Meine Merkliste

Analyse: Geschäfts- und Investitionsklima im Agrarsektor Russlands nach den Lebensmittelsanktionen: Ergebnisse einer Befragung russischer und deutscher Unternehmen

Russland-Analysen Memorial (16.12.2021) Von der Redaktion: Frohes Fest! Dokumentation: Friedensnobelpreisrede von Dmitrij Muratow dekoder: Memorial Dokumentation: Anträge der Staatsanwaltschaften Interview: Irina Scherbakowa Interview: Swetlana Gannuschkina Kommentar: Die Büchse der Pandora Dokumentation: Der Menschenrechtsrat ist besorgt Dokumentation: Kommentar von Wladimir Putin zu Memorial Kommentar: Wendejahre Kommentar: Angriff des Kreml auf Memorial Kommentar: "Der Westen" als Gefahr für Russlands innere Sicherheit Kommentar: Déjà-vu Kommentar: Memorial als geschichtswissenschaftlicher Akteur Kommentar: Ein Refugium der Freiheit wird zerstört Kommentar: Die Instrumente des Europarats Kommentar: Memorial im Nordkaukasus Kommentar: Einsatz für Religions- und Gewissensfreiheit Kommentar: Ist das russische "Ausländische-Agenten"-Gesetz reformierbar? dekoder: Schlag gegen Deutschland Notizen aus Moskau: Memorial und die Hoffnung Dokumentation: Fokus Memorial der Zeitschrift OSTEUROPA Dokumentation: Stellungnahmen zur drohenden Auflösung von Memorial Chronik: Covid-19-Chronik, 16. November – 03. Dezember 2021 Chronik: 15. November – 03. Dezember 2021 Erdgashandel (24.11.2021) Analyse: Der deutsch-russische Erdgashandel. Chronik: Covid-19-Chronik, 01. – 13. November 2021 Chronik: 01. – 12. November 2021 Sozialverantwortung und Klima in der Landwirtschaft (10.11.2021) Analyse: Landwirtschaftliche Betriebe in Russland für unternehmerische Sozialverantwortung Analyse: Wird die russische Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren? Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Oktober 2021 Chronik: 11. – 29. Oktober 2021 Duma- und Regionalwahlen (01.10.2021) Analyse: Die Dumawahlen 2021 und das zunehmend hegemonial-autoritäre Regime in Russland Analyse: Alexej Nawalnyj, "Smart Voting" und die Wahlen zur russischen Staatsduma 2021 Kommentar: Wahlen in der "Protestregion" Chabarowsk in Online- und sozialen Medien dekoder: Die Evolution der Duma Notizen aus Moskau: Wird (all)es nach den Wahlen wieder besser? Chronik: Covid-19-Chronik, 13. – 26. September 2021 Chronik: 13. – 26. September 2021 Wirtschaftliche Schocks (24.06.2021) Analyse: Die Wirtschaft der "Festung Russland" Analyse: Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Corona-Krise  Chronik: Covid-19-Chronik, 03. – 30. Mai 2021 Chronik: 17. Mai – 10. Juni 2021 Arktis (31.07.2021) Editorial: Sommerpause, на дачу Analyse: Arktische Visionen: Die sowjetische Expansion nach Norden Analyse: Russlands Arktis-Strategie bis 2035 – Große Pläne und ihre Grenzen Analyse: Der russische Vorsitz im Arktischen Rat: Prioritäten und Implikationen für den Hohen Norden Russlands Kommentar: Russlands arktischer Balanceakt Dokumentation: Russland und die Arktis: Eine Auswahl aktueller Publikationen Chronik: Covid-19-Chronik, 14. Juni – 17. Juli 2021 Chronik: 16. Juni – 18. Juli 2021 Duma-Wahlen/Repressionen (08.06.2021) Kommentar: Duma-Wahlen 2021 Kommentar: Informationskriege, Oppositionskoordination und die Dumawahl im Jahr 2021 Kommentar: Wird das Putin-Regime überleben? Kommentar: Vorbereitung auf die Parlamentswahlen 2021 Kommentar: Elektronische Stimmabgabe Kommentar: Bedingungen der Wahlbeobachtung Kommentar: Die wirtschaftlichen Folgen autoritärer Politik Kommentar: Michail Mischustin als ambitionierter "Systemadministrator" des Putinismus Kommentar: Bürger:innen und der starke Mann: Erwachen, soziale Klassen und sozialer Niedergang in Russlands Autokratie Kommentar: Fear and Loathing in Russia: Repressionen als Herrschaftsinstrument des Kremls Kommentar: Ausländische-Agenten-Gesetz vor der Duma-Wahl 2021 ausgeweitet Kommentar: Schrumpfende Freiräume für Russlands Medien Kommentar: Russland drosselte Twitter, um Inhalte zu zensieren dekoder: "Hätten wir eine andere Wahl gehabt? Nein." Dokumentation: Repressive Gesetze, die von Wladimir Putin am 30. Dezember 2020 unterzeichnet wurden Dokumentation: April-Chronik der Repressionen: Der Journalist Ilja Asar hat Buch geführt Umfragen: "Haben Sie Angst vor…?" Umfrageergebnisse des Lewada-Zentrums Dokumentation: Hat der Protest einen Anführer? Wie stehen die Protestierenden zu Nawalnyj? Dokumentation: Russische Online-Zeitung Meduza kämpft ums Überleben Dokumentation: Amnesty International: Die Polizei identifiziert friedliche Demonstrierende mit Gesichtserkennungstechnologie Dokumentation: Human Rights Watch: Der Fall des Menschenrechtsanwalts Iwan Pawlow und neue repressive Gesetze Dokumentation: Stellungnahmen zum Beschluss der russischen Generalstaatsanwaltschaft, deutsche Nichtregierungsorganisationen als in Russland unerwünschte Organisationen zu erklären Chronik: 3. – 14. Mai 2021 Atomenergie / Die Botschaft des Präsidenten (14.05.2021) Analyse: Zum 35. Jahrestag von Tschernobyl Analyse: Russische Reaktoren und russischer Atommüll Analyse: Putins Botschaft an die Föderalversammlung dekoder: Warum Putin dem Volk nichts mehr zu sagen hat Chronik: Covid-19-Chronik, 12. April – 02. Mai 2021 Chronik: 13. April – 01. Mai 2021 60 Jahre Gagarin: Raumfahrt / Das russische Strafvollzugssystem (19.04.2021) dekoder: Juri Gagarin dekoder: Raumfahrtprogramm der UdSSR Analyse: Russland im Weltraum: Die 2020er Jahre Analyse: Russlands internationale Raumfahrtstrategie Analyse: Das Strafvollzugssystem der Russischen Föderation Chronik: Covid-19-Chronik, 15. März – 11. April 2021 Chronik: 17. März – 09. April 2021 Übersterblichkeit (27.03.2021) Analyse: Die Übersterblichkeit macht den wahren Opferzoll deutlich Analyse: Russlands Geografie und die Ausbreitung von Covid-19 Analyse: Die Pandemie in Russlands Föderationssubjekten: Gründe für die unterschiedliche Mortalität dekoder: "Die russische Propaganda hat sich selbst besiegt" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. März 2021 Chronik: 1. – 10. März 2021 Stadtentwicklung/Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen (09.03.2021) Analyse: Ausdehnung des Moskauer Wohnraumsanierungsprogramms Analyse: Urbaner Aktivismus in Russland dekoder: Das Moskau-Experiment Dokumentation: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Chronik: Covid-19-Chronik, 15. – 28. Februar 2021 Chronik: 16. – 27. Februar 2021 Digitale Diplomatie (19.02.2021) Analyse: Russlands digitale Diplomatie Analyse: Mittel und Zweck von Public Diplomacy Kommentar: Zusammenarbeit chinesischer und russischer Medien dekoder: "Schau mich gefälligst an!" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. Februar 2021 Chronik: 1. – 14. Februar 2021 Söldner im Dienst von Russland / Elite-Ranking 2020 / Proteste nach Nawalnyjs Rückkehr (08.02.2021) Söldner im Dienst autoritärer Staaten Analyse: Russische PMCs im Nahen Osten und Afrika Kommentar: Die "Wagner-Affäre" in Belarus und ihre Folgen Kommentar: Geopolitik, Waffen, Erdöl: Was Russlands Präsenz in Venezuela bedingt Karte: Söldner im Dienst von Russland Ranking: Das Elite-Ranking der "Nesawisimaja gaseta" Ranking: Die politische Elite im Jahre 2020: Regierungswechsel, Covid-19-Pandemie und Verfassungsreform dekoder: Russlandweite Proteste – wie nervös macht Nawalny den Kreml? dekoder: Nawalnys Schlusswort: "Einen einsperren, um Millionen einzuschüchtern" Notizen aus Moskau: Von 2011 zu 2021. Zehn Jahre danach. Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Januar 2021 Chronik: 11. – 31. Januar 2021 Visadialog zwischen der EU und Russland (21.01.2021) Analyse: Die Visumpflicht in den EU-Russland Beziehungen Analyse: Perspektiven des Visa-Dialogs zwischen der EU und Russland Kommentar: Visafreiheit für russische Jugendliche Kommentar: Illegale Passportisierungspolitik im Donbas Kommentar: Mit Visafreiheit Brücken in Krisenzeiten schlagen dekoder: Arbeitsmigration in Russland Chronik: Covid-19-Chronik, 30. November 2020 – 10. Januar 2021 Chronik: 3. Dezember 2020 – 9. Januar 2021 Die deutsch-russischen Beziehungen nach den Wahlen (15.10.2021) Analyse: Die Bundestagswahl und die deutsch-russischen Beziehungen Analyse: Chancen für eine neue Russlandpolitik nach der Bundestagswahl Kommentar: Die deutsche Russlandpolitik und das russische Gesetz über "ausländische Agenten" Dokumentation: Ausgewählte Publikationen über die deutsch-russischen Beziehungen Dokumentation: Vorschläge und Empfehlungen zu den EU-Russland-Beziehungen dekoder: Novaya Gazeta dekoder: Muratows Krawatte und der Friedensnobelpreis Chronik: Covid-19-Chronik, 27. September – 09. Oktober 2021 Chronik: 28. September – 08. Oktober 2021 30 Jahre Zerfall der Sowjetunion – Generationen (20.09.2021) Kommentar: Nur ein Menschenleben lang Kommentar: Staatenlosigkeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR Kommentar: Der Generationenaspekt beim Zusammenbruch der Sowjetunion Kommentar: Dreißig Jahre Transformation des russischen Hochschulwesens Kommentar: Die Jugend und die Generationen im postsowjetischen Russland: Kommentar: Unternehmerinnen in Russland Notizen aus Moskau: 30 Jahre umsonst? dekoder: Das Licht einer enttäuschten Hoffnung dekoder: Misstrauen auf allen Ebenen Chronik: Covid-19-Chronik, 02. August – 12. September 2021 Chronik: 05. – 12. September 2021 Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Von der Redaktion: Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Kommentar: Die Minsker Vereinbarungen als Chance? Kommentar: (Keine neuen) Erkenntnisse gewonnen Kommentar: Alles auf Status. Russlands riskantes Kriegsspiel mit (in) Europa Kommentar: Russlands Motive Kommentar: Die Gründe für Russlands Vorschläge Kommentar: Würde Putin vom eigenen Volk für eine Invasion in die Ukraine abgestraft werden? Kommentar: Kriegsoptimismus im Russland-Ukraine-Konflikt: Grund zum Pessimismus? Kommentar: Desinformation: ein hoch aktuelles Konzept aus dem letzten Jahrhundert Kommentar: Die Russland-Ukraine Krise: Wo steht Deutschland? Kommentar: Russlands Passportisierung des Donbas: Von einer eingeschränkten zu einer vollwertigen Staatsbürgerschaft? Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Analyse: Geschäfts- und Investitionsklima im Agrarsektor Russlands nach den Lebensmittelsanktionen: Ergebnisse einer Befragung russischer und deutscher Unternehmen

Ihtiyor Bobojonov Linde Götz Alisher Tleubayev

/ 7 Minuten zu lesen

Welche Auswirkungen hat die russische Agrarpolitik und die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf den russisch-deutschen Agrar- und Lebensmittelhandel? Basierend auf einer Expertenbefragung in Russland und Deutschland wird die Frage am Beispiel der Milch- und Tierproduktion erörtert.

Russische Beamte suchen in einem Supermarkt nach illegal importierten Lebensmitteln. (© picture-alliance/dpa)

Zusammenfassung

Diese Analyse berichtet aus einer Expertenbefragung von Unternehmen des Agribusiness in Russland und Deutschland aus dem Jahr 2017. Im Mittelpunkt der Befragung stehen die Auswirkungen der russischen Agrarpolitik und der makroökonomischen Bedingungen auf den russisch-deutschen Agrar- und Lebensmittelhandel und das Produktionspotential in der Milch- und Tierproduktion in Russland. Die Analyse berücksichtigt sowohl die Auswirkungen der russischen Importsanktionen sowie der Sanktionen der EU gegenüber Russland. Die Expertenbefragung wurde in Deutschland in Kooperation mit dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (AG Agrarwirtschaft) durchgeführt.

Die Entwicklung der Lebensmittelexporte Deutschlands nach Russland

Die Veränderungen des Umfelds deutsch-russischer Geschäftsbeziehungen und des Geschäftsumfelds in Russland sind nicht erst seit der Einrichtung des russischen Agrar- und Lebensmittelembargos im August 2014 gegenüber westlichen Ländern von besonderem Interesse. Denn Milch- und Fleischimporte aus Deutschland wurden bereits seit Dezember 2012 seitens der russischen Regierung mit selektiven Importstopps gegenüber einzelnen Unternehmen oder gegenüber Unternehmen einzelner Bundesländer beschränkt und mit der Nichteinhaltung von Qualitäts- und Hygieneanforderungen begründet (s. Tab. 1).

Als Folge sind die deutschen Exporte von Fleisch und Fleischprodukten sowie Käse nach Russland – diese Nahrungsmittel stellen die wichtigsten Produkte des außereuropäischen Exportmarktes dar – stark zurückgegangen bzw. wurden eingestellt. Der Anteil der Exporte von deutschen Unternehmen nach Russland an den außereuropäischen Exporten dieser Produktgruppen lag ursprünglich zwischen 50 % und 60 % (s. Grafik 1).

Auch wenn Russland einige Nahrungsmittelimporte aus Deutschland gestoppt hat, so sind dennoch die Nahrungsmittelexporte der deutschen Agar- und Lebensmittelwirtschaft nach Russland nicht vollständig zum Erliegen gekommen.

Aus Grafik 2 wird ersichtlich, dass der Umfang dieser Exporte von Deutschland nach Russland im Jahr 2017 ca. 36 % der durchschnittlichen Exporte 2008 – 2012 betrug. Insgesamt zeichnete sich sogar im Jahr 2017 wieder ein leichter Anstieg der Nahrungsmittel- und Agrarexporte nach Russland seit den Importsanktionen ab. Während Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, die sich vor allem auf den Export von Schweinefleisch konzentrierten, den stärksten Rückgang verzeichneten, sind diese in Bayern im Vergleich zur Periode vor den Importsanktionen sogar gestiegen.

Zu den von den Lebensmittelsanktionen ausgenommenen Produktgruppen zählen z. B. konservierte Fertiggerichte aus Fleisch (wie Schnitzel und Frikadellen; keine Wurst) und Fisch, Zucker, Nudelgerichte, Backwaren, Getreide, Mehl, Schokolade, Konserviertes Obst und Gemüse, einschließlich Marmeladen, Obstsäfte, Kartoffeln, Hopfen, Bier und Wein.

Die Zunahme der Exporte Bayerns nach Russland basieren vor allem auf dem Anstieg des Exports von Bier und Hopfen. Daneben werden verarbeitete Nahrungsmittel pflanzlichen Ursprungs, Backwaren und Eier nach Russland exportiert. Auch in Hessen ist der Rückgang der Exporte nach Russland überschaubar, und es werden weiterhin vor allem verarbeitete Nahrungsmittel pflanzlichen Ursprungs nach Russland exportiert. In den letzten beiden Jahren zeichnet sich hier sogar ein Anstieg der Exporte nach Russland ab.

Makroökonomische Rahmenbedingungen

Von den russischen Lebensmittelsanktionen profitieren zwar die inländischen Agrarproduzenten, die Endverbraucher jedoch sind mit weiter steigenden Lebensmittelpreisen konfrontiert. Gleichzeitig, und sicherlich beeinflusst durch die Preisentwicklungen auf dem Rohölmarkt und möglicherweise auch in begrenztem Umfange von der genannten "Sanktionsspirale", ist die russische Wirtschaft, und damit auch die Agrar- und Ernährungswirtschaft, von einem instabilen makroökonomischen Umfeld betroffen. Dies mündete nicht zuletzt in die massive Abwertung der heimischen Währung im Jahr 2015 und hohen Zinssätzen, welche im Agrarsektor zum starken Anstieg der Importpreise von Vorleistungen wie Maschinen, Saatgut und Pflanzenschutzmitteln führten und schließlich in einem Einbruch der wirtschaftlichen Aktivität endete. Damit verbunden ist ein Einkommensrückgang der Bevölkerung, der auch in verändertem Konsumverhalten der Endverbraucher zum Ausdruck kommt. Darüber hinaus treibt die Abwertung der inländischen Währung bei Gütern mit einem hohen Importanteil, wie beispielsweise bei Rindfleisch, das inländische Preisniveau. Daher stellt sich die Frage, inwiefern diese inländischen politischen und makroökonomischen Rahmenbedingungen, gepaart mit den Entwicklungen auf internationalen Märkten, das Investitions- und Geschäftsklima und die Wettbewerbsfähigkeit der russischen Agrarwirtschaft beeinflussen.

Ergebnisse der Befragung im Agribusiness

Grundlage der Studie bilden Befragungen von russischen, deutschen und russisch-deutschen Betriebsleitern von Unternehmen im Agrarsektor und der Ernährungsindustrie aus dem Jahr 2017. Unter russisch-deutschen Unternehmen werden hier deutsche Unternehmen mit einem Tochterunternehmen in Russland verstanden.

Die Ergebnisse der Analyse der so erhobenen Daten weisen auf unterschiedliche Beeinträchtigungen von russischen und ausländischen bzw. deutschen Unternehmen durch die russischen Importsanktionen hin. Während ca. 40 % der befragten russischen Firmen von Beeinträchtigungen durch die Sanktionen berichteten, gaben ca. 60 % der deutsch-russischen und 62 % der deutschen Firmen an, von den Sanktionen behindert worden zu sein. Es zeigt sich daher, dass sich ausländische bzw. deutsche Firmen sowie russische Unternehmen mit deutscher Beteiligung durch die Sanktionen stärker beeinträchtigt sahen als heimische russische Unternehmen.

Die Unternehmen sahen sich jedoch abhängig von deren Produktionsausrichtung in unterschiedlichem Ausmaß von den Importsanktionen behindert. Zum Beispiel gaben lediglich 23 % der milchproduzierenden Unternehmen, hingegen mehr als 52 % der befragten fleischverarbeitenden Unternehmen an, von den Restriktionen behindert gewesen zu sein. Dies lässt sich auf den infolge der Sanktionen stark angestiegenen Preis von Fleisch, das für die verarbeitende Industrie den entscheidenden Produktionsfaktor darstellt, zurückführen. Ein Anstieg des Fleischpreises impliziert die Erhöhung der Preise verarbeiteter Fleischprodukte, infolgedessen die Nachfrage der Endverbraucher sinkt. Die Unternehmen gaben an, dass mit den Importsanktionen das relativ günstige importierte Fleisch nicht mehr zur Verfügung steht und die Unternehmen folglich ausschließlich auf das teurere heimische Fleisch angewiesen sind, wodurch die Produktionskosten angestiegen sind.

Weiterhin wurden die Unternehmen nach spezifischen Belastungen durch die Sanktionen seitens Russlands aber auch der EU befragt. Die EU hatte im März 2014 Sanktionen gegenüber Personen und Institutionen Russlands sowie wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland initiiert. Neben dem Einfrieren von Vermögenswerten und Einreiseverboten einzelner Personen und Firmen, insbesondere Finanzinstituten, wurde die Ausfuhr von Gütern und Technologien mit doppeltem Verwendungszweck im Bereich der Erdölförderung und für militärische Zwecke, und die Tätigung von Finanzgeschäften mit bestimmten Unternehmen (Finanzinstitutionen) sanktioniert.

Aus Grafik 4 wird ersichtlich, dass den Angaben der russischen und russisch-deutschen Unternehmen entsprechend diese vom russischen Lebensmittelembargo besonders betroffen wurden, während die westlichen Sanktionen für diese Unternehmen kaum von Bedeutung waren. Die befragten deutschen Unternehmen gaben hingegen an, dass diese stärker von den EU-Sanktionen betroffen wurden. Beispielsweise ist der Absatz von deutschen Agrartechnik-Unternehmen in Russlands stark eingebrochen. Die verschlechterten Finanzierungsmöglichkeiten russischer Geschäftspartner lassen sich jedoch weniger – wie von den deutschen Unternehmen angenommen – auf die EU-Sanktionen, als auf die ungünstigen makroökonomischen Entwicklungen in Russland zurückführen.

Hinsichtlich des Einflusses der Sanktionen auf das Investitionsverhalten geht aus unserer Befragung hervor, dass ca. 26 % der Unternehmen Investitionen seit 2014 verschoben haben. Dieses Ergebnis gilt gleichermaßen für deutsche, russische und russisch-deutsche Unternehmen.

Als weitere Gründe für die Aufschiebung von Investitionen wurden unsichere und sich häufig ändernde rechtliche Rahmenbedingungen genannt. Die daraus resultierenden notwendigen Anpassungen erfordern einen hohen Zeit- und Kostenaufwand seitens der Unternehmen. Darüber hinaus weisen unsere Ergebnisse auf eine große Belastung der Märkte durch die politische Unsicherheit sowie den mit dem wirtschaftlichen Abschwung verbundenen Rückgang der Nachfrage seitens der Endverbraucher hin.

Das Wachstumspotential des russischen Lebensmittelmarkts wird von den russischen Unternehmen deutlich niedriger eingeschätzt im Vergleich zu den russisch-deutschen Unternehmen. Deutsche Unternehmen schätzen dessen Marktpotential sogar als hoch bis sehr hoch ein.

Es zeigt sich, dass sowohl russische als auch deutsche Unternehmen geplant haben, ihre gemeinsamen Geschäftsbeziehungen mit dem jeweiligen Land nach der Aufhebung der beidseitigen Sanktionen wieder aufzunehmen. Seitens der russischen Unternehmen waren sogar 82 % der Befragten daran interessiert, ihre Geschäftsbeziehungen in die EU wieder aufzunehmen. Russische Unternehmen schätzen insbesondere die hohe Qualität deutscher Produkte und deren gutes Preis-Leistungsverhältnis (s. Grafik 5).

Fazit

Als Folge der russischen Importsanktionen ist der Export von Agrargütern und Lebensmitteln von Deutschland nach Russland auf 36 % des Durchschnitts in den Jahren vor dem Importembargo gesunken. Jedoch zeichnete sich in 2017 wieder ein leichter Anstieg der Nahrungsmittel- und Agrarexporte nach Russland ab.

Die Ergebnisse der Expertenbefragung von Unternehmen in Deutschland, Russland und von russisch-deutschen Unternehmen haben gezeigt, dass eine Reihe von Einschränkungen bestehen, welche die deutsch-russischen Geschäfts- und auch die Investitionsmöglichkeiten in Russland verschlechtert haben.

Auf der Seite Russlands sehen sich Unternehmen der Fleischwirtschaft besonders von den russischen Importsanktionen betroffen, während einige der befragten deutschen Unternehmen Umsatzeinbußen als Folge von Finanzierungsschwierigkeiten russischer Unternehmen erlitten, die vor allem durch die makroökonomischen Entwicklungen verursacht wurden. Befragte Unternehmen aus Deutschland schätzen zukünftige Geschäfts- und Investitionsmöglichkeiten in Russland im Vergleich zu russischen Unternehmen deutlich optimistischer ein. Sowohl russische als auch deutsche Unternehmen haben geplant, ihre Geschäftsbeziehungen nach der Aufhebung der beidseitigen Sanktionen wieder aufzunehmen. Russische Unternehmen könnten insbesondere von dem relativ günstigen Import von hochwertiger Technologie und Vorleistungen profitieren, während für deutsche Unternehmen der Zugang zu einem großen Absatzmarkt attraktive Einkommensmöglichkeiten schafft.

Daher sollten deutsche Unternehmen aus dem Agribusiness ihre bestehenden Beziehungen zu Geschäftspartnern im Agribusiness und staatlichen Einrichtungen in Russland aufrechterhalten und pflegen. Dies ermöglicht bei einer Aufhebung des russischen Importembargos eine schnelle Wiederaufnahme der Geschäftsbeziehungen und Zugang zu den russischen Märkten.

Lesetipps:

  • Kylina, O. (2018): Bayrische Lebensmittelwirtschaft: Perspektiven im russischen Markt und Analyse der betroffenen Produktsparten, Vortrag auf dem Workshop "Chancen für bayerische Lebensmittel in Russland in Zeiten der Sanktionen", Bayrisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, 4. Juli 2018.

  • Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (2015): Geschäftsklima Russland 2015. 12. Umfrage des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer.

Fussnoten

Ihtiyor Bobojonov ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am IAMO. In mehreren Projekten forscht er zur Entwicklung von Wertschöpfungsketten und der Rolle von Agrarversicherungen für die Mobilisierung der Agrarpotenziale in den GUS-Ländern. Er wurde an der Universität Bonn zum Doktor der Agrarökonomie promoviert.

Linde Götz ist stellvertretende Leiterin der Abteilung Agrarmärkte am IAMO. Ein Schwerpunkt Ihrer Forschung liegt auf der Entwicklung der Agrarwirtschaft in Russland und dessen Implikationen für die EU und die globale Ernährungssicherung. Sie wurde an der Universität Göttingen zur Doktorin der Agrarökonomie promoviert.

Alisher Tleubayev stammt aus Kasachstan und promoviert am IAMO über die Entwicklung des russischen Agrarsektors. Ein Schwerpunkt liegt auf der Corporate Governance und den Auswirkungen auf die finanzielle Leistungsfähigkeit der Agrar- und Nahrungsmittelunternehmen. Er hat einen Masterabschluss in Financial Engineering von der Universität Essex in Großbritannien.