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Analyse: Herausfordernde Situation am Bankenmarkt, wachsender Einfluss "neuer" staatsnaher Kreditinstitute

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Analyse: Herausfordernde Situation am Bankenmarkt, wachsender Einfluss "neuer" staatsnaher Kreditinstitute

Gunter Deuber

/ 14 Minuten zu lesen

Der Bankenmarkt in Russland befindet sich derzeit in einer angespannten Lage. Die Rubelrefinanzierungskosten bleiben hoch, die Profitabilität sinkt, und die notleidenden Kredite nehmen massiv zu. Zudem sind internationale Geschäfts- und Refinanzierungsmöglichkeiten de facto für russische Banken weiter stark limitiert. In Kombination mit Druck durch die Notenbank zeichnet sich derzeit eine überfällige Konsolidierung in historischem Ausmaß ab.

Kunden vor verschiedenen Bankautomaten in einer russischen Großstadt. (© picture-alliance/dpa)

Konsolidierungsdruck im Bankensektor

Derzeit befindet sich der Bankensektor in Russland in einer sehr herausfordernden Situation. Die notleidenden Kredite steigen weiter an, dies besonders massiv im Privatkundengeschäft (hier beträgt der Anteil notleidender Kredite schon fast 10 % aller Kredite). Auf den gesamten Sektor gerechnet ist die Profitabilität bereits stärker gesunken als in der Krise von 2008/2009; anders gesagt: Der Bankensektor ist derzeit insgesamt kaum profitabel. Zudem ist der gesamtwirtschaftliche Ausblick deutlich schlechter als nach der Krise 2008/2009. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die letzten Wochen von einer innerrussischen öffentlichen Debatte um eine (vermeintliche) Krise im Bankensektor geprägt waren. Befeuert wurde diese Diskussion von German Gref, dem Vorstandsvorsitzenden der "Sberbank", der mit Abstand größten Bank im Lande, während die Notenbank, Regierungsvertreter und andere Branchenvertreter sich rasch beschwichtigend äußerten. Zeitgleich zu der öffentlichen Debatte um den Zustand der Banken im Allgemeinen zeichneten sich in den letzten Wochen zunehmend Probleme bei der staatlichen Entwicklungsbank ("Vnesheconombank", VEB) ab, die allerdings de jure keine Bank ist. Derzeit gibt es Planungen, die VEB substanziell mit staatlichen Mitteln zu stützen bzw. Teile ihrer Schulden zu verstaatlichen. Im Schnitt hat VEB seit 2007 etwa 2,7 Milliarden US-Dollar pro Jahr an Kapitalinjektionen durch den Staat gebraucht, doch die aktuell massiven Sorgen um eine ernste finanzielle Schieflage der Institution sind spiegelbildlich für die Lage im Banken- und Finanzsektor insgesamt.

Das aktuell herausfordernde wirtschaftliche und finanzielle Umfeld hat in den letzten 12–18 Monaten, trotz umfassender Stabilisierungsmaßnahmen für den Banken- und Finanzsektor durch den Staat und die Notenbank (vor allem durch Bereitstellung von US-Dollar-Liquidität durch die Notenbank, Rekapitalisierung von Banken mit Staatsgeldern, erleichterte Bilanzierungsstandards), zu einer erheblichen Zahl an Bankenschließungen geführt. Schon im Jahr 2014 mussten 89 Banken (von zu Jahresbeginn 923) schließen. Damit fand schon letztes Jahr eine der größten Marktbereinigungen der letzten Jahre statt. Bis zum Ende des 3. Quartals 2015 gab es weitere 60 Markaustritte; bis zum Jahresende könnten damit auch in diesem Jahr 70–90 Banken geschlossen werden und die Gesamtzahl der Kreditinstitute dürfte sich bald der Marke von etwa 750 annähern (Stand Ende September gemäß offiziellen Zahlen: 767). Die Anzahl der Bankenschließungen zeigt die Dimension der Konsolidierungserfordernisse im russischen Bankensektor deutlich. Es operieren in Russland eindeutig immer noch zu viele Banken, selbst wenn es vor fünf Jahren noch ca. 1.000 waren und vor zehn Jahren etwa 1.300. Ökonomisch betrachtet, also in Relation zur Wirtschaftskraft und im Vergleich mit relevanten Vergleichsländern gesehen, bräuchte es in Russland für eine sinnvolle und transparente Finanzintermediation (Zusammenführung von Ersparnissen und Investitionen) nur maximal 100–200 Banken. Daher könnten mittelfristig in den kommenden Jahren noch mehr als 400 bis 500 Banken (mit jeweils eher kleinen Marktanteilen) vom Markt verschwinden. Angesichts der skizzierten Herausforderungen und Konsolidierungserfordernisse mussten in den letzten zwei Jahren vor allem viele kleinere, aber zunehmend auch mittelgroße Kreditinstitute (also auch Institute die unter den 50–100 größten Banken des Landes rangieren) mit Hilfe größerer bzw. über bessere Refinanzierungsoptionen verfügender Banken aufgefangen werden. Die Notenbank führte als Lizenzentzugs- bzw. Schließungsgründe meist dubiose Transaktionen, gefälschte Jahresabschlüsse bzw. Finanzkennzahlen oder exzessive Kredit- bzw. Konzentrationsrisiken im Sinne von zu vielen Großkrediten an einzelne Personen bzw. Entitäten an. Teils wurden zur Bankenabwicklung und/oder –übernahme auch Mittel der staatlichen Einlagensicherung verwendet. Deren Mittel sind daher in den letzten 12–18 Monaten rapide abgesunken.

Der Konsolidierungsprozess im Bankensektor ist an sich sinnvoll. Denn ein Großteil der Banken, die aktuell unter wirtschaftlichen Druck geraten oder regulatorische Anforderungen nicht erfüllen können, hat kein über den Wirtschaftszyklus tragfähiges Geschäftsmodell oder kann angesichts einer beschränkten Geschäftstätigkeit keine sinnvollen Diversifizierungseffekte erzeugen. Die 2014 und 2015 geschlossenen Banken waren größtenteils keine Universalbanken, sondern auf einen begrenzten Unternehmenskundenkreis beschränkt, der oft in Nahverbindung zu dem Bankeigentümer (oder den Bankeneigentümern) steht (sogenannte "Oligarchenbanken"). Eine zurückgehende Bedeutung der "Oligarchenbanken" ist positiv für das Banken- und Finanzsystem in Russland; so wäre eine höhere Transparenz bei Zahlungsströmen in der russischen Wirtschaft möglich. In den letzten Monaten sind aber auch einige größere Banken – also nicht nur "Oligarchenbanken" – unter Druck geraten, Banken, die im letzten Zyklus zu stark in kurzfristig sehr profitablen, aber auch hochriskanten, Geschäftsfeldern (etwa dem Konsumentenkreditgeschäft) gewachsen sind. Der Konsumentenkreditboom in Russland war angesichts des sich schon vor der Ukraine-Krise abzeichnenden deutlichen Abschwungs der Realwirtschaft wenig nachhaltig. Insofern gilt zu betonen: Bei dem derzeit beschleunigten Konsolidierungsprozess geht es vor allem um eine Marktbereinigung im Sinne des Ausscheidens von weniger widerstandsfähigen Marktakteuren, und zwar in einem schwierigen Umfeld, und es geht nicht unbedingt um eine Reduzierung der Anzahl der Banken.

Notenbank setzt weiter auf tendenziell höhere Regulierungsstandards

Der skizzierte Prozess der Konsolidierung wird durchaus aktiv von der russischen Notenbank ("Bank Rossii", "Zentralnyj Bank Rossijskoj Federazii" – ZBRF) gefördert. Sie hat sich in den letzten Jahren als strenger (Allfinanz-)Regulator etabliert und hat auch Regulierungsschritte gesetzt, die nicht immer politisch beliebt gewesen sind. Zum Beispiel hat die Notenbank dem Konsumentenkreditboom, an dem im späteren Stadium auch die großen staatlichen und staatsnahen Banken beteiligt waren, 2013 bzw. 2014 einen Riegel vorgeschoben. Zudem hat die Notenbank schon lange auf eine Konsolidierung und Marktbereinigung im Bankensektor gedrängt und diese Zielsetzung durchaus auch mit regulatorischen Mitteln forciert. In diesem Kontext ist zu betonen, dass sich die ZBRF schon länger dem Ziel verschrieben hat, möglichst rasch und soweit wie möglich internationale Bankenregulierungsstandards (Basel  II/III) in Russland umzusetzen. Zudem hat die Notenbank auf Basis der Größe der Bilanz, der Einlagen sowie des Anteils am Interbankenmarkt 2015 eine Liste sogenannter systemrelevanter Banken erstellt – unter ihnen sind natürlich die großen staatlichen und staatsnahen Institute –, die erhöhten regulatorischen Anforderungen unterliegen. Diese zehn Banken, die für ca. 60 Prozent der Bankaktiva in Russland stehen, müssen sich in den kommenden Jahren (bis 2019) auf signifikant steigende Liquiditäts- und Eigenkapitalanforderungen einstellen.

Angesichts der aktuellen Situation im Bankensektor muss die Notenbank allerdings auch Abstriche machen bei ihrer Konsolidierungs- und Regulierungsagenda. So hat sie etwa in den letzten 12 Monaten weitgehende Ausnahmen bei der Bilanzierung eingeführt, um die offiziell publizierten Ergebnisse der Banken weniger schlecht aussehen zu lassen bzw. de facto die Zahl der Banken mit Liquiditäts- und/oder Kapitalproblemen nicht zu groß werden zu lassen. Diese Bilanzierungsausnahmen wurden nun im Herbst zunächst bis Jahresanfang 2016 verlängert. Zudem hat die Notenbank Russlands – entgegen dem derzeitigen internationalen Trend – angedeutet, dass sie die Eigenkapitalanforderungen vor allem für kleinere und mittelgroße Banken wenn nötig zunächst einmal deutlich absenken könnte (auf 4,5 und 8 Prozent von 5 und 10 Prozent für gewisse Eigenkapitalkategorien, d. h. Kern-Tier-1-Kapital und Gesamtkapital). Auch sind geplante Regulierungen bzw. Limite für Ausleihungen der Banken an verbundene Parteien bzw. Entitäten auf 2017 verschoben worden. Auch eine generelle Annäherung an die Basel-III-Regeln (für Jahresanfang 2016 vorgesehen) wird auf Grund von geäußerten Sorgen anderer staatlicher Stellen (Ministerien, Politiker) aufgeschoben. Die skizzierte besondere Regulierung der zehn größten Banken im Land – inklusive der Auslandsbanken – soll nicht aufgeschoben werden.

Steigende Bedeutung staatlicher und staatsnaher Banken

Insgesamt ist der aktuelle Konsolidierungs- und Bereinigungsprozess für die russische Volkswirtschaft nicht per se abträglich. Er wird allerdings überschattet von einem damit einhergehenden steigenden Einfluss der staatlichen und vor allem der staatsnahen Banken, von bereits hohem Niveau. In Russland sind die fünf größten Banken de jure oder de facto in Staatsbesitz. Von diesen fünf Kreditinstituten hat aber nur die Sberbank ein wirklich robustes und nachhaltiges Geschäftsmodell. Dies zeigt sich daran, dass andere Staatsbanken schon sehr schnell in 2014 bzw. 2015 in die Verlustzone gerutscht sind bzw. die staatlichen Banken tendenziell deutlich schlechter abschneiden als andere Wettbewerber (auch die großen Auslandsbanken). Zudem ist zu beachten, dass sich unter den zehn größten Banken des Landes de facto nur drei "reine" Privatbanken befinden, nämlich die russischen Töchterbanken der ausländischen Kreditinstitute "UniCredit", "Société Générale" und "Raiffeisen" (aus Italien, Frankreich und Österreich). Denn auch Marktspieler wie vor allem die zuletzt stark gewachsene "Otkrytije"-Finanzgruppe oder teils auch die "Alfa-Bank" (aus dem Umfeld des Oligarchen Michail Fridman) oder die "Promswjasbank" sind nicht mehr per se den Privatbanken zuzurechnen. Vor allem die "Otkrytije"-Finanzgruppe, die ein fast exponentielles Wachstum ihrer Bilanzsumme aufweist, hat in den letzten Jahren umfangreiche staatliche Unterstützung bekommen und damit dann einige kleinere und größere andere strauchelnde Banken übernommen. Gleiches gilt in Teilen (im Sinne der Unterstützung durch staatliches Nachrangkapital) auch für die Promswjasbank und die Alfa-Bankengruppe. Zudem zeigen alle drei Banken in vielerlei Dimensionen ein Nahverhältnis zu aktuellen Eliten oder unterstützen aktiv auch politische Agenden (sei es in der Geschäftspolitik oder im Sinne eines breiteren gesellschaftlichen Engagements). Die Otkrytije-Gruppe ist mittlerweile fast so groß wie die Gazprombank. Rechnet man zu dem Marktanteil der Staatsbanken im engeren Sinne den Anteil von "privaten" staatsnahen Banken dazu, erhöht sich der Anteil des Bankenmarktes unter staatlichem Einfluss von de jure derzeit ca. 50–60 Prozent (je nach Indikator, also ob Einlagen, Kredite oder Aktiva herangezogen werden) um fast zehn bis 15 Prozentpunkte auf de facto ca. 65–70 Prozent. Insofern gilt zu betonen, dass der derzeit steigende Einfluss staatlicher und staatsnaher Banken sehr differenziert zu bewerten ist. Hierbei zählen nicht nur die Aktivitäten der großen staatlichen Banken. Neben den großen Staatsbanken gibt es derzeit vor allem auch einen Trend steigender Marktanteile von kleineren, nicht von Sanktionen belegten und de jure privaten Kreditinstituten, die von direkter oder indirekter staatlicher Unterstützung und/oder engen Beziehungen zu hohen staatlichen Stellen profitieren. Die vier Banken Otkrytije, Promswjasbank, "Moskowskij kreditnyj bank" (MKB) und B&N Bank expandierten in den letzten 12–18 Monaten kräftig oder beteiligten sich aktiv an der Konsolidierung im Bankensektor. Die Expansion dieser Banken wurde vor allem auch durch staatliche Rekapitalisierungen und Notenbankrefinanzierung sowie die fehlenden Möglichkeiten der sanktionierten staatlichen Banken sowie der weniger expansionshungrigen Auslandsbanken begünstigt. Diese vier genannten russischen Banken waren quasi Lückenfüller für die bisherigen Staatsbanken, was daran deutlich wird, dass sie seit den Finanzsanktionen auch viele Geschäfte mit großen staatsnahen Firmen tätigen (z. B. mit Rosneft). Zudem kaufen die genannten Kreditinstitute derzeit weitere private Mitbewerber auf, was den de facto-Anteil der staatlichen und staatsnahen Banken in Russland auf absehbare Zeit weiter erhöhen wird.

In den kommenden Jahren wird der Einfluss der staatlichen und staatsnahen Banken im Trend wohl weiter ansteigen. Denn derzeit werden in Russland vorrangig "nur" noch Firmenkredite vergeben oder verlängert. Und dies ist ein Geschäftsfeld, in dem die großen de jure staatlichen oder de facto staatsnahen Banken sehr stark präsent sind. Zudem sind diese auch aufgefordert, mehr oder weniger deutlich wirtschaftspolitische Strategien der Importsubstitution zu fördern. Und die derzeit limitierten internationalen Geschäftsmöglichkeiten der großen staatlichen Banken können sogar als Katalysator für den Trend zu einer zunehmenden Ausweitung ihres Marktanteils in Russland wirken. Die großen staatlichen Banken Sberbank und VTB haben in den letzten Monaten angedeutet, ihre Aktivitäten in Europa und an den globalen Finanzzentren unter Beobachtung zu stellen bzw. hier eventuell selektiv zurückzubauen. Gerade diese Aktivitäten wurden in den letzten fünf bis sieben Jahren deutlich ausgebaut, teils auch durch aktive Akquisitionen. Zudem ist die Vnesheconombank (VEB), die in den letzten Jahren stark expandierte, in offiziellen Bankstatistiken nicht inkludiert, weil sie über keine offizielle Bankenlizenz verfügt und damit als Ganzes auch nicht den Bankensektor-Regularien unterliegt. Zwar kann nicht die gesamte Bilanzsumme der VEB direkt dem Staatsbankenanteil zugeordnet werden, da dies in gewissen Kategorien eine Doppelzählung bedeuten würde (so ist die VEB Eigentümerin einiger kleinerer Banken). Doch selbst bei einer differenzierten Betrachtungsweise der VEB-Aktiva kommt man auf einen Staatsanteil (inklusive de jure und de facto staatlicher bzw. staatsnaher Banken), der derzeit schon an die 70–75 Prozent erreicht, und der gemäß aktueller Trends in den kommenden zwei bis drei Jahren sogar noch weiter ansteigen könnte.

Rückzug der Auslandsbanken und brain drain-Effekte

Obwohl die größten ausländischen (Privat-)Banken in Russland (UniCredit, SocGen, Raiffeisen) angesichts der Dominanz der großen Staatsbanken vordergründig kleine Marktanteile haben (um die 8–9 %), sind sie dennoch von großer Relevanz für den russischen Bankenmarkt. Sie haben viele internationale Firmen mit Russlandgeschäft in ihrem Kundenkreis, sind wichtige Akteure auf dem russischen Interbankenmarkt und gehören zu der Kategorie der Banken mit einer sehr hohen Marktreputation (was sich an in der Regel eher niedrigen Zinsangeboten zeigt). Daher sind die russischen Töchter der drei großen in Russland tätigen westeuropäischen Banken auch auf der Liste der zehn systemwichtigen Banken in Russland. Damit sind sie auch Teil der verschärften Regulierung für die größten Banken des Landes. Derzeit ist noch nicht abzusehen, ob mit diesem Schritt auch indirekt eine Marktumstrukturierungsagenda verfolgt wird. Denn stark steigende Eigenkapitalanforderungen für systemrelevante Banken verändern auch die Rentabilitätskalkulationen für westliche Kreditinstitute in Russland und es bleibt abzuwarten, inwiefern die westlichen Konzernzentralen bereit sind, mehr Kapital in Russland zu halten. Bis dato gibt es, trotz leicht sinkender Marktanteile, allerdings noch keine Anzeichen für einen überdurchschnittlichen Rückbau auf dem russischen Markt durch die drei führenden westeuropäischen Auslandsbanken. Die drei führenden Auslandbanken in Russland können 2015 sogar auf ein deutlich besseres Russlandgeschäft zurückblicken als erwartet bzw. schneiden deutlich besser ab als der Gesamtmarkt. Im Bereich der Großfinanzierungen und des Kapitalmarktgeschäftes ist die Situation eine deutlich andere. Hier gab es bereits einige prominente Ankündigungen, die Russlandaktivitäten zurückzufahren. Die Deutsche Bank etwa wird ihr Kapitalmarktgeschäft in Russland substanziell zurückfahren und nur noch auf sehr selektiver und opportunistischer Basis Geschäfte mit Russland-Bezug aus ausländischen Finanzzentren heraus machen. Der Rückzug ist Teil größerer unternehmensstrategischer Überlegungen. Allerdings werden eben derzeit vor allem Geschäfte in Ländern zurückgefahren, wo der wirtschaftliche Ausblick weniger vielversprechend ist, das Marktumfeld herausfordernd ist und eventuell (wie im Falle Russlands) auch Probleme mit internationalen Rechts- bzw. Geldwäschevorschriften drohen. Der Rückzug einer der größten europäischen Investmentbanken aus Russland ist allerdings nicht nur durch solche Entwicklungen begründet. Denn die zunehmende Konkurrenz durch die staatlichen bzw. staatsnahen russischen Großbanken im heimischen Kapitalmarktgeschäft hat die Geschäftschancen für Auslandsbanken in diesem Geschäftsfeld erheblich eingeschränkt. So hat unlängst mit der "Royal Bank of Scotland" (RBS) eine weitere der international größten Investmentbanken (mit Umstrukturierungsagenda im eigenen Konzern) ihren fast Komplettrückzug aus Russland verkündet. Andere international wichtige Akteure wie die HSBC oder "Credit Suisse" fahren ihre im Vergleich zu den vorigen Beispielen eher weniger bedeutenden Geschäfte ebenfalls zurück und/oder verlieren zum Teil Schlüsselkräfte an den Staatssektor. Denn der Rückbau des Geschäfts bei ausländischen Banken und der Rückzug einiger Akteure führen dazu, dass qualifizierte Arbeitskräfte das Land verlassen oder zunehmend Tätigkeiten im staatlichen Sektor suchen. Einige zuvor bei internationalen Großbanken tätige Banker und Experten sind in den letzten Monaten in den öffentlichen Sektor gewechselt (etwa zur Notenbank oder in Ministerien).

