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Migration und Flucht nach Libyen Zwischen Arbeitschancen, Transit und Ausbeutung

Dr. Salam Said

/ 13 Minuten zu lesen

Libyen ist nicht nur Transitland auf dem Weg nach Europa, sondern auch Zielstaat für Menschen, die Arbeit suchen. Gleichzeitig ist Libyen für schwere Menschenrechtsverletzungen bekannt.

Bau einer Pipeline vor der libyschen Küste. Die Ölvorkommen in Libyen führen dazu, dass Migration nach Libyen für viele Menschen trotz schlechter Bedingungen attraktiv bleibt. (© picture-alliance/dpa, Eni / Handout)

Libyen ist seit Jahrzehnten sowohl ein Ziel- als auch ein Transitland für Migrant_innen. Nach Angaben der Externer Link: Internationalen Organisation für Migration (IOM) hielten sich im April 2026 knapp 944.000 Migrant_innen im Land auf. Bei einer Bevölkerung von rund 7,4 Millionen Menschen ist das beinahe ein Anteil von 13 Prozent. Mehr als die Hälfte von ihnen lebt in Westlibyen, über ein Drittel im Osten des Landes. Externer Link: 84 Prozent stammen aus den unmittelbaren Nachbarstaaten Sudan, Niger, Ägypten und dem Tschad – die übrigen aus Westafrika sowie geringfügig West- und Südasien.

Räumlich konzentriert sich das Migrationsgeschehen in den urbanen Zentren wie dem östlich gelegenen Benghazi und in Westlibyen den Städten Misrata sowie vor allem Tripolis. Das lässt sich durch mehrere Faktoren erklären: Als politisches und wirtschaftliches Zentrum des Landes bietet insbesondere Tripolis vergleichsweise gute Beschäftigungsmöglichkeiten. Zugleich liegt Westlibyen an der wichtigsten Transitroute über das zentrale Mittelmeer nach Europa – viele Externer Link: Migrationsrouten aus den südlichen Nachbarstaaten verlaufen über den Westen Libyens – und verfügt über etablierte Netzwerke von Migrant_innen, Schleusern und humanitären Organisationen. Dem gegenüber steht Ostlibyen unter der Kontrolle Interner Link: der Libyan Arab Armed Forces (LAAF) unter General Khalifa Haftar. Deren restriktive Sicherheits- und Migrationspolitik erschwert dort den Aufenthalt und die Mobilität von Migrant_innen. Zwar hat die östliche Migrationsroute infolge des Interner Link: Krieges im Sudan seit 2023 an Bedeutung gewonnen, dennoch bleibt Westlibyen das wichtigste Transit- und Aufenthaltsgebiet.

Arbeits- und Fluchtmigration nach Libyen

Zwar ist die Sicherheitslage in Libyen immer noch instabil, da weiterhin zwei Machtzentren um die politische Macht konkurrieren – Interner Link: die international anerkannte „Regierung der Nationalen Einheit“ im Nordwesten und die „Regierung der Nationalen Stabilität“ im Osten, nebst oft eigenständig agierenden Milizen –, aber die relative Sicherheit in einigen Regionen und der Ressourcenreichtum sorgen dafür, dass Libyen traditionell ein bedeutendes Zielland für Arbeitsmigration ist. Die hohen Einnahmen aus dem Erdölexport ermöglichen ein höheres Einkommensniveau als in den benachbarten Staaten. Nach der Externer Link: Klassifizierung der Weltbank gehört Libyen zur Gruppe der Länder mit mittlerem bis oberem Einkommen (upper-middle-income countries; zweithöchste Einkommensgruppe) wie etwa auch China oder große Teile Südamerikas.

Bis Ende der 2000er-Jahre stand die Beschäftigung von Arbeitsmigrant_innen aus ressourcenarmen und teilweise konfliktbelasteten Ländern Afrikas und Westasiens im Einklang mit der geopolitischen Ausrichtung des Ende 2011 gestürzten Diktators Interner Link: Muammar al-Gaddafi. Externer Link: Dieser verfolgte das Ziel, Libyens Einfluss in Afrika und den arabischen Staaten auszubauen: zum einen durch Investitionen und Staatshilfen in zahlreichen afrikanischen Staaten, zum anderen, indem er Libyen zu einem wichtigen Arbeitsmarkt für Migrant_innen entwickelte, deren Rücküberweisungen ihre Herkunftsfamilien und Herkunftsländer unterstützten.

