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Nachruf: Ljudmila Alexejewa – In Memoriam

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November – 03. Dezember 2021 Erdgashandel (24.11.2021) Analyse: Der deutsch-russische Erdgashandel. Chronik: Covid-19-Chronik, 01. – 13. November 2021 Chronik: 01. – 12. November 2021 Sozialverantwortung und Klima in der Landwirtschaft (10.11.2021) Analyse: Landwirtschaftliche Betriebe in Russland für unternehmerische Sozialverantwortung Analyse: Wird die russische Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren? Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Oktober 2021 Chronik: 11. – 29. Oktober 2021 Duma- und Regionalwahlen (01.10.2021) Analyse: Die Dumawahlen 2021 und das zunehmend hegemonial-autoritäre Regime in Russland Analyse: Alexej Nawalnyj, "Smart Voting" und die Wahlen zur russischen Staatsduma 2021 Kommentar: Wahlen in der "Protestregion" Chabarowsk in Online- und sozialen Medien dekoder: Die Evolution der Duma Notizen aus Moskau: Wird (all)es nach den Wahlen wieder besser? Chronik: Covid-19-Chronik, 13. – 26. September 2021 Chronik: 13. – 26. September 2021 Wirtschaftliche Schocks (24.06.2021) Analyse: Die Wirtschaft der "Festung Russland" Analyse: Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Corona-Krise  Chronik: Covid-19-Chronik, 03. – 30. Mai 2021 Chronik: 17. Mai – 10. Juni 2021 Arktis (31.07.2021) Editorial: Sommerpause, на дачу Analyse: Arktische Visionen: Die sowjetische Expansion nach Norden Analyse: Russlands Arktis-Strategie bis 2035 – Große Pläne und ihre Grenzen Analyse: Der russische Vorsitz im Arktischen Rat: Prioritäten und Implikationen für den Hohen Norden Russlands Kommentar: Russlands arktischer Balanceakt Dokumentation: Russland und die Arktis: Eine Auswahl aktueller Publikationen Chronik: Covid-19-Chronik, 14. Juni – 17. Juli 2021 Chronik: 16. Juni – 18. Juli 2021 Duma-Wahlen/Repressionen (08.06.2021) Kommentar: Duma-Wahlen 2021 Kommentar: Informationskriege, Oppositionskoordination und die Dumawahl im Jahr 2021 Kommentar: Wird das Putin-Regime überleben? Kommentar: Vorbereitung auf die Parlamentswahlen 2021 Kommentar: Elektronische Stimmabgabe Kommentar: Bedingungen der Wahlbeobachtung Kommentar: Die wirtschaftlichen Folgen autoritärer Politik Kommentar: Michail Mischustin als ambitionierter "Systemadministrator" des Putinismus Kommentar: Bürger:innen und der starke Mann: Erwachen, soziale Klassen und sozialer Niedergang in Russlands Autokratie Kommentar: Fear and Loathing in Russia: Repressionen als Herrschaftsinstrument des Kremls Kommentar: Ausländische-Agenten-Gesetz vor der Duma-Wahl 2021 ausgeweitet Kommentar: Schrumpfende Freiräume für Russlands Medien Kommentar: Russland drosselte Twitter, um Inhalte zu zensieren dekoder: "Hätten wir eine andere Wahl gehabt? Nein." Dokumentation: Repressive Gesetze, die von Wladimir Putin am 30. Dezember 2020 unterzeichnet wurden Dokumentation: April-Chronik der Repressionen: Der Journalist Ilja Asar hat Buch geführt Umfragen: "Haben Sie Angst vor…?" 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März 2021 Chronik: 1. – 10. März 2021 Stadtentwicklung/Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen (09.03.2021) Analyse: Ausdehnung des Moskauer Wohnraumsanierungsprogramms Analyse: Urbaner Aktivismus in Russland dekoder: Das Moskau-Experiment Dokumentation: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Chronik: Covid-19-Chronik, 15. – 28. Februar 2021 Chronik: 16. – 27. Februar 2021 Digitale Diplomatie (19.02.2021) Analyse: Russlands digitale Diplomatie Analyse: Mittel und Zweck von Public Diplomacy Kommentar: Zusammenarbeit chinesischer und russischer Medien dekoder: "Schau mich gefälligst an!" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. Februar 2021 Chronik: 1. – 14. Februar 2021 Söldner im Dienst von Russland / Elite-Ranking 2020 / Proteste nach Nawalnyjs Rückkehr (08.02.2021) Söldner im Dienst autoritärer Staaten Analyse: Russische PMCs im Nahen Osten und Afrika Kommentar: Die "Wagner-Affäre" in Belarus und ihre Folgen Kommentar: Geopolitik, Waffen, Erdöl: Was Russlands Präsenz in Venezuela bedingt Karte: Söldner im Dienst von Russland Ranking: Das Elite-Ranking der "Nesawisimaja gaseta" Ranking: Die politische Elite im Jahre 2020: Regierungswechsel, Covid-19-Pandemie und Verfassungsreform dekoder: Russlandweite Proteste – wie nervös macht Nawalny den Kreml? dekoder: Nawalnys Schlusswort: "Einen einsperren, um Millionen einzuschüchtern" Notizen aus Moskau: Von 2011 zu 2021. Zehn Jahre danach. Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Januar 2021 Chronik: 11. – 31. Januar 2021 Visadialog zwischen der EU und Russland (21.01.2021) Analyse: Die Visumpflicht in den EU-Russland Beziehungen Analyse: Perspektiven des Visa-Dialogs zwischen der EU und Russland Kommentar: Visafreiheit für russische Jugendliche Kommentar: Illegale Passportisierungspolitik im Donbas Kommentar: Mit Visafreiheit Brücken in Krisenzeiten schlagen dekoder: Arbeitsmigration in Russland Chronik: Covid-19-Chronik, 30. November 2020 – 10. Januar 2021 Chronik: 3. Dezember 2020 – 9. Januar 2021 Die deutsch-russischen Beziehungen nach den Wahlen (15.10.2021) Analyse: Die Bundestagswahl und die deutsch-russischen Beziehungen Analyse: Chancen für eine neue Russlandpolitik nach der Bundestagswahl Kommentar: Die deutsche Russlandpolitik und das russische Gesetz über "ausländische Agenten" Dokumentation: Ausgewählte Publikationen über die deutsch-russischen Beziehungen Dokumentation: Vorschläge und Empfehlungen zu den EU-Russland-Beziehungen dekoder: Novaya Gazeta dekoder: Muratows Krawatte und der Friedensnobelpreis Chronik: Covid-19-Chronik, 27. September – 09. Oktober 2021 Chronik: 28. 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Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Nachruf: Ljudmila Alexejewa – In Memoriam