Wettbewerbsverzerrung, Staatskapitalismus oder Systemlogik?

Der hohe Anteil der de jure und/oder de facto staatlichen Banken führt zu gewissen Wettbewerbsverzerrungen, etwa in Bezug auf die Möglichkeit, staatliche Förder- oder Refinanzierungsgelder zu erlangen. Zudem unterliegen nicht alle Kreditentscheidungen damit jederzeit einem rein ökonomischen Kalkül. Letzteres erklärt, warum staatliche und staatsnahe Banken (hier inkl. VEB) in den letzten Jahren und Monaten oft überproportional von prominenten Insolvenzfällen betroffen waren (z. B. "Mechel" oder "Transaero"). Die Staatsnähe bringt zudem weitere Bürden: Die staatsnahen Banken müssen auch politische Ziele – wie etwa aktuell die Importsubstitution – in ihrer Kreditvergabe- und Geschäftspolitik berücksichtigen und erhebliche Summen, wenn auch teils in intransparenter Weise, für Sponsoring oder weitere Charity-Aktivitäten aufwenden. Damit sind die großen Staatsbanken ein wichtiger Teil der staatskapitalistischen Orientierung der russischen Volkswirtschaft – auch unter teils noch eher "marktorientierten" Gesichtspunkten. Die Volkswirtschaft Russland ist von einer extremen Konzentration von Unternehmen in wichtigen Sektoren gekennzeichnet. Dadurch entstehen auch im Bankgeschäft erhebliche Konzentrationsrisiken, die gegebenenfalls für ein rein nach privatwirtschaftlich-ökonomischem funktionierendes Kalkül für Großbanken kaum zu tragen wären. Und da die Volkswirtschaft Russland in den letzten Jahren im Trend eher von einer de jure- und de facto-Ausweitung des Staatsanteils am Wirtschaftsleben gekennzeichnet war, ist der zunehmende staatliche Einfluss auch im Bankensektor eine logische Konsequenz. Der aktuell skizzierte Trend eines Einsatzes von Akteuren abseits der ganz großen Staatsbanken ist eher nur eine besondere Spielart angesichts aktueller faktischer Restriktionen bei den großen Kreditinstituten. Wobei es hier zudem noch einen gewissen Bezug zu einer laufenden und/oder anstehenden Umverteilung von Vermögenswerten geben kann.

Sorgen um "versteckte Agenda" im Bankensektor nehmen zu

Der sich in den letzten Jahren abzeichnende Trend zum steigenden Einfluss von de jure und vor allem de facto staatsnahen Banken nährt zunehmend Sorgen, dass sich im Bankensektor derzeit Entwicklungen vollziehen, wie man sie in anderen Wirtschaftssektoren in der letzten Dekade auch schon gesehen hat. Sprich: Der Staat verschafft sich zunehmend wieder direkten und indirekten Einfluss in einem Wirtschaftssektor, der (noch) zu verteilende Profite verspricht. In diesem Kontext gilt zu betonen, dass der russische Bankensektor aus internationaler Perspektive in den letzten Jahren sehr profitabel war und gerade auch führende Auslandsbanken hier kontinuierlich hohe Gewinne – auch unter aktuell sehr herausfordernden Bedingungen – erzielen. Der zunehmende Fokus auf die Aktivitäten der großen Auslandsbanken im Rahmen des Monitoring der zehn systemwichtigen Banken ist in diesem Kontext als zweischneidiges Schwert zu sehen. Einerseits steht dieses erhöhte Monitoring systemischer Großbanken eines Landes im Einklang mit international üblichen Praktiken, andererseits ist nicht ganz klar ob so im Kontext Russlands auch indirekt verstärkt aktiver Einfluss ausgeübt werden soll oder gegebenenfalls ein gewisses, beispielsweise "patriotisches" Verhalten – etwa in schwierigen Marktphasen – verlangt wird. Des Weiteren ist auffällig, dass in den letzten 12–18 Monaten von den aufstrebenden großen "Privatbanken" mit Staatsnähe einige mittelgroße Banken übernommen bzw. abgewickelt wurden, weil deren Kapitaleigentümer aus wichtigen Industriebereichen (Einzelpersonen oder Firmen) nicht mehr das nötige Kapital zuschießen konnten oder wollten. So gelangten bisher private Vermögenswerte zum Teil an staatsnahe Institute was die Sorge um eine gewisse Vermögenswertumverteilung bzw. –konzentration nährt. Zudem werden so einige Akteure ihres bisherigen direkten Zugangs zum Bank- und Finanzwesen, der eben auch sogenannte "Offshoring-Praktiken" begünstigt, beraubt. Sollte dies unter dem Gesichtspunkt einer angestrebten höheren Transparenz passieren, wäre dies positiv zu bewerten. Negativer wäre es zu interpretieren, wenn es hier um die Verschaffung von Vorteilen für Personen und Firmen geht, die weiter direkten Zugang zum Bank- und Finanzwesen haben, während andere davon ausgeschlossen werden.

Fazit

Die Schwäche der heimischen Wirtschaft zeigt sich derzeit an einem herausfordernden Umfeld für Banken in Russland. Die damit einhergehende und zu erwartende Konsolidierung und Strukturbereinigung im Bankensektor wird überlagert von einer nur im spezifischen Kontext Russlands zu verstehenden Expansion vermeintlich "privater" Banken, während die großen Staatsbanken wegen vielerlei praktischer Restriktionen ihre Marktanteile konstant halten und sich ausländische Banken vorsichtig zeigen oder sogar zurückziehen (die großen Auslandsbanken mit Russlandgeschäft vor Ort sind sehr vorsichtig im Neugeschäft, internationale Investment- und Großhandelsbanken ziehen sich teils fast komplett aus dem russischen Markt zurück). Da die derzeit sehr stark expandierenden "privaten" Kreditinstitute über spezifische Nahverbindungen in die Politik verfügen, sind die derzeitigen Markttrends kritisch zu bewerten. Einerseits steigt so der de facto Marktanteil des Staates im Bankensektor weiter an, andererseits geht damit eine gewisse Umverteilung innerhalb der russischen Eliten einher bzw. es werden mehr Vermögenswerte in einem immer kleineren Kreis konzentriert.

Fussnoten

Gunter Deuber leitet in Wien die volkswirtschaftliche Osteuropaanalyse bei der Raiffeisen Bank International AG, einer der größten in Russland tätigen Auslandsbanken. Der vorliegende Beitrag repräsentiert die persönliche Auffassung des Autors und nicht notwendigerweise die der Raiffeisen Bank International.