Somit kamen zahlreiche arbeitssuchende Menschen langfristig oder saisonal nach Libyen, um Beschäftigung zu finden. Die meisten stammten aus Ländern mit erheblichen sozioökonomischen Herausforderungen, darunter hohe Arbeitslosigkeit, Inflation und eine unzureichende öffentliche Infrastruktur. Diese Tendenz setzte sich trotz der Verschlechterung der Sicherheitslage infolge des Anfang 2011 beginnenden Bürgerkriegs und wiederkehrender bewaffneter Auseinandersetzungen auch Externer Link: nach dem Sturz Gaddafis 2011 fort.

Externer Link: Nach Angaben der IOM vom April 2026 sind derzeit rund 77 Prozent der Migrant_innen in Libyen erwerbstätig. Ihr Einkommen variiert je nach rechtlichem Status, Art der Arbeit, Geschlecht und Qualifikation und liegt im Durchschnitt etwa zwischen knapp 140 Euro im Monat für weibliche und knapp 190 Euro für männliche Beschäftigte. Die meisten Migrantinnen arbeiten in vermeintlich geschlechtsspezifischen Tätigkeitsfeldern, etwa im Haushalt und im Pflegebereich, während Migranten häufiger im Baugewerbe und in der Landwirtschaft beschäftigt sind. Fachkräfte mit arabischen Sprachkenntnissen, insbesondere aus dem Nahen Osten, erzielen hingegen ein Einkommen von durchschnittlich knapp 500 Euro pro Monat.

Allerdings verfügen laut den Zahlen der IOM nur knapp vier Prozent der Migrant_innen über einen schriftlichen Arbeitsvertrag, die übrigen arbeiten im informellen Sektor. Externer Link: 73 Prozent der Beschäftigten berichten von einer mündlichen Arbeitsvereinbarung. Damit gibt es für sie keine Garantie, dass die Löhne tatsächlich und regelmäßig ausgezahlt werden. Häufig verfügen sie weder über eine Kranken- noch über eine Sozialversicherung. Außerdem sind sie neben niedrigen Löhnen und prekären Arbeitsbedingungen auch Ausbeutung und Gewalt ausgesetzt. Besonders betroffen sind Frauen und Minderjährige, die zu den vulnerabelsten Gruppen gehören. Sie sind mit einem erhöhten Risiko von Arbeitslosigkeit, fehlendem rechtlichem Schutz sowie geschlechtsspezifischer und sexualisierter Gewalt konfrontiert. Ihr Schutz durch staatliche Institutionen sowie internationale Organisationen ist bislang unzureichend. Insbesondere die Externer Link: Handlungsmöglichkeiten internationaler Organisationen werden durch die libyschen Behörden erheblich eingeschränkt. Aufgrund der subventionierten Preise für bestimmte Grundnahrungsmittel wie Brot sowie für Energie in Libyen können viele Migrant_innen trotz der prekären Arbeitsverhältnisse einen Teil ihres Einkommens sparen und ihre Familien im Herkunftsland finanziell unterstützen. Vor diesem Hintergrund bleibt die Migration nach Libyen für viele trotz der schwierigen Bedingungen wirtschaftlich attraktiv.

Neben der etablierten Arbeitsmigration aus den Nachbarstaaten sowie geringfügig aus westafrikanischen Ländern wie Nigeria, Mali und Ghana, entwickelt sich seit einigen Jahren auch eine organisierte Arbeitsmigration aus Bangladesch und Pakistan. Diese Gruppe macht inzwischen 2,5 Prozent der Migrant_innen in Libyen aus. Eine Studie des Mixed Migration Centre (MMC) aus dem Jahr 2026 zeigt, dass viele Migrant_innen aus Bangladesch, die zunächst über reguläre Wege nach Libyen einreisen, anschließend versuchen, über die Mittelmeerroute nach Europa weiterzureisen.

Die libysche Rohstoffwirtschaft ist stark von ausländischen Arbeitskräften Externer Link: abhängig. