Meine Merkliste

Analyse: Exportoptionen für russisches Erdgas nach dem Scheitern von South Stream

Russland-Analysen Memorial (16.12.2021) Von der Redaktion: Frohes Fest! Dokumentation: Friedensnobelpreisrede von Dmitrij Muratow dekoder: Memorial Dokumentation: Anträge der Staatsanwaltschaften Interview: Irina Scherbakowa Interview: Swetlana Gannuschkina Kommentar: Die Büchse der Pandora Dokumentation: Der Menschenrechtsrat ist besorgt Dokumentation: Kommentar von Wladimir Putin zu Memorial Kommentar: Wendejahre Kommentar: Angriff des Kreml auf Memorial Kommentar: "Der Westen" als Gefahr für Russlands innere Sicherheit Kommentar: Déjà-vu Kommentar: Memorial als geschichtswissenschaftlicher Akteur Kommentar: Ein Refugium der Freiheit wird zerstört Kommentar: Die Instrumente des Europarats Kommentar: Memorial im Nordkaukasus Kommentar: Einsatz für Religions- und Gewissensfreiheit Kommentar: Ist das russische "Ausländische-Agenten"-Gesetz reformierbar? dekoder: Schlag gegen Deutschland Notizen aus Moskau: Memorial und die Hoffnung Dokumentation: Fokus Memorial der Zeitschrift OSTEUROPA Dokumentation: Stellungnahmen zur drohenden Auflösung von Memorial Chronik: Covid-19-Chronik, 16. November – 03. Dezember 2021 Chronik: 15. November – 03. Dezember 2021 Erdgashandel (24.11.2021) Analyse: Der deutsch-russische Erdgashandel. Chronik: Covid-19-Chronik, 01. – 13. November 2021 Chronik: 01. – 12. November 2021 Sozialverantwortung und Klima in der Landwirtschaft (10.11.2021) Analyse: Landwirtschaftliche Betriebe in Russland für unternehmerische Sozialverantwortung Analyse: Wird die russische Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren? Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Oktober 2021 Chronik: 11. – 29. Oktober 2021 Duma- und Regionalwahlen (01.10.2021) Analyse: Die Dumawahlen 2021 und das zunehmend hegemonial-autoritäre Regime in Russland Analyse: Alexej Nawalnyj, "Smart Voting" und die Wahlen zur russischen Staatsduma 2021 Kommentar: Wahlen in der "Protestregion" Chabarowsk in Online- und sozialen Medien dekoder: Die Evolution der Duma Notizen aus Moskau: Wird (all)es nach den Wahlen wieder besser? Chronik: Covid-19-Chronik, 13. – 26. September 2021 Chronik: 13. – 26. September 2021 Wirtschaftliche Schocks (24.06.2021) Analyse: Die Wirtschaft der "Festung Russland" Analyse: Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Corona-Krise  Chronik: Covid-19-Chronik, 03. – 30. Mai 2021 Chronik: 17. Mai – 10. Juni 2021 Arktis (31.07.2021) Editorial: Sommerpause, на дачу Analyse: Arktische Visionen: Die sowjetische Expansion nach Norden Analyse: Russlands Arktis-Strategie bis 2035 – Große Pläne und ihre Grenzen Analyse: Der russische Vorsitz im Arktischen Rat: Prioritäten und Implikationen für den Hohen Norden Russlands Kommentar: Russlands arktischer Balanceakt Dokumentation: Russland und die Arktis: Eine Auswahl aktueller Publikationen Chronik: Covid-19-Chronik, 14. Juni – 17. Juli 2021 Chronik: 16. Juni – 18. Juli 2021 Duma-Wahlen/Repressionen (08.06.2021) Kommentar: Duma-Wahlen 2021 Kommentar: Informationskriege, Oppositionskoordination und die Dumawahl im Jahr 2021 Kommentar: Wird das Putin-Regime überleben? Kommentar: Vorbereitung auf die Parlamentswahlen 2021 Kommentar: Elektronische Stimmabgabe Kommentar: Bedingungen der Wahlbeobachtung Kommentar: Die wirtschaftlichen Folgen autoritärer Politik