Meine Merkliste

Analyse: Unmittelbare und mittelbare Folgen der Wirtschaftssanktionen zwischen der EU und Russland auf Produktion und Beschäftigung in Deutschland

Russland-Analysen Memorial (16.12.2021) Von der Redaktion: Frohes Fest! Dokumentation: Friedensnobelpreisrede von Dmitrij Muratow dekoder: Memorial Dokumentation: Anträge der Staatsanwaltschaften Interview: Irina Scherbakowa Interview: Swetlana Gannuschkina Kommentar: Die Büchse der Pandora Dokumentation: Der Menschenrechtsrat ist besorgt Dokumentation: Kommentar von Wladimir Putin zu Memorial Kommentar: Wendejahre Kommentar: Angriff des Kreml auf Memorial Kommentar: "Der Westen" als Gefahr für Russlands innere Sicherheit Kommentar: Déjà-vu Kommentar: Memorial als geschichtswissenschaftlicher Akteur Kommentar: Ein Refugium der Freiheit wird zerstört Kommentar: Die Instrumente des Europarats Kommentar: Memorial im Nordkaukasus Kommentar: Einsatz für Religions- und Gewissensfreiheit Kommentar: Ist das russische "Ausländische-Agenten"-Gesetz reformierbar? dekoder: Schlag gegen Deutschland Notizen aus Moskau: Memorial und die Hoffnung Dokumentation: Fokus Memorial der Zeitschrift OSTEUROPA Dokumentation: Stellungnahmen zur drohenden Auflösung von Memorial Chronik: Covid-19-Chronik, 16. November – 03. Dezember 2021 Chronik: 15. November – 03. Dezember 2021 Erdgashandel (24.11.2021) Analyse: Der deutsch-russische Erdgashandel. Chronik: Covid-19-Chronik, 01. – 13. November 2021 Chronik: 01. – 12. November 2021 Sozialverantwortung und Klima in der Landwirtschaft (10.11.2021) Analyse: Landwirtschaftliche Betriebe in Russland für unternehmerische Sozialverantwortung Analyse: Wird die russische Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren? Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Oktober 2021 Chronik: 11. – 29. Oktober 2021 Duma- und Regionalwahlen (01.10.2021) Analyse: Die Dumawahlen 2021 und das zunehmend hegemonial-autoritäre Regime in Russland Analyse: Alexej Nawalnyj, "Smart Voting" und die Wahlen zur russischen Staatsduma 2021 Kommentar: Wahlen in der "Protestregion" Chabarowsk in Online- und sozialen Medien dekoder: Die Evolution der Duma Notizen aus Moskau: Wird (all)es nach den Wahlen wieder besser? Chronik: Covid-19-Chronik, 13. – 26. September 2021 Chronik: 13. – 26. September 2021 Wirtschaftliche Schocks (24.06.2021) Analyse: Die Wirtschaft der "Festung Russland" Analyse: Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Corona-Krise  Chronik: Covid-19-Chronik, 03. – 30. Mai 2021 Chronik: 17. Mai – 10. Juni 2021 Arktis (31.07.2021) Editorial: Sommerpause, на дачу Analyse: Arktische Visionen: Die sowjetische Expansion nach Norden Analyse: Russlands Arktis-Strategie bis 2035 – Große Pläne und ihre Grenzen Analyse: Der russische Vorsitz im Arktischen Rat: Prioritäten und Implikationen für den Hohen Norden Russlands Kommentar: Russlands arktischer Balanceakt Dokumentation: Russland und die Arktis: Eine Auswahl aktueller Publikationen Chronik: Covid-19-Chronik, 14. Juni – 17. Juli 2021 Chronik: 16. Juni – 18. Juli 2021 Duma-Wahlen/Repressionen (08.06.2021) Kommentar: Duma-Wahlen 2021 Kommentar: Informationskriege, Oppositionskoordination und die Dumawahl im Jahr 2021 Kommentar: Wird das Putin-Regime überleben? Kommentar: Vorbereitung auf die Parlamentswahlen 2021 Kommentar: Elektronische Stimmabgabe Kommentar: Bedingungen der Wahlbeobachtung Kommentar: Die wirtschaftlichen Folgen