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Analyse: Fußball-Weltmeisterschaft in Russland 2018: bereits jetzt die teuerste aller Zeiten? | Russland-Analysen | bpb.de

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Analyse: Fußball-Weltmeisterschaft in Russland 2018: bereits jetzt die teuerste aller Zeiten?

Martin Müller & Sven Daniel Wolfe

/ 7 Minuten zu lesen

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland 2018 wird mit geschätzt 21 Milliarden US-Dollar die teuerste aller Zeiten werden. Die Gesamtausgaben könnten am Ende jedoch noch deutlich höher ausfallen: Das Budget für die zwölf Stadien ist bereits um rund 4 auf 6,9 Milliarden US-Dollar angestiegen, obwohl der Bau an den meisten Arenen noch nicht einmal begonnen hat. Diese Fehlallokation lässt die ohnehin schlechten Aussichten für die russische Wirtschaft noch düsterer erscheinen.

Wladimir Putin und FIFA-Präsident Joseph Blatter reichen sich nach der Bekanntgabe Russlands als Ausrichter der Fußball-WM 2018 die Hände. (© picture-alliance)

Schon wieder ein Ausgabenrekord…

Die Winterspiele in Sotschi sind kaum vorbei, da hat Russland bereits jetzt die Augen fest auf die nächste Großveranstaltung gerichtet. Sotschi wurde mit Gesamtkosten von mehr 51 Milliarden US-Dollar zu den teuersten Olympischen Spielen aller Zeiten. Die WM 2018 liegt auf einem Kurs, der das zu wiederholen scheint. Ein Dekret vom Juni 2013 setzte die minimalen Kosten für die Veranstaltung bei 21 Milliarden US-Dollar (660 Milliarden Rubel) an. Diese Summe beinhaltet gerade einmal die Kosten für die Ausrichtung des Events. Der Vorsitzende des Organisationskomitees Igor Schuwalow merkte an: "Wir haben absolut alles zusammengekürzt. Es gibt nichts Überflüssiges mehr, kein einziges überflüssiges Objekt. Wir haben nur das [im Budget behalten], was unmittelbar der Weltmeisterschaft dient." Selbst dieses Rumpfevent soll aber immer noch doppelt soviel kosten wie die für ihre überhöhten Ausgaben kritisierte Weltmeisterschaft in Brasilien. Man braucht nur den Bau der Stadien zu betrachten, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was Russland und die Welt erwartet. Die Bewohner von St. Petersburg sparen nicht mit Kritik, wenn man sie nach dem neuen Stadion des dortigen Fußballclubs Zenit fragt: "Wir warten seit Jahren und es gibt keinen Fortschritt", sagte ein frustrierter Fan, als ihn einer der Autoren dieses Beitrags auf der Krestowskij-Insel, dem Standort des zukünftigen Stadions, befragte. "Es ist eine Schande für die Fans und die Stadt." Eine Frau im Fanschal von Zenit fügte hinzu: "Selbst ein Dummkopf weiß, dass das Stadion für Oligarchen und Beamte nur ein Vorwand ist, um Geld zu stehlen."



Die Bauarbeiten am Stadion von Zenit begannen 2006, mit einem geplanten Gesamtvolumen von 200 Millionen US-Dollar. 2009 sollte es seine Pforten öffnen, doch das blieb ein Wunschtraum. Anfangs noch "Gazprom-Arena" genannt, hat das Stadion inzwischen sowohl seinen Namen als auch seinen Hauptsponsor verloren. Die Kosten für den Bau muss nun der russische Staat tragen. Diese sind auf über eine Milliarde US-Dollar gestiegen und machen damit bald jenen des fast um ein Drittel größeren Wembley-Stadions in London Konkurrenz – einem der größten finanziellen Fiaskos in der Geschichte des Stadionbaus. Das Eröffnungsdatum des Petersburger Stadions wurde inzwischen auf 2016 verschoben. Die teuren Komplikationen mit dem Zenit-Stadion in St. Petersburg sind ein Warnsignal für die Vorbereitungen auf die WM 2018, die vom 8. Juni bis 8. Juli 2018 in elf Städten im europäischen Teil Russlands stattfinden wird (siehe Karte in Abbildung 1). Im Juni 2014 waren gerade drei von zwölf Stadien annähernd fertig, nämlich die neue "Otkrytije"-Arena von Spartak Moskau und die Stadien in Kasan und Sotschi. Mit dem Moskauer Olympiastadion in Luschniki und dem Zentralstadion in Jekaterinburg existieren zwei weitere Spielorte, müssen aber von Grund auf renoviert werden. Das Zenit-Stadion braucht noch Jahre bis zur Fertigstellung und die übrigen sechs Stadien müssen komplett neu gebaut werden (siehe Tabelle 1). Budgets – sowohl für den Stadionbau als auch für die Vorbereitung auf Großveranstaltungen dieser Art ganz allgemein – geraten jedoch oft außer Kontrolle, vor allem weil die Frist für die Eröffnung der WM fix ist. Verzögerungen im Bau müssen daher mit einem höheren Kostenaufwand, zum Beispiel durch Nachtschichten, kompensiert werden. Dabei fallen die Mehrkosten oft auf den Steuerzahler zurück, vor allem dann, wenn – wie in Russland – die Bautätigkeit ohnehin mehrheitlich von der öffentlichen Hand finanziert wird.

Verzögerungen am Bau und explodierende Kosten

Die Probleme des Stadionbaus in St. Petersburg könnten sich für die WM noch vervielfältigen. Russland muss jetzt acht Stadionprojekte in acht Städten zur selben Zeit koordinieren. Dabei müssen die Erwartungen von unterschiedlichen regionalen Eliten, Auftragnehmern und Anspruchsgruppen sowie unterschiedliche städtische Kontexte berücksichtigt werden. Der Zeitdruck verschärft diese Situation. Witalij Mutko, der Sportminister Russlands, gab im März 2014 zu, dass die Bautätigkeiten in jedem der Austragungsorte bereits hinter dem Zeitplan zurücklägen: "Der langsame Fortschritt im Stadiondesign ist besorgniserregend. Fristen werden nicht eingehalten. Es gibt in jeder Region Probleme." Dass die Kosten schon jetzt explodieren ist ein erstes Anzeichen ernster Schwierigkeiten. Zwischen der Bewerbung für die WM im Jahr 2010 und Juni 2014 haben sich die projektierten Kosten für den Stadionbau bereits mehr als verdoppelt: von 2,8 auf 6,9 Milliarden US-Dollar (siehe Tabelle 1). Damit werden die 12 Stadien, unter Berücksichtigung der Inflation, teurer sein als die 20 Stadien der WM in Südkorea und Japan 2002. Die 6,9 Milliarden werden aber kaum das letzte Wort sein. In Brasilien beispielsweise haben sich die tatsächlichen Kosten im Vergleich zur Prognose vier Jahre vor der WM noch einmal verdoppelt.



Bereits mit den jetzt projektierten Kosten gehören die russischen Stadien zu den teuersten weltweit. Mit 577 Millionen US-Dollar sind die durchschnittlichen Kosten pro Stadion mehr als 50 % höher als in Brasilien und mehr als 240 % höher als für die WM in Deutschland 2006 (siehe in den Lesetipps Müller: Event seizure…). Pro Besucherplatz betragen die durchschnittlichen Ausgaben 11.600 US-Dollar (siehe Abbildung 2) – viermal mehr als für die WM in Deutschland 2006. Man kann wohl kaum höhere Inputkosten für die Preisexzesse verantwortlich machen. Die Aufwendungen für Arbeitskräfte, Baumaterial und Grund und Boden sind in Russland durchschnittlich niedriger als in Westeuropa. Die technischen Anforderungen an die Stadien sind dieselben, da diese von der FIFA vorgegeben werden. Ein Teil der Preisinflation ist wohl auf das Abschöpfen von Renten durch Auftragnehmer zurückzuführen. "SportEngineering", eine staatliche Organisation, die dem Sportministerium gehört, spielt eine zentrale Rolle in der Auftragsvergabe. Sie ist inzwischen Entwicklungsgesellschaft für mehrere der Stadien, obwohl sie in Ausschreibungen keineswegs immer den besten Preis geboten hat. "SportEngineering" führt die Arbeiten jedoch nicht selbst aus, sondern vergibt sie weiter an Unterauftragnehmer. Dabei behält sie einen großzügigen Teil der Auftragssumme für sich selbst – "für die Verantwortung", wie sie angibt. Diese Verantwortung hat aber nicht geholfen, die Kosteneskalationen zu vermeiden und die Steuerzahler vor überteuerten Stadien zu schützen.

Überschüssige Kapazitäten

Wenn sie dereinst fertiggestellt sind, werden die Stadien für die Weltmeisterschaft noch ein weiteres Problem verschärfen, das der Überkapazitäten. Die neuen Spielorte werden die Gesamtzahl der Besucherplätze in Russlands Stadien um knapp eine halbe Million erhöhen. Das ist mehr als ein Drittel der gesamten Kapazität im Land. Dabei sind die meisten Fußballstadien in Russland bereits jetzt zu groß für die Anzahl der Zuschauer, die zu den Spielen geht. Die 15 Clubs in der höchsten Liga nutzen durchschnittlich nur 60 % ihrer Stadionkapazität. Ins Fußballstadion zu gehen ist außerdem keine besonders weit verbreitete Freizeitbeschäftigung in Russland. Gerade einmal 0,14 % der Bevölkerung gehen im Jahr zu einem Fußballspiel. Die durchschnittliche Zuschauerzahl pro Spiel liegt bei unter 12.000 – gerade einmal so viel wie in der Schweiz. Russland bildet damit das Schlusslicht unter den größeren Ländern Europas. Die Nachfrage nach Eintrittskarten ist seit den frühen 2000er-Jahren kaum gestiegen, trotz steigender Haushalteinkommen und beständiger Modernisierung der Stadien.

