Meine Merkliste

Kommentar: Die armenisch-russischen Beziehungen. Ein Überblick aus armenischer Sicht

Russland-Analysen Memorial (16.12.2021) Von der Redaktion: Frohes Fest! Dokumentation: Friedensnobelpreisrede von Dmitrij Muratow dekoder: Memorial Dokumentation: Anträge der Staatsanwaltschaften Interview: Irina Scherbakowa Interview: Swetlana Gannuschkina Kommentar: Die Büchse der Pandora Dokumentation: Der Menschenrechtsrat ist besorgt Dokumentation: Kommentar von Wladimir Putin zu Memorial Kommentar: Wendejahre Kommentar: Angriff des Kreml auf Memorial Kommentar: "Der Westen" als Gefahr für Russlands innere Sicherheit Kommentar: Déjà-vu Kommentar: Memorial als geschichtswissenschaftlicher Akteur Kommentar: Ein Refugium der Freiheit wird zerstört Kommentar: Die Instrumente des Europarats Kommentar: Memorial im Nordkaukasus Kommentar: Einsatz für Religions- und Gewissensfreiheit Kommentar: Ist das russische "Ausländische-Agenten"-Gesetz reformierbar? dekoder: Schlag gegen Deutschland Notizen aus Moskau: Memorial und die Hoffnung Dokumentation: Fokus Memorial der Zeitschrift OSTEUROPA Dokumentation: Stellungnahmen zur drohenden Auflösung von Memorial Chronik: Covid-19-Chronik, 16. November – 03. Dezember 2021 Chronik: 15. November – 03. Dezember 2021 Erdgashandel (24.11.2021) Analyse: Der deutsch-russische Erdgashandel. Chronik: Covid-19-Chronik, 01. – 13. November 2021 Chronik: 01. – 12. November 2021 Sozialverantwortung und Klima in der Landwirtschaft (10.11.2021) Analyse: Landwirtschaftliche Betriebe in Russland für unternehmerische Sozialverantwortung Analyse: Wird die russische Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren? Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Oktober 2021 Chronik: 11. – 29. Oktober 2021 Duma- und Regionalwahlen (01.10.2021) Analyse: Die Dumawahlen 2021 und das zunehmend hegemonial-autoritäre Regime in Russland Analyse: Alexej Nawalnyj, "Smart Voting" und die Wahlen zur russischen Staatsduma 2021 Kommentar: Wahlen in der "Protestregion" Chabarowsk in Online- und sozialen Medien dekoder: Die Evolution der Duma Notizen aus Moskau: Wird (all)es nach den Wahlen wieder besser? Chronik: Covid-19-Chronik, 13. – 26. September 2021 Chronik: 13. – 26. September 2021 Wirtschaftliche Schocks (24.06.2021) Analyse: Die Wirtschaft der "Festung Russland" Analyse: Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Corona-Krise  Chronik: Covid-19-Chronik, 03. – 30. Mai 2021 Chronik: 17. Mai – 10. Juni 2021 Arktis (31.07.2021) Editorial: Sommerpause, на дачу Analyse: Arktische Visionen: Die sowjetische Expansion nach Norden Analyse: Russlands Arktis-Strategie bis 2035 – Große Pläne und ihre Grenzen Analyse: Der russische Vorsitz im Arktischen Rat: Prioritäten und Implikationen für den Hohen Norden Russlands Kommentar: Russlands arktischer Balanceakt Dokumentation: Russland und die Arktis: Eine Auswahl aktueller Publikationen Chronik: Covid-19-Chronik, 14. Juni – 17. Juli 2021 Chronik: 16. Juni – 18. Juli 2021 Duma-Wahlen/Repressionen (08.06.2021) Kommentar: Duma-Wahlen 2021 Kommentar: Informationskriege, Oppositionskoordination und die Dumawahl im Jahr 2021 Kommentar: Wird das Putin-Regime überleben? Kommentar: Vorbereitung auf die Parlamentswahlen 2021 Kommentar: Elektronische Stimmabgabe Kommentar: Bedingungen der Wahlbeobachtung Kommentar: Die wirtschaftlichen Folgen autoritärer Politik Kommentar: Michail Mischustin als ambitionierter "Systemadministrator" des Putinismus Kommentar: Bürger:innen und der starke Mann: Erwachen, soziale Klassen und sozialer Niedergang in Russlands Autokratie Kommentar: Fear and Loathing in Russia: Repressionen als Herrschaftsinstrument des Kremls Kommentar: Ausländische-Agenten-Gesetz vor der Duma-Wahl 2021 ausgeweitet Kommentar: Schrumpfende Freiräume für Russlands Medien Kommentar: Russland drosselte Twitter, um Inhalte zu zensieren dekoder: "Hätten wir eine andere Wahl gehabt? Nein." Dokumentation: Repressive Gesetze, die von Wladimir Putin am 30. Dezember 2020 unterzeichnet wurden Dokumentation: April-Chronik der Repressionen: Der Journalist Ilja Asar hat Buch geführt Umfragen: "Haben Sie Angst vor…?" Umfrageergebnisse des Lewada-Zentrums Dokumentation: Hat der Protest einen Anführer? Wie stehen die Protestierenden zu Nawalnyj? Dokumentation: Russische Online-Zeitung Meduza kämpft ums Überleben Dokumentation: Amnesty International: Die Polizei identifiziert friedliche Demonstrierende mit Gesichtserkennungstechnologie Dokumentation: Human Rights Watch: Der Fall des Menschenrechtsanwalts Iwan Pawlow und neue repressive Gesetze Dokumentation: Stellungnahmen zum Beschluss der russischen Generalstaatsanwaltschaft, deutsche Nichtregierungsorganisationen als in Russland unerwünschte Organisationen zu erklären Chronik: 3. – 14. Mai 2021 Atomenergie / Die Botschaft des Präsidenten (14.05.2021) Analyse: Zum 35. Jahrestag von Tschernobyl Analyse: Russische Reaktoren und russischer Atommüll Analyse: Putins Botschaft an die Föderalversammlung dekoder: Warum Putin dem Volk nichts mehr zu sagen hat Chronik: Covid-19-Chronik, 12. April – 02. Mai 2021 Chronik: 13. April – 01. Mai 2021 60 Jahre Gagarin: Raumfahrt / Das russische Strafvollzugssystem (19.04.2021) dekoder: Juri Gagarin dekoder: Raumfahrtprogramm der UdSSR Analyse: Russland im Weltraum: Die 2020er Jahre Analyse: Russlands internationale Raumfahrtstrategie Analyse: Das Strafvollzugssystem der Russischen Föderation Chronik: Covid-19-Chronik, 15. März – 11. April 2021 Chronik: 17. März – 09. April 2021 Übersterblichkeit (27.03.2021) Analyse: Die Übersterblichkeit macht den wahren Opferzoll deutlich Analyse: Russlands Geografie und die Ausbreitung von Covid-19 Analyse: Die Pandemie in Russlands Föderationssubjekten: Gründe für die unterschiedliche Mortalität dekoder: "Die russische Propaganda hat sich selbst besiegt" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. März 2021 Chronik: 1. – 10. März 2021 Stadtentwicklung/Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen (09.03.2021) Analyse: Ausdehnung des Moskauer Wohnraumsanierungsprogramms Analyse: Urbaner Aktivismus in Russland dekoder: Das Moskau-Experiment Dokumentation: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Chronik: Covid-19-Chronik, 15. – 28. Februar 2021 Chronik: 16. – 27. Februar 2021 Digitale Diplomatie (19.02.2021) Analyse: Russlands digitale Diplomatie Analyse: Mittel und Zweck von Public Diplomacy Kommentar: Zusammenarbeit chinesischer und russischer Medien dekoder: "Schau mich gefälligst an!" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. Februar 2021 Chronik: 1. – 14. Februar 2021 Söldner im Dienst von Russland / Elite-Ranking 2020 / Proteste nach Nawalnyjs Rückkehr (08.02.2021) Söldner im Dienst autoritärer Staaten Analyse: Russische PMCs im Nahen Osten und Afrika Kommentar: Die "Wagner-Affäre" in Belarus und ihre Folgen Kommentar: Geopolitik, Waffen, Erdöl: Was Russlands Präsenz in Venezuela bedingt Karte: Söldner im Dienst von Russland Ranking: Das Elite-Ranking der "Nesawisimaja gaseta" Ranking: Die politische Elite im Jahre 2020: Regierungswechsel, Covid-19-Pandemie und Verfassungsreform dekoder: Russlandweite Proteste – wie nervös macht Nawalny den Kreml? dekoder: Nawalnys Schlusswort: "Einen einsperren, um Millionen einzuschüchtern" Notizen aus Moskau: Von 2011 zu 2021. Zehn Jahre danach. Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Januar 2021 Chronik: 11. – 31. Januar 2021 Visadialog zwischen der EU und Russland (21.01.2021) Analyse: Die Visumpflicht in den EU-Russland Beziehungen Analyse: Perspektiven des Visa-Dialogs zwischen der EU und Russland Kommentar: Visafreiheit für russische Jugendliche Kommentar: Illegale Passportisierungspolitik im Donbas Kommentar: Mit Visafreiheit Brücken in Krisenzeiten schlagen dekoder: Arbeitsmigration in Russland Chronik: Covid-19-Chronik, 30. November 2020 – 10. Januar 2021 Chronik: 3. Dezember 2020 – 9. Januar 2021 Die deutsch-russischen Beziehungen nach den Wahlen (15.10.2021) Analyse: Die Bundestagswahl und die deutsch-russischen Beziehungen Analyse: Chancen für eine neue Russlandpolitik nach der Bundestagswahl Kommentar: Die deutsche Russlandpolitik und das russische Gesetz über "ausländische Agenten" Dokumentation: Ausgewählte Publikationen über die deutsch-russischen Beziehungen Dokumentation: Vorschläge und Empfehlungen zu den EU-Russland-Beziehungen dekoder: Novaya Gazeta dekoder: Muratows Krawatte und der Friedensnobelpreis Chronik: Covid-19-Chronik, 27. September – 09. Oktober 2021 Chronik: 28. September – 08. Oktober 2021 30 Jahre Zerfall der Sowjetunion – Generationen (20.09.2021) Kommentar: Nur ein Menschenleben lang Kommentar: Staatenlosigkeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR Kommentar: Der Generationenaspekt beim Zusammenbruch der Sowjetunion Kommentar: Dreißig Jahre Transformation des russischen Hochschulwesens Kommentar: Die Jugend und die Generationen im postsowjetischen Russland: Kommentar: Unternehmerinnen in Russland Notizen aus Moskau: 30 Jahre umsonst? dekoder: Das Licht einer enttäuschten Hoffnung dekoder: Misstrauen auf allen Ebenen Chronik: Covid-19-Chronik, 02. August – 12. September 2021 Chronik: 05. – 12. September 2021 Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Von der Redaktion: Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Kommentar: Die Minsker Vereinbarungen als Chance? Kommentar: (Keine neuen) Erkenntnisse gewonnen Kommentar: Alles auf Status. Russlands riskantes Kriegsspiel mit (in) Europa Kommentar: Russlands Motive Kommentar: Die Gründe für Russlands Vorschläge Kommentar: Würde Putin vom eigenen Volk für eine Invasion in die Ukraine abgestraft werden? Kommentar: Kriegsoptimismus im Russland-Ukraine-Konflikt: Grund zum Pessimismus? Kommentar: Desinformation: ein hoch aktuelles Konzept aus dem letzten Jahrhundert Kommentar: Die Russland-Ukraine Krise: Wo steht Deutschland? Kommentar: Russlands Passportisierung des Donbas: Von einer eingeschränkten zu einer vollwertigen Staatsbürgerschaft? Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Kommentar: Die armenisch-russischen Beziehungen. Ein Überblick aus armenischer Sicht

Harutyun Grigoryan

/ 10 Minuten zu lesen

Die russisch-armenischen Beziehungen sind vielfältig und komplex, und sie beschränken sich nicht auf einen Schwerpunkt. Russland und Armenien vertreten bei vielen außenpolitischen Angelegenheiten verschiedene Positionen, beide Länder bezeichnen sich jedoch konstant gegenseitig als strategische Partner.

Treffen zwischen dem russischen Ministerpräsidenten Putin (r) und dem armenischen Präsidenten Serzh Sargsyan (l). (© picture-alliance/dpa)

Retrospektive

Um die armenisch-russische Beziehungen vollständig zu verstehen und für die kurz- bzw. mittelfristige Zukunft die zu erwartenden Entwicklungsmöglichkeiten im Vorfeld einschätzen zu können, ist eine zusammenfassende Betrachtung dessen erforderlich, was Armenien für Russland und was Russland für Armenien bedeutet, wie die zwei Länder einander wahrnehmen, und wie sie sich dem anderen gegenüber positionieren.

Russland versteht sich als alte Zivilisation, die durch ihren Einfluss die Gestaltung Europas sowie Asien prägte und prägt. Armenien dagegen ist eine äußerst alte Zivilisation: Es bestand bereits zu Zeiten, als es weder europäische Staaten, noch gar die Kiewer Rus gab. Armenien nahm fast 700 Jahre vor Russland das Christentum an, armenische Staatlichkeit und Kultur erfuhren bereits eine Blüte, als auf dem Gebiet des heutigen Russland noch Nomadenvölker lebten. In heutiger Zeit aber erstreckt sich die Russische Föderation über ein Territorium, das 570 Mal größer ist, als das Armeniens. In Russland leben derzeit 50 Mal mehr Menschen als im kleinen Armenien. Die Republik Armenien proklamierte ihre Unabhängigkeit im Jahre 1991, die Russische Föderation versteht sich als Nachfolger der zerfallenen UdSSR.

"Electric-Yerevan" – ein Beispiel für Wahrnehmungsunterschiede

Bedingt durch zahlreiche Faktoren existieren heute unterschiedliche Versionen einer Beurteilung der armenisch-russischen Beziehungen, je nach Ausgangsposition des Experten, seiner Weltanschauung und Zielsetzung: für welches Publikum die Analyse gedacht ist, welches Verständnis der allgemein anerkannten Souveränitäts- und Gleichheitsprinzipien vorliegt, wie stark die Neigung zu Stereotypen der Sowjetära ist. Ein exzellentes Beispiel bieten die sogenannten "Electric Yerevan"-Unruhen von 2015 in Jerewan, als die Stadtbevölkerung – zum großen Teil junge Menschen– heftig gegen die Erhöhung der Strompreise demonstrierte. Die Proteste waren rein wirtschaftlichen Charakters, sie erreichten die Schlagzeilen der Medien und wurden schnell zu politischen Protesten gemünzt. Neben der Regierung Armeniens sei die "Armenische Stromnetze" schuld, die komplett dem russischen Staatskonzern "Inter RAO UES" gehört, so skandierten es armenische, hauptsächlich prowestliche Oppositionelle. Im Sommer 2015 prophezeiten manche Experten sogar einen Regierungswechsel. Russische Medien hingegen berichteten fast täglich von einem zweiten "Maidan", nun allerdings in Jerewan. Politiker und in Armenien stationierte Diplomaten der EU äußerten ihre Besorgnis angesichts des unverhältnismäßigen Einsatzes von Polizeigewalt. Der Höhepunkt der tatsächlichen polizeilichen Gewaltanwendung war der Einsatz von Wasserwerfern gegen Zivilisten am 23. Juni 2015, wobei allerdings niemand schwer verletzt wurde oder anschließend stationäre Behandlung benötigte.

Abgesehen von Meinungsverschiedenheiten in der Berichterstattung bezüglich der Ursachen von "Electric-Yerevan" ist eines klar: Bereits ein solcher Vorfall wäre in der Lage, die strategische Partnerschaft zwischen Armenien und Russland zu erschüttern.

Bedrohungsvorstellungen und russisch-armenische Sicherheitskooperation

Die Zusammenarbeit der beiden Länder begann unmittelbar nach dem Zusammenbruch der UdSSR, mit dem "Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitige Sicherheit zwischen der Russischen Föderation und der Republik Armenien" vom 29. Dezember 1991. Der Vertrag diente der kleinen und ruinierten Republik Armenien, die sich u. a. in einer kriegerischen Auseinandersetzung mit dem drei Mal größeren Aserbaidschan befand, vor allem wirtschaftlich.

Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Russland und Armenien wurden am 3. April 1992 offiziell besiegelt; seitdem wurden über 240 zwischenstaatliche Verträge, Regierungs- und Ministerialabkommen in diversen Bereichen unterzeichnet. Als bedeutsamster Großvertrag gilt seit November 1998 der am 29. August 1997 unterzeichnete und im Folgejahr ratifizierte "Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe".

Die in Armenien heute stationierten Einheiten der russischen Streitkräfte sind im Grunde genommen die "Nachfolger" der Roten / Sowjetischen Armee, die in erster Linie Sowjetarmenien vor einer für wahrscheinlich gehaltenen Aggression der Türkei beschützten. Diese Gefahr blieb trotz des russisch-türkischen Freundschaftsvertrags vom 1921 bis zum Zweiten Weltkrieg stets aktuell. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Zeiten des Kalten Krieges, hatte sich die Wahrscheinlichkeit eines türkischen Angriffs auf Armenien nicht verringert. Der Grund waren nicht nur die feindlichen Beziehungen zwischen NATO und UdSSR. Den strategischen Entscheidungsträgern der UdSSR war das frühere Verhalten der Türkei gegenüber dem armenischen Volk bekannt, auch das in den Jahren 1915–1918, als der Völkermord an den Armeniern begangen wurde– wenn darüber auch nicht laut gesprochen wurde.

Mit der Entstehung der – nach der Ersten (1918–1920) und der sowjetischen – nun unabhängigen Dritten Republik Armenien war nach dem Zerfall der UdSSR die Gefahr durch die Türkei nicht verschwunden. Zwar wurden die konventionellen Waffen und Munition der Sowjetischen Armee zum großen Teil unter den Sowjetrepubliken aufgeteilt. Aber dem kleinen Armenien mit seinen stark begrenzten menschlichen Ressourcen, das sich in jener Zeit in einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Aserbaidschan befand, waren Waffen allein nicht genug für eine Verteidigung der westlichen Grenzen zur Türkei. Deshalb blieb Armenien auf die Hilfe der postsowjetischen russischen Armee angewiesen. Die ehemals sowjetische Armee wechselte de jure ihre Zugehörigkeit und den Namen, und blieb ab Frühling 1992 nun offiziell in der Republik Armenien, als Stützpunkt der russischen Streitkräfte, um "Armenien gegen die Türkei zu verteidigen". Seit September 1992 galt der Vertrag über den Schutz der armenischen Grenzen durch russische Grenztruppen, die offiziell zum "Föderalen Sicherheitsdienst" (FSB), dem Inlandsgeheimdienst der Russischen Föderation gehören. Sie überwachen bis heute insgesamt über 310 Kilometer armenisch-türkischer Grenze und die rund 45 km lange armenisch-iranische Grenze. Dazu kommt "Swartnoz", der einzige internationale Flughafen Armeniens, auf dem russische FSB-Angehörige zusammen mit den armenischen Kollegen die Passagierkontrolle durchführen. Diese Realität, in der man bei der Ein- und Ausreise am Flughafen Menschen mit russischem Staatswappen an den Schultern begegnet, empört einen Teil der Armenier, die sich dadurch "von Russen besetzt" fühlen. 2010 wurde die Stationierung der russischen Truppen auf armenischem Boden bis zum Jahr 2044 verlängert.

Rüstungsexporte und Stationierungspolitik

Die Überwachung der armenisch-georgischen Grenze und die Verteidigung der armenisch-aserbaidschanischen Grenze sind dagegen der armenischen Regierung selbst überlassen. Somit zeigte der Kreml von Anfang an, dass er – trotz der strategischen Partnerschaft mit Armenien – eine gewisse Loyalität gegenüber dem postsowjetischen Georgien und Aserbaidschan bewahren will. Gerade dieses Verhalten führt zu einem Misstrauen in der armenischen Gesellschaft gegenüber Russland, weil sich die die Häufigkeit des Beschusses der armenischen Grenzgebiete durch Aserbaidschan in den letzten Jahren verdoppelt hat und der Kreml außer mündlichen Bekundungen seiner Besorgnis nichts Spürbares dagegen unternimmt. Vielmehr liefert Moskau weiterhin Waffen, darunter auch Offensivwaffen, an Aserbaidschan. Medien zufolge belief sich der Wert der russischen Waffenlieferungen an Aserbaidschan in den letzten Jahren auf über 4 Milliarden Euro (2010–2015). Dadurch bildet sich bei einem breiten Publikum in- und außerhalb Armeniens die Meinung, "Russland bewaffne den Feind Armeniens mit Angriffswaffen, um Armenien weiterhin im Griff zu haben". Man könnte natürlich behaupten, Russland sei souverän und dürfe jedem Land die Mengen seiner Produktion verkaufen, wie es will. Die Handelssouveränität der Russischen Föderation wird in der armenischen Gesellschaft auch nicht bestritten, doch allein schon die Gewissheit, dass die eigenen Soldaten durch Waffen des strategischen Partners fallen, stiftet bei Armeniern ein Gefühl des Verrats.

Der im Herbst 2015 versprochene russische Kredit an Jerewan in Höhe von 200 Millionen US-Dollar, die sowohl für einen vorübergehenden Stopp der Energiepreiserhöhungen als auch für Lieferungen vergleichbar moderner Waffen gedacht waren, diente da als Ausgleich. Zu den Waffen gehörten die ballistischen Boden–Boden-Raketen vom Typ "Iskander-M", die in der Lage sind, die Hauptstädte der westlichen und östlichen Nachbarn Armeniens zu treffen. Dabei ist nicht ganz klar, inwieweit die Kontrolle über die Waffen tatsächlich der armenischen Regierung unterstellt ist, oder ob sie nur auf Befehl des russischen Militärkommandos eingesetzt werden können. Für die Luftverteidigung stationierte Russland in Armenien Boden–Luft-Raketensysteme vom Typ S-300. Zur "Verbesserung der Luftraumsicherheit der Organisation des Vertrages der kollektiven Sicherheit (OVKS)" wurden 2015 die Luftabwehreinheiten der armenischen Streitkräfte mit den Luftabwehreinheiten des russischen Südlichen Militärbezirks zusammengeschlossen. Die Armenier fühlen sich mit russischen Raketen sicherer als je zuvor. Eine russische Militärpräsenz in Armenien schließt jegliche Eroberungsversuche aus, und das stört sowohl Ankara als auch Baku. Die westlichen Staaten hingegen haben schon deswegen Sorgen, weil es unmöglich scheint, eine Abgrenzung zwischen dem in Armenien stationierten russischen Militär und den Einheiten des armenischen Verteidigungsministeriums vorzunehmen. Es wäre für den Westen von besonderer Bedeutung, die Schritte Russlands im Vorfeld kalkulieren zu können, etwa bei einem Kriegsszenario zwischen Armenien und Aserbaidschan.

Wirtschaftliche Zusammenarbeit

In Wirtschaftsbereich gibt es einen engen Austausch zwischen den beiden Staaten. Russland bleibt größter Wirtschaftspartner Armeniens, mit einem Anteil von ca. 24 Prozent (2014; entspr. 1,4 Milliarden US-Dollar) am armenischen Handelsvolumen. Der Löwenanteil (1,1 Mrd. US-Dollar), entfiel auf Waren aus Russland, die nach Armenien geliefert wurden, darunter Kernbrennstoff und Anlagen für die Kernenergie, Holzprodukte, Maschinen und Rohdiamanten. Seit dem 2. Januar 2015 ist Armenien Mitglied der Eurasischen Wirtschaftsunion, doch sank das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern im Zeitraum von Januar–Mai des Beitrittsjahres auf 54,6 Prozent des Vorjahrswerts für den gleichen Zeitraum und betrug lediglich ca. 273 Millionen US-Dollar, was fast 20 Prozent des gesamten Außenhandelsvolumens der Republik Armenien entsprach. Aber die Ursache des Rückgangs des armenisch-russischen Handelsvolumens war nicht der Beitritt zur Eurasischen Wirtschaftsunion selbst, sondern eine durch die westlichen Sanktionen und den niedrigen Ölpreis verursachte Änderung der Außenhandelspolitik Russlands und damit ein wirtschaftlich bedingtes Wegbrechen der Handelstätigkeit zwischen Russland und Armenien.

Russland liefert Erdgas nach Armenien, und Uran für den größten Energieproduzenten des Landes, das AKW "Metsamor", das aufgrund einer Entscheidung der armenischen Regierung im 1989 abgeschaltet wurde und dadurch gleich die ganze Industrie des Landes in Energienot versetzte. Die Wiederinbetriebnahme des Atomkraftwerkes erfolgte 1995, mit massiver finanzieller Hilfe von Russland. Die Verlängerung der Laufzeit des AKW um 10 Jahre bis 2025 wird dank eines 270 Millionen US-Dollar schweren russischen Kredites und eines 30 Millionen US-Dollar großen russischen Geschenks umgesetzt.

Russland ist der größte Investor in die Republik Armenien. Seit 1991 hat es ca. 3,4 Milliarden US-Dollar in Armenien investiert. Russischen Staatskonzernen gehören u. a. sieben Wasserkraftwerke, Wärmekraftwerke, der größte Mobilnetzanbieter und "Armsparbank"(eines der größten Bankinstitute des Landes). Der staatliche russische Versicherungskonzern "Rosgosstrach" ist der größte Versicherer in Armenien. Das absolute Recht auf Erdgasverkauf im innenstaatlichen Markt Armeniens besitzt "Gazprom Armenia", eine Tochtergesellschaft des staatlichen russischen Gasriesen "Gasprom".

Russland im armenischen Verkehrswesen

Alle Eisenbahnlinien Armeniens gehören seit 2008 zu den "Südkaukasischen Eisenbahnen" – einer Tochtergesellschaft der staatlichen "Russischen Eisenbahnen". Wirtschaftlich gesehen sind die armenischen Eisenbahnen für Russland derzeit so gut wie bedeutungslos, weil sie lediglich Jerewan mit der georgischen Hauptstadt Tiflis und kleineren georgischen Ortschaften verbinden. Südlich von Jerewan führt die Bahn in Richtung des feindlichen aserbaidschanischen Nachitschewan, womit der weitere Weg versperrt ist. Nördlich von Georgien in Richtung Russland führt die Bahn durch Abchasien und ist somit ebenso gesperrt. Mit dem Verkauf der maroden Eisenbahnlinien an Russland befreite sich die armenische Regierung von einer unnötigen Belastung. Anderseits erhoffte sich Armenien, dass der neue Besitzer sich (aus eigenen Wirtschaftsinteressen) erfolgreich für die Entsperrung der Eisenbahnverbindung an der georgisch-abchasischen Grenze einsetzen würde. Erfolgte dies, würde sich die geopolitische Situation in der Region zugunsten Armeniens ändern. Russland beabsichtigt die Baufinanzierung einer 315 km langen Eisenbahnlinie zwischen Armenien und Iran sowie einer 110 km langen Autobahn, die zusammen bis zu 3 Milliarden US-Dollar kosten könnten. Die großzügigen Investitionen Russlands in diverse Bereiche der armenischen Wirtschaft, darunter in kurz- und mittelfristig nicht unbedingt rentable Wirtschaftsprojekte, bieten Grund zur Annahme, dass Russland sich Armenien Schritt für Schritt kaufe. Die Spekulationen in der Presse zu einem solchen Szenario nützen besonders der prowestlich orientierten Opposition, die ihrer Wählerschaft nichts außer einer "russischen Gefahr für die armenische Unabhängigkeit" anbieten kann.

Kulturelle Bindungen und Minderheiten

Um seine Position in Armenien weiter zu stärken, engagiert sich Russland auch in der Zusammenarbeit im Bildungsbereich. In Jerewan ist die Slawische Humanitäre Universität tätig, an der über 3.400 Studenten verschiedene Fächer auf Russisch studieren. Im armenischen Buchhandel sind russischsprachige Bücher überall präsent. Es sind mehrere russische TV-Kanäle in Armenien verfügbar. Jährlich studieren auf Kosten des russischen Staates etwa 250 armenische Staatsbürger an russischen Universitäten und Hochschulen.

Nach Angaben des Föderalen Migrationsdienstes Russlands leben etwa 1,2 Millionen armenische Staatsbürger in Russland, die somit die weltweit größte armenische Diaspora bilden. Darüber hinaus sollten zudem zahlreiche russische Staatsangehörige mit armenischen Wurzeln berücksichtigt werden. Der russische Anteil an der armenischen Bevölkerung besteht dagegen hauptsächlich aus Familienangehörigen der im Lande stationieren Militärs und aus zahlreichen russischen Staatsangehörigen mit armenischen Wurzeln. In Wirklichkeit ist die russische Diaspora in Armenien recht klein.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich als Ergebnis festhalten: Sowohl das heutige Territorium der souveränen Republik Armenien als auch das Territorium der souveränen Russischen Föderation galten in den letzten Jahrhunderten – ausgenommen eine kurze Zeit kurz vor und nach dem Ende des Ersten Weltkrieges – als Gebiete einer Staatlichkeit, deren politisches Zentrum immer in Russland lag, zuerst in Sankt Petersburg, danach in Moskau.

In der Realität des 21. Jahrhunderts brauchen die beiden Länder einander, dabei verfolgt jedes Land, sowohl mittel- als auch langfristig, eigene Ziele. Für Armenien ist eine gute Beziehung zu Russland von wirtschaftlicher, kultureller und sogar existentieller Bedeutung. Für Russland sind freundschaftliche Beziehungen zu Armenien aus imperialistisch motivierten und regionalpolitischen Gründen wichtig. Das riesige Land braucht in erster Linie Ruhe an seinen Grenzen; vor allem im Nord- und Südkaukasus braucht Russland Stützpunkte und zuverlässigen Boden für seine Präsenz und für eine weitere Vertiefung der Zusammenarbeit mit Iran und ggf. anderen arabischen Ländern im Nahen Osten. Armenien ist dafür ideal geeignet. Alle möglichen Nachteile einer übermäßigen Präsenz eines fremden Souveräns sind der armenischen Regierung (und wahrscheinlich dem Großteil der armenischen Bevölkerung) bewusst, doch handelt erstere primär aus Motiven der nationalen Sicherheit. Solange die Außenpolitik des Westens in Bezug auf die Türkei nicht geändert wird, solange die Türkei ihr Nichtverstehen Armeniens und des armenischen Volkes nicht aufgibt – wozu auch eine Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern im Osmanischen Reich gehören würde –, wird Armenien seine Beziehungen zu Russland weiter vertiefen müssen, und die russische Präsenz in Armenien würde dadurch nur stärker und spürbarer.

Letztlich hatte die Regierung der Republik Armenien zwischen der EU-Assoziierung und der Eurasischen Union zu wählen und entschied sich deshalb am 3. September 2013 für die Organisation des Vertrages über die kollektive Sicherheit (OVKS).

Lesetipps:

  • Gabrielyan, Emma: Russian-Turkish Gambit, or how the Russians began to cherish Armenians, in: Aravot, 28. November 2015; http://en.aravot.am/2015/11/28/173183/.

  • Mercouris, Alexander: ‘Electric Yerevan’ Will Not Change Armenia’s Pro-Russian Orientation, In: Russia Insider, 25. Juni 2015; https://newcoldwar.org/electric-yerevan-will-not-change-armenias-pro-russian-orientation/.

  • Grigoryan, Armen: Armenia, Georgia, Iran and Russia Plan to Expand Energy Cooperation, in: Eurasia Daily Monitor, 6. Januar 2016; http://www.jamestown.org/programs/edm/single/?tx_ttnews[backPid]=27&tx_ttnews[tt_news]=44939#.VubkMPhfSUl.

Fussnoten

Harutyun Grigoryan (LL.M.) wurde 1978 in Jerewan geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften in Bergkarabach (1995–1997), das er mit dem Abschluss an der Staatsuniversität Jerewan fortsetzte (1997–1999), studierte an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln (2006–2008). Er arbeitet derzeit an seiner Promotion an der Universität Potsdam, Juristische Fakultät, und als Berater für armenisches Recht.