Meine Merkliste

Notizen aus Moskau: Nach Putin

Russland-Analysen Memorial (16.12.2021) Von der Redaktion: Frohes Fest! Dokumentation: Friedensnobelpreisrede von Dmitrij Muratow dekoder: Memorial Dokumentation: Anträge der Staatsanwaltschaften Interview: Irina Scherbakowa Interview: Swetlana Gannuschkina Kommentar: Die Büchse der Pandora Dokumentation: Der Menschenrechtsrat ist besorgt Dokumentation: Kommentar von Wladimir Putin zu Memorial Kommentar: Wendejahre Kommentar: Angriff des Kreml auf Memorial Kommentar: "Der Westen" als Gefahr für Russlands innere Sicherheit Kommentar: Déjà-vu Kommentar: Memorial als geschichtswissenschaftlicher Akteur Kommentar: Ein Refugium der Freiheit wird zerstört Kommentar: Die Instrumente des Europarats Kommentar: Memorial im Nordkaukasus Kommentar: Einsatz für Religions- und Gewissensfreiheit Kommentar: Ist das russische "Ausländische-Agenten"-Gesetz reformierbar? dekoder: Schlag gegen Deutschland Notizen aus Moskau: Memorial und die Hoffnung Dokumentation: Fokus Memorial der Zeitschrift OSTEUROPA Dokumentation: Stellungnahmen zur drohenden Auflösung von Memorial Chronik: Covid-19-Chronik, 16. November – 03. Dezember 2021 Chronik: 15. November – 03. Dezember 2021 Erdgashandel (24.11.2021) Analyse: Der deutsch-russische Erdgashandel. Chronik: Covid-19-Chronik, 01. – 13. November 2021 Chronik: 01. – 12. November 2021 Sozialverantwortung und Klima in der Landwirtschaft (10.11.2021) Analyse: Landwirtschaftliche Betriebe in Russland für unternehmerische Sozialverantwortung Analyse: Wird die russische Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren? Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Oktober 2021 Chronik: 11. – 29. Oktober 2021 Duma- und Regionalwahlen (01.10.2021) Analyse: Die Dumawahlen 2021 und das zunehmend hegemonial-autoritäre Regime in Russland Analyse: Alexej Nawalnyj, "Smart Voting" und die Wahlen zur russischen Staatsduma 2021 Kommentar: Wahlen in der "Protestregion" Chabarowsk in Online- und sozialen Medien dekoder: Die Evolution der Duma Notizen aus Moskau: Wird (all)es nach den Wahlen wieder besser? Chronik: Covid-19-Chronik, 13. – 26. September 2021 Chronik: 13. – 26. September 2021 Wirtschaftliche Schocks (24.06.2021) Analyse: Die Wirtschaft der "Festung Russland" Analyse: Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Corona-Krise  Chronik: Covid-19-Chronik, 03. – 30. Mai 2021 Chronik: 17. Mai – 10. Juni 2021 Arktis (31.07.2021) Editorial: Sommerpause, на дачу Analyse: Arktische Visionen: Die sowjetische Expansion nach Norden Analyse: Russlands Arktis-Strategie bis 2035 – Große Pläne und ihre Grenzen Analyse: Der russische Vorsitz im Arktischen Rat: Prioritäten und Implikationen für den Hohen Norden Russlands Kommentar: Russlands arktischer Balanceakt Dokumentation: Russland und die Arktis: Eine Auswahl aktueller Publikationen Chronik: Covid-19-Chronik, 14. Juni – 17. Juli 2021 Chronik: 16. Juni – 18. Juli 2021 Duma-Wahlen/Repressionen (08.06.2021) Kommentar: Duma-Wahlen 2021 Kommentar: Informationskriege, Oppositionskoordination und die Dumawahl im Jahr 2021 Kommentar: Wird das Putin-Regime überleben? Kommentar: Vorbereitung auf die Parlamentswahlen 2021 Kommentar: Elektronische Stimmabgabe Kommentar: Bedingungen der Wahlbeobachtung Kommentar: Die wirtschaftlichen Folgen autoritärer Politik Kommentar: Michail Mischustin als ambitionierter "Systemadministrator" des Putinismus Kommentar: Bürger:innen und der starke Mann: Erwachen, soziale Klassen und sozialer Niedergang in Russlands Autokratie Kommentar: Fear and Loathing in Russia: Repressionen als Herrschaftsinstrument des Kremls Kommentar: Ausländische-Agenten-Gesetz vor der Duma-Wahl 2021 ausgeweitet Kommentar: Schrumpfende Freiräume für Russlands Medien Kommentar: Russland drosselte Twitter, um Inhalte zu zensieren dekoder: "Hätten wir eine andere Wahl gehabt? Nein." Dokumentation: Repressive Gesetze, die von Wladimir Putin am 30. Dezember 2020 unterzeichnet wurden Dokumentation: April-Chronik der Repressionen: Der Journalist Ilja Asar hat Buch geführt Umfragen: "Haben Sie Angst vor…?" Umfrageergebnisse des Lewada-Zentrums Dokumentation: Hat der Protest einen Anführer? Wie stehen die Protestierenden zu Nawalnyj? Dokumentation: Russische Online-Zeitung Meduza kämpft ums Überleben Dokumentation: Amnesty International: Die Polizei identifiziert friedliche Demonstrierende mit Gesichtserkennungstechnologie Dokumentation: Human Rights Watch: Der Fall des Menschenrechtsanwalts Iwan Pawlow und neue repressive Gesetze Dokumentation: Stellungnahmen zum Beschluss der russischen Generalstaatsanwaltschaft, deutsche Nichtregierungsorganisationen als in Russland unerwünschte Organisationen zu erklären Chronik: 3. – 14. Mai 2021 Atomenergie / Die Botschaft des Präsidenten (14.05.2021) Analyse: Zum 35. Jahrestag von Tschernobyl Analyse: Russische Reaktoren und russischer Atommüll Analyse: Putins Botschaft an die Föderalversammlung dekoder: Warum Putin dem Volk nichts mehr zu sagen hat Chronik: Covid-19-Chronik, 12. April – 02. Mai 2021 Chronik: 13. April – 01. Mai 2021 60 Jahre Gagarin: Raumfahrt / Das russische Strafvollzugssystem (19.04.2021) dekoder: Juri Gagarin dekoder: Raumfahrtprogramm der UdSSR Analyse: Russland im Weltraum: Die 2020er Jahre Analyse: Russlands internationale Raumfahrtstrategie Analyse: Das Strafvollzugssystem der Russischen Föderation Chronik: Covid-19-Chronik, 15. März – 11. April 2021 Chronik: 17. März – 09. April 2021 Übersterblichkeit (27.03.2021) Analyse: Die Übersterblichkeit macht den wahren Opferzoll deutlich Analyse: Russlands Geografie und die Ausbreitung von Covid-19 Analyse: Die Pandemie in Russlands Föderationssubjekten: Gründe für die unterschiedliche Mortalität dekoder: "Die russische Propaganda hat sich selbst besiegt" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. März 2021 Chronik: 1. – 10. März 2021 Stadtentwicklung/Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen (09.03.2021) Analyse: Ausdehnung des Moskauer Wohnraumsanierungsprogramms Analyse: Urbaner Aktivismus in Russland dekoder: Das Moskau-Experiment Dokumentation: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Chronik: Covid-19-Chronik, 15. – 28. Februar 2021 Chronik: 16. – 27. Februar 2021 Digitale Diplomatie (19.02.2021) Analyse: Russlands digitale Diplomatie Analyse: Mittel und Zweck von Public Diplomacy Kommentar: Zusammenarbeit chinesischer und russischer Medien dekoder: "Schau mich gefälligst an!" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. Februar 2021 Chronik: 1. – 14. Februar 2021 Söldner im Dienst von Russland / Elite-Ranking 2020 / Proteste nach Nawalnyjs Rückkehr (08.02.2021) Söldner im Dienst autoritärer Staaten Analyse: Russische PMCs im Nahen Osten und Afrika Kommentar: Die "Wagner-Affäre" in Belarus und ihre Folgen Kommentar: Geopolitik, Waffen, Erdöl: Was Russlands Präsenz in Venezuela bedingt Karte: Söldner im Dienst von Russland Ranking: Das Elite-Ranking der "Nesawisimaja gaseta" Ranking: Die politische Elite im Jahre 2020: Regierungswechsel, Covid-19-Pandemie und Verfassungsreform dekoder: Russlandweite Proteste – wie nervös macht Nawalny den Kreml? dekoder: Nawalnys Schlusswort: "Einen einsperren, um Millionen einzuschüchtern" Notizen aus Moskau: Von 2011 zu 2021. Zehn Jahre danach. Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Januar 2021 Chronik: 11. – 31. Januar 2021 Visadialog zwischen der EU und Russland (21.01.2021) Analyse: Die Visumpflicht in den EU-Russland Beziehungen Analyse: Perspektiven des Visa-Dialogs zwischen der EU und Russland Kommentar: Visafreiheit für russische Jugendliche Kommentar: Illegale Passportisierungspolitik im Donbas Kommentar: Mit Visafreiheit Brücken in Krisenzeiten schlagen dekoder: Arbeitsmigration in Russland Chronik: Covid-19-Chronik, 30. November 2020 – 10. Januar 2021 Chronik: 3. Dezember 2020 – 9. Januar 2021 Die deutsch-russischen Beziehungen nach den Wahlen (15.10.2021) Analyse: Die Bundestagswahl und die deutsch-russischen Beziehungen Analyse: Chancen für eine neue Russlandpolitik nach der Bundestagswahl Kommentar: Die deutsche Russlandpolitik und das russische Gesetz über "ausländische Agenten" Dokumentation: Ausgewählte Publikationen über die deutsch-russischen Beziehungen Dokumentation: Vorschläge und Empfehlungen zu den EU-Russland-Beziehungen dekoder: Novaya Gazeta dekoder: Muratows Krawatte und der Friedensnobelpreis Chronik: Covid-19-Chronik, 27. September – 09. Oktober 2021 Chronik: 28. September – 08. Oktober 2021 30 Jahre Zerfall der Sowjetunion – Generationen (20.09.2021) Kommentar: Nur ein Menschenleben lang Kommentar: Staatenlosigkeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR Kommentar: Der Generationenaspekt beim Zusammenbruch der Sowjetunion Kommentar: Dreißig Jahre Transformation des russischen Hochschulwesens Kommentar: Die Jugend und die Generationen im postsowjetischen Russland: Kommentar: Unternehmerinnen in Russland Notizen aus Moskau: 30 Jahre umsonst? dekoder: Das Licht einer enttäuschten Hoffnung dekoder: Misstrauen auf allen Ebenen Chronik: Covid-19-Chronik, 02. August – 12. September 2021 Chronik: 05. – 12. September 2021 Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Von der Redaktion: Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Kommentar: Die Minsker Vereinbarungen als Chance? Kommentar: (Keine neuen) Erkenntnisse gewonnen Kommentar: Alles auf Status. Russlands riskantes Kriegsspiel mit (in) Europa Kommentar: Russlands Motive Kommentar: Die Gründe für Russlands Vorschläge Kommentar: Würde Putin vom eigenen Volk für eine Invasion in die Ukraine abgestraft werden? Kommentar: Kriegsoptimismus im Russland-Ukraine-Konflikt: Grund zum Pessimismus? Kommentar: Desinformation: ein hoch aktuelles Konzept aus dem letzten Jahrhundert Kommentar: Die Russland-Ukraine Krise: Wo steht Deutschland? Kommentar: Russlands Passportisierung des Donbas: Von einer eingeschränkten zu einer vollwertigen Staatsbürgerschaft? Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Notizen aus Moskau: Nach Putin

Jens Siegert

/ 9 Minuten zu lesen

Jens Siegert wirft einen Blick auf das System Putins: Trotz Wirtschaftskrise sei von einer politischen Krise noch nicht viel zu spüren, und Putin scheint fester denn je im Sattel zu sitzen. Dazu rekapituliert Siegert noch einmal die russische Geschichte und versucht, zu erklären, wie das System Putin funktioniert.

Rede von Putin am "Tag des Sieges": Jens Siegert analysiert das "System Putin" und versucht, die Stabilität dessen zu erklären. (© picture-alliance/dpa)

Die Wirtschaftskrise hat Russland weiter fest im Griff. Seit 2014 sind die Realeinkommen im Land um mehr als 15 Prozent gefallen. Der Rubel ist heute, in US-Dollar oder Euro gerechnet, nur noch die Hälfte dessen wert, was man noch Ende 2014 für ihn bekam. Das Durchschnittseinkommen ist in der gleichen Zeit von gut 800 US-Dollar im Monat auf weniger als 400 gesunken. Rein statistisch ist das der Abstieg von einem Schwellenland mit Blick nach oben zu einem armen Land mit Blick nach unten.

Trotzdem ist von politischer Krise nichts zu spüren. Putin scheint fester im Sattel zu sitzen als je zuvor. Die Soziologen vom Lewada-Zentrum wollen in ihren Langzeitbeobachtungen "die Möglichkeit von Unzufriedenheit" in ein oder zwei Jahren ausmachen. Das war es dann auch schon. Von Unruhe, ja gar Palastrevolte oder Volksaufstand keine Spur.

Gleichzeitig ist die politische Elite rund um den Kreml hochnervös. Die Zeit des großen Verteilens (die großen Brocken werden innerhalb der Elite verteilt, kleinere aber auch im gemeinen Volk) ist vorbei. Die Dumawahlen im kommenden September und die Präsidentenwahlen in zwei Jahren werfen ihre Schatten voraus. Die Angst, Volkes Unmut könnte sich doch an den Wahlurnen zeigen, ist trotz aller Sicherungsmaßnahmen (also die fast totale Kontrolle über die politischen Parteien und die Massenmedien, ebenso wie die Abschaffung unabhängiger Wahlbeobachtung) groß. Jede Form von unabhängiger Opposition, ja jede Form von Unabhängigkeit im Land wird deshalb eifersüchtig verfolgt, einzuschüchtern versucht und klein gehalten, egal ob es sie nun wirklich gibt (eher wenig) oder ob sie eingebildet ist (davon scheint es jede Menge zu geben).

Nach außen benimmt sich das Land weiter nach dem Motto: "Ihr habt uns alle beleidigt und nun machen wir euch überall das Leben so schwer wie möglich, damit ihr uns wenigstens deshalb ernst nehmt". Das klappt ziemlich gut. Die Rede von Premierminister Medwedew auf der Münchner Sicherheitskonferenz vorige Woche wirkte mit ihrem "neuen Kalten Krieg" und ihrer "dritten Welterschütterung" wie ein Wiedergänger der berühmten Putin-Rede von 2007. Allerdings dominierte bei den Reaktionen damals im Westen noch eine gewisse Ungläubigkeit. Diesmal war es eher die beunruhigte und auch ein wenig resignierte Feststellung, dass das noch lange andauern wird.

Nach den vergeblichen Protesten gegen Wahlfälschungen im Winter 2011/2012 und Putins Wiederwahl im März 2012 kursierte in Russland folgender Witz: Puschkin ist unser ein und alles, Putin ist unser jetzt und für immer. Dass Putin sich 2018 zur Wiederwahl stellen wird, bezweifelt kaum jemand (auch wenn momentan in Moskau erzählt wird, Putin könnte versuchen, sich bis dahin mit dem Westen auf einen neuen, wegen Syrien und der Flüchtlinge für Russland günstigen modus vivendi zu einigen, um dann als Sieger abzutreten und seinen Nachfolger – wer auch immer es sei – mit den Problemen allein zu lassen). Warum sich also mit der Frage beschäftigen, was (oder besser: wer) nach Putin kommt und warum es (oder er) kommen könnte?

Die Antwort gibt ein kleiner Blick zurück. Vor knapp einem Jahr (wer erinnert sich noch daran?) war Präsident Putin plötzlich und völlig ungewohnt aus der Öffentlichkeit verschwunden. In den ersten Tagen verbreitete das staatliche Fernsehen noch Bilder von angeblichen Treffen mit diesem und jenem. Aber schon bald kam heraus, dass es sich dabei um Konserven handelte. Schnell war das ganze Land (und mit ihm erhebliche Teile der übrigen Welt) damit beschäftigt, sich auszudenken, was denn nun dahinterstecke und was es bedeute, wenn Putin wahlweise krank, amtsmüde oder gar tot sei. Auch ich befasste mich mit der Frage: http://russland.boellblog.org/2015/03/15/was-kommt-nach-putin-und-wie-kommt-es/. Nach zehn Tagen tauchte Putin wieder auf. Der Kreml tat, als sei nichts geschehen, aber das konnte und kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das System ohne Putin nicht funktioniert.

Nun versuchen uns der Kreml und Kremlfreunde (auch im Westen) schon seit über 15 Jahren weiß zu machen, dass, egal was oder wer nach Putin kommen kann, es ohne ihn nur (noch) schrecklicher werden kann. So sei Russland, so sei das russische Volk eben. Man werde sich dann noch nach Putin zurücksehnen, ist die Botschaft. Das ist natürlich nicht auszuschließen. Ausgemacht ist es aber auch nicht. Überhaupt finde ich solche Spekulationen eher müßig: Darüber nachzudenken, ob nun Verteidigungsminister Schojgu einen Militärcoup plant, Vizepremier Rogosin vorhat, ein ultranationalistisches Regime anzuführen und den eurasiatischen Wirrkopf Alexander Dugin zum Premierminister zu machen, oder ob Ministerpräsident Medwedew, endlich von Putin befreit, doch noch den Liberalen in sich zeigen und Russland in demokratische Fahrwasser zurück lotsen wird, hat, über den Tag hinaus, kaum analytischen (Mehr)Wert.

Ich möchte daher lieber versuchen, ein paar längere, grundsätzlichere Linien nachzuzeichnen. Zunächst ein paar allgemeine Bemerkungen:

Es ist gute und geschichtlich geprüfte deutsche Wahlkampfweisheit, dass (fast) nie neue Regierungen ins Amt gewählt, sondern (fast) immer nur alte Regierungen abgewählt werden. Man muss als Politiker also schon ziemlich viel Mist machen, bevor man die Macht wieder verliert. Deutschland ist eben ein im Grunde sehr konservatives Land. Russland ist das auch, vielleicht sogar noch mehr. Zumal hier die Gewöhnung an ständigen und großen staatlichen Mist zu einer gewissen Resignation geführt hat. Bevor es in Russland einen politischen Wechsel gibt, bedarf es deshalb nicht nur einer, sondern sogar mehrerer handfester Krisen (eine, die Wirtschaftskrise, haben wir ja längst); aber es bedarf auch und vor allem einer personellen Alternative. Die gibt es nicht. Da sind sich alle einig.

Nun ist es eine der hervorragendsten, ja vielleicht die hervorragendste und mit vielen Ressourcen unterfütterte Beschäftigung des Kremls, sie auch gar nicht erst auftauchen zu lassen. Klassischerweise stehen drei Instrumente zur Sicherung politischer Herrschaft bereit: politische, durch Verfahren und Institute vermittelte Legitimität, wirtschaftliches Wohlergehen und Gewalt. Putin hat in den 2000er Jahren erfolgreich eine ausgewogene Mischung aus allen drei Elementen praktiziert, wobei mit der Zeit die demokratische Legitimität geringer und die staatliche Gewalt größer wurde. Abgefedert hat diese Gewichtsverschiebung der stetig wachsende Wohlstand.

Als es dann aber, ab 2008/2009, mit der Wirtschaft bergab ging und die Legitimität durch die Rochade Putin-Medwedjew-Putin vor allem unter der gut gebildeten und städtischen Bevölkerung weitere tiefe Kratzer bekam, versuchte es Putin – bis heute erfolgreich – mit noch mehr Gewalt nach innen und nach außen. Die innere Gewalt dient der direkten Herrschaftssicherung, die äußere ersetzt (massiv propagandistisch unterfüttert) die abhanden gekommene demokratische Legitimität durch populistische Zustimmung.

So weit sind das alles konventionelle Herrschaftstechniken, durchaus mit Geschick und auch Fortune gehandhabt. Ein paar Blicke in die sowjetisch-russische Geschichte zeigen aber schnell, dass Putins Vorgänger das ebenso konnten – und es trotzdem irgendwann nicht mehr reichte. Es musste und muss bei langer Herrschaft immer noch etwas hinzukommen, das man "im Zeitgeist bleiben" nennen könnte. Anders ausgedrückt, muss sich politische Herrschaft, so sie sich nicht ausschließlich auf Gewalt stützt (und das hat auch in der Sowjetunion/Russland seit Stalin niemand mehr wirklich versucht) immer wieder modernisieren, ja von Zeit zu Zeit in gewisser Weise neu erfinden. Bisher gelingt das Putin. Doch nun, wie versprochen, zu den Vorgängern.

Ich fange mit Leonid Breschnjew an, weil er zum einen aktiv, also nicht durch den Tod seines Vorgängers an die Macht gekommen ist, und zum anderen, für einen Sowjetführer mit bis dahin erstaunlich wenig Gewalt regiert hat. Gerade das war vielleicht sein Erfolgsgeheimnis. Nach Bürgerkrieg, stalinistischem Terror, Krieg, fortgesetztem stalinistischem Terror und der Chruschtschowschen Mischung aus Tauwetter und immer heißer werdendem Kaltem Krieg wollten viele Menschen in der Sowjetunion vor allem Ruhe, eine gewisse Beständigkeit und ein bescheidenes Auskommen, also vor allem keinen Hunger mehr. Breschnjew lieferte das so gekonnt, dass die 1970er Jahre in der Erinnerung vieler Menschen in Russland bis heute als das goldene Jahrzehnt erscheinen. Die Ruhe geriet aber so perfekt, dass das Land bald im sprichwörtlich gewordenen "Sastoj" (deutsch: "Stillstand") erstarrte. Mitte der 1980er Jahre hatten immer mehr Menschen in der Sowjetunion genug davon. Sie wollten wieder Bewegung. Die kam dann auch, als in schneller Folge drei tote Generalsekretäre (und ein katastrophal niedriger Ölpreis) die Lebensunfähigkeit des Systems deutlich machten.

Dem Geist der Zeit entsprang nun mit Michail Gorbatschow ein mit 54 Jahren verhältnismäßig junger, vor allem aber ungewohnt dynamischer und auf moderne Art kommunikativer neuer Chef. Gorbatschow versuchte den verknöcherten Staat zu öffnen ("Glasnost") und umzubauen ("Perestrojka"). Im Nachhinein erscheint diese Aufgabe wie ein gordischer Knoten: Ihn aufzudröseln war niemand in der Lage (und hatte auch nicht die Zeit dazu). Ihn wie Alexander der Große durchzuhauen, hätte Kräfte freigemacht, die kaum zu bändigen gewesen wären. Gorbatschow versuchte ein Mittelding. Doch selbst seine vorsichtige Öffnung beraubte den auf (totale) Kontrolle angelegten Staat seiner Fähigkeit, den Umbau zu lenken. Das Land geriet außer Kontrolle (seiner Herrscher).

Heute gilt Michail Gorbatschow vielen Menschen in Russland als Verräter am Staat, weil er dessen (damals immer noch enormen) Gewaltmittel nur sehr zögernd gegen die Freiheitsgeister eingesetzt hat. Gleichzeitig hat er sich aber auch nicht dazu entscheiden können, entschieden auf diese Freiheitsgeister zu setzen.

Das tat erst sein Nachfolger Boris Jelzin, der 1991 durch die wohl bis heute freiesten Wahlen der russischen Geschichte ins Amt gelangte. Jelzin, obwohl auch er ein Mann des kommunistischen Parteiapparats war, gab der Freiheit vollen Lauf. Er tat das wohl weniger aus Überzeugung, denn aus Machtkalkül. Andererseits gehört er (wie übrigens auch Gorbatschow) zur Generation der in Russland sogenannten 60er. Sie ist mit dem stalinistischen Terror in der 1930er Jahren aufgewachsen, hat den Krieg als Heranwachsende erlebt und war treibende Kraft des Tauwetters nach Stalins Tod. Auch viele Dissidenten der ersten Stunde kamen aus dieser Generation.

Viele Menschen in Russland empfinden die 1990er Jahre inzwischen als eine Zeit des Chaos und des Staatszerfalls (die staatliche Propaganda inspiriert und stützt dieses Gefühl). Jelzins Versprechen auf Freiheit und Beteiligung, sicher mehr aus Not geboren (aus der Not an der Macht zu bleiben, aber auch aus der Not, Land und Wirtschaft zusammen zu halten) denn aus Überzeugung, mutierte ja tatsächlich recht schnell zu einer Mischung aus Willkür und Schlamperei. Der Staat zog sich nun aber nicht nur aus dem Privatleben seiner Bürger zurück, sondern auch aus ihrem Leben und damit aus der ihm obliegenden Daseinsvorsorge der Menschen insgesamt. Und diskreditierte damit in Russland diese beiden Grundbestandteile von Demokratie bis heute gründlich.

Das Pendel schlug zurück und mit Putin tauchte ein neuer Herrscher auf. Er versprach anfangs das Beste aus beiden Welten: den Staat erneut zu stärken, ohne ihn zu verknöchern. Putin bediente zunächst zwei Bedürfnisse: das nach Ruhe und Ordnung ebenso wie das nach einer Pause bei den Veränderungen. Oder besser gesagt: Er schaffte es, (notwendige) Veränderungen wie Stabilität wirken zu lassen. Die wirtschaftliche Konjunktur, also vor allem der im Eiltempo steigende Ölpreis, half hier enorm. Dann erlahmte die Konjunktur und der Versuch, es erneut offensiv mit Veränderung, der Medwedjewschen Modernisierung, zu probieren, ging schief.

Putin wandte nun ein in der russischen (und nicht nur dort) Politik schon oft erfolgreiches Mittel an: nationale Mobilisierung gegen innere und äußere Feinde (wobei fast egal ist, ob es die tatsächlich gibt). Bisher funktioniert das, erst mit der Krim und der Ostukraine, nun mit Syrien, jedenfalls gemessen an der in Umfragen ermittelten Zustimmung, ganz gut.

Aber wenn dieser kleine Abriss den geschichtlichen russischen Pendelschlag zwischen Freiheit und Kontrolle richtig beschreibt, dann müssten die unruhigen, gegen zu viel und zu starren Staat gerichteten Kräfte in Russland bald wieder stärker werden. Auch deshalb scheint mir die Drohung, nach Putin könne alles nur noch schlimmer werden, eine leere zu sein.

Einen kleinen Hinweis darauf gibt auch Putin selbst. Der Krieg in Syrien ist der erste mit russischer Beteiligung nach "westlichem" Muster: Bomben aus der Ferne und aus der Luft mit möglichst geringem Risiko für die eigenen Soldaten, keine Bodentruppen. Auch der russische Staat unter Putin kann oder will es sich offenbar nicht mehr leisten, mit den Leben seiner Bürger allzu leichtfertig umzugehen. Egal, ob das nun daran liegt, dass die Menschen sich in den vergangenen 30 Jahren untergründig doch mehr geändert haben (und viele von ihnen wirklich zu Bürgern geworden sind) oder (einfach nur) daran, dass der Staat nicht mehr so viele von ihnen zur Verfügung hat oder an der weiter sehr frischen Erinnerung an den Krieg in Afghanistan: auch jeder Nachfolger von Putin wird damit rechnen müssen.

Diesen und andere Texte finden Sie auf Jens Siegerts Russlandblog Externer Link: http://russland.boellblog.org/.

Fussnoten

Jens Siegert ist Diplompolitologe und leitete bis 2015 das Länderbüro Russland der Heinrich Böll Stiftung in Moskau. Davor arbeitete er in Moskau als Korrespondent für Radiostationen, Zeitschriften und Zeitungen im deutschsprachigen Raum.