Kommentar: Michail Mischustin als ambitionierter "Systemadministrator" des Putinismus Kommentar: Bürger:innen und der starke Mann: Erwachen, soziale Klassen und sozialer Niedergang in Russlands Autokratie Kommentar: Fear and Loathing in Russia: Repressionen als Herrschaftsinstrument des Kremls Kommentar: Ausländische-Agenten-Gesetz vor der Duma-Wahl 2021 ausgeweitet Kommentar: Schrumpfende Freiräume für Russlands Medien Kommentar: Russland drosselte Twitter, um Inhalte zu zensieren dekoder: "Hätten wir eine andere Wahl gehabt? Nein." Dokumentation: Repressive Gesetze, die von Wladimir Putin am 30. Dezember 2020 unterzeichnet wurden Dokumentation: April-Chronik der Repressionen: Der Journalist Ilja Asar hat Buch geführt Umfragen: "Haben Sie Angst vor…?" Umfrageergebnisse des Lewada-Zentrums Dokumentation: Hat der Protest einen Anführer? Wie stehen die Protestierenden zu Nawalnyj? Dokumentation: Russische Online-Zeitung Meduza kämpft ums Überleben Dokumentation: Amnesty International: Die Polizei identifiziert friedliche Demonstrierende mit Gesichtserkennungstechnologie Dokumentation: Human Rights Watch: Der Fall des Menschenrechtsanwalts Iwan Pawlow und neue repressive Gesetze Dokumentation: Stellungnahmen zum Beschluss der russischen Generalstaatsanwaltschaft, deutsche Nichtregierungsorganisationen als in Russland unerwünschte Organisationen zu erklären Chronik: 3. – 14. Mai 2021 Atomenergie / Die Botschaft des Präsidenten (14.05.2021) Analyse: Zum 35. Jahrestag von Tschernobyl Analyse: Russische Reaktoren und russischer Atommüll Analyse: Putins Botschaft an die Föderalversammlung dekoder: Warum Putin dem Volk nichts mehr zu sagen hat Chronik: Covid-19-Chronik, 12. April – 02. Mai 2021 Chronik: 13. April – 01. Mai 2021 60 Jahre Gagarin: Raumfahrt / Das russische Strafvollzugssystem (19.04.2021) dekoder: Juri Gagarin dekoder: Raumfahrtprogramm der UdSSR Analyse: Russland im Weltraum: Die 2020er Jahre Analyse: Russlands internationale Raumfahrtstrategie Analyse: Das Strafvollzugssystem der Russischen Föderation Chronik: Covid-19-Chronik, 15. März – 11. April 2021 Chronik: 17. März – 09. April 2021 Übersterblichkeit (27.03.2021) Analyse: Die Übersterblichkeit macht den wahren Opferzoll deutlich Analyse: Russlands Geografie und die Ausbreitung von Covid-19 Analyse: Die Pandemie in Russlands Föderationssubjekten: Gründe für die unterschiedliche Mortalität dekoder: "Die russische Propaganda hat sich selbst besiegt" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. März 2021 Chronik: 1. – 10. März 2021 Stadtentwicklung/Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen (09.03.2021) Analyse: Ausdehnung des Moskauer Wohnraumsanierungsprogramms Analyse: Urbaner Aktivismus in Russland dekoder: Das Moskau-Experiment Dokumentation: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Chronik: Covid-19-Chronik, 15. – 28. Februar 2021 Chronik: 16. – 27. Februar 2021 Digitale Diplomatie (19.02.2021) Analyse: Russlands digitale Diplomatie Analyse: Mittel und Zweck von Public Diplomacy Kommentar: Zusammenarbeit chinesischer und russischer Medien dekoder: "Schau mich gefälligst an!" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. Februar 2021 Chronik: 1. – 14. Februar 2021 Söldner im Dienst von Russland / Elite-Ranking 2020 / Proteste nach Nawalnyjs Rückkehr (08.02.2021) Söldner im Dienst autoritärer Staaten Analyse: Russische PMCs im Nahen Osten und Afrika Kommentar: Die "Wagner-Affäre" in Belarus und ihre Folgen Kommentar: Geopolitik, Waffen, Erdöl: Was Russlands Präsenz in Venezuela bedingt Karte: Söldner im Dienst von Russland Ranking: Das Elite-Ranking der "Nesawisimaja gaseta" Ranking: Die politische Elite im Jahre 2020: Regierungswechsel, Covid-19-Pandemie und Verfassungsreform dekoder: Russlandweite Proteste – wie nervös macht Nawalny den Kreml? dekoder: Nawalnys Schlusswort: "Einen einsperren, um Millionen einzuschüchtern" Notizen aus Moskau: Von 2011 zu 2021. Zehn Jahre danach. Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Januar 2021 Chronik: 11. – 31. Januar 2021 Visadialog zwischen der EU und Russland (21.01.2021) Analyse: Die Visumpflicht in den EU-Russland Beziehungen Analyse: Perspektiven des Visa-Dialogs zwischen der EU und Russland Kommentar: Visafreiheit für russische Jugendliche Kommentar: Illegale Passportisierungspolitik im Donbas Kommentar: Mit Visafreiheit Brücken in Krisenzeiten schlagen dekoder: Arbeitsmigration in Russland Chronik: Covid-19-Chronik, 30. November 2020 – 10. Januar 2021 Chronik: 3. Dezember 2020 – 9. Januar 2021 Die deutsch-russischen Beziehungen nach den Wahlen (15.10.2021) Analyse: Die Bundestagswahl und die deutsch-russischen Beziehungen Analyse: Chancen für eine neue Russlandpolitik nach der Bundestagswahl Kommentar: Die deutsche Russlandpolitik und das russische Gesetz über "ausländische Agenten" Dokumentation: Ausgewählte Publikationen über die deutsch-russischen Beziehungen Dokumentation: Vorschläge und Empfehlungen zu den EU-Russland-Beziehungen dekoder: Novaya Gazeta dekoder: Muratows Krawatte und der Friedensnobelpreis Chronik: Covid-19-Chronik, 27. September – 09. Oktober 2021 Chronik: 28. September – 08. Oktober 2021 30 Jahre Zerfall der Sowjetunion – Generationen (20.09.2021) Kommentar: Nur ein Menschenleben lang Kommentar: Staatenlosigkeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR Kommentar: Der Generationenaspekt beim Zusammenbruch der Sowjetunion Kommentar: Dreißig Jahre Transformation des russischen Hochschulwesens Kommentar: Die Jugend und die Generationen im postsowjetischen Russland: Kommentar: Unternehmerinnen in Russland Notizen aus Moskau: 30 Jahre umsonst? dekoder: Das Licht einer enttäuschten Hoffnung dekoder: Misstrauen auf allen Ebenen Chronik: Covid-19-Chronik, 02. August – 12. September 2021 Chronik: 05. – 12. September 2021 Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Von der Redaktion: Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Kommentar: Die Minsker Vereinbarungen als Chance? Kommentar: (Keine neuen) Erkenntnisse gewonnen Kommentar: Alles auf Status. Russlands riskantes Kriegsspiel mit (in) Europa Kommentar: Russlands Motive Kommentar: Die Gründe für Russlands Vorschläge Kommentar: Würde Putin vom eigenen Volk für eine Invasion in die Ukraine abgestraft werden? Kommentar: Kriegsoptimismus im Russland-Ukraine-Konflikt: Grund zum Pessimismus? Kommentar: Desinformation: ein hoch aktuelles Konzept aus dem letzten Jahrhundert Kommentar: Die Russland-Ukraine Krise: Wo steht Deutschland? Kommentar: Russlands Passportisierung des Donbas: Von einer eingeschränkten zu einer vollwertigen Staatsbürgerschaft? Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Analyse: Exportoptionen für russisches Erdgas nach dem Scheitern von South Stream

Andres Heinrich

/ 9 Minuten zu lesen

Nach den wiederholten Gaskonflikten mit der Ukraine setzt Gazprom auch weiterhin auf Pipelineprojekte, die derzeitige Transitländer möglichst umgehen. Diese strategischen Überlegungen lassen aber wirtschaftliche, technische und rechtliche Aspekte solcher Projekte oft in den Hintergrund treten. Dies reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass die Projekte je realisiert werden.

Bauarbeiten an der "Power of Siberia" Pipeline in der russischen Provinz Sacha (auch Jakutien). (© picture-alliance/dpa)

Einleitung

Während Gazproms Exporte seit 2007 in der Tendenz rückläufig sind (Interner Link: siehe Grafik 1), sind nur 4 % der heimischen Gaslieferungen für Gazprom wirklich profitabel. Daher muss Gazprom weiter sein Augenmerk auf Exporte richten, um Gewinne zu erzielen. Im Folgenden sollen Gazproms Exportoptionen zur Belieferung des EU-Marktes, die Bedeutung russischer Exporte nach Asien für die europäische Erdgasversorgung und die Auswirkungen von Gazproms Pipelineplänen für die Ukraine als Transitland untersucht werden.

Exportpläne

Außerhalb des Gebietes der ehemaligen Sowjetunion sind nach wie vor Europa und die Türkei die Hauptabsatzmärkte für russisches Erdgas. Die Belieferung dieser Märkte erfolgt derzeit über sieben zentrale Exportpipelines, die in Tabelle 1 auf S. 9 aufgeführt werden. Zusätzlich hat Gazprom in den letzten Jahren drei große Projekte zur Ausweitung der Exportkapazitäten nach Europa sowie zwei weitere in Richtung Asien diskutiert.

Die von Gazprom in den letzten Jahren angestoßenen europäischen Pipelineprojekte hatten und haben in erster Linie das Ziel, die Bedeutung der Ukraine als Transitland für russisches Erdgas zu verringern. Während zurzeit die Pipelines durch die Ukraine eine nominelle Kapazität von 183 Mrd. Kubikmetern pro Jahr haben, plant Gazprom die Kapazitäten der Pipelines, die die Ukraine umgehen, von derzeit 125 Mrd. Kubikmetern bis 2020 auf insgesamt 215 Mrd. Kubikmeter auszubauen. Damit würde Gazprom seine Exportkapazitäten nicht nur insgesamt deutlich ausweiten, sondern auch die Bedeutung der Ukraine als Transitland verringern. Gazprom selbst erklärte im Januar 2015 sogar, vollständig auf die ukrainischen Pipelines verzichten zu wollen.

Die neuen Pipelineprojekte – drei Unterwasserpipelines sowie zwei Überlandpipelines – sollen jegliche Transitländer umgehen. Sie werden im Folgenden kurz vorgestellt.

Blue Stream

Die Blue Stream-Pipeline von Russland durch das Schwarze Meer in die Türkei hat derzeit eine Kapazität von 16 Mrd. Kubikmetern, die aber zumeist nicht ausgeschöpft wird. Trotzdem versuchte Gazprom im Jahre 2010, die Türkei zum Bau einer zweiten Röhre zu bewegen, die die Kapazität auf 30 Mrd. Kubikmeter erhöht hätte. Die Türkei lehnte diesen Vorschlag jedoch ab. Im Jahr 2015 vereinbarten beide Parteien dann aber die Erhöhung der Kapazität von 16 auf 19 Mrd. Kubikmeter pro Jahr durch eine Modernisierung der Kompressorstationen.

Bisher wird die Türkei von Gazprom mit rund 16 Mrd. Kubikmetern durch die Blue Stream-Pipeline und mit rund 14 Mrd. Kubikmetern durch die "Trans-Balkan-Pipeline" über Rumänien und Bulgarien beliefert. Gazprom scheint gehofft zu haben, mit dem neuen Projekt "Turk Stream" die Ukraine weitgehend als Transitland ersetzen zu können. Im Januar 2015 gab Gazprom dementsprechend bekannt, dass das Unternehmen von 2019 an kein Gas für den europäischen Markt mehr durch die Ukraine transportieren wolle.

Turk Stream

Die Bedeutung der Türkei, nicht nur als Abnehmerland für russisches Erdgas, sondern auch als Transitland stieg, als der russische Präsident Wladimir Putin im Dezember 2014 während seines Besuchs in Ankara den Plan zum Bau einer weiteren Unterwasserpipeline in die Türkei vorschlug. Der Vorschlag kam kurz nachdem auf Druck der EU das South Stream-Pipelineprojekt aufgegeben worden war, das von Russland durch das Schwarze Meer über den Balkan Erdgas in die EU liefern sollte, aber aus Sicht der EU gegen verschiedene Wettbewerbsregeln verstieß.

Die Turk Stream-Pipeline (auch "Turkish Stream" genannt) sollte ursprünglich mit vier Röhren eine Gesamtkapazität von 63 Mrd. Kubikmetern pro Jahr haben, von denen 14 Mrd. Kubikmeter für den türkischen Markt bestimmt waren, während die restlichen 49 Mrd. Kubikmeter über Griechenland nach Europa exportiert werden sollten. Gaslieferungen durch die erste Röhre mit einer Kapazität von 15,75 Mrd. Kubikmetern sollten bereits Ende 2016 beginnen.

Diese Terminsetzung ist sehr optimistisch, da das Projekt teuer und technisch anspruchsvoll ist. Zusätzlich müssten die europäischen Abnehmer den Bau einer Pipelineinfrastruktur ab der türkisch-griechischen Grenze selbst übernehmen. Die bisherige Infrastruktur ist unzureichend. Auf Druck der USA haben allerdings Serbien und Mazedonien ihre Teilnahme an dem Projekt abgesagt; sie wollen zudem ihre Gasversorgung diversifizieren und kein zusätzliches russisches Gas importieren. Ihr Ausscheiden als Abnehmerländer macht das Projekt unwahrscheinlicher, zumindest aber unwirtschaftlicher. Unterstützung für die Pipeline kam bisher lediglich aus Griechenland und Ungarn.

Der Baubeginn hat sich wiederholt verzögert. Obwohl die erste Röhre von Turk Stream vor Ende 2016 fertiggestellt werden sollte, wurde der Ausbau des internen russischen Pipelinenetzes zur Belieferung der Turk Stream-Pipeline auf Eis gelegt. Zudem wurde im Juli 2015 auch der Vertrag mit der für die Turk Stream-Pipeline beauftragten italienischen Pipelinebaufirma "Saipem" überraschend durch Gazprom aufgelöst.

In der von Gazprom vorgelegten Umweltverträglichkeitsprüfung spricht das Unternehmen im Juli 2015 auch nur noch von zwei Röhren mit einer Kapazität von jeweils 15,75 Mrd. Kubikmetern. Aus Unternehmenskreisen wurde verlautbart, dass die erste Röhre von Turk Stream auf jeden Fall gebaut werde. Dies wohl mit dem Ziel, zumindest die Versorgung des türkischen Marktes komplett unabhängig von der Ukraine betreiben zu können und/oder nach dem Scheitern des South Stream-Projekts das Gesicht zu wahren.

Im Oktober 2015 erklärte Gazprom offiziell, dass es nur noch beabsichtige zwei Röhren mit einer Gesamtkapazität von 32 Mrd. Kubikmeter zu bauen. Der Energieexperte Michail Kortschemkin behauptet allerdings, dass die Turk Stream-Pipeline nur ein Bluff sei, um Druck auf die Ukraine auszuüben. Dafür würde sprechen, dass Gazprom die Verträge mit dem Pipelinebauer Saipem annulliert hat und auch das heimische Pipelinenetz in Südrussland nicht weiter ausbaut.

Nord Stream

Der Ausbau der Nord Stream Pipeline um weitere Röhren wurde zu einem Zeitpunkt vorgeschlagen, als der Bau der Turk Stream Pipeline nach den Parlamentswahlen in der Türkei an Fahrt verloren hatte. Entsprechende Pläne existieren seit der Inbetriebnahme 2011, sie wurden aber noch im Januar 2015 wegen der schwierigen politischen Situation (Ukraine-Krise) und der gesunkenen europäischen Nachfrage nach russischem Gas auf Eis gelegt.

Im Juni 2015 gab Gazprom allerdings bekannt, dass es plant, zwei weitere Röhren für Nord Stream bauen zu wollen. Das würde die bisherige Kapazität von Nord Stream von 55 auf 110 Mrd. Kubikmeter verdoppeln. Die Fertigstellung der beiden Röhren ist für 2019 geplant. Dies ist eine überraschende Entscheidung, nachdem frühere Versuche des Unternehmens für einen Ausbau der Pipeline erfolglos verliefen. Es stellen sich mit Blick auf EU-Regulierungen rechtliche Fragen sowie ökonomische hinsichtlich des europäischen Gasbedarfs: Kann und will die EU so viel russisches Gas abnehmen?

