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Dokumentation: Amnesty International: Ukraine: Angriff auf Theater in Mariupol ist Kriegsverbrechen russischer Truppen | Ukraine-Analysen | bpb.de

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Dokumentation: Amnesty International: Ukraine: Angriff auf Theater in Mariupol ist Kriegsverbrechen russischer Truppen Ukraine-Analysen Nr. 272

/ 4 Minuten zu lesen

Luftaufnahme des Zentrum von Mariupol, in der Bildmitte das zerstörte Theater der Stadt. (© picture-alliance, ASSOCIATED PRESS | Uncredited)

Herausgeber der Länderanalysen

Die Ukraine-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Bei dem Angriff auf das Akademische Dramatheater in Mariupol im März 2022 handelt es sich um ein Kriegsverbrechen durch russisches Militär. Zu diesem Schluss kommt Amnesty International nach einer umfangreichen Untersuchung.

Der neue Amnesty-Bericht "Children: The Attack on the Donetsk Regional Academic Drama Theatre in Mariupol, Ukraine" dokumentiert, wie das russische Militär das Theater am 16. März dieses Jahres aller Wahrscheinlichkeit nach wissentlich ins Visier nahm, obwohl bekannt war, dass dort Hunderte Zivilist*innen untergebracht waren.

Das Crisis Response Team von Amnesty International sprach mit Überlebenden und erhob digitales Datenmaterial. Daraus ergibt sich, dass der Angriff höchstwahrscheinlich mit einem russischen Kampfflugzeug erfolgte, das zwei 500-Kilo-Bomben auf das Theater abwarf.

Julia Duchrow, Stellvertreterin des Generalsekretärs und Leiterin der Abteilung Politik und Activism bei Amnesty International Deutschland, sagt: "Bei dem Angriff auf das Theater in Mariupol handelt sich um ein Kriegsverbrechen seitens russischer Truppen. Bei diesem grausamen Militärschlag wurden zahlreiche Menschen verletzt und getötet. Allem Anschein nach kamen sie ums Leben, weil das russische Militär vorsätzlich ukrainische Zivilpersonen ins Visier nahm. Der Internationale Strafgerichtshof und weitere Gerichte, die für Verbrechen zuständig sind, die in diesem Konflikt verübt werden, müssen diesen Angriff als ein Kriegsverbrechen behandeln und entsprechend untersuchen. Alle Verantwortlichen müssen für die Todesfälle und Zerstörung zur Rechenschaft gezogen werden."

Netto-Explosivstoffgewicht von 440 bis 600 Kilogramm auf das Theater abgeworfen

Amnesty International beauftragte eine Physikerin mit der Anfertigung eines mathematischen Modells der Explosion, um festzustellen, welches Netto-Explosivstoffgewicht nötig ist, um das verursachte Ausmaß an Zerstörung herbeizuführen. Dies ergab, dass die Bomben ein Netto-Explosivstoffgewicht von 400 bis 800 Kilogramm aufwiesen. Ausgehend von vorliegenden Informationen über die Fliegerbomben, die Russland besitzt, handelte es sich höchstwahrscheinlich um zwei 500-Kilo-Bomben desselben Modells, was einem Netto-Explosivstoffgewicht von 440 bis 600 Kilogramm entsprechen würde.

Bei den eingesetzten Flugzeugen handelte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Multirollen-Kampfflugzeuge wie z. B. Su-25, Su-30 oder Su-34, die auf einem nahegelegenen russischen Luftlandeplatz stationiert waren und häufig über der südlichen Ukraine im Einsatz waren.

Theater war Zufluchtsort für die Zivilbevölkerung

Im Zuge des russischen Einmarsches in die Ukraine gegen Ende Februar 2022 flohen immer mehr Menschen aus ihren Häusern und Wohnungen, da Städte und Dörfer zum Ziel militärischer Angriffe wurden. In der belagerten Start Mariupol in der Region Donezk wurde das Theater zu einem Zufluchtsort für die Zivilbevölkerung.

Das Theater im Stadtteil Tsentralnyi wurde zu einem Umschlagplatz für die Verteilung von Medikamenten, Lebensmitteln und Trinkwasser sowie zu einem Treffpunkt für Menschen, die auf eine Evakuierung mittels humanitärer Korridore hofften. Das Gebäude war eindeutig als ziviles Objekt erkennbar. Die Bewohner*innen der Stadt hatten auch in riesigen Buchstaben das Wort "Дети" – russisch für "Kinder" – rechts und links auf den Hof neben das Gebäude geschrieben. Dies sollte für russische Pilot*innen und auf Satellitenaufnahmen deutlich zu sehen gewesen sein.

