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Aus russischen Blogs: Wirtschaftskrise überwunden? Prognosen der Wirtschaftsexperten

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Januar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Aus russischen Blogs: Wirtschaftskrise überwunden? Prognosen der Wirtschaftsexperten

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Laut russischen Regierungsvertreter ist der Peak der aktuellen Wirtschaftskrise bereits überwunden. Unabhängige Experten äußern sich an dieser Stelle skeptisch darüber. Denn nach wie ist ein negativer Trend ökonomischer Kennzahlen zu erkennen.

Durch die Wirtschaftskrise ist der Rubel-Kurs in Russland stark gefallen. (© picture-alliance)

Ende Mai haben mehrere staatliche Wirtschaftsfachleute angesichts der Stärkung der russischen Währung von einer Überwindung der Krise und einer Erholung der Wirtschaft in Russland berichtet. Mit Verweis auf die Einschätzung der staatlichen Behörde für Statistik "Rosstat" betonte der stellvertretende Ministerpräsident Igor Schuwalow auf einer Regierungssitzung am 15. Mai, dass der tatsächliche Rückgang des BIP im ersten Quartal geringer ausfalle, als vorläufige Berechnungen des Wirtschaftsministeriums prognostiziert hätten, und sich die Wirtschaft nicht mehr im Krisenzustand befinde. Der Chef der größten russischen Staatsbank "Sberbank", German Gref, stimmte Schuwalow zu und sagte, dass die heftigste Phase der Krise schon vorbei sei. Den Aussagen der ersten stellverstretenden Vorsitzenden der Zentralbank Ksenija Judajewa zufolge werde die Beständigkeit des russischen Finanzsystems regelmäßig überprüft, alle "Stress-Tests" und dergleichen nach dem Erdölpreis von 40 US-Dollar pro Barrel und dem BIP-Verfall von 7 % seien bestanden worden. Unabhängige Wirtschaftsexperten äußern sich allerdings skeptisch gegenüber optimistischen Einschätzungen der Staatsvertreter und sehen noch nicht, dass die Wirtschaft in der aktuellen Krise in Russland die Talsohle schon erreicht habe. Der Ökonom Igor Nikolajew zweifelt an der Vollständigkeit der offiziellen Zahlen von Rosstat und wundert sich über den Selbstbetrug der Staatsbeamten. Der Blogger Tschumakow vergleicht die aktuelle Krise mit der Situation in Russland 2009 und spekuliert über die zukünftigen wirtschaftspolitischen Spielräume des Kremls. Der Immobilienexperte Tscharikow schlägt angesichts der wachsenden Krise auf dem Wohnungsmarkt Alarm. Der Wirtschafts-Blogger Pawel Rjabow sagt noch zwei Quartale Wirtschaftsrückgang voraus. Olga Kuwschinowa, Expertin der Tageszeitung "Wedomosti", prognostiziert eine mehrjährige Stagnation in Russland.

Nikolajew: Die Zahlen sprechen gegen eine Erholung der Wirtschaft

"[…] Der Handelsrückgang hat im April einen neuen Negativrekord aufgestellt: minus 9,8 % im Vergleich zum April 2014. Die realen Einkommen im Monatsmittel sind sogar um13,2 % (!) abgestürzt. Investitionen in das Grundkapital: minus 4,8 %. Bauwesen: minus 5,2 % usw. Schließlich ist nur die Landwirtschaft im Jahresvergleich um 3,3 % gewachsen. Aber auch dort gibt es erklärende Faktoren, die zu einer zurückhaltenden Bewertung selbst solcher Werte zwingen. […]

Wie kann man angesichts dieser Zahlen behaupten, dass sich die worst case-Szenarien nicht eingestellt hätten, dass die akute Phase der Krise schon vorüber sei usw.? Was ist das: der Wunsch, uns einzureden, dass alles vorüber ist, oder ein Versuch der Selbsthypnose, oder eine Art Bericht an die Vorgesetzten? Es fällt aber schwer uns zu überzeugen, wenn sogar die offiziellen Statistiken von Rosstat das Gegenteil zeigen. Die Selbsthypnose mag ja erfolgreich sein; der Wirtschaft wird es aber dadurch nur schlechter gehen. In der Tat, warum soll man etwas tun, wenn das Allerschlimmste, wie es scheint, schon vorbei sei. So tun sie auch nichts, unter dem starkem Eindruck, dass der Rubel stärker geworden ist."

Igor Nikolajew bei Echo Moskwy, 26.05.2015; Externer Link: http://echo.msk.ru/blog/nikolaev_i/1555286-echo/

Tschumakow: Die Krise wird sich erst noch entfalten

"[…] Man kann eindeutig sagen, dass die aktuelle Krise eine völlig andere Form annimmt als die Krise von 2008. Der Hauptunterschied liegt darin, dass ein nachhaltiger Trend zur Wirtschaftserholung fehlt. Um es verständlicher zu machen, fangen wir mit den Dimensionen der Weltwirtschaft an. Ein äußerst starker Rückgang der Erdölpreise zusammen mit einem stabilen Wachstum der Ölreserven belegt, dass es beachtliche Komplikationen im Mechanismus der Weltwirtschaft gibt. Warum? Das Anwachsen der Erdölreserven zeigt uns in erster Linie eine Veränderung des Erdölverbrauchs. Das ist wichtig, denn Erdöl wird in fast allen Produktions- und Verarbeitungsprozessen in der Welt verwendet. Das heißt, wenn Erdöl nicht verbraucht wird, ist eine Senkung des Konsums von Gütern und Dienstleistungen festzustellen, deren Preise mittelbar oder unmittelbar vom Öl beeinflusst werden. Der Preisverfall ist eine Reaktion des Marktes auf diesen Prozess.

Einige werden nun sagen, dass dieser Prozess bald ins Lot kommt. Doch das ist wohl leider nicht der Fall. Die letzten Halbjahre sind die Erdölreserven nur gewachsen, was uns anzeigt, dass der Markt nicht bereit ist, die Überschüsse zu verbrauchen. Wenn es keine Rezession in der Wirtschaft gäbe, hätte man zweifellos sehr schnell eine Balance zwischen Angebot und Nachfrage gefunden. Dies ist auf die Umgestaltung des Grundparadigmas des Erdölmarktes zurückzuführen. Die Veränderungen hängen damit zusammen, dass die Ausbeutung der Schieferfelder in den USA ein neues Effizienz-Maximum, sowohl bei der Förderung als auch der Erschließung, erreicht hat […], was heute zu veränderten Funktionsregeln des Erdölmarktes führt. Für Russland ergeben sich bei dieser Lage der Dinge die Bedingungen für eine heftige Wirtschaftskrise, die sich jetzt erst zu entfalten beginnt. […]

Das einzige Mittel, das den Regierenden bleibt, ist die offene oder verdeckte Steuerlast für Bürger zu erhöhen. Das geschieht und wird in unterschiedlichster Art und Weise weiter geschehen."

Iwan Tschumakow auf Echo Moskwy, 28.05.2015 Externer Link: http://echo.msk.ru/blog/ekspert_i/1556934-echo/

Tscharikow: Krise auf dem Immobilienmarkt

"Der Immobilienmarkt ist bekanntlich von der Krise infiziert: die Marktakteure äußern sich schon unverhohlen, dass die Nachfrage eingebrochen ist; dass die Verkäufe fast den Nullwert erreicht haben; in verschiedenen Internet-Portalen wird über Aussichten eines baldigen Preissturzes diskutiert; Makler sind deprimiert; Bauträger halten sich noch, verlieren aber auch immer mehr ihren Optimismus; und zu alldem steht noch ein heißer Sommer bevor, wenn man den Aussagen der Wetterexperten Glauben schenken kann… […] Sollen wir also zum Jahresende eine Pleitewelle unter den Bauunternehmen und ›eingefrorene‹ Baustellen erwarten? […]"

Dmitrij Tscharikow auf Echo Moskwy, 1.06.2015; Externer Link: http://echo.msk.ru/blog/charikov_d/1559014-echo/

Rjabow: Wirtschaftsrückgang bis zum dritten Quartal

"[…] Seit der Gründung der Russischen Föderation in der jetzigen Form sind die Gehälter der Bevölkerung nominell im Jahresvergleich noch nie gesunken. Noch nie – bis jetzt. Nun sind sie gegenüber dem Vorjahr unter Berücksichtigung der Krim um 0,4 % gefallen und ohne die Krim um 1 % gestiegen. Selbst dieses eine Prozent wäre ein historischer Tiefstwert. Der Fall ist beispiellos und eines Eintrags ins Buch der Negativrekorde würdig.[…]

Es gibt bislang keinen einzigen Indikator, der für ein Ende der Krise spräche. Es gibt Anzeichen einer unbedeutenden Stabilisierung. Die Inflation hat ihren unkontrollierten Anstieg beendet und sich auf einem Niveau von 16–17 % pro Jahr stabilisiert (vor allem auf Grund der Festigung des Rubels und einer gedämpften Nachfrage im Einzelhandel). […] Die Banken haben ihre Schulden gegenüber der Zentralbank auf das Niveau vom Herbst 2014 heruntergefahren, Die credit spreads haben sich stabilisiert, aber ihren Tiefpunkt noch nicht erreicht. Der makroökonomische und finanzielle Verfall wird noch mindestens bis zum dritten Quartal 2015 seine Auswirkungen zeigen. […]"

Pawel Rjabow auf Livejournal, 23.05.2015 Externer Link: http://spydell.livejournal.com/581627.html

Kuwschinowa: Russland muss mit einer mehrjährigen Stagnation rechnen

"[…] Im Unterschied zum Jahr 2009, als die verringerte Außennachfrage zum Abschwung der Wirtschaft in Russland führte, sinkt das BIP nun wegen der schrumpfenden Inlandsnachfrage, d. h. aufgrund zurückgehender Investitionen und schwachen Konsums. Der Rückgang der Investitionen dauert bereits das dritte Jahr an und ist faktisch zum "Hintergrundmodus" geworden. Die Dimensionen des Konsumrückgangs zeigen allmählich Wirkung in der Realwirtschaft, die ihre Produktionspläne korrigiert: dadurch lässt sich u. a. der Rückgang der Industrieproduktion im April erklären. Der private Konsum wird weiter zurückgehen, mindestens bis zum Herbst. Der Anstieg der realen Einkommen hat praktisch im September 2014 aufgehört, wird sich aber vor dem Hintergrund der "schlechten Basis" – rein statistisch – verbessern. Deswegen könnte die Wirtschaft ihren Rückgang noch zwei Quartale beschleunigen – sowohl in der offiziellen Version, als auch nach unabhängigen Konsens-Prognosen – wenn es keine drastischen Veränderungen des Erdölpreises und der Situation im Donbass gibt. Zu diesen beiden wichtigsten ›wenn‹, die keineswegs obsolet sind, kommen noch weitere Risiken hinzu: eine Verschärfung der Investitionskrise, eine Sequestierung der Haushalte. Nach der Explosion der staatlichen Rüstungsausgaben ist das Potential für einen Anstieg auf Vorjahresniveau ausgeschöpft. Deswegen warnen vorsichtige Experten, dass das Ende der Rezession noch nicht in Sicht ist. […]

Bei den Börsenmaklern gibt es einen Spruch: Es gibt keinen Rückgang, es gibt nur erhöhtes Wachstumspotential. Je tiefer der Fall, desto größer das Potential für eine Erholung. Von diesem Standpunkt aus wächst das Wachstumspotential der russischen Wirtschaft mit jedem Monat, den der Abschwung anhält. Die Regierung berechnet schon, ob die Wirtschaft bis zur Präsidentschaftswahl die Verluste aufholen und auf das Niveau von 2013 kommen könnte, und unter welchen Bedingungen das möglich wäre. Diese Bedingungen – ein drastisches Investitionswachstum – scheinen bisher spekulativ zu sein. Der Staat hat kein Geld für Investitionen. Der private Investor fühlt sich in Russland nicht wohl: Die Risiken sind größer als mögliche Gewinne. In dieser Situation stellt die "schlechte Ausgangsbasis" die wichtigste Wachstumsquelle dar: Das Wachstum ist rein statistisch. Ein solches Wachstum dürfte für lange Zeit auf 1–2 % pro Jahr begrenzt sein (so sehen es u. a. Zentralbank und IWF): tatsächlich wäre es eine mehrjährige Stagnation."

Olga Kuwschinowa bei vedomosti.ru, 26.05.2015; http://www.vedomosti.ru/opinion/articles/2015/05/26/ 593833-potentsial-rosta-rossiiskoi-ekonomiki-uvelichivaetsya-s-kazhdim-mesyatsem-spada

Ausgewählt und zusammengefasst von Sergey Medvedev, Berlin (Die Blogs, auf die verwiesen wird, sind in russischer Sprache verfasst)

Fussnoten