020: Regierungswechsel, Covid-19-Pandemie und Verfassungsreform dekoder: Russlandweite Proteste – wie nervös macht Nawalny den Kreml? dekoder: Nawalnys Schlusswort: "Einen einsperren, um Millionen einzuschüchtern" Notizen aus Moskau: Von 2011 zu 2021. Zehn Jahre danach. Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Januar 2021 Chronik: 11. – 31. Januar 2021 Visadialog zwischen der EU und Russland (21.01.2021) Analyse: Die Visumpflicht in den EU-Russland Beziehungen Analyse: Perspektiven des Visa-Dialogs zwischen der EU und Russland Kommentar: Visafreiheit für russische Jugendliche Kommentar: Illegale Passportisierungspolitik im Donbas Kommentar: Mit Visafreiheit Brücken in Krisenzeiten schlagen dekoder: Arbeitsmigration in Russland Chronik: Covid-19-Chronik, 30. November 2020 – 10. Januar 2021 Chronik: 3. Dezember 2020 – 9. Januar 2021 Die deutsch-russischen Beziehungen nach den Wahlen (15.10.2021) Analyse: Die Bundestagswahl und die deutsch-russischen Beziehungen Analyse: Chancen für eine neue Russlandpolitik nach der Bundestagswahl Kommentar: Die deutsche Russlandpolitik und das russische Gesetz über "ausländische Agenten" Dokumentation: Ausgewählte Publikationen über die deutsch-russischen Beziehungen Dokumentation: Vorschläge und Empfehlungen zu den EU-Russland-Beziehungen dekoder: Novaya Gazeta dekoder: Muratows Krawatte und der Friedensnobelpreis Chronik: Covid-19-Chronik, 27. September – 09. Oktober 2021 Chronik: 28. September – 08. Oktober 2021 30 Jahre Zerfall der Sowjetunion – Generationen (20.09.2021) Kommentar: Nur ein Menschenleben lang Kommentar: Staatenlosigkeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR Kommentar: Der Generationenaspekt beim Zusammenbruch der Sowjetunion Kommentar: Dreißig Jahre Transformation des russischen Hochschulwesens Kommentar: Die Jugend und die Generationen im postsowjetischen Russland: Kommentar: Unternehmerinnen in Russland Notizen aus Moskau: 30 Jahre umsonst? dekoder: Das Licht einer enttäuschten Hoffnung dekoder: Misstrauen auf allen Ebenen Chronik: Covid-19-Chronik, 02. August – 12. September 2021 Chronik: 05. – 12. September 2021 Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Von der Redaktion: Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Kommentar: Die Minsker Vereinbarungen als Chance? Kommentar: (Keine neuen) Erkenntnisse gewonnen Kommentar: Alles auf Status. Russlands riskantes Kriegsspiel mit (in) Europa Kommentar: Russlands Motive Kommentar: Die Gründe für Russlands Vorschläge Kommentar: Würde Putin vom eigenen Volk für eine Invasion in die Ukraine abgestraft werden? Kommentar: Kriegsoptimismus im Russland-Ukraine-Konflikt: Grund zum Pessimismus? Kommentar: Desinformation: ein hoch aktuelles Konzept aus dem letzten Jahrhundert Kommentar: Die Russland-Ukraine Krise: Wo steht Deutschland? Kommentar: Russlands Passportisierung des Donbas: Von einer eingeschränkten zu einer vollwertigen Staatsbürgerschaft? Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Kommentar: Der Mord an Boris Nemzow hat Russland erschüttert

Wladimir Ryschkow

/ 7 Minuten zu lesen

Russlands Oppositionspolitiker müssen erhebliche Einschränkungen hinnehmen - das war Wladimir Ryschkow, liberaler Politiker und Weggefährte des ermorderten Boris Nemzow, schon länger klar. Eine Gefahr für das eigene Leben schloss er bisher aber aus - bis zum Mord an Boris Nemzow. Ein Kommentar.

Lange Zeit waren sie Weggefährten: Boris Nemzow und Wladimir Ryschkow, hier zusammen mit Michail Kassjanow (r.). (© picture-alliance/dpa)

Boris war über die letzten zwanzig Jahre in Russland jedem gut bekannt. Er hat in der Vergangenheit hohe politische Posten und Regierungsämter innegehabt. Es gab eine Zeit, als Präsident Jelzin ihn sogar als möglichen Kandidaten für seine Nachfolge in Betracht zog. Der Mord an Boris Nemzow ist beispiellos, niemals zuvor ist in Russland ein Politiker von solchem Rang ermordet worden. Politische Morde hat es auch früher gegeben, so sind nun mal die Realien Russlands. Es hat die aufsehenerregenden Morde an Galina Starowojtowa und Sergej Juschenkow gegeben, an den Journalisten Wlad Listjew und Anna Politkowskaja, an den Menschenrechtlern Stanislaw Markelow und Natalja Estemirowa. Viele dieser Morde sind denn auch unaufgeklärt geblieben. Aber noch nie ist ein Politiker ermordet worden, der sieben Jahre als Gouverneur einer großen Region (Gebiet Nishnyj Nowgorod), als stellvertretender Ministerpräsident und Minister, als stellvertretender Duma-Präsident und Fraktionsführer tätig gewesen war; der Anführer einer registrierten Partei und amtierender Abgeordneter eines Regionalparlaments (der Gebietsduma Jaroslawl) war.

Vor zwei Jahren haben Boris Nemzow und ich die Risiken erörtert, die oppositionelle Tätigkeit in dem von Wladimir Putin errichteten autoritären System mit sich bringt. Wir waren uns einig, dass Oppositionelle diskreditiert werden können, indem kompromittierendes Material gegen sie gesammelt und eine Überwachung rund um die Uhr durchgeführt wird; dass ein Oppositionsführer überfallen und verprügelt, ja zum Krüppel gemacht werden kann. Die Partei kann verboten oder nicht zu Wahlen zugelassen werden, die Wahlen können (aller Wahrscheinlichkeit nach) gefälscht werden; es können schließlich Strafverfahren gegen sie fabriziert werden, die sie ins Gefängnis bringen (wie Sergej Udalzow und Alexej Nawalnyj, wie fürher Michail Chodorkowskij). Sie würden einen jedoch nicht umbringen – wegen der hohen Kosten für das Ansehen der Regierung, sowohl innerhalb des Landes, als auch im Ausland. Wir haben geglaubt, dass landesweit bekannte Politiker sich in relativer Sicherheit befinden, eben wegen ihrer Bekanntheit. Die nächtlichen Schüsse vom 27. Februar 2015 auf der Samoskworezkij-Brücke, im Zentrum von Moskau, haben gezeigt, dass wir uns grausam geirrt haben.

Die demonstrative Ermordung eines der wichtigsten Oppositionsführer ändert die politische Situation im Lande kardinal. Vor allem hinsichtlich der Einschätzung, welche Risiken und Aussichten für die aktivsten Bevölkerungsteile bestehen. Besonders dann, wenn dieses Verbrechen nicht aufgeklärt wird, oder wenn die offizielle Version der Ermittlungsbehörden kein Vertrauen genießen sollte. Dann wären selbst jene, die loyal schweigen würden, tief in ihrem Herzen davon überzeugt, dass hinter dem Tod von Boris Nemzow der Kreml steckt.

Für die breiteren Eliten bedeutet es nicht nur das große Risiko den Posten zu verlieren, einem Strafverfahren ausgesetzt und zum Rücktritt genötigt zu werden, sondern auch Gefahr für Leib und Leben. Schließlich hatte seit dem Tode Stalins am 5. März 1953 in den Eliten der Sowjetunion / Russlands eine unausgesprochene, aber strikte Regel gegolten, die eine physische Liquidierung von Angehörigen der Nomenklatura ausschloss. Sowohl Chruschtschow, wie auch Gorbatschow und Jelzin, lebten nach ihrem Abgang als friedliche Rentner unter dem Schutz des Staates. Nun aber, nach dem Mord an dem ehemaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten Boris Nemzow, ist dieses Tabu zusammengebrochen. Diese Erkenntnis dürfte kaum den Widerstand der Bürokratie hervorrufen, doch wird es zweifellos die ohnehin riesige Furcht in deren Reihen verstärken, und es wird die Initiative der Bürokraten und innersystemischen Politiker noch weiter zügeln.

Für die Unternehmen in Russland ist die Ermordung Boris Nemzows ein weiteres alptraumartiges Signal, gesendet aus jenem gefährlichen mafiösen Milieu, zu dem die herrschende staatliche Korporation der Silowiki unser Land gemacht hat. Wenn ein landesweit berühmter Politiker in Kremlnähe erschossen werden kann, was soll dann noch jene Überfallkommandos der Staatsmacht oder jene Banditen aufhalten, die sich eine fremde Fabrik oder irgendjemandes Hotel aneignen wollen? Die Risiken bei der Führung eines Unternehmens sind extrem hoch gewesen, jetzt sind sie noch weiter gestiegen. Man kann getrost die Prognose stellen, dass weiterhin Kapital und Menschen aus dem Land fliehen werden, die Investitionen zurückgehen werden und sich die Krise verschärfen wird.

In den kreativen Bevölkerungsschichten, bei jungen Menschen und in der Intelligenzija haben sich die Auswanderungsbestrebungen drastisch verstärkt. Die Staatsmacht rückt an allen Fronten vor, sie erklärt aktive NGOs zu "ausländischen Agenten", setzt im Internet auf breiter Front Zensur ein, zerrt Menschen wegen ihrer Kommentare in sozialen Netzwerken vor Gericht, eröffnet im Museum der Stalinschen Repressionen "Perm-36" ein Museum der Mitarbeiter des GULAG und bringt einen jungen Regisseur, der Wagners Tannhäuser inszeniert hat, wegen der "Verletzung der religiösen Gefühle von Gläubigen" vor Gericht. Die Ermordung Boris Nemzows ist das mächtige und monströse Signal an alle Menschen mit liberalen Ansichten, dass in Russland nun freies Schaffen, Meinungsfreiheit und Kritik an der Regierung nicht mehr nur ein unerwünschtes Verhalten sind, sondern schlichtweg eine für jedermann gefährliche Sache.

Die vor kurzem geschaffene Bewegung "Antimajdan" hat bereits vor dem Tod von Boris Nemzow offen dazu aufgerufen, "mit der fünften Kolonne abzurechnen" und gegen Aktionen der Opposition physisch vorzugehen; sie kündigte ein Lager zur Ausbildung der "Kämpfer" an. Die Basis der Bewegung wird von Rockern des Vereins "Nachtwölfe", von Veteranen der Sondereinheiten, Veteranen des Afghanistankrieges und Kampfsportlern gestellt. Wladimir Putin ist oft mit ihnen zu sehen, er unterstützt schon viele Jahre offen dieses militant-uniformierte Segment der "patriotischen Bewegung". Die ideologischen Grundlagen für diese Bewegungen hat Wladimir Putin selbst geschaffen, indem er in seinen Reden provokante Termini wie "fünfte Kolonne", "Nationalverräter" oder "patriotische und unpatriotische Opposition" verwendete.

Die kreativen, friedlichen Bevölkerungsschichten mit ihren liberalen europäischen Werten nehmen das alles als Elemente einer zunehmenden, immer gröber und grausamer werdenden Diktatur wahr, die sich auf eine entstehende totalitäre Ideologie stützt; diese setzt sich aus Nationalismus, Großmacht-Chauvinismus, Militarismus, militantem Traditionalismus und Isolationismus zusammen. Eine massive Propaganda kultiviert in der Gesellschaft Hass gegen Freiheit, Menschenrechte, Liberalismus, politischen Wettbewerb, gegen Europa und den Westen als Ganzes.

Das alles drängt weitere Tausende Bürger Russlands zur Flucht aus dem Land (im Verlauf des Jahres 2014 sind 240.000 Personen weggezogen). Die Flucht wird durch zunehmende Gerüchte verstärkt, dass der Kreml bereit sei, erneut (wie zu Zeiten der UdSSR) den Bürgern Russlands die Ausreise zu sperren und die angesparten Devisen zu beschlagnahmen.

Bislang hat der Kreml seine Politik um keinen Deut geändert. Bei einer Rede vor dem Kollegium des Innenministeriums forderte Wladimir Putin einige Tage nach dem Tod von Boris Nemzow, dass mit diesen schändlichen politischen Morden Schluss gemacht werde müsse, wobei er den Mord an Boris erwähnte. Um dann sehr viel eingehender von der Gefahr durch "orangene Revolutionen" und Massenunruhen zu sprechen und die Zerschlagung von "Extremisten" zu fordern. Das ist ein deutliches Zeichen an die Silowiki-Strukturen, dass die Ermordung Nemzows zwar ein bedauerlicher, doch kein allzu außerordentlicher Fall sei, und dass, als ob gar nichts geschehen sei, das "Pressing" gegen die Opposition fortzuführen sei. Das erfolgt vor dem Hintergrund, dass in Russland gerade Liberale, Menschenrechtler und Umweltaktivisten am häufigsten zu "Extremisten" erklärt werden.

Der riesige Bereich der tatsächlich existierenden extremistischen Organisationen "patriotischer", "militärisch-patriotischer", "veteranischer", "sportlich-patriotischer", "jugendlich-patriotischer", "slawischer", "nationalistischer" und sonstiger Couleur genießt Immunität und oft die Protektion der Regierung – unter der Bedingung, dass sie die Politik des Kreml unterstützen, beispielsweise in der Ukraine. Friedliche Organisationen der Liberalen hingegen, die den Kreml kritisieren, sehen sich Unterdrückung und offener Verfolgung ausgesetzt.

In der UdSSR bestand ein machtvolles Gewaltmonopol, nämlich ein fest gefügtes System aus KGB, Innenministerium, Staatsanwaltschaften und Gerichten. Gewalt von unten wurde harsch unterbunden.

Das heutige Russland ist sehr viel gefährlicher. In ihm sind Unzufriedene / Besondere / Minderheiten sowohl von oben (von Seiten der Silowiki-Strukturen), als auch von unten, von Seiten der vielen extremistischen, auch paramilitärischen Gruppen, von denen viele durch einzelne Machtstrukturen des Staates protegiert werden, Gewalt und Unterdrückung ausgesetzt.

Eine ähnliche Situation gab es Anfang des 20. Jahrhunderts im Russischen Reich, als der Zarismus offen "monarchistische" Organisationen der Schwarzhundertschaftler unterstützte, die unter anderem blutige Pogrome gegen Juden veranstalteten. Damals führten die tiefe Spaltung der Gesellschaft und der rechtliche Niedergang des Staates zu Revolution und Bürgerkrieg. Das Putinsche Russland bewegt sich heute auf einer ähnlichen Bahn.

Die demonstrative Exekution Boris Nemzows könnte den Übergang des Regimes von einem rigiden Autoritarismus zu einer offenen Diktatur markieren. Das bringt die Opposition in Russland (die Rede ist hier nicht von den zu einer Einheitsmasse verschmolzenen Parteien, die in der Duma sitzen) in eine dramatisch schwere Lage. Die Risiken für die Oppositionsführer haben jetzt jedes Maß überstiegen; es könnte sein, dass es jetzt nicht mehr nur um ihre Freiheit geht, sondern angesichts der Gewalt und des Hasses, der sich über das Land ergossen hat, um ihr Leben. Es gibt keine Möglichkeiten, Ressourcen für Wahlkämpfe zu mobilisieren, aktive Menschen massenhaft in den Oppositionsparteien zu versammeln, da das Land durch Angst gefesselt ist. Jede friedliche Aktion droht zu einer blutigen Provokation durch Extremisten zu werden, die von der Regierung gedeckt werden.

Der Mord an Boris Nemzow könnte als jenes Datum in die Geschichte eingehen, an dem Russland die rote Linie überschritt, die Krise und Niedergang von einer wirklichen Katastrophe trennt.

Fussnoten

Wladimir Ryschkow ist russischer Politiker und Vorsitzender der Bewegung "Russlands Wahl"