Dennoch wurde das Theater am 16. März um kurz nach 10 Uhr morgens getroffen. Die darauffolgende Explosion brachte das Dach und große Teile zweier tragender Wände zum Einsturz. Zum Zeitpunkt des Angriffs befanden sich Hunderte Zivilist*innen entweder in dem Theater oder in unmittelbarer Nähe.

Amnesty International hat ermittelt, dass mindestens zwölf Menschen durch den Angriff getötet und viele weitere schwer verletzt wurden. Diese Schätzung liegt niedriger als vorherige. Sie trägt der Tatsache Rechnung, dass sehr viele Menschen das Theater in den Tagen vor dem Angriff verlassen hatten und die meisten verbliebenen Personen im Keller des Theaters oder in anderen Teilen des Gebäudes Zuflucht suchten, die nicht von der vollen Wucht der Explosion getroffen wurden.

Völkerrecht verbietet Angriff ziviler Objekte

Ein Grundprinzip des humanitären Völkerrechts besagt, dass die an einem bewaffneten Konflikt beteiligten Parteien jederzeit zwischen Zivilpersonen und zivilen Objekten einerseits sowie Militärangehörigen und militärischen Objekten andererseits unterscheiden müssen. Militärische Objekte können ins Visier genommen werden; Zivilpersonen und zivile Objekte dürfen es nicht.

Die Art des Angriffs auf das Theater – die bombardierten Teile des Gebäudes sowie die wahrscheinlich verwendeten Waffen – und das Fehlen eines potenziell legitimen militärischen Ziels in der Nähe deuten stark darauf hin, dass das Theater das beabsichtigte Ziel war. Demzufolge handelt es sich um einen vorsätzlichen Angriff auf ein ziviles Objekt und ist daher ein Kriegsverbrechen.

Julia Duchrow sagt: "Es sind bereits eine ganze Reihe vorsätzlicher Tötungen an Zivilpersonen in der Ukraine durch die russischen Streitkräfte bekannt. Jetzt sind gründliche Ermittlungen dringend erforderlich, um die Verantwortlichen für die verletzten und toten Zivilist*innen sowie für die umfangreichen Schäden an der zivilen Infrastruktur zur Rechenschaft zu ziehen."

Methodik

Zwischen dem 16. März und dem 21. Juni 2022 sammelte und analysierte Amnesty International Beweise im Zusammenhang mit dem Angriff auf das Theater in Mariupol. Dazu gehörten 52 Aussagen von Überlebenden und Zeug*innen des Militärschlags und seiner Folgen, von denen sich 28 zum Zeitpunkt des Anschlags im oder in der Nähe des Theaters befanden. Amnesty International analysierte auch Satellitenbilder und Radardaten von unmittelbar vor und kurz nach dem Angriff sowie authentisches Foto- und Videomaterial, das von Überlebenden und Zeug*innen zur Verfügung gestellt wurde, sowie zwei separate Baupläne des Theaters.

Zusätzlich führte das Crisis Evidence Lab der Organisation eine Open-Source-Recherche durch und untersuchte und verifizierte 46 Fotos und Videos des Militärschlags aus Sozialen Medien sowie weitere 143 Fotos und Videos, die privat mit Expert*innen von Amnesty International geteilt wurden.

Quelle: Amnesty International, 30.06.2022, Externer Link: https://www.amnesty.de/allgemein/pressemitteilung/ukraine-angriff-auf-theater-mariupol-ist-kriegsverbrechen.

Der Bericht "Children: The Attack on the Donetsk Regional Academic Drama Theatre in Mariupol, Ukraine" ist frei zugänglich unter Externer Link: https://www.amnesty.de/sites/default/files/2022-06/Amnesty-Bericht-Ukraine-Russland-Kriegsverbrechen-Bombenangriff-Theater-Mariupol-Juni-2022.pdf.

Am 6. Mai veröffentlichte Amnesty International außerdem den Bericht "He’s not coming back. War crimes in northeast areas of Kyiv oblast", frei zugänglich unter Externer Link: https://www.amnesty.org/en/documents/eur50/5561/2022/en/.

Fussnoten

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