Zudem war Nord Stream 2013 mit 27 Mrd. Kubikmetern nur zur Hälfte ausgelastet, da die weiterführenden Pipelines OPAL ("Ostsee-Pipeline-Anbindungsleitung" mit einer Kapazität von 36 Mrd. Kubikmetern pro Jahr) und NEL ("Nordeuropäische Erdgasleitung" mit einer Kapazität von 20 Mrd. Kubikmetern pro Jahr) in Deutschland der EU-Regelung für den Zugang dritter Lieferanten zu Pipelines unterliegen. Demnach müssen 50 % der Kapazität für Wettbewerber zur Verfügung gestellt werden. Als NEL im November 2013 in Betrieb genommen wurde, verbesserte sich die Nord Stream-Auslastung 2014 auf 36 Mrd. Kubikmeter.

Aber selbst bei vollständigem Zugang zur OPAL-Pipeline würde deren Kapazität bei der jetzt geplanten Kapazitätsverdopplung von Nord Stream nicht ausreichen. Vielmehr müsste das europäische (deutsche) Pipelinenetz ausgebaut werden, um das zusätzliche russische Gas aufzunehmen. Die EU aber will die Ukraine als Transitland erhalten. Es darf deshalb bezweifelt werden, dass die EU ihre Zugangsbeschränkungen speziell für Gazprom aussetzt und die zusätzlichen Infrastrukturprojekte genehmigt.

"Power of Siberia"-Pipeline nach China

Parallel zur Arbeit an den Problemen mit dem europäischen Absatzmarkt begann Gazprom seine Pläne für Exportpipelines nach China zu forcieren. Am 21.5.2014 unterzeichneten Russland und China nach langen Verhandlungen einen Gasliefervertrag: Ab 2018–2020 sollen über eine Laufzeit von 30 Jahren 38 Mrd. Kubikmeter russischen Erdgases pro Jahr nach China geliefert werden. Der vereinbarte Gaspreis liegt unter dem Preis, den Gazprom in Europa erzielt. Beschlossen wurde auch der Bau einer neuen Pipeline ("Power of Siberia", russ.: "Sila Sibiri").

Die 3.000 Kilometer lange Pipeline soll bis 2020 die zwei Erdgasfelder in Ostsibirien mit der russisch-chinesischen Grenze sowie mit dem geplanten Flüssiggas-Terminal in Wladiwostok verbinden. Die komplette Fertigstellung soll 2022 erfolgen. Die ersten Gaslieferungen sollen 2018 beginnen. Die Kapazität soll zu Beginn bei 5 Mrd. Kubikmetern liegen und sukzessive auf 38 Mrd. Kubikmeter erweitert werden. Die ersten Arbeiten wurden Anfang Juni 2015 begonnen.

China bestand auf dieser ostsibirischen Route, da damit die hochindustrialisierte chinesische Küstenregion besser bedient werden kann; es sprach sich gegen die seit Jahren mit Gazprom diskutierte Altai-Route nach Nordwestchina aus. Bisher gingen rund 97 % der russischen Erdgasexporte in die Türkei und nach Europa. Zusammen mit drei Flüssiggas-Projekten, die auch auf den asiatischen Markt ausgerichtet wären, könnten sich Russlands Gasexporte in diese Region 2020–25 auf rund 85 Mrd. Kubikmeter belaufen oder rund 27 % aller Gasexporte. Dies würde für Gazprom eine Diversifizierung der Absatzmärkte bedeuten, auch bezüglich der Förderstätten, die für die neue Pipeline nach China in Ostsibirien liegen.

Trotz der Diversifizierung kann die ostsibirische Route nicht gegen den europäischen Markt ausgespielt werden, da auch die entsprechenden Fördergebiete vollständig getrennt sind. Westsibirisches Erdgas kann nicht nach Asien umgeleitet werden, da die benötigte Pipelineinfrastruktur fehlt. Die Frage wird nun sein, ob Gazprom die Finanzkraft besitzt, die Infrastruktur in Ostsibirien zu bauen.