autoritärer Politik Kommentar: Michail Mischustin als ambitionierter "Systemadministrator" des Putinismus Kommentar: Bürger:innen und der starke Mann: Erwachen, soziale Klassen und sozialer Niedergang in Russlands Autokratie Kommentar: Fear and Loathing in Russia: Repressionen als Herrschaftsinstrument des Kremls Kommentar: Ausländische-Agenten-Gesetz vor der Duma-Wahl 2021 ausgeweitet Kommentar: Schrumpfende Freiräume für Russlands Medien Kommentar: Russland drosselte Twitter, um Inhalte zu zensieren dekoder: "Hätten wir eine andere Wahl gehabt? Nein." Dokumentation: Repressive Gesetze, die von Wladimir Putin am 30. Dezember 2020 unterzeichnet wurden Dokumentation: April-Chronik der Repressionen: Der Journalist Ilja Asar hat Buch geführt Umfragen: "Haben Sie Angst vor…?" Umfrageergebnisse des Lewada-Zentrums Dokumentation: Hat der Protest einen Anführer? Wie stehen die Protestierenden zu Nawalnyj? Dokumentation: Russische Online-Zeitung Meduza kämpft ums Überleben Dokumentation: Amnesty International: Die Polizei identifiziert friedliche Demonstrierende mit Gesichtserkennungstechnologie Dokumentation: Human Rights Watch: Der Fall des Menschenrechtsanwalts Iwan Pawlow und neue repressive Gesetze Dokumentation: Stellungnahmen zum Beschluss der russischen Generalstaatsanwaltschaft, deutsche Nichtregierungsorganisationen als in Russland unerwünschte Organisationen zu erklären Chronik: 3. – 14. Mai 2021 Atomenergie / Die Botschaft des Präsidenten (14.05.2021) Analyse: Zum 35. Jahrestag von Tschernobyl Analyse: Russische Reaktoren und russischer Atommüll Analyse: Putins Botschaft an die Föderalversammlung dekoder: Warum Putin dem Volk nichts mehr zu sagen hat Chronik: Covid-19-Chronik, 12. April – 02. Mai 2021 Chronik: 13. April – 01. Mai 2021 60 Jahre Gagarin: Raumfahrt / Das russische Strafvollzugssystem (19.04.2021) dekoder: Juri Gagarin dekoder: Raumfahrtprogramm der UdSSR Analyse: Russland im Weltraum: Die 2020er Jahre Analyse: Russlands internationale Raumfahrtstrategie Analyse: Das Strafvollzugssystem der Russischen Föderation Chronik: Covid-19-Chronik, 15. März – 11. April 2021 Chronik: 17. März – 09. April 2021 Übersterblichkeit (27.03.2021) Analyse: Die Übersterblichkeit macht den wahren Opferzoll deutlich Analyse: Russlands Geografie und die Ausbreitung von Covid-19 Analyse: Die Pandemie in Russlands Föderationssubjekten: Gründe für die unterschiedliche Mortalität dekoder: "Die russische Propaganda hat sich selbst besiegt" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. März 2021 Chronik: 1. – 10. März 2021 Stadtentwicklung/Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen (09.03.2021) Analyse: Ausdehnung des Moskauer Wohnraumsanierungsprogramms Analyse: Urbaner Aktivismus in Russland dekoder: Das Moskau-Experiment Dokumentation: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Chronik: Covid-19-Chronik, 15. – 28. Februar 2021 Chronik: 16. – 27. Februar 2021 Digitale Diplomatie (19.02.2021) Analyse: Russlands digitale Diplomatie Analyse: Mittel und Zweck von Public Diplomacy Kommentar: Zusammenarbeit chinesischer und russischer Medien dekoder: "Schau mich gefälligst an!" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. Februar 2021 Chronik: 1. – 14. Februar 2021 Söldner im Dienst von Russland / Elite-Ranking 2020 / Proteste nach Nawalnyjs Rückkehr (08.02.2021) Söldner im Dienst autoritärer Staaten Analyse: Russische PMCs im Nahen Osten und Afrika Kommentar: Die "Wagner-Affäre" in Belarus und ihre Folgen Kommentar: Geopolitik, Waffen, Erdöl: Was Russlands Präsenz in Venezuela bedingt Karte: Söldner im Dienst von Russland Ranking: Das Elite-Ranking der "Nesawisimaja gaseta" Ranking: Die politische Elite im Jahre 2020: Regierungswechsel, Covid-19-Pandemie und Verfassungsreform dekoder: Russlandweite Proteste – wie nervös macht Nawalny den Kreml? dekoder: Nawalnys Schlusswort: "Einen einsperren, um Millionen einzuschüchtern" Notizen aus Moskau: Von 2011 zu 2021. Zehn Jahre danach. Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Januar 2021 Chronik: 11. – 31. Januar 2021 Visadialog zwischen der EU und Russland (21.01.2021) Analyse: Die Visumpflicht in den EU-Russland Beziehungen Analyse: Perspektiven des Visa-Dialogs zwischen der EU und Russland Kommentar: Visafreiheit für russische Jugendliche Kommentar: Illegale Passportisierungspolitik im Donbas Kommentar: Mit Visafreiheit Brücken in Krisenzeiten schlagen dekoder: Arbeitsmigration in Russland Chronik: Covid-19-Chronik, 30. November 2020 – 10. Januar 2021 Chronik: 3. Dezember 2020 – 9. Januar 2021 Die deutsch-russischen Beziehungen nach den Wahlen (15.10.2021) Analyse: Die Bundestagswahl und die deutsch-russischen Beziehungen Analyse: Chancen für eine neue Russlandpolitik nach der Bundestagswahl Kommentar: Die deutsche Russlandpolitik und das russische Gesetz über "ausländische Agenten" Dokumentation: Ausgewählte Publikationen über die deutsch-russischen Beziehungen Dokumentation: Vorschläge und Empfehlungen zu den EU-Russland-Beziehungen dekoder: Novaya Gazeta dekoder: Muratows Krawatte und der Friedensnobelpreis Chronik: Covid-19-Chronik, 27. September – 09. Oktober 2021 Chronik: 28. September – 08. Oktober 2021 30 Jahre Zerfall der Sowjetunion – Generationen (20.09.2021) Kommentar: Nur ein Menschenleben lang Kommentar: Staatenlosigkeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR Kommentar: Der Generationenaspekt beim Zusammenbruch der Sowjetunion Kommentar: Dreißig Jahre Transformation des russischen Hochschulwesens Kommentar: Die Jugend und die Generationen im postsowjetischen Russland: Kommentar: Unternehmerinnen in Russland Notizen aus Moskau: 30 Jahre umsonst? dekoder: Das Licht einer enttäuschten Hoffnung dekoder: Misstrauen auf allen Ebenen Chronik: Covid-19-Chronik, 02. August – 12. September 2021 Chronik: 05. – 12. September 2021 Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Von der Redaktion: Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Kommentar: Die Minsker Vereinbarungen als Chance? Kommentar: (Keine neuen) Erkenntnisse gewonnen Kommentar: Alles auf Status. Russlands riskantes Kriegsspiel mit (in) Europa Kommentar: Russlands Motive Kommentar: Die Gründe für Russlands Vorschläge Kommentar: Würde Putin vom eigenen Volk für eine Invasion in die Ukraine abgestraft werden? Kommentar: Kriegsoptimismus im Russland-Ukraine-Konflikt: Grund zum Pessimismus? Kommentar: Desinformation: ein hoch aktuelles Konzept aus dem letzten Jahrhundert Kommentar: Die Russland-Ukraine Krise: Wo steht Deutschland? Kommentar: Russlands Passportisierung des Donbas: Von einer eingeschränkten zu einer vollwertigen Staatsbürgerschaft? Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Analyse: Unmittelbare und mittelbare Folgen der Wirtschaftssanktionen zwischen der EU und Russland auf Produktion und Beschäftigung in Deutschland

Jutta Günther Maria Kristalova Udo Ludwig

/ 8 Minuten zu lesen

Als Reaktion auf den Ukrainekonflikt verhängte die EU vor über zwei Jahren wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland. Die Russische Föderation konterte ebenfalls mit Einfuhrbeschränkungen. Welche Auswirkungen hatten diese Maßnahmen auf die deutsche Wirtschaft?

Die Flaggen von Russland, Deutschland und der EU am Flughafen Berlin-Tegel. Wie wirken sich die Sanktionen der EU gegen Russland auf die deutsche Wirtschaft aus? (© picture-alliance/dpa)

Zusammenfassung

In der Mitte des Jahres 2014 verhängten die EU und Russland infolge des Ukrainekonfliktes gegenseitige Sanktionen. Die bereits seit 2013 abnehmenden Warenexporte Deutschlands nach Russland brachen danach noch tiefer ein. Dieser Beitrag schätzt unter Verwendung der kürzlich vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Input-Output Tabellen für das Jahr 2012 die ökonomischen Folgen der Sanktionen für die Produktion und Beschäftigung in Deutschland. Dabei gehen sowohl die direkten als auch die indirekten Effekte entlang der gesamten Wertschöpfungskette in die Analyse ein. Die Produktionsverluste infolge der Sanktionen liegen kumuliert über die Jahre 2014 bis 2016 bei mehreren Milliarden. Bezogen auf die Bruttowertschöpfung entsprechen die Verluste aber "nur" 0,15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Starke Verluste erleiden jedoch die Hersteller unmittelbar sanktionierter Warengruppen und deren Zulieferer, insbesondere der Fahrzeugbau, der Maschinenbau und die Erzeuger von Eisen und Stahl.

Wirtschaftssanktionen gegen Russland

Als Reaktion auf die Eskalation des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine verhängten die EU und andere westliche Länder in der zweiten Hälfte des Jahres 2014 Wirtschaftssanktionen gegen Russland, auf die Russland wiederum mit Gegensanktionen reagierte. Neben der Beschränkung von Finanztransaktionen setzte die EU vor allem Ausfuhrverbote für Waffen und sogenannte "Dual-Use-Güter", die für militärische Zwecke verwendet werden können, sowie für Maschinen und Zubehör zur Öl- und Gasförderung in Kraft. Die russischen Gegensanktionen betreffen insbesondere Einfuhrverbote für landwirtschaftliche Erzeugnisse und Lebensmittel. Das Handelsembargo verstärkte die bereits abwärts gerichtete Tendenz bei Lieferungen aus Deutschland nach Russland, die der krisenhaften Gesamtsituation in Russland geschuldet ist. Im vorliegenden Beitrag werden die Effekte der Sanktionspolitik im Bereich der Realwirtschaft auf die Produktion und Beschäftigung in der deutschen Wirtschaft abgeschätzt.

Deutsche Exporte nach Russland seit 2013 auf Talfahrt

Im Vergleich zu anderen Ländern der EU pflegt Deutschland intensive Handelsbeziehungen zu Russland. Im Jahre 2013 entfielen beispielsweise rund 30 Prozent aller Exporte der EU nach Russland auf Deutschland. Die relativ schnelle wirtschaftliche Erholung nach der Finanzkrise brachte die deutschen Exporte nach Russland im Jahr 2012 auf ein Rekordniveau von fast 37 Milliarden Euro. Der Rückgang im Jahr 2013 resultierte u. a. aus die schleppenden Entwicklung der russischen Wirtschaft im Gefolge der Abwertung des Rubel und der sinkenden Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft. Nach der Einführung bilateraler Sanktionen in der Mitte des Jahres 2014 brachen die deutschen Ausfuhren nach Russland zusätzlich ein (Grafik 20). So gingen die Exporte im Jahr 2014 insgesamt um 6,5 Milliarden Euro und im Jahr 2015 um 7,5 Milliarden Euro zurück.



Betrachtet man die deutschen Exporte weltweit, rangierte Russland den Angaben des Statistischen Bundesamtes zufolge im Jahr 2015 als Absatzmarkt für Deutschland erst an 16. Stelle. Im Jahr 2014 stiegen die deutschen Exporte insgesamt um fast 40 Milliarden Euro (+ 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr) und im Jahr 2015 nochmals um fast 74 Milliarden Euro (+ 6,6 Prozent). Im gleichen Zeitraum sanken die deutschen Exporte nach Russland, so dass sich der Anteil seit 2013 kontinuierlich verringerte und 2015 bei weniger als 2 Prozent lag.

Auch wenn Russland als Absatzmarkt für die deutsche Wirtschaft an Bedeutung verloren hat, zieht der Exportrückgang spürbare Folgen für Produktion und Beschäftigung nach sich. Diese betreffen nicht nur die von den Exporteinbrüchen unmittelbar betroffenen Sektoren wie z. B. die im Russlandgeschäft aktiven Hersteller von Kraftfahrzeugen und Kfz-Teilen, deren Anteil am Export sich um 4 Prozentpunkte 2015 gegenüber 2013 verringerte, sondern auch deren Zulieferer, also die gesamte Wertschöpfungskette. Um die realwirtschaftlichen Verluste umfassender abzuschätzen, müssen diese Lieferverflechtungen mit in die Analyse eingehen.

Die Liste der sanktionierten Produkte ist zwar überschaubar, den Akteuren wird aber ein großer Ermessungsspielraum gelassen. Die Modellberechnungen beschränken sich deshalb nicht allein auf die ausgewählten, von der EU und von Russland namentlich sanktionierten einzelnen Gütergruppen. Da außerdem der Absatz der mit den sanktionierten Gütergruppen eng verbundenen nicht-sanktionierten Güter infolge der Sanktionspolitik Einbußen erleidet, werden in den Berechnungen alle Produktionsbereiche mit ihren jeweiligen Verlusten in den Blick genommen. Eine ausschließliche Betrachtung der sanktionierten Sektoren griffe nicht nur aufgrund der Kettenreaktionen zu kurz. Deshalb wird bei der Berechnung der Sanktionseffekte von einem breiteren als dem direkt sanktionierten Güterspektrum ausgegangen.

Analyseansatz: Offenes, statisches Leontief-Modell

Um die Verluste aus den realwirtschaftlichen Sanktionen des EU-Russland-Konfliktes für die deutsche Volkswirtschaft zu quantifizieren, werden zunächst (i) die Auswirkungen aus dem Exportrückgang nach Russland (2014–15) insgesamt betrachtet. Der Exportrückgang umfasst sanktionsbedingte und nicht-sanktionsbedingte Einbußen. Anschließend werden (ii) die auf die Sanktionen zurückzuführenden Exportverluste (2014–15) analysiert. Dabei gilt es, gestützt auf Erfahrungswerte aus "Nicht-Sanktionszeiten", die gesamten Exportverluste um die sanktionsbedingten Verluste statistisch zu bereinigen. Danach gehen (iii) die für das Jahr 2016 zu erwartenden Exporteinbußen in die Berechnungen ein. Für (ii) und (iii) sind Schätzungen (Simulationen) erforderlich.



Als Grundlage für die Schätzung dienen Trendfortschreibungen auf Basis der quartalweisen Entwicklung der Exporte nach Warengruppen im Jahr 2013 und in der 1. Hälfte des Jahres 2014, d. h. während des Zeitraums vor den Sanktionen. Damit kann der Export für die 2. Hälfte des Jahres 2014 und das Jahr 2015, d. h. den Zeitraum mit Sanktionen, aber unter Ausschluss der Sanktionen abgeleitet werden. Da auch für das Jahr 2016 die Sanktionen nicht aufgehoben worden sind, wird für die Abschätzung der Sanktionseffekte von zwei alternativen Annahmen ausgegangen: (a) die Talsohle der Effekte ist erreicht und es kommt nicht zu zusätzlichen negativen Effekten der Sanktionen; (b) der Exportrückgang setzt sich in gleicher Höhe wie im Vorjahr fort (Exportrückgang 2016 = Exportrückgang 2015 = –7,5 Mrd. Euro). Für die Berechnungen der für das Jahr 2016 zu erwartenden Effekte wird hier von einem mittleren Weg ausgegangen (–4,9 Mrd. Euro).

Der auf die Sanktionen zurückzuführende Exportrückgang (ii) betrug 353 Millionen Euro im Jahr 2014 und 4 Milliarden im Jahr 2015. Nach unserer Modellrechnung werden die Verluste im Jahr 2016 (iii) 2,6 Milliarden Euro betragen. Um die Effekte dieses "negativen Impulses" auf die Produktion in Deutschland zu ermitteln, wird ein offenes, statisches Leontief-Modell verwendet (s. Kasten 1). Diese Herangehensweise erlaubt sowohl die direkten als auch die indirekten Effekte entlang der Wertschöpfungsketten zu analysieren. Bereits vorliegende, ähnliche Analysen weisen darauf hin, dass die indirekten Effekte stärker sein können als die direkten.





Realwirtschaftlicher Einfluss der Sanktions­politik auf die deutsche Wirtschaft

Die Berechnungen für Deutschland unter Verwendung der neuesten Input-Output-Tabelle für das Jahr 2012 weisen auf einen Verlust an inländischer Produktion in Folge des gesamten Exportrückgangs nach Russland in den Jahren 2014 und 2015 in Höhe von fast 26 bzw. 8,7 Milliarden Euro (sanktionsbedingter Produktionsrückgang) hin. Die abgeleiteten Beschäftigungseffekte entsprechen einem Verlust an Arbeitsplätzen für fast 40.000 Personen. Bei 43,32 Millionen Beschäftigten (Dezember 2015, Inlandskonzept) entspricht dieser Rückgang ca. 0,09 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland (s. Tabelle 2).

Zudem wirken die Exportverluste der sanktionierten Gütergruppen wegen der intensiveren Produktionsverflechtungen stärker über die Wertschöpfungsketten auf die Gesamtwirtschaft durch als die Exporte nach Russland im Schnitt. Der Produktions- bzw. Beschäftigungsmultiplikator ist deutlich größer.

Nach dem Mittelweg-Szenario für das Jahr 2016 kann der Produktionsverlust knapp über 5 Milliarden Euro erreichen und die Einbußen an Bruttowertschöpfung betragen 1,8 Milliarden Euro, was einem BIP-Verlust von ca. 0,06 Prozent entspricht. Der kumulierte BIP-Verlust über den gesamten Betrachtungszeitraum (2014–2016) beläuft sich auf bis 0,15 Prozent.

Sektorale Effekte

Die Berechnungen zeigen, dass die exportorientierten Sektoren mit starken sektoralen Verflechtungen wie bspw. die Automobilindustrie, der Maschinenbau sowie die Elektrotechnik- und Elektronikindustrie besonders betroffen sind. So verloren die Hersteller von Kraftwagen und Kraftwagenteilen (Sektor 29 lt. CPA) im ersten Sanktionsjahr 2014 Produktion in Höhe von ca. 816 Millionen Euro, die sonstigen Fahrzeugbauer (Sektor 30), deren Güterpalette unmittelbar von den Sanktionen betroffene "schwimmende, tauchende Bohr-/Förderplattformen und Feuerlöschschiffe, Schwimmkrane u. a." enthält, sogar ca. 865 Millionen Euro. Im zweiten Sanktionsjahr erleiden der sonstige Fahrzeugbau mit 1.529 Millionen Euro, der Maschinenbau (Sektor 28) mit 1.437 Millionen Euro, und die Hersteller von Eisen und Stahl (Sektor 24.1–24.3) mit 646 Millionen Euro die stärksten Verluste. Im dritten Sanktionsjahr verlieren Hersteller von sonstigen Fahrzeugen 926 Millionen Euro am Output, die Maschinenbauer etwas über 728 Millionen Euro und die Hersteller von Eisen und Stahl 435 Millionen Euro. Der Nahrungsmittelsektor weist zwar einen erheblichen Exportrückgang in Höhe von über 30 Prozent im Jahr 2014 auf, der Produktionsverlust (28 Mio. Euro) kann aber im Vergleich zu den oben genannten Sektoren als moderat eingestuft werden.

Fazit: Nachhaltiges Schadenspotential durch Sanktionen

Der wirtschaftliche Schaden der realwirtschaftlichen Sanktionen ist für Deutschland weitaus größer als das allein die Exportrückgänge nach Russland ausdrücken. Die indirekten Effekte auf die Beschäftigung sind durchweg höher als die direkten Effekte. Dabei sind die Multiplikatoren der auf die Sanktionen zurückzuführenden Effekte deutlich größer als im Durchschnitt. Das hängt damit zusammen, dass stärker verflochtene Sektoren (z. B. Automobilindustrie, Maschinenbau, Metallbranche) von der Sanktionspolitik in höherem Maße betroffen sind.

Mit der Dauer der Sanktionen steigen die Belastungen. So konnten 2014 7,7 Prozent des Output-Verlusts infolge des Exportrückgangs nach Russland auf die Sanktionen zurückgeführt werden, währenddessen der Anteil im Jahr 2015 bereits 55 Prozent erreichte. 2016 kann dieser Anteil 50 Prozent überschreiten. Auch wenn einige Annahmen getroffen werden mussten, um solche Berechnungen zu ermöglichen, und die Ergebnisse in der Realität in der einen oder anderen Richtung abweichen können, unterstreichen sie doch den Schaden für die deutsche Wirtschaft. Außerdem bergen anhaltende Sanktionen das Risiko, Märkte an die Konkurrenz auf lange Zeit zu verlieren und auch die nicht-sanktionierten Bereiche sowie die Energieversorgungs- und die Direktinvestitionsbeziehungen mit Russland zu belasten.

Eine frühere Version dieses Beitrags erschien in: "Wirtschaftsdienst – Zeitschrift für Wirtschaftspolitik", Heft 7/Juli 2016, S. 524–526. Für die Neuveröffentlichung wurden die Berechnungen auf Basis der im August 2016 veröffentlichten Input-Output-Tabellen für Deutschland aktualisiert.

Lesetipps

Weitere Quellen:

Fussnoten

Weitere Inhalte

Hintergrund aktuell

50 Jahre "Fünf Wirtschaftsweise"

Am 28. Februar 1964 haben die "Wirtschaftsweisen" ihre Arbeit aufgenommen. Fünf Mitglieder gehören dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung an. In ihren…

Länder-Analysen

Polen und der Krieg in der Ukraine

In den ersten zwei Wochen des russischen Militärangriffs auf die Ukraine flüchteten etwa 1,5 Millionen Menschen über die polnische Grenze. Der Krieg hat seither eine Welle der Hilfsbereitschaft…

Seit 2014 hat Jutta Günther die Professur für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Innovations- und Strukturökonomik, an der Universität Bremen inne. Zuvor war sie mehrere Jahre in leitenden Positionen am Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) tätig. Ihre Forschungsinteressen gelten der Systemtransformation, dem Strukturwandel und Innovationsprozessen.

Seit 2015 ist Maria Kristalova wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Universität Bremen. Ihre Forschung beschäftigt sich mit empirischen Analysen des Strukturwandels und seiner internationalen Dimension.

Seit 2005 ist Udo Ludwig Professor für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Leipzig. Er war von 1992 bis Mitte 2009 Abteilungsleiter für »Konjunktur und Wachstum« am IWH (Halle Institute for Economic Research). Seine Forschungsinteressen liegen auf dem Gebiet der Konjunktur- und Strukturanalyse.