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Interview: Aber wir sind am Leben…!

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Dokumentation: Das Archiv von Memorial – Evolution und Evakuierung Analyse: "Filtration": System, Ablauf und Ziele Dokumentation: Bericht von Human Rights Watch zu den Filtrationslagern Kommentar: Keine Verhandlungen um jeden Preis Kommentar: Verhandlungslösung? Sanktionen (05.12.2022) Analyse: Wirtschaftliche Entwicklung durch Rückschritt – zu den Perspektiven der russischen Volkswirtschaft Analyse: Rückkehr zu Realität IT-Industrie (14.11.2022) Analyse: Die Folgen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine auf die russische IT-Industrie Chronik: Anmerkung zur Chronik ab dem 01. März 2022 Die Linke in Russland / Rückzug der Gesellschaft (28.10.2022) Analyse: Die Linke in Russland und der Krieg in der Ukraine dekoder: Warum gehen Russen so ergeben an die Front Dokumentation: Pressemitteilungen zum Telefonat zwischen Wladimir Putin und Olaf Scholz Chronik: Anmerkung zur Chronik ab dem 01. März 2022 Lebensmittelhandel (26.09.2022) Von der Redaktion: Vorwort zur Ausgabe "Lebensmittelhandel" Analyse: Russlands Getreidehandel mit dem Nahen Osten und Nordafrika Analyse: Der Handel mit agrarischen Lebensmitteln zwischen den Vereinigten Staaten und Russland Analyse: Chinesisch-russische Annäherung in den Handelsbeziehungen im Bereich agrarischer Lebensmittel Analyse: Russlands Handel mit agrarischen Lebensmitteln: Die Eurasische Dimension Analyse: Russlands Rolle im internationalen Handel mit Fisch und Meeresprodukten Chronik: Anmerkung zur Chronik ab dem 01. März 2022 Wissenschaftsfreiheit (15.07.2022) Analyse: Russische Wissenschaft und der Krieg in der Ukraine Kommentar: Der Krieg in der Ukraine: Positionen und die Zukunft der russischen Universitäten Analyse: Akademische Unfreiheit Statistik: Wissenschaftsfreiheit in Russland (Daten von Scholars at Risk und Varieties of Democracy (V-Dem)) Analyse: Die Zerstörung der akademischen Freiheit und der Sozialwissenschaften in Russland Dokumentation: Der Bologna-Prozess in Russland nach Beginn des russisch-ukrainischen Krieges Dokumentation: Erklärung der Russländischen Rektorenkonferenz Dokumentation: Russlands Wissenschaftler*innen protestieren – Offene Briefe gegen den Krieg Dokumentation: Wissenschaftskooperation mit Kolleg*innen aus Russland und Belarus Regimedynamiken (20.06.2022) Analyse: Wladimir Putin – Führer, Diktator, Kriegsherr Analyse: Krieg, Protest und Regimestabilität Analyse: Die politische Ökonomie der Abfallwirtschaft in Russland dekoder: "Fast noch mehr von der Realität abgekoppelt als Putin selbst" dekoder: Bystro #34: Können Sanktionen Putin stoppen? Chronik: 23. – 29. Mai 2022 Emigration, Exil, Flucht (16.05.2022) Analyse: "Emigration mit Verantwortung": Die Aktivitäten russischer demokratisch orientierter Migrant:innen und ihre Reaktionen in der EU auf Russlands Krieg gegen die Ukraine Dokumentation: Evakuierung 2022: Wer ist wegen des Krieges in der Ukraine aus Russland emigriert, und warum? Erste Forschungsergebnisse von OK Russians Kommentar: Emigration im Jahr 2022: Schule der Demokratie für russische Geflüchtete Analyse: Brücke zum "anderen Russland" Russische Exilgruppen brauchen neue staatliche und private Förderprogramme Kommentar: Die Schrecken des Krieges und deren demografische Folgen für Russland Notizen aus Moskau: Ausgeschlossen Chronik: 17. – 24. April 2022 Deutschland und der Krieg (04.05.2022) Kommentar: Abschied vom Wolkenkuckucksheim. Deutschlands langsamer Wiedereintritt in die Weltpolitik Kommentar: Es war nicht alles falsch! Oder doch? Kommentar: Deutschlands Selbstbild – ein Kollateralschaden des Krieges? Kommentar: Der russisch-ukrainische Krieg und die Zukunft Europas Kommentar: Russlands Krieg gegen die Ukraine und die deutsche Erinnerungskultur Kommentar: Frieden und Sicherheit für die Ukraine und Europa entstehen nicht am Reißbrett des Westens Kommentar: Kommunikationsstrategien im Krieg: Andrij Melnyk und Vitali Klitschko Kommentar: Deutschland in den russischen staatsnahen Medien Steuerung der öffentlichen Meinung / Sanktionen (21.04.2022) Analyse: Narrative russischer staatlicher Medien über Corona-Impfstoffe im Westen Analyse: Was denken gewöhnliche Russ:innen wirklich über den Krieg in der Ukraine? Analyse: Festung Russland: Völlig verloren im wirtschaftlichen Sanktionskrieg, tiefe Wirtschaftskrise unausweichlich Analyse: Zwischen Katastrophe und harter Bruchlandung Kommentar: Wirtschaftliche Aufarbeitung der Ukraine-Invasion und Reparationen Chronik: 14. – 18. März 2022 Sicherheitspolitik (21.03.2022) Analyse: Sichtbare Entfremdung. Der Blick auf Russland im Sicherheitsradar 2022 Analyse: Die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit in der russischen Außen- und Sicherheitspolitik Analyse: Militärmanöver: Scheinschlachten oder Vorboten des Krieges? Kommentar: Der geplante Krieg dekoder: Russisch-kasachisches Win-win dekoder: Krieg oder Frieden Chronik: 28. Februar – 06. März 2022 Kosaken / Ukraine-Krieg als Produkt des politischen Systems (08.03.2022) Von der Redaktion: Niemand hätte es für möglich gehalten und doch ist es passiert Analyse: Geschichte der Beziehungen der Kosaken zum Kreml dekoder: Von Löwen und Füchsen Chronik: 21. – 27. Februar 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma (15.02.2022) Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Aufmarsch an der Grenze der Ukraine (22.02.2022) Von der Redaktion: Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Kommentar: Die Minsker Vereinbarungen als Chance? Kommentar: (Keine neuen) Erkenntnisse gewonnen Kommentar: Alles auf Status. Russlands riskantes Kriegsspiel mit (in) Europa Kommentar: Russlands Motive Kommentar: Die Gründe für Russlands Vorschläge Kommentar: Würde Putin vom eigenen Volk für eine Invasion in die Ukraine abgestraft werden? Kommentar: Kriegsoptimismus im Russland-Ukraine-Konflikt: Grund zum Pessimismus? Kommentar: Desinformation: ein hoch aktuelles Konzept aus dem letzten Jahrhundert Kommentar: Die Russland-Ukraine Krise: Wo steht Deutschland? Kommentar: Russlands Passportisierung des Donbas: Von einer eingeschränkten zu einer vollwertigen Staatsbürgerschaft? Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten (24.01.2022) Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Interview: Aber wir sind am Leben…! Russland-Analysen Nr. 427

Robert Latypov

/ 3 Minuten zu lesen

Der Friedensnobelpreis für Memorial ist ein Vertrauensvorschuss; ein Mandat, das in Russland unmöglich zu ignorieren ist und für die Umgestaltung der russischen Gesellschaft genutzt werden kann.

Oleg Orlov, Vorstandsmitglied von Memorial International nach einer Gerichtsanhörung am 7.10.2022, den Tag der Verkündung des Friedensnobelpreises für Memorial. (© picture-alliance/AP, Alexander Zemlianichenko)

Russland-Analysen: Memorial stellt seiner organisatorischen Struktur nach einen Verband gleichberechtigter Organisationen dar. So gibt es zum Beispiel das Wissenschafts- und Informationszentrum Memorial St. Petersburg, Memorial International und Memorial Perm, dessen Leiter Sie sind. Das Menschenrechtszentrum Memorial wurde im Dezember 2021 vom russischen Staat aufgelöst. Wie sieht Ihre Arbeit nach dem Dezember 2021 und nach dem 24. Februar 2022 aus? Kann die Arbeit noch auf die alte Weise fortgeführt werden?

Robert Latypov: Zu einem gewissen Maße wird die Tätigkeit der Organisationen fortgeführt. Ein Teil des Teams ist zwar ausgewandert, setzt die Arbeit aber aus der Ferne fort.
Einige Projekte, die auf öffentliche und Präsenzveranstaltungen abzielen, mussten natürlich eingestellt werden (die Behörden hätten das einfach nicht zugelassen). Andere Projekte sind aber geblieben. Beispielsweise machen wir in der Region Perm mit dem Verleih unserer mobilen Ausstellungen zur Geschichte der politischen Repressionen weiter. Man muss verstehen, dass diese Arbeit, weil sie nach außen gerichtet ist, sehr sensibel ist; sie erfolgt unter ständigen Gefahren und Risiken.

Russland-Analysen: Vor einigen Wochen war der Gedenktag für die Opfer der politischen Repressionen, am 30. Oktober. Memorial hat es geschafft, in Russland verschiedene Veranstaltungen zu organisieren, bei denen die Menschen öffentlich Namen von Opfern verlasen. Es gab eine Reihe von Online-Veranstaltungen und Streams auf YouTube. Es wurden auch subtilere Aktionen durchgeführt. Welche Bedeutung hat Memorial heute für die Menschen in Russland und in anderen Ländern?

Robert Latypov: Memorial bleibt nach wie vor für viele Menschen eine sehr angesehene Organisation. Es stimmt: Die russische Regierung versucht, uns zu zerstören, zu verbieten, und die propagandistischen Medien setzen viel daran, uns in den Augen der Russ*innen zu marginalisieren und zu stigmatisieren. Aber wir sind am Leben, und die Menschen reagieren nach wie vor auf die Dinge und Aktionen, zu denen wir sie einladen und aufrufen.

Russland-Analysen: Ein Teil der Organisationen hat das Land verlassen und arbeitet an verschiedenen Projekten im Ausland. Welche Unterstützung erhalten sie dort, was ist wichtig, was ist vonnöten?

Robert Latypov: Das ist eine schwierige Frage. Man sollte dem "Genossen Major" [den Sicherheitsbehörden; Anm. d. Red.] wohl kaum dadurch helfen, dass derlei sensible Informationen veröffentlicht werden.

Russland-Analysen: Memorial hat zusammen mit Ales Bjaljazkij aus Belarus und dem ukrainischen Zentrum für bürgerliche Freiheiten den Friedensnobelpreis erhalten. Gibt es eine Verbindung zwischen Ihnen dreien, außer dem Umstand, dass Sie sich für Menschenrechte einsetzen?

Robert Latypov: Es gibt eine ganz direkte Verbindung, nämlich den Kampf für Menschenrechte im weiteren Sinne, und insbesondere den Widerstand gegen den Krieg, für die Hilfe für politische Häftlinge und Flüchtlinge, die menschenrechtliche Bildungsarbeit, bürgerschaftliche Bildung…

Russland-Analysen: Was bewirkt der Friedensnobelpreis? Bedeutet er mehr als ein Symbol oder eine finanzielle Spende nach einer Versteigerung der Medaille?

Robert Latypov: Neben den Dingen, die Sie genannt haben, besteht der Wert des Preises darin, dass er ein Vorschuss für die Zukunft ist.

Zum einen, damit unsere Arbeit weitergeht. Denn nicht nur das Bestreben der Aktivist*innen von Memorial ist von Bedeutung, sondern auch die Solidarität von außen ist vonnöten. Und dieser Preis ist eines der klaren Zeichen einer solchen Solidarität und Unterstützung.

Zweitens hilft der Preis dabei, das internationale Ansehen zu erhöhen und die Anerkennung für Memorial in einem Land zu stärken, das einen Krieg angezettelt hat, der aber irgendwann beendet sein wird. Und in diesem Land werden Institutionen wie Memorial gebraucht, Organisationen, die jetzt und später helfen, die sich in einem gewissen Maße für eine Überwindung der Folgen dieses Krieges einsetzen. Der Friedensnobelpreis ist ein öffentliches und deutliches Mandat des Vertrauens für unsere Organisation, für ihre Stimme heute und in der Vergangenheit. Es ist ein Mandat, das in Russland für die Einen unmöglich zu ignorieren ist, und das aus der Sicht von anderen für das hehre Ziel eine Umgestaltung der russischen Gesellschaft genutzt werden kann. Der Friedensnobelpreis als Vorschuss ist gewissermaßen ein Vertrauensvorschuss. Bei all den Risiken, die sich aus den Geschehnissen ergeben, aus menschlichen Faktoren, aus all der Ungewissheit usw., bedeutet das ein hohes Maß an Vertrauen.

Aber das ist natürlich nur meine persönliche Wahrnehmung.

Übersetzung aus dem Russischen: Hartmut Schröder

Fussnoten

Weitere Inhalte

Robert Latypov leitete die Organisation Memorial Perm bis zu deren formaler Auflösung durch die russischen Behörden. Er ist Mitglied der Delegation, die am 10. Dezember 2022 in Oslo anwesend sein wird, wenn Memorial der Friedensnobelpreis überreicht wird.