Altai-Pipeline

Im Mai 2015 ist zusätzlich ein Abkommen über den Bau einer westlichen Gaspipeline nach China durch das Altaigebirge unterzeichnet worden, die 2020 ihren Betrieb aufnehmen soll. Die Altai-Pipeline soll eine Kapazität von 30 Mrd. Kubikmetern pro Jahr haben, die durch eine zweite und dritte Röhre bis auf 100 Mrd. Kubikmeter erhöht werden könnte.

Die Produktion des Bowanenkowo-Gasfeldes auf der Jamal-Halbinsel, auf dem seit 2012 gefördert wird, das aber aufgrund mangelnder Nachfrage in Europa nicht ausgelastet ist, ist für den Export durch die Altai-Pipeline vorgesehen. Damit würde eine wirkliche Diversifizierung des Absatzmarktes erreicht, weil Erdgas, das bisher nur auf dem europäischen Markt verkauft werden konnte, nun auch in China vermarktet werden könnte. Allerdings sind die Mengen, die dem europäischen Markt "entzogen" werden könnten, auf absehbare Zeit recht gering. Im Oktober 2015 fehlte außerdem noch ein letztverbindliches Abkommen für die Altai-Pipeline.

Schlussfolgerungen

Erdgasexporte nach Europa sind nach wie vor die Haupteinnahmequelle für Gazprom. Von daher bemüht sich das Unternehmen auch weiterhin, sich von Transitländern unabhängig zu machen. Die Pipelineprojekte des Unternehmens sind dabei von strategischen Überlegungen geprägt und vernachlässigen wirtschaftliche, technische und rechtliche Aspekte oftmals.

Der geplante Ausbau der Nord Stream-Pipeline macht einen gleichzeitigen Ausbau des deutschen Pipelinenetzes erforderlich, um das Gas zum Abnehmer zu bringen. Bereits jetzt können vorhandene Kapazitäten aufgrund von EU-Regelungen nicht voll genutzt werden. Aufgrund der fehlenden Pipelineinfrastruktur auf dem Balkan ist die Turk Stream-Pipeline für eine Versorgung des europäischen Marktes keine sehr realistische Lösung; eine Versorgung der Türkei allein durch Unterwasserpipelines erscheint möglich, ist aber teuer.

Zumindest aber üben beide Pipelineprojekte Druck auf die Ukraine aus und stärkt Gazproms Verhandlungsposition. Das Unternehmen scheint in Zukunft auf kurzfristige Transitverträge mit der Ukraine zu setzen, die mit Hilfe der EU ausgehandelt und von ihr "garantiert" werden. Zudem ist der Anteil der Ukraine am Gastransit bereits zurückgegangen; nur noch rund 50 % der russischen Erdgasexporte nach Europa und in die Türkei fließen durch das Land. 1995 waren es 95 %, 2005 immerhin noch 75 %. Ein völliges Ausscheiden der Ukraine als Transitland ist aber nicht abzusehen.

Die Überlandpipelines nach China sind weniger problembeladen, auch wenn Gazprom große Investitionen tätigen muss und auf dem chinesischen Markt nur geringere Gewinne machen kann. Die Diversifizierung nach China könnte nur dann eine Bedrohung für die Marktmacht Europas als Abnehmer darstellen, wenn sie über die Altai-Pipeline erfolgt, was in ferner Zukunft liegt. Die Power of Siberia-Pipeline hingegen stellt keine Bedrohung dar, da über sie keine Gasmengen vom europäischen Markt umgeleitet werden können.

Lesetipps

Fussnoten

Dr. Andreas Heinrich ist Experte für die Energiepolitik in der ehemaligen Sowjetunion und arbeitete bis August 2015 an der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen. Er ist dort derzeit assoziierter Wissenschaftler im Rahmen des Forschungsprojektes "Auf dem Weg zu einer gemeinsamen europäischen Energiepolitik? Energiesicherheitsdebatten in Polen und Deutschland", das aus Mitteln der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung gefördert wird.