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Analyse. Vertrauen, Popularität und die Rolle von Telegram in Kriegszeiten Ukraine-Analyse Nr. 325

Elizaveta Chernenko William H. Dutton

/ 10 Minuten zu lesen

Wie prägt Telegram die Informationslandschaft im Krieg? Die Studie liefert empirische Daten zu Nutzung, Vertrauen und Risiken sozialer Medien in der Ukraine.

Der Messenger-Dienst Telegram zählt in der Ukraine zu den meistgenutzten Anwendungen für Kommunikation und Nachrichten. (© picture-alliance, picture alliance / imageBROKER | Mojahid Mottakin)

Zusammenfassung

Dieser Artikel beschreibt die Rolle von Telegram im ukrainischen Informationsökosystem während des Krieges. Die große Verbreitung von Telegram – eine im August 2024 durchgeführte Umfrage zeigt, dass Telegram trotz erheblicher Kontroversen zu den am weitesten verbreiteten Kommunikationsplattformen in der Ukraine gehört – veranlasste uns, die Faktoren zu untersuchen, die die Nutzung von und das Vertrauen in Telegram in der Ukraine prägen. Telegram wird intensiver von jüngeren, höher gebildeten und politisch engagierten Personen genutzt sowie von Menschen, die schnelle Nachrichtenupdates suchen, insbesondere zu lokalen Ereignissen. Die Kanäle der Plattform sind zu wichtigen Nachrichtenquellen geworden, denen 47 % der Befragten vertrauen. Personen, die Telegram-Kanälen stärker vertrauen, stehen traditionellen Medien skeptischer gegenüber. Die Studie liefert eine empirische Grundlage für die Debatten über die Nutzung sozialer Medien wie Telegram, insbesondere im Kontext des Russland-Ukraine-Krieges.

Herausgeber der Länderanalysen

Die Ukraine-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH gemeinsam herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht die Analysen als Lizenzausgabe.

Was ist Telegram? Ein Überblick über Funktionen und Einsatzmöglichkeiten

Telegram, 2013 von Pavel Durov und seinem Bruder Nikolai gegründet und auf den Britischen Jungferninseln eingetragen, hat seinen Hauptsitz in Dubai. Ursprünglich als private Messaging-App gestartet, hat sich Telegram zu einer vielseitigen Kommunikationsplattform entwickelt, die private und Gruppen-Chats, Chatbots, Stories und weitere soziale Funktionen bietet. Telegram ist kein einzelner Kanal. Tatsächlich liegt der besondere Nutzen der Plattform darin, dass sie als erster großer Messengerdienst Kanäle eingeführt hat – ein kostenloses One-to-many-Broadcast-Tool, mit dem Nutzer:innen Informationen sofort an ein unbegrenztes Publikum verbreiten können, entweder öffentlich oder innerhalb eingeschränkter Gruppen. Diese Innovation machte Telegram zu einer zentralen Plattform für die Verbreitung von Nachrichten in der Region und ermöglichte die basisnahe Koordination pro-ukrainischer Akteur:innen während der laufenden russischen Invasion oder bei Ereignissen wie den Navalny-Protesten in Russland 2017 und der belarussischen Protestbewegung 2020. Forschende heben insbesondere die Nutzungsmöglichkeiten von Telegram hervor, die eine solche Koordination erleichtern, indem sie Anonymität, Teilbarkeit und Dialogfähigkeit ermöglichen – unter anderem durch die einfache Vernetzung von Telegram mit anderen Plattformen.

Telegram betreibt zudem ein Werbesystem namens Telegram Ads, das Werbeinhalte direkt über öffentliche Kanäle ausspielt. In der Ukraine ist dieses System in jüngster Zeit besonders populär geworden: Große Einzelhändler, Banken, E-Commerce-Unternehmen ebenso wie kleinere Betriebe und Expertenblogs nutzen diesen Dienst.

Obwohl Telegram sich selbst als sicher bewirbt, sind nur die optionalen „Secret Chats“ Ende-zu-Ende-verschlüsselt (E2EE), während reguläre Chats und Gruppen dies nicht sind. Telegram vermied es lange Zeit, finanzielle und operative Details öffentlich offenzulegen, da private Unternehmen auf den Britischen Jungferninseln und in den Vereinigten Arabischen Emiraten in der Regel nicht zur Veröffentlichung solcher Informationen verpflichtet sind. Trotz dieser Bedenken haben die Einfachheit, Geschwindigkeit und relative Freiheit Telegram zu einer der beliebtesten Apps in der postsowjetischen Region und weltweit gemacht.

Telegram in der Ukraine: Kontext und Kontroversen

Die Rolle von Telegram in der Ukraine ist zunehmend komplex geworden. Inmitten von Kritik hat seine wachsende Popularität die Plattform hochgradig umstritten gemacht und sowohl im Inland als auch international verstärkte Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Einige Quellen schätzen das ukrainische Telegram-Publikum auf 25 Millionen Nutzende, die durchschnittlich mehr als 40 Minuten pro Tag in der App verbringen. Die Festnahme von Pavel Durov in Frankreich im Jahr 2024 entfachte die Debatten über die Verantwortlichkeit von Telegram erneut. In der Ukraine bleibt die Plattform zugänglich, unterliegt jedoch in staatlichen, militärischen und akademischen Institutionen bestimmten Einschränkungen. Dennoch nutzen gewöhnliche Bürger:innen, Amtsträger:innen und prominente Politiker:innen – darunter Präsident Selenskyj, dessen offizieller Kanal „Zelenskiy / Official“ (Externer Link: https://t.me/s/V_Zelenskiy_official) derzeit von rund 700.000 Personen abonniert wird – Telegram weiterhin für persönliche Kommunikation oder öffentliche Verlautbarungen. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes gingen Schätzungen davon aus, dass es in der Ukraine Zehntausende bis über hunderttausend Telegram-Kanäle gab, die im Durchschnitt fünf- bis achttausend Abonnent:innen anzogen; die größten Kanäle erreichten dabei ein Publikum von mehr als einer Million. Diese Kanäle decken ein breites Themenspektrum ab, darunter Nachrichten und Medien, persönliche Blogs, Musik, Marketing, Unterhaltung, Bildung und politische Inhalte. Nachrichten und Politik stellen jedoch die größte Kategorie dar und machen laut TGstat mehr als 18.000 Kanäle au

Die Bedenken hinsichtlich der Popularität von Telegram konzentrieren sich auf die Intransparenz der Eigentumsverhältnisse, potenzielle Überwachung, die weite Verbreitung von Desinformation und manipulativen Inhalten auf der Plattform – einschließlich russischer Informationsoperationen – sowie auf die Nutzung der Plattform zur anti-ukrainischen Rekrutierung. Dennoch nutzt nahezu die Hälfte der Ukrainer:innen Telegram als primäre Nachrichtenquelle, was die Ambivalenz der Plattform zwischen Unverzichtbarkeit und Risiko widerspiegelt.

Im Ukrainekrieg fungiert Telegram als kritische Kommunikationsinfrastruktur und als potenzielle Schwachstelle zugleich. Die Plattform ermöglicht den sofortigen Zugang zu Luftalarmmeldungen, Regierungsinformationen und humanitären Hinweisen und unterstützt zugleich basisnahe Initiativen wie Crowdfunding und die Dokumentation von Kriegsverbrechen. Telegram-Kanäle sind zu einem zentralen Ort für die Koordination und Mobilisierung pro-ukrainischer Nutzer:innen im Rahmen einer „Cyber-Resistenz“ geworden und unterstreichen damit ihre Rolle als Instrument partizipativer Kriegsführung. Etwa ein Fünftel der Ukrainer:innen begann erst nach 2022 mit der Nutzung von Telegram, was die Anpassungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit der Plattform während des Krieges verdeutlicht. Gleichzeitig machen genau diese Eigenschaften – Anonymität, Geschwindigkeit und minimale Moderation – Telegram auch zu einem fruchtbaren Boden für Propaganda und Desinformation.

Diese Dualität prägt die Rolle von Telegram im ukrainischen Informationsumfeld während des Krieges. Um diese Rolle besser zu verstehen, untersucht die vorliegende Studie die Faktoren, die die Nutzung von und das Vertrauen in Telegram bestimmen, sowie den Wert, den die Plattform für ukrainische Nutzer:innen unter Bedingungen von Krieg und Informationsunsicherheit bietet.

Methodik

Diese Studie verwendet einen Mixed-Methods-Ansatz, der quantitative Umfragedaten (Goroshko et al., 2024a) mit qualitativen Interviews kombiniert. Die Befragung wurde vom 1. bis 6. August 2024 durchgeführt und nutzte sowohl computergestützte Telefoninterviews (CATI) als auch computergestützte Online-Interviews (CAWI). Als Stichprobe diente eine Zufallsauswahl ukrainischer Smartphone-Nummern aus dem gesamten Staatsgebiet der Ukraine, mit Ausnahme der besetzten Gebiete. Auf dieser Grundlage wurde eine Stichprobe von 2.014 Befragten gebildet, die den Fragebogen vollständig ausfüllten. Obwohl unter den Bedingungen des Krieges kaum von vollständiger Repräsentativität ausgegangen werden kann (beispielsweise ist davon auszugehen, dass Angehörige des Militärs unterrepräsentiert sind), ist die Stichprobe demografisch nach Alter, Geschlecht, Bildung und Siedlungstyp repräsentativ und ermöglicht somit eine Analyse der Telegram-Nutzerbasis.

Zur Identifikation zentraler Faktoren, die die Nutzung von Telegram und das Vertrauen in die Plattform prägen, wurden zwei logistische Regressionsmodelle eingesetzt: eines zur Vorhersage der Plattformnutzung und ein weiteres zur Untersuchung der Determinanten des Vertrauens in Telegram-Kanäle als verlässliche Informationsquelle auf der Grundlage demografischer, medialer und politischer Variablen. Die vollständigen Modellergebnisse sowie Details zur Messung der Variablen finden sich in Chernenko und Dutton (2025). Ergänzt wurde die Umfrage durch 17 leitfadengestützte qualitative Interviews mit Medienexpert:innen, Journalist:innen und politischen Entscheidungsträger:innen, die dazu dienten, die quantitativen Befunde zu kontextualisieren und zu interpretieren.

Ergebnisse und Analyse

Ein Vergleich der Umfrageergebnisse mit Resultaten vergleichbarer Studien aus der Zeit vor der Vollinvasion zeigt, dass Telegram (gemeinsam mit Viber) ein außergewöhnliches Wachstum an Popularität verzeichnete, das jenes aller anderen Medientypen übertraf. Mehrere Faktoren trugen zu dieser Popularität bei, wie die nachfolgend dargestellten Ergebnisse der Modellschätzungen zeigen.

Rückgang der Nutzung und des Vertrauens in russische Medienquellen

Seit der russischen Vollinvasion im Jahr 2022 hat sich das allgemeine Mediennutzungsverhalten der Ukrainer:innen deutlich verschoben. Eine überwältigende Mehrheit der Befragten (86,5 %) gab an, im Vergleich zu den Jahren vor der Invasion mehr ukrainische und weniger russische Inhalte zu konsumieren. Nur 12,1 % erklärten, ihre Mediengewohnheiten seien weitgehend unverändert geblieben, während ein sehr kleiner Anteil (1,4 %) angab, inzwischen weniger ukrainische und mehr russische Inhalte zu nutzen. Selbst unter Berücksichtigung des in der Umfrageforschung inhärenten Effekts sozialer Erwünschtheit deutet dieses Muster auf eine Neuausrichtung hin zu ukrainischen Informationsquellen sowie auf umfassendere gesellschaftliche Transformationen infolge des Krieges hin.

Diese Beobachtung steht im Einklang mit weiteren Ergebnissen der Befragung. Nur rund ein Prozent der Befragten äußerte Vertrauen in russische Quellen, was einen drastischen Bruch mit den Vorkriegsmustern darstellt, als russische Inhalte in der Ukraine noch deutlich häufiger genutzt wurden.

Popularität und Vertrauen in Telegram

Telegram gehört zu den beliebtesten sozialen Medien in der Ukraine. Wie aus Grafik 1 auf S. 17 hervorgeht, besitzen 86 % der Befragten einen Telegram-Account, womit es zu den drei am weitesten verbreiteten digitalen Kommunikationsmitteln gehört. Hinsichtlich der täglichen Nutzung lesen fast drei Viertel (74 %) aller Befragten Telegram- oder Viber-Kanäle mindestens einmal täglich. Dieses Nutzungsniveau zeigt, dass Telegram eine zentrale Rolle als Echtzeit-Nachrichtenaggregator und Informationsplattform im Ukrainekrieg spielt. Online-Plattformen wie Telegram und Viber zählen zu den populärsten Quellen für Nachrichten über Krieg und lokale Themen.

Auch das Vertrauen in Telegram ist erheblich: Fast die Hälfte der Befragten (47 %) gab an, Telegram-Kanälen „vollständig“ (3 %) oder „größtenteils“ (44 %) zu vertrauen, während 33 % unsicher waren und 20 % Misstrauen angaben (siehe Grafik 2 auf S. 17). Telegram genießt damit ein höheres Vertrauen als die meisten anderen Online-Medienquellen in der Ukraine, wobei nur direkte Gespräche mit Freund:innen und Familie sowie bestimmte lokale oder westliche Nachrichtenquellen als vertrauenswürdiger wahrgenommen werden.

Wichtig ist aber zu erwähnen, dass die Nutzung von Telegram nicht exklusiv ist. Die Nutzung korreliert positiv mit der Nutzung anderer Medienquellen wie Instagram, WhatsApp und YouTube. Diese Befunde unterstützen das Argument der partizipativen Nutzung von Telegram-Kanälen in der Ukraine und dessen vernetzter Natur, die Konnektivität über mehrere Plattformen hinweg ermöglicht, z. B. indem Nutzer:innen Aktionen koordinieren, die auf Twitter, YouTube oder Google Maps ausgeführt werden.

Wer nutzt Telegram?

Unsere Modellergebnisse zeigen die folgenden soziodemografischen Faktoren im Zusammenhang mit der Nutzung von Telegram:

Geschlecht : Frauen haben eine 79,7 % höhere Wahrscheinlichkeit, Telegram zu nutzen, als Männer.

Wohnort : Im Vergleich zu Personen, die in Dörfern oder kleineren Siedlungen leben, haben Menschen in städtischen Gebieten eine 60,7 % höhere Wahrscheinlichkeit, Telegram zu nutzen – höchstwahrscheinlich aufgrund des besseren Internetzugangs.

Bildung : Höhere Bildung geht mit einer Zunahme der Telegram-Nutzung um 44,3 % einher, was die Rolle der Plattform als Informationsmedium insbesondere für gebildete Zielgruppen unterstreicht.

Alter : Jüngere Menschen nutzen die Plattform häufiger. Mit jedem Anstieg des Alters um 10 Jahre sinkt die Wahrscheinlichkeit der Nutzung im Durchschnitt um etwa 33,4 %.

Digitale Fähigkeiten : Auch digitale Kompetenzen spielen eine Rolle. Personen, die einen VPN-Service nutzen können – ein Indikator für digitale Fähigkeiten – haben im Durchschnitt eine 21,5 % höhere Wahrscheinlichkeit, Telegram zu nutzen, als Personen ohne diese Fähigkeit.

Warum nutzen Menschen Telegram?

Abgesehen von demografischen Faktoren ist die Häufigkeit des Nachrichtenkonsums der stärkste Faktor für die Nutzung von Telegram, wobei tägliche Nachrichtenkonsument:innen eine viel größere Wahrscheinlichkeit haben, die Plattform zu nutzen, als diejenigen, die weniger häufig Nachrichten konsumieren. Dies unterstreicht die Rolle der Plattform bei der Bereitstellung von Echtzeit-Updates aus verschiedenen Quellen, sei es aus offiziellen, informellen oder lokalen Kanälen.

Ein weiterer Treiber für die Nutzung von Telegram ist die kriegsbedingte Vertreibung. Personen, die Vertreibung erlebt haben (oder in unmittelbar umkämpften Regionen leben), haben im Durchschnitt eine um 82,9 % höhere Wahrscheinlichkeit, Telegram zu nutzen, wahrscheinlich aufgrund der Effektivität der Telegram-Kanäle bei der Bereitstellung von Sicherheitsupdates, Evakuierungsmeldungen und Zugang zu Community-Support-Netzwerken.

Politisches Engagement ist ein weiterer wichtiger Faktor, da Personen, die sich an Online-Diskussionen über den Krieg beteiligen, im Durchschnitt eine um 73,3 % höhere Wahrscheinlichkeit haben, Telegram zu nutzen. Eine ähnliche Tendenz ist bei denen zu beobachten, die politische Entwicklungen aktiv verfolgen.

Weitere wichtige Faktoren sind Lokalismus, der sich in der Tendenz zeigt, lokale Nachrichten aufmerksam zu verfolgen (32,7 % höhere Wahrscheinlichkeit), Skepsis gegenüber der Objektivität traditioneller Medien wie Fernsehen und Radio (30 % höhere Wahrscheinlichkeit) und Ablehnung der Idee von Einschränkungen sozialer Medien in Kriegszeiten (82,9 % höhere Wahrscheinlichkeit). Diese Tendenzen lassen sich durch die Wahrnehmung erklären, dass die Plattform kaum moderiert ist und einen alternativen vernetzten Informationsraum mit weniger Einschränkungen bei der Bereitstellung von Informationen bietet.

Vertrauen in Telegram-Kanäle

Das Vertrauen in Telegram-Kanäle als Informationsquelle ist geprägt durch allgemeine Tendenzen zum Vertrauen in Quellen, Medienskeptizismus und allgemeine Nachrichtenkonsumgewohnheiten. Personen, die ein hohes Maß an allgemeinem Vertrauen (durchschnittliches Vertrauen in andere Informationsquellen, online und offline) aufweisen, neigen viel eher dazu, Telegram-Kanälen zu vertrauen. Es besteht jedoch eine umgekehrte Beziehung zwischen dem Vertrauen in große Nachrichtenagenturen zur Überprüfung von Nachrichten und politischen Informationen (einschließlich Fernsehen, Radio oder Presse, online oder offline) und dem Vertrauen in Telegram-Kanäle. Dies deutet darauf hin, dass Telegram-Kanäle von Personen genutzt werden, um die Berichterstattung traditioneller Medien zu überprüfen oder zu verifizieren, wenn deren Authentizität in Frage gestellt werden könnte.

Darüber hinaus weisen Personen, die sich in Kriegszeiten gegen die Idee von staatlich verhängten Beschränkungen für soziale Medien aussprechen, im Durchschnitt eine um 22 % höhere Wahrscheinlichkeit auf, Telegram-Kanälen zu vertrauen, was die Wahrnehmung verstärkt, dass Telegram als ein weniger regulierter Raum für den Informationsaustausch angesehen wird. Darüber hinaus vertrauen Nutzer:innen, die sich zur Überprüfung auf ihre bevorzugten Medien verlassen, und diejenigen, die häufig lokale Nachrichten verfolgen, eher Telegram-Kanälen (28,4 % bzw. 22,7 % höhere Wahrscheinlichkeit), was darauf hindeutet, dass Telegram nicht als einzelne Quelle, sondern als Teil eines breiteren vernetzten Nachrichtenökosystems fungiert.

Fazit

Unsere Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig Telegram für die Informationslandschaft in der Ukraine in Kriegszeiten ist. 86 % der Ukrainer:innen haben einen Telegram-Account. Für fast die Hälfte der Befragten, die Vertrauen in die Kanäle von Telegram äußern, hat sich Telegram seit dem vollständigen Einmarsch Russlands in die Ukraine zu einer wichtigen Plattform für Nachrichten und Kommunikation entwickelt. Während es als unverzichtbares Instrument für Echtzeit-Updates, Sicherheitsinformationen und bürgerschaftliches Engagement dient, wirft seine Eigentümerschaft jedoch Fragen zu seiner Rolle in Bezug auf Desinformation und Sicherheit auf.

Diese Studie hat gezeigt, dass Telegram einerseits vor allem von jüngeren, besser ausgebildeten und politisch engagierten Personen genutzt wird sowie von denjenigen, die schnelle Nachrichtenupdates, insbesondere zu lokalen Entwicklungen, suchen. Andererseits nutzen eher diejenigen Telegram, die sich eher gegen Informationsbeschränkungen in Kriegszeiten aussprechen und traditionellen Medien skeptisch gegenüberstehen. Das Vertrauen in Telegram-Kanäle wird auch durch Skepsis gegenüber der Berichterstattung traditioneller Medien genährt, was die Funktion von Telegram als Alternative innerhalb eines Informationsökosystems stärkt. Die Nutzung von Telegram ist nicht exklusiv, da sie mit der Nutzung anderer Medienquellen korreliert und diese ergänzt.

Diese Erkenntnisse haben erhebliche Auswirkungen auf Politik und Medienaufsichtsbehörden. Maßnahmen zur Bekämpfung von Falsch- oder Desinformation und zur Minderung von Cybersicherheitsrisiken müssen gegen das Risiko abgewogen werden, das Misstrauen unter den Nutzer:innen von Telegram zu verstärken, von denen viele aktiv und politisch engagiert sind und der Berichterstattung traditioneller Medien skeptisch gegenüberstehen. Anstelle von vollständigen Verboten oder Einschränkungen sollten sich Strategien besser darauf konzentrieren, digitale Kompetenzen zu verbessern, das öffentliche Bewusstsein für Probleme im Zusammenhang mit Desinformation und Sicherheit zu schärfen, Initiativen und Praktiken zur Überprüfung von Fakten zu fördern und Bemühungen zu unterstützen, die die Nutzung vielfältiger Medienquellen würdigen und fördern.

Diese Studie ist Teil des Projekts „Access to Information Media Literacy about Politics“, das von der UNESCO und der japanischen Regierung unterstützt wird. Der vollständige Bericht zu diesem Projekt ist verfügbar unter Dutton et al., 2025.

Die im Text verwendeten Bezeichnungen und Darstellungen bedeuten nicht, dass die UNESCO eine Meinung zum rechtlichen Status eines Landes, Territoriums, einer Stadt oder eines Gebiets oder seiner Behörden oder zu Grenzen oder Grenzlinien äußert. Die Autor:innen sind für die Auswahl und Darstellung der in diesem Bericht enthaltenen Fakten sowie für die darin geäußerten Meinungen verantwortlich, die nicht unbedingt denen der UNESCO entsprechen und für die Organisation nicht bindend sind.

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Fussnoten

Weitere Inhalte

Elizaveta Chernenko ist Doktorandin am Oxford Internet Institute an der Universität Oxford. Ihre Forschung untersucht, wie Hassreden im Internet entstehen, sich verbreiten und bekämpft werden können. Neben ihrer Doktorarbeit ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Portulans Institute im Rahmen des Projekts „Ukraine Case Studies“ tätig, wo sie Informations- und Kommunikationsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem russischen Krieg in der Ukraine und deren weiterreichende Auswirkungen auf die globale Medienpolitik und -governance untersucht.

Prof. Dr. William H. Dutton ist Oxford Martin Fellow am Global Cyber Security Capacity Centre der Universität Oxford und Direktor des Portulans Institute. Er war Gründungsdirektor des Oxford Internet Institute (OII), erster Professor für Internetstudien in Oxford, Professor für Medien- und Informationspolitik am Quello Center der Michigan State University und emeritierter Professor an der University of Southern California. Sein jüngstes Buch trägt den Titel „The Fifth Estate: The Power Shift of the Digital Age“ (Oxford University Press 2023).