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Kommentar: Bremen als Ort der Andersdenkenden | Russland-Analysen | bpb.de

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Kommentar: Bremen als Ort der Andersdenkenden Russland-Analysen Nr. 427

Susanne Schattenberg

/ 4 Minuten zu lesen

Wo liegt Bremen? Leider sehr zentral auf der Karte der russischen Andersdenkenden im Exil.

Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial einnert jedes Jahr im Oktober an die Opfer staatlichen Terrors. An der Wand die Jahreszahlen 1937, 1941, 1945, 1952 und 2022 ergänzt. (© picture-alliance/dpa, Ulf Mauder)

Herausgeber der Länderanalysen

Die Russland-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Wo liegt Bremen?

"Wo liegt Bremen?", lautete meist die Frage, wenn man vor dem Februar 2022 und vor Corona in Russland unterwegs war, und die Gesichter hellten sich erst auf, wenn man erklärte, dort zu wohnen, wo die Bremer Stadtmusikanten herkommen. Die Bremer Stadtmusikanten kennen in Russland alle, da es einen sehr beliebten sowjetischen (!) Trickfilm dazu gab, der die Geschichte allerdings sehr frei interpretierte. "Why Bremen?" fragen auch immer wieder internationale Forscher*innen, die von überall aus der Welt nach Bremen kommen und nicht fassen können, dass sich ein so bedeutendes Archiv mit 770 Dissident*innen-Nachlässen und wohl eine der größten Sammlungen von Untergrundschriften in der norddeutschen Provinz und nicht in Berlin befindet. Warum Bremen? Tatsächlich war Willy Brandts Idee, ein Archiv und Institut zu gründen, das sich ausdrücklich nicht mit Staat und Partei im Ostblock, sondern mit Gesellschaft und Kultur im Untergrund beschäftigt, an alle Ministerpräsidenten herangetragen worden, aber es war der langjährige Bürgermeister Bremens Hans Koschnick, der die Chance ergriff und die Forschungsstelle Osteuropa (FSO) an der Universität Bremen 1982 gründen ließ.

Bremen hat also eine vierzigjährige Tradition als Ort der Andersdenkenden aus Osteuropa und als die Forschungsstelle zu Beginn des Krieges Hans-Koschnick-Sonderstipendien für geflüchtete Wissenschaftler*innen aus der Ukraine, Russland und Belarus ausschrieb, war es nicht erstaunlich, dass sich zahlreiche Memorial-Mitarbeiter*innen aus Moskau, St. Petersburg und Perm meldeten, mit denen die FSO seit Jahrzehnten in engem Austausch steht.

Archive und Menschen in Sicherheit bringen

Angesichts der seit vielen Jahren zunehmenden staatlichen Schikanen und Drohungen gegen Memorial hatte die FSO bereits vor einiger Zeit das Permer Archiv in elektronischer Form zur Sicherheit eingelagert und konnte 2021 auch das Papierarchiv nach Bremen holen und sichern, bevor Memorial Perm ebenfalls im Dezember 2021 per Gerichtsbeschluss geschlossen wurde. Mit Memorial St. Petersburg gibt es ebenfalls seit mehreren Jahren ein enges Verhältnis und gemeinsame Projekte, finanziert durch die VolkswagenStiftung, zur Sicherung und Verzeichnung von Petersburger Beständen. Im Frühjahr kam also Memorial International hinzu, dessen Mitarbeiter*innen in Bremen die Dokumente verzeichnen, die in Moskau versteckt sind und dort gescannt werden.

Es halfen nicht nur die lange Tradition als Ort der Andersdenkenden und die bestehenden Kontakte, sondern ganz entscheidend auch die Serviceorientierung des Bürgeramts auf dem Campus der Universität Bremen, das die Aufenthaltsfrage löste. Auch zahlte sich aus, ein An-Institut zu sein, das frei über seine Räume verfügen kann und unbürokratisch Büros in neue Memorial-Zentralen umwandeln konnte, so dass vier Moskauer*innen, zwei Petersburger*innen und zwei Permer Platz fanden. Geholfen hat auch die große Spendenbereitschaft von Bremer*innen, die die Koschnick-Stipendien finanzierten. Allerdings waren die Stipendien nur eine Anschubfinanzierung; danach sprang die Bundesstiftung Aufarbeitung und bald auch die US-Russia-Foundation ein, mit deren Hilfe die Finanzierung der "Bremer" Memorialtzy bis Ende 2023 gesichert ist.

Geschichte ist tagesaktuell

Als An-Institut ist man gegenüber der Universität und seinen Trägern rechenschaftspflichtig, und als die FSO kürzlich ihren Jahresbericht 2022 vorstellte, kommentierte der Konrektor, früher hätte sich das Institut mehr mit Geschichte, heute wieder mit Tagespolitik beschäftigt. Aber das ist nicht richtig: Wohl selten waren Geschichte und Tagespolitik so eng verzahnt. Zunächst fürchtet Putin nur sein Volk mehr als die Schlagkraft einer aufklärerischen Geschichte. Schließlich entwickelte die Aufarbeitung der stalinistischen Vergangenheit Ende der 1980er Jahre eine solche Sprengkraft, dass sie maßgeblich zum Zusammenbruch der Sowjetunion beitrug. Einer der Hauptakteure damals: Memorial. Putin weiß also, wie stark die Geschichte von Leid, Terror und Unrecht die Menschen mobilisieren kann. Es liegt daher kein Zufall, sondern ein kausaler Zusammenhang vor, dass er am Vorabend des Krieges Memorial verbieten ließ. Weiter ist wohl selten der Überfall auf ein Land so stark historisch begründet bzw. verbrämt worden wie der gegen die Ukraine. Die Legitimation für den völkerrechtswidrigen Angriff präsentiert Putin in seinen faktenverdrehenden Geschichtskonstruktionen, die er seit Sommer 2021 verbreitet und ständig wiederholt und dabei weiter ausspinnt. Jede alternative, an den tatsächlichen Entwicklungen orientierte Erzählung nähme ihm nicht nur den Kriegsvorwand, sondern seiner Regierung auch das Fundament. Indem sich Putin und sein Regime selbst auf den Sockel der Geschichte stellt, macht er sich zum Hüter über die Historie, der mit Argusauge darüber wacht, dass der breiten Gesellschaft kein anderes Narrativ vermittelt wird, wie Memorial es gemacht hat.

Die vierte Welle

Und so sehen wir 100 Jahre nach Gründung der Sowjetunion eine neue Emigrationswelle aus Russland: Nach 1917 kamen in einer ersten Welle Adlige, Bürgerliche und Demokrat*innen, der Zweite Weltkrieg verhalf in einer zweiten Welle vielen Antikommunist*innen zur Flucht, die dritte Welle setzte um 1970 ein, als die Entspannungspolitik einzelnen Gruppen wie Juden oder Deutschen zumindest teilweise eine Ausreise ermöglichte. Ihre Schicksale finden sich im Archiv der FSO in Form von persönlichen Vor- und Nachlässen. Und so wird auch in dieser Hinsicht die Geschichte Gegenwart: Die russischen Emigrant*innen sind nicht mehr nur Vergangenheit, sondern in einer vierten Welle wieder Gegenwart: meist junge, gut ausgebildete Putin-Gegner*innen, die wie die Geflüchteten vor 100 Jahren hoffen, dass ihre Ausreise nur für kurze Dauer sein möge, sich aber darauf einrichten, ihre Arbeit für Memorial an der russischen Gewaltgeschichte des 20. und jetzt auch 21. Jahrhunderts vorerst im Ausland fortzusetzen. Wo liegt Bremen? Leider sehr zentral auf der Karte der russischen Andersdenkenden im Exil.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Prof. Dr. Susanne Schattenberg ist Historikerin und Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa und Professorin für Zeitgeschichte und Kultur Osteuropas an der Universität Bremen. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören u. a. die Parteiführer Chruščev und Brežnev, der homo sovieticus, Dissens und Konsens. 2017 ist ihr Buch »Leonid Breschnew. Staatsmann und Schauspieler im Schatten Stalins. Eine Biographie« beim Verlag Böhlau erschienen.