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Analyse: Das Russlandbild der Deutschen und die Grenzen der Propagandawirkung

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Analyse: Das Russlandbild der Deutschen und die Grenzen der Propagandawirkung

Thomas Petersen

/ 8 Minuten zu lesen

Die Kommentarspalten großer Nachrichtenmedien im Internet vermitteln den Eindruck, die russische Lesart der Ukraine-Krise erfahre viel Zustimmung. Doch dieser Eindruck täuscht. Umfragen des Allensbach-Instituts zeigen, dass die Deutschen Russland als den Hauptaggressor in der Ukraine ansehen - Putins Ansehen ist heute schlechter als das der sowjetischen Staats- und Parteichefs auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges.

Ein Panzer nahe Luhansk im Oktober 2015: Insbesondere bei der Ukrainekrise zeige sich, dass die russische Auslegung des Zeitgeschehens in Deutschland nur sehr bedingt angenommen wird. Die Mehrheit der Deutschen sieht in Russland den Hauptagressor. (© picture-alliance)

Bilder in den Köpfen

Eines der bisher noch wenig untersuchten Phänomene moderner Massenmedien ist die Neigung, sich immer stärker auf immer weniger Nachrichten zu konzentrieren. In der ersten Hälfte des Jahres 2015 schien es kaum noch ein anderes Thema zu geben als die Finanzkrise in Griechenland: In der Zeit vom 20. Mai bis zum 20. Juli fand sich in 78 Prozent aller Ausgaben der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" eine Schlagzeile zu diesem Thema auf der Titelseite, in jeder zweiten Ausgabe war es sogar der Gegenstand der Hauptschlagzeile. Ab dem Sommer wurde dieses Thema dann von der Flüchtlingskrise abgelöst, die seitdem die Berichterstattung dominiert. Der Krieg in der Ukraine ist darüber weitgehend aus dem Fokus der Medien und damit auch aus dem der Bevölkerung verschwunden.

Doch es lohnt sich, die Ukraine-Krise nicht ganz aus den Augen zu verlieren, nicht nur wegen ihrer geopolitischen Bedeutung, sondern auch, weil sie, fast wie im Lehrbuch, die Mechanismen politischer Propaganda illustriert, die der amerikanische Journalist Walter Lippmann schon vor rund hundert Jahren entdeckte und im Jahr 1922 in seinem Buch "Öffentliche Meinung" (Orig.: "Public Opinion") beschrieb. Man kann dieses Buch mit Fug und Recht als ein Jahrhundertwerk bezeichnen. Als Kriegsberichterstatter im Ersten Weltkrieg und Berater des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson hatte Lippmann Zugang zu Informationen über den Kriegsverlauf, über die die Bevölkerung nicht verfügte, und stellte fest, wie sehr die Wirklichkeitswahrnehmung der Bürger von der Zeitungsberichterstattung verzerrt wurde.

Die Kriegsnachrichten wurden durch die Propaganda gefiltert und verfälscht und durch die Journalisten dann unvermeidlicherweise grob vereinfacht weitergegeben, was von den Zeitungslesern wiederum grob vereinfacht aufgenommen wurde. Die "Bilder in den Köpfen" der Leser, wie Lippmann es nannte, hatten schließlich nicht mehr viel mit der Wirklichkeit gemeinsam. Doch eben diese Bilder, nicht die tatsächlichen Ereignisse, bestimmten das Handeln der Menschen.

Internetforen und öffentliche Meinung

Lippmanns Buch ist so etwas wie das Gründungsdokument der modernen Kommunikationsforschung, und obwohl es vor mehr als 90 Jahren veröffentlicht wurde, ist es erstaunlich aktuell, denn auch heute kann man erleben, wie mit Hilfe staatlicher Propaganda versucht wird, Bilder in den Köpfen der Bürger zu erzeugen, die mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben: Wer die Berichterstattung der staatlich gelenkten russischen Medien über die Annexion der Krim und den Krieg in der Ostukraine verfolgt, dem wird eine ganz andere Geschichte präsentiert als dem Nutzer freier, unabhängiger Medien. Demnach habe sich in der Ukraine eine faschistische Regierung an die Macht geputscht, die Gräueltaten an der russischstämmigen Bevölkerung begangen habe, so dass Russland habe einzugreifen müssen, um diese Menschen zu schützen. Hinter dem "Putsch" stünden die Vereinigten Staaten und die NATO, die Russland einkreisen und letztlich vernichten wollten.

Betrachtet man die Kommentarspalten der Internetausgaben deutscher Massenmedien, kann man den Eindruck gewinnen, dass diese Geschichte auch von der deutschen Bevölkerung geglaubt wird. Jedenfalls sind dort nicht selten die Beiträge in der Überzahl, die die Erzählung von der Verschwörung des Westens gegen Russland in immer neuen phantasievollen Varianten durchdeklinieren. Doch wer glaubt, dass solche Kommentare das Meinungsbild der Bevölkerung korrekt widerspiegeln, irrt. Dies zeigen die Ergebnisse einer Repräsentativumfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem vergangenen Jahr.

Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine in der Allensbach-Umfrage

Ein Beispiel dafür sind die Antworten auf die Frage "Wer trägt Ihrer Meinung nach die Hauptschuld an dem Konflikt in der Ukraine: Die ukrainische Regierung, die Separatisten in der Ostukraine, Russland, die USA oder wer sonst?" Dabei konnten die Befragten auch mehrere Hauptschuldige benennen. 55 Prozent antworteten auf die Frage, ihrer Ansicht nach sei Russland ein Hauptschuldiger an dem Konflikt, an zweiter Stelle, genannt von 34 Prozent, folgten die Separatisten. Dagegen machten nur 20 Prozent die Ukraine für die Lage verantwortlich. Den Vereinigten Staaten gaben 17 Prozent die Schuld an dem Konflikt, der Europäischen Union 6 Prozent.

Die Mehrheit der Deutschen sieht Russland dabei nicht nur in der Rolle eines Schuldigen, sondern auch in der des aktiven Aggressors. In einer sogenannten Dialogfrage wurden zwei Meinungen über die russische Politik gegenübergestellt: Die Interviewer überreichten dazu ein Bildblatt, das zwei Personen im Schattenriss zeigte. Jeder Figur war, wie in einem Comic, eine Sprechblase zugeordnet. Die erste Person sagte: "Russland will mit seiner Politik meiner Meinung nach seinen Einfluss auf der Welt ausdehnen. Russland will vor allem seinen Machtbereich erweitern." Die Gegenposition dazu lautete: "Russland will im Grund nichts anderes, als die Position behalten, die es jetzt hat. Russland verteidigt nur seinen Einfluss in Osteuropa." 55 Prozent der Befragten entschieden sich für das erste, lediglich 30 Prozent für das zweite Argument. Die Geschichte, wonach Russland in der Ukraine lediglich seine legitimen Interessen verteidigt, hat für die Deutschen anscheinend wenig Glaubwürdigkeit.

Dies zeigt sich auch bei einer Frage, bei der verschiedene Aussagen vorgelegt wurden, die in der öffentlichen Diskussion über die Ukraine-Krise zu hören waren. Die Befragten wurden gebeten anzugeben, welchen der Aussagen sie zustimmen würden. Fast zwei Drittel, 64 Prozent, wählten daraufhin die Aussage "Russland unterstützt die Separatisten in der Ostukraine mit Ausrüstung und Waffen". An zweiter Stelle folgte der Punkt "Russland versucht, die Ostukraine zu erobern." Ebenfalls eine Mehrheit von 51 Prozent sagte, den Konflikt in der Ostukraine gebe es nur, weil der russische Präsident Putin es so wolle. Immerhin 42 Prozent vermuteten darüber hinaus, dass Russland künftig versuchen werde, auch in anderen postsowjetischen Ländern Gebiete zurückzuerobern.

Dagegen fanden die Kernaussagen der russischen Variante der Ereignisse nur die Zustimmung einer vergleichsweise kleinen Minderheit der Deutschen: 20 Prozent schlossen sich der These "Die jetzige ukrainische Regierung ist durch einen Putsch an die Macht gekommen" an, ebenfalls 20 Prozent glaubten, der Konflikt in der Ostukraine sei erst eskaliert, als die westlichen Länder sich eingemischt hätten. Dass Russland die Menschen in der Ostukraine vor der Unterdrückung durch die ukrainische Regierung beschützt, glaubten nur 7 Prozent.



Dabei gab es bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Anhängerschaften der verschiedenen Parteien. Während nur 6 Prozent der CDU/CSU-Wähler und jeweils 3 Prozent der Wähler von SPD und Grünen die Ansicht vertraten, dass Russland in der Ostukraine die Menschen vor Unterdrückung schütze, waren es unter den Wählern der Linken 20, unter denen der AfD immerhin noch 15 Prozent. Offensichtlich fällt die russische Propaganda bei den Anhängern dieser beiden Parteien auf etwas fruchtbareren Boden als bei der übrigen Bevölkerung.

Das Ansehen des russischen Präsidenten

Angesichts dieser Situation ist es nur folgerichtig, dass sich das Ansehen des russischen Präsidenten bei der deutschen Bevölkerung inzwischen auf einem Niveau bewegt, das kaum noch unterboten werden kann. Auf die Frage "Haben Sie von Wladimir Putin alles in allem eine gute oder keine gute Meinung?" antworteten im Jahr 2001 43 Prozent, sie hätten von ihm eine gute Meinung. 2015 lag der Wert bei 8 Prozent. 66 Prozent gaben zu Protokoll, dass sie von Putin keine gute Meinung haben.



Derart negative Beurteilungen ausländischer Politiker sind außerordentlich selten. Lediglich der bei den Deutschen äußerst unbeliebte amerikanische Präsident George W. Bush hatte im vergangenen Jahrzehnt ähnlich schlechte Popularitätswerte. Selbst die sowjetischen Parteichefs in den Jahren des Kalten Krieges wurden meist noch positiver beurteilt: Putin ist in Deutschland heute noch weniger populär als Chruschtschow unmittelbar nach dem Berlin-Ultimatum im Jahr 1958.



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Das deutsch-russische Verhältnis und Russlands Rolle in der Welt

Über den Zustand des deutsch-russischen Verhältnisses macht sich die Bevölkerung keine Illusionen. Im Jahr 2007 hatten noch 67 Prozent der Deutschen die Beziehungen zwischen den beiden Ländern als "sehr gut" oder "gut" bezeichnet, 2015 waren es gerade noch 8 Prozent. 88 Prozent meinten dagegen, sie seien "weniger gut" oder "gar nicht gut". Und auf die Frage "Glauben Sie, dass Russland und Deutschland auf Dauer ein gutes Verhältnis haben werden, oder glauben Sie das nicht?" antworteten im März 2015 27 Prozent, sie glaubten daran. Im Mai 2004 waren dagegen 65 Prozent dieser Ansicht, im September 2008 immerhin noch 45 Prozent.

Das sichtliche Bemühen des russischen Präsidenten, nach außen den Eindruck von Stärke zu vermitteln, hat bei den Deutschen durchaus Eindruck hinterlassen. Auf die Frage "Ist Russland heute noch eine Weltmacht, oder kann man Russland nicht mehr als Weltmacht bezeichnen?" antworteten im Frühjahr 2015 67 Prozent der Deutschen, ihrer Ansicht nach sei Russland eine Weltmacht. Allerdings gaben bereits im Jahr 2008 ebenfalls 67 Prozent diese Antwort. Vier Jahre zuvor waren es dagegen nur 38 Prozent gewesen. Dass Russland heute von den meisten Deutschen als Weltmacht wahrgenommen wird, ist also mehr auf die Politik Putins im vergangenen Jahrzehnt zurückzuführen als auf sein Verhalten in der aktuellen Ukraine-Krise.



Die Feststellung, dass Russland eine Weltmacht sei, ist für viele Deutsche darüber hinaus nicht gleichbedeutend mit der Annahme, dass Russland auch in jeder Hinsicht ein starkes und stabiles Land sei. Untersucht man das Russlandbild der Deutschen etwas detaillierter, erkennt man, dass in der Zeit von 2008 bis 2015 zwar der Anteil derjenigen, die sagten, Russland spiele in der Weltpolitik eine wichtige Rolle, von 72 auf 82 zunahm, doch noch deutlicher ist die Zunahme bei den Aussagen "Der Wirtschaft geht es schlecht" (von 36 auf 57 Prozent) und "Die politische Lage ist unsicher, nicht stabil" (von 47 auf 64 Prozent). Es drängt sich das Bild eines Kolosses auf tönernen Füßen auf. Dass Russland ein ordnungsstiftender, stabilisierender Faktor in Europa sein könnte, scheinen nur noch wenige zu glauben. Der Anteil derjenigen, die sagen, Russland sei ein Land, von dem Gefahr ausgeht, ist in der gleichen Zeit jedenfalls von 36 auf 64 Prozent gestiegen.

Die Rolle der NATO in Umfragen

Es sind auch keine Anzeichen dafür erkennbar, dass die Deutschen sich angesichts der Unsicherheit im Osten des Kontinents vom atlantischen Bündnis abwenden. Im Gegenteil: Auf die Frage, mit welchen Mitteln Deutschland am besten für seine Sicherheit sorgen könne, nannten im September 2014 71 Prozent die NATO. Drei Jahre zuvor waren es noch 59 Prozent gewesen. In den Jahren zuvor hatte es durchaus gewisse Hinweise darauf gegeben, dass die Deutschen weniger Wert als zuvor auf den Zusammenhalt des Westens legten, doch im Licht der aktuellen russischen Politik besinnen sich die Deutschen zunehmend auf die Sicherheit, die die Einbindung in die westliche Staatengemeinschaft bietet.



Alles in allem erkennt man an den Umfrageergebnissen die Grenzen der Möglichkeiten politischer Propaganda. Lippmann hat eindrucksvoll beschrieben, wie sie die "Bilder in den Köpfen" formen kann, doch nicht jedes angebotene Bild wird akzeptiert. Die Erzählung vom "faschistischen Putsch" in Kiew mag in Russland große Überzeugungskraft entfalten. In Deutschland dagegen, wo sie sich dem Wettbewerb mit anderen Versionen der Geschichte stellen muss, hat sie bisher nur wenigen Menschen den Kopf verdrehen können.

Lesetipps

  • Lippmann, Walter: Die öffentliche Meinung (= Bochumer Studien zur Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Band 63), Bochum: Brockmeyer 1990 (Reprint v. 1964).

  • Petersen, Thomas: Schwindende Grundlagen der Akzeptanz einer gemeinsamen europäischen Verteidigungs­politik. In: Gerd F. Kaldrack, Hans-Gert Pöttering (Hrsg.): Eine einsatzfähige Armee für Europa. Die Zukunft der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik nach Lissabon, Baden-Baden: Nomos 2011, S. 300–313.

  • Petersen, Thomas: Öffentliche Meinung. In: Werner Weidenfeld, Wolfgang Wessels (Hrsg.): Jahrbuch der Europäischen Integration 2015, Baden-Baden: Nomos 2015, S. 377–387.

  • Petersen, Thomas: Zum Westen nichts Neues. In: Ulrike Ackermann (Hrsg.): Freiheitsindex Deutschland 2015 des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung, Frankfurt am Main: Humanities Online 2015, S. 57–77.

Fussnoten

Dr. Thomas Petersen (geb. 1968) studierte 1987 bis 1992 an der Universität Mainz Publizistik, Alte Geschichte und Vor- und Frühgeschichte. 1990 bis 1992 arbeitete er als Journalist beim Südwestfunk in Mainz. Seit 1993 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Demoskopie Allensbach, seit 1999 Projektleiter. Seit 1995/1996 übernahm er Lehraufträge an verschiedenen Universitäten, 2007/2008 eine Vertretung der Professur für methodische und historische Grundlagen der Politikwissenschaft an der Universität Hamburg. Er ist Past Präsident der World Association for Public Opinion Research (WAPOR).

Seine Forschungsschwerpunktesind Methoden der Demoskopie, Feldexperimente, Visuelle Kommunikation, Politische Kommunikation, Wahlforschung, Markt- und Sozialforschung, Theorie der öffentlichen Meinung.