Diese Umstände lassen es unwahrscheinlich erscheinen, dass die Investitionen in die Stadien jemals rentabel sein werden. Vielmehr werden viele von ihnen auch im alltäglichen Betrieb zu teuren Zuschussgeschäften werden. Deshalb hat auch kein privater Investor oder Club Interesse an der Finanzierung gezeigt. Wie in Brasilien und zuvor in Südafrika bleiben die Risiken bei der öffentlichen Hand. Einigen der Resultate des fieberhaften Stadionbaus mangelt es nicht an Absurdität. Das Zentralstadion in Jekaterinburg wurde 1957 in stalinistischem Neoklassizismus erbaut und 2011 nach einer umfangreichen Renovierung von 82 Millionen US-Dollar wieder eröffnet – kurz nachdem Russland den Zuschlag für die WM erhalten hatte. Zwei Jahre später wurde es gleich wieder geschlossen, um es für die WM umzubauen. Die Kosten: fast eine halbe Milliarde US-Dollar! Im Zuge der Renovierung wird die Sitzplatzkapazität von 27.000 auf 44.000 erweitert werden; weitaus mehr als die Prognosen für die zukünftige Nachfrage. Seitdem 2013 der Oppositionskandidat Jewgenij Roisman Bürgermeister von Jekaterinburg wurde, ist die Debatte noch kontroverser geworden. Er hat Diskussionen angeheizt, ob es nicht günstiger und weniger beeinträchtigend für das unter Denkmalschutz stehende Stadion wäre, wenn man am Stadtrand ein neues Stadion bauen würde. Er bezweifelt sogar, ob Jekaterinburg überhaupt WM-Spiele ausrichten sollte: "Ich weiß nicht, ob es sich lohnt 12 bis 15 Milliarden Rubel [390 bis 490 Millionen US-Dollar] für vier Spiele in Jekaterinburg auszugeben. Ich würde nicht sofort die Stadtschatulle öffnen, um ein enormes internationales Event auszurichten, an dem die Stadt vielleicht überhaupt kein Interesse hat."

"Wenn wir eine kleine Strafe zahlen, könnten wir vielleicht noch aussteigen."



Wenn die Vorbereitungen für die WM 2018 so weitergehen wie bisher, wird die Großveranstaltung unter Kostenexzessen leiden und Überkapazitäten erzeugen. Jedes einzelne der Stadien ist bereits teurer als erwartet und hinter dem Zeitplan zurück. Aber selbst diese Informationen zusammenzustellen ist schwierig, denn es fehlt an Transparenz: Es gibt keine zentrale Informationsquelle und selbst das Bewerbungsdokument ist nicht öffentlich zugänglich, so dass man kaum die Versprechungen mit der Realität vergleichen kann. Während die russischen Eliten die ineffiziente Allokation von Ressourcen sicher begrüßen, verstärkt diese gleichzeitig den Druck auf den Staatshaushalt. Die wirtschaftlichen Aussichten für Russland sind nach der Ukrainekrise düster. Die Wachstumsprognosen für 2014 liegen bei gerade einmal 0,2 %, die Kapitalflucht ist so hoch wie seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr, und die Kreditwürdigkeit wurde vor kurzem als gerade über "Junk-Bond"-Status herabgestuft. Russland kann sich also einen weiteren Exzess wie bei den Winterspielen in Sotschi nicht leisten. Genau darauf steuert es jedoch zu. Putin wird dieses Dilemma Kopfzerbrechen bereiten. Doch er ist nicht der erste Staatschef im Kreml, der es bedauert, eine vermeintlich prestigeträchtige Großveranstaltung ins Land geholt zu haben. "Dieses Ereignis wird kolossale Summen kosten. Zusätzlich zu den massiven Ausgaben besteht noch die Gefahr aller Arten von Skandalen." Das schrieb Leonid Breschnew 1975 über die Sommerspiele 1980 an Konstantin Tschernenko, der damals Präsident des Organisationskomitees war und später Breschnews Nachfolger wurde. "Einige Genossen haben mir gesagt, dass wir vielleicht noch aussteigen könnten, wenn wir eine kleine Strafe zahlen." Würde es Putin jemand verübeln, hegte er insgeheim ähnliche Überlegungen?

Lesetipps

Fussnoten

Martin Müller ist Förderungsprofessor der Schweizerischen Nationalfonds am Geographischen Institut der Universität Zürich. Er forscht zu Großveranstaltungen und hat gerade ein längeres Projekt zu den Winterspielen in Sotschi abgeschlossen. In den kommenden Jahren wird ihn die WM 2018 beschäftigen.

Sven Daniel Wolfe ist Doktorand am selben Institut und forscht zur Planung und zu den Auswirkungen der WM 2018 in Russland.