Maria Klassen

/ 4 Minuten zu lesen

Menschenrechtsaktivistin und "Andersdenkende": Ljudmila Alexejewa galt als moralischer Kompass Russlands. Bekannt wurde sie neben ihrer Arbeit für Menschenrechte und ihre Mitgründung der Samisdat-Reihe "Chronik der laufenden Ereignisse" auch für ihre Memoiren "Die Tauwetter-Generation". Ein Nachruf.

Ljudmila Alexejewa 2017 bei der Verleihung einer Menschenrechtsauszeichnung im Moskauer Kreml: Die Menschenrechtsaktivistin verstarb am 08. Dezember 2018. (© picture-alliance/AP)

Ljudmila Michajlowna Alexejewa kam am 20. Juli 1929 auf der Krim in dem Kurort Jewpatorija zur Welt. Die Eltern – die Mutter eine Mathematikdozentin, der Vater ein Ökonom in staatlicher Anstellung – siedelten bald mit Ljudmila nach Moskau um. Da die Eltern berufstätig waren, zog die Großmutter sie auf, die ihr viele alte humanistische Werte aus der vorsowjetischen Zeit vermittelte. Dennoch wuchs Alexejewa in der Überzeugung heran, im "Land der lichten Zukunft" zu leben. Während des Großen Terrors 1937 wurde ihr Vater verhaftet und verhört, blieb aber wie durch ein Wunder am Leben. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs meldete sich Alexejewa sofort zum Freiwilligendienst und wurde zur Militärkrankenschwester ausgebildet; doch aufgrund ihres zu jungen Alters durfte sie nicht an die Front. Aus Patriotismus blieb sie der Schule fern und verrichtete bis Ende des Krieges schwerste körperliche Arbeit beim Metro-Bau.

Nach dem Krieg studierte sie an der renommierten Lomonossow-Universität (MGU) Geschichte. Die stark ideologisch belastete Atmosphäre an der Universität sorgte bei der jungen Studentin für Zweifel am System, aber ihr Patriotismus bestärkte sie, in die Kommunistische Partei einzutreten, um das Land gestalten zu können. Ljudmila Alexejewa wollte sich allerdings beruflich von der Ideologie des Staates abgrenzen und schloss ihr Studium im Fach Archäologie ab. Es folgte eine Anstellung bei der Redaktion der Zeitschrift "Nauka" (dt.: Wissenschaft) in der Abteilung Archäologie und Ethnographie. Parallel promovierte sie am Forschungsinstitut für Wirtschaft und Statistik im Fach "Geschichte der KPdSU". Doch nach Stalins Tod 1953 und nach der historischen Rede Chruschtschows auf dem 20. Parteitag 1956 entwickelte sich Alexejewa zur Regimekritikerin. Ihre Promotion brach sie ab und wandte sich dem Kreis von intellektuellen Andersdenkenden zu. Ihre Wohnung wurde zum Treffpunkt von Dissidenten, wo man illegale Literatur (Samisdat und Tamisdat) austauschte, freigeistige und kritische Texte schrieb, vortrug, vervielfältigte und verbreitete. Die ersten Schauprozesse gegen Dissidenten wie Galaskow, Daniel, Sinjawskij und Ginsburg waren für sie Ansporn, sich offen und aktiv für Menschenrechte einzusetzen. Sie trieb der Gedanke, dass sie bei der Verhaftung ihres Vaters als Kind schweigen musste, sich dies aber nie wiederholen dürfte.

In dem geschichtsträchtigen Jahr 1968 gehörte Ljudmila Alexejewa zu den Gründer*innen der Samisdat-Reihe "Chronik der laufenden Ereignisse", deren erste Nummern in ihrer Wohnung verfasst, von ihr auf der Schreibmaschine getippt und verbreitet wurden. Das blieb nicht folgenlos: Alexejewa wurde aus der Partei ausgeschlossen und aus der "Nauka"-Redaktion entlassen. In den Jahren 1968 – 1972 besuchte sie regelmäßig inhaftierte und verbannte politische Dissidenten, sammelte Hilfe für sie und beförderte Hilfs- und Protestpetitionen in den Westen. Dafür musste sie mehrere Hausdurchsuchungen und Verhöre durch den KGB über sich ergehen lassen.

Nachdem sich die UdSSR 1975 mit der Helsinki-Schlussakte zur Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet hatte, gründete Ljudmila Alexejewa 1976 mit weiteren gleichgesinnten Dissidenten wie Jurij Orlow und Sergej Kowaljow die Moskauer Helsinki-Gruppe. Doch der KGB verhaftete bald mehrere Mitstreiter und stellte Alexejewa vor die Wahl, ebenfalls inhaftiert zu werden oder ins Ausland zu emigrieren.

Die Jahre 1977 – 1993 verbrachte sie in den USA. Sie war aktiv tätig in den russischsprachigen Redaktionen der Sender "Radio Liberty" und "Voice of Amerika" und schrieb regelmäßig für die russische Emigranten-Presse; bei der Erstellung eines Informationspapiers für den US-Kongress sammelte Alexejewa so viel Material, dass es 1985 zur Publikation ihres Buches "Istorija inakomyslija w SSSR" (dt: Die Geschichte vom Andersdenken in der UdSSR) kam. Ihre Memoiren mit dem Titel "Die Tauwetter-Generation" fanden große Beachtung.

Nach der Perestroika gehörte Ljudmila Alexejewa zu den wenigen emigrierten Dissident*innen, die nach Russland zurückkehrten, um bei den so lang ersehnten und teuer erkauften demokratischen Reformen in ihrer Heimat direkt mitwirken zu können. 1993 war sie zurück in Moskau und aktiv bei der Verteidigung von Menschenrechten und dem Aufbau einer Zivilgesellschaft. Seit 1996 war sie im Vorstand der Moskauer Helsinki-Gruppe, von 1998 bis 2004 war sie Präsidentin der internationalen Helsinki-Föderation; zehn Jahre lang gehörte sie dem Menschenrechtsrat des russischen Präsidenten an. Nach der umstrittenen Rochade-Wahl Putins 2012 trat Alexejewa aus dem Rat aus. 2004 gehörte sie zu den Mitbegründer*innen des Allrussischen Zivilgesellschaftlichen Kongresses. Ihre stets kritische Haltung den Herrschern im Kreml sowie dem Präsidenten persönlich gegenüber hat sie nie verheimlicht und schien grundsätzlich furchtlos durch das Leben zu schreiten. 2014 verurteilte sie aufs Schärfste die Krim-Annexion und nahm sogleich an einem Ukrainisch-Russischen Dialog in Kiew teil.

Längst eine internationale Legende, erhielt Ljudmila Alexejewa vom Europäischen Parlament zwei Auszeichnungen: 2009 den Sacharow-Preis für geistige Freiheit und 2015 den Vaclav Havel-Preis für Menschenrechte.

An ihrem 80. Geburtstag 2007 meinte Alexejewa, in zehn Jahren (also 2017) würde Russland ein demokratischer Rechtsstaat sein. Leider ist die Vision dieser unglaublich tapferen Frau, dieser bewundernswerten, starken Persönlichkeit mit dem bis zum letzten Atemzug kristallklaren Geist nicht wahr geworden – noch nicht. Denn für den Aufbau einer Zivilgesellschaft und Demokratie in Russland hat sie so viel geleistet wie kaum eine andere.

Lew Schlossberg, ein russischer Menschenrechtler der jüngeren Generation, schrieb vor wenigen Tagen zum Tode von Ljudmila Alexejewa, sie gehöre zu den Menschen, die das moralische Antlitz ihrer Zeit bestimmen, auch wenn sie nicht mehr am Leben seien.

Im Deutschen würde man Ljudmila Alexejewa als Gewissen der Nation bezeichnen. Ihr Lebenswerk wird weltweit gewürdigt. Ihre unerschrockene Natur bleibt unvergessen. Ihre Stimme wird sehr fehlen.

Fussnoten

Maria Klassen ist Archivarin in der Abteilung Sowjetunion und Nachfolgestaaten des Archivs der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen.