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Analyse: »Antialkoholkonzept 2020« Russlands Alkoholkonsum, Alkoholpolitik und Mortalität

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Analyse: »Antialkoholkonzept 2020« Russlands Alkoholkonsum, Alkoholpolitik und Mortalität

Philipp Walther

/ 7 Minuten zu lesen

Im internationalen Vergleich ist der Alkoholkonsum in Russland nach wie vor unverändert hoch. Vor allem aber die Trinkgewohnheiten und der Konsum von illegal hergestelltem Alkohol wirken sich besonders negativ auf die alkoholkonsumbedingte Sterblichkeit aus. Trotz erster Erfolge im Rahmen des "Antialkoholkonzepts 2020" durch drastische gesetzliche Maßnahmen sowie Preis- und Steuererhöhungen steht die Politik vor der Herausforderung, die alkoholbedingte Mortalität nachhaltig zu senken.

Wodka-Herstellung in Moskau. (© picture-alliance/dpa)

"Bier ohne Wodka …"?

"Piwo bes wodki – dengi na weter." (dt.: "Bier ohne Wodka ist Geld zum Fenster rausgeworfen") oder "S utra wypil – wes den swoboden" (dt.: "Morgens betrunken hast du den ganzen Tag frei") sind nur zwei der vielen gebräuchlichen russischen Sprichworte, die den Alkoholkonsum thematisieren. Selbst einer der russischen Fernsehklassiker zu Sylvester, "Ironie des Schicksals", kommt nicht ohne anfängliches Wodkagelage aus Wassergläsern aus, um dann eine rührende Liebesgeschichte zwischen Moskau und St. Petersburg zu entwickeln. Wodka ist in Russland nicht irgendein Getränk, das "Wässerchen" ist Teil der russischen Kultur und des alltäglichen Lebens. Wodka hat aber auch einen großen Anteil daran, dass ein Viertel der russischen Männer das 55. Lebensjahr nicht erreichen und die derzeitige Lebenserwartung bei 65 Jahren liegt. Pro Jahr kommt es zu ca. 500.000 Todesfällen, die direkt oder indirekt auf Alkoholmissbrauch zurückzuführen sind. Bemerkenswert sind dabei die ca. 80.000 Todesfälle aufgrund von Alkoholintoxikation. Aktuelle Statistiken und Untersuchungen zeigen in der Tat unzweifelhaft, dass der Alkoholkonsum und die alkoholkonsumbedingte Mortalität in der Russischen Föderation im internationalen Vergleich ein Problem darstellen. Der Anteil unregistriert produzierten Alkohols, vor allem illegal hergestellten "Selbstgebrannten" (russ.: "Samogon"), wird auf ein Viertel des Gesamtkonsums geschätzt. Vor allem werden hierbei die Trinkgewohnheiten als besonders gefährlich eingestuft. Die Gesundheitspolitik der russischen Regierung versucht daher, dem Konsum registrierten und unregistrierten Alkohols drastische Maßnahmen entgegenzusetzen.

Aktueller Alkoholkonsum in Russland

Im Bericht der Weltgesundheitsbehörde WHO über das Jahr 2014 wurde der Alkoholkonsum in den Jahren 2008 bis 2010 auf durchschnittlich 15,1 Liter reiner Alkohol pro Person und Jahr geschätzt. Der Alkoholkonsum von Männern lag bei 23,9 Litern und der von Frauen bei 7,8 Litern. Insgesamt lag der Anteil unregistrierten Alkohols bei knapp einem Viertel des gesamten Alkoholkonsums. Für 2015 werden von der WHO insgesamt noch 14,5 Liter prognostiziert. Die offiziellen Zahlen des Gesundheitsministeriums der Russischen Föderation wiedersprechen jedoch den Berechnungen der WHO. Demzufolge sank der Alkoholkonsum von 16,2 Litern im Jahr 2008 auf 11,6 Liter im Jahr 2013, bis 2018 wird mit einer weiteren Senkung auf 10,6 gerechnet. Zu vermuten ist, dass den offiziellen Statistiken lediglich der offiziell registrierte Alkoholverkauf zugrunde gelegt wird.

Der Alkoholkonsum in Russland zeichnet sich neben dem hohen Niveau auch durch die Trinkgewohnheiten und den Tabakkonsum aus. Die Prävalenz für episodisches Rauschtrinken ("episodic binges") lag 2010 bei 19 % bei der Gesamtbevölkerung und bei 28 % bei Alkoholikern. Gleichwohl zeigt eine großangelegte Studie mit 151.000 Erwachsenen, dass selbst in der Gruppe der stärksten Trinker mit durchschnittlich fünf Halbliterflaschen Wodka pro Woche wiederum ungefähr drei Tage Abstinenz pro Woche gehalten werden. Der Alkoholkonsum korrelierte mit manueller Tätigkeit und geringem Bildungsstand. Einen engen Zusammengang gab es auch mit Tabakkonsum. Bereits in der Gruppe mit nur einer Halbliterflasche Wodka pro Woche waren 69 % der Studienteilnehmer Raucher. Bei der Gruppe der stärksten Trinker sind dies bereits 89 %.

Mortalität und Alkoholkonsum

Aktuelle Daten offizieller Quellen sind nur eingeschränkt verfügbar und häufig kann daher nur auf Sekundärquellen bzw. Veröffentlichungen zurückgegriffen werden. Beispielsweise wurde bereits in den 1990er Jahren bei einer Erhebung in Kursk festgestellt, dass 9 % der Männer und 3 % der Frauen eine letale Blutalkoholkonzentration hatten. Offizielle Todesursachen waren dann jedoch Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine weitere Untersuchung in den 2000er Jahren. Hier wurde bei einer Untersuchung in Ischewsk festgestellt, dass 14 % der Personen über eine hohe Blutalkoholkonzentration verfügten, offiziell jedoch an einer kardiovaskulären Erkrankung verstarben.

Mit der alkoholkonsumbedingten Mortalität beschäftigen sich daher eine Reihe russischer Studien. Im Wesentlichen wird davon ausgegangen, dass der Anteil alkoholkonsumbedingter Todesfälle (alcohol-attributable fractions, AAF) insgesamt bei rund 30 % liegt. Die bereits zuvor erwähnte große Studie mit über 151.000 Erwachsenen kommt zu noch höheren Zahlen. Von den ca. 80.000 männlichen Teilnehmern verstarben im Beobachtungszeitraum 5.412, hiervon 2.807 (also 51,9 %) in vorher festgestelltem Zusammenhang mit Alkoholkonsum. Bei den Frauen lag dieser Anteil bei 34 %.

Bei der Betrachtung der alkoholkonsumbedingten Mortalität spielt neben dem Trinkverhalten auch die Alkoholart eine bedeutende Rolle. Obschon der Konsum unregistriertem Alkohols in den letzten zehn Jahren rapide abgenommen hat, spielt er aber in den ländlichen Regionen bei den niedrigen Einkommensgruppen und Hochrisikotrinkern weiterhin eine Rolle.

Russlands Alkoholpolitik

Ein Meilenstein gesundheitspolitischer Maßnahmen in der Nachkriegszeit war die Antialkoholkampagne in den 1980er Jahren. Die Antialkoholkampagne, die eng mit der Person und dem Namen Gorbatschow verbunden ist, begann mit einer Resolution der KPdSU im Mai 1985. Neben der Reduzierung des offiziellen Alkoholkonsums war jedoch ein drastischer Anstieg des Konsums unregistrierten Alkohols eine der Konsequenzen der Antialkoholkampagne. Schätzungen gehen davon aus, dass im Zeitraum der Kampagne der Konsum von unregistriertem Alkohol um 80 % anstieg. Im letzten Jahr der Kampagne betrug der Anteil unregistrierten Alkohols am gesamten Alkoholkonsum 64 %. Doch bereits im ersten Monat der Antialkoholkampagne konnte eine geringere Mortalität der Männer beobachtet werden. Die Lebenserwartung der Männer im Zeitraum der Kampagne sollte um 3,2 Jahre und die der Frauen um 1,3 Jahre steigen. In den Folgejahren hatten vor allem die politischen und ökonomischen Veränderungen und die Reformen in den 1990er Jahren einen großen (negativen) Einfluss auf den Alkoholkonsum in Russland.

Grundlage der aktuellen Gesundheits- und Alkoholpolitik ist das im Auftrag des Präsidenten der Russischen Föderation erstellte Antialkohol-Konzept mit dem offiziellen Titel: "Konzept einer staatlichen Politik zur Minderung des Umfangs des Alkoholmissbrauchs und zur Prophylaxe von Alkoholismus unter der Bevölkerung der Russischen Föderation für den Zeitraum bis zum Jahr 2020". Der Alkoholismus stellt demnach einen der Hauptfaktoren der demografischen und sozialen Krise in Russland und eine nationale Gefährdung auf der Ebene der Persönlichkeit, der Familie, der Gesellschaft und des Staates dar.

In den vergangenen Jahren kam es zu stufenweisen Anhebungen der Steuern auf alkoholische Getränke, zuletzt 2014 um 80 %. Zudem wurden die Mindestpreise für Wodka angehoben, zuletzt 2014 auf 220 Rubel für eine Halbliterflasche. Die räumliche und zeitliche Verfügbarkeit von Alkohol wurde ebenfalls eingeschränkt. Neben höheren Auflagen für Verkaufsstellen wurde ein Alkoholverkaufsverbot zwischen 23 Uhr abends und 8 Uhr morgens erlassen. Der Verkauf von Alkohol wurde an allen Ausbildungs-, Sport- und Kulturstätten verboten. Der Erwerb von Alkohol ist zudem erst ab 18 Jahren erlaubt und die Sanktionen für Zuwiderhandlungen wurden verschärft. Eine Reihe weiterer Regulierungen gelten für den Bereich des Marketings und der Öffentlichkeit. Die Werbung für Alkohol wurde größtenteils verboten. Auf den Behältnissen für alkoholische Getränke müssen Gesundheitswarnhinweise angebracht sein. Der Genuss von Alkohol auf öffentlichen Plätzen und Einrichtungen ist strafbar und im Straßenverkehr gilt eine Nullpromille-Regelung.

Um einer durch die Preiserhöhungen und eingeschränkte Verfügbarkeit wahrscheinlichen Steigerung der Produktion und des Konsums unregistriertem Alkohols zu entgegen, wurden auch hier eine Reihe von Maßnahmen umgesetzt. Neben den staatlichen Alkoholmarken für registrierten Alkohol und die stärkere Regulierung der Alkoholproduzenten müssen ab 2016 nun auch die Einkäufe von lizenzierten Alkoholverkaufsstellen im sogenannten "Einheitlichen staatlichen automatisierten Informationssystem" (EGAIS) gemeldet werden. Zudem kam zu einem Verbot von Parfum ohne ausreichende Denaturierungsmittel. Mindestpreise und Besteuerung hatten auch für andere alkoholhaltige Flüssigkeiten gegolten, aber auch für Ethanol als Grundlage für die Herstellung von Samogon. Der Verkauf von Ethanol an Privatkunden wurde landesweit verboten.

Wirksamkeit gesundheitspolitischer Maßnahmen

Der Alkoholkonsum in der Russischen Föderation unterliegt einer Vielzahl von kulturellen, politischen und ökonomischen Einflussfaktoren. Durch den reinen Pro-Kopf-Verbrauch allein lässt sich allerdings die hohe alkoholkonsumbedingte Mortalität nicht erklären. Vielmehr könnten im Trinkverhalten und im Konsum von hochprozentigen Alkoholika Erklärungsmöglichkeiten hierfür liegen. Das vorgestellte "Antialkohol-Konzept 2020" lässt auch hierfür eine Reihe von Maßnahmen erkennen, die dies beeinflussen sollen.

Der mit 21 % stärkste Abfall der Mortalität aufgrund von Alkoholintoxikationen konnte 2006 beobachtet werden. Demnach sind die Einführung der Alkoholetiketten ("föderalen Alkoholmarken") sowie die stärkere Regulierung bei den Alkoholproduzenten wirksame gesetzgeberische Maßnahmen gewesen. Die Einführung von Mindestpreisen für Wodka und Ethylalkohol ab 2010 hat ebenfalls zu einem weiteren Abfall des Alkoholkonsums geführt. Vor allem die wesentlichen Steuererhöhungen 2012 und 2013 auf alkoholhaltige Getränke und Ethylalkohol führte im Weiteren zu einer Reduzierung des Alkoholabsatzes um weitere 3 % im Jahr 2012 und um 11 % in 2013. Auch durch die Einschränkung der Verkaufszeiten konnte eine Reduzierung des Alkoholabsatzes beobachtet werden.

Dem gesundheitspolitischen Instrument der Einschränkung der Verfügbarkeit wird jedoch ein noch größerer Effekt im Vergleich zur Preispolitik zugeschrieben. Ein Rückgang des Konsums unregistrierten Alkohols war bereits ab dem Jahr 2000 zu beobachten. In diesem Zusammenhang verweisen die meisten Untersuchungen auf die Hochrisikogruppe mit entsprechendem Trinkverhalten und bestehendem höherem Mortalitätsrisiko. Für die Hochrisikogruppe wurden vor allem die Verwendung von Denaturierern für ethanolhaltige Flüssigkeiten wie Parfums und die höhere Besteuerung von Ethanol als wirksam beschrieben.

Fazit

Im Rahmen des "Antialkoholkonzepts 2020" kann von einer insgesamt zunächst wirksamen Gesundheits- und Alkoholpolitik hinsichtlich der alkoholkonsumbedingten Mortalität ausgegangen werden. Von einem dominanten Schwarzmarkt, der von einer Alkoholmafia beherrscht wurde, zu einem relativ transparenten Alkoholmarkt war vermutlich auch eine rigide staatliche Hand vonnöten. Das nächtliche Alkoholverbot und die Reduzierung der Verkaufsstellen werden als wirksame gesundheitspolitische Maßnahmen beschrieben. Insgesamt scheinen jedoch sowohl die regulatorischen Maßnahmen von 2006, die eine gewisse Markttransparenz schufen, als auch die Preis- und Steuerpolitik der letzten Jahre die wirksamsten Maßnahmen zur Senkung des registrierten und unregistrierten Alkoholkonsums und der alkoholkonsumbedingten Mortalität gewesen zu sein.

Trotzdem zeigen sich ein Verharren des Alkoholkonsums auf einem im internationalen Vergleich hohen Niveau und vor allem auch eine weiterhin hohe alkoholkonsumbedingte Mortalität. Von einem Abweichen vom konsequenten gesundheitspolitischen Kurs durch Senkung des Mindestpreises und Steuern oder Ausweiten der Verkaufsstellen wird einhellig gewarnt. Nach der erfolgreichen ersten Etappe bedarf es nunmehr eines vielschichtigen und umfassenden Feinkonzeptes auf einer entsprechenden Datengrundlage für die nachhaltige Änderung von Alkoholmenge, -qualität und -konsumverhalten sowie eines langfristigen Masterplans für eine weiterhin wirksame Gesundheits- und Alkoholpolitik der Russischen Föderation.

Lesetipps

  • Nemtsov, A.V.: Contemporary history of alcohol in Russia, Huddinge 2011.

  • Zaridze, D., Lewington, S., Boroda, A.: Alcohol and mortality in Russia: prospective observational study of 151,000 adults, in: The Lancet, 383.2014, Nr. 9927, S. 1465–1473.

Fussnoten

Dr. Philipp Walther ist Studiengangsleiter Gesundheitsökonomie an der Hochschule Fresenius in Hamburg. Er ist zudem Vorsitzender der Arbeitsgruppe Gesundheitswirtschaft der Russisch-Deutschen Auslandshandelskammer (AHK) und Lehrbeauftragter an der Staatlichen Landesuniversität Moskau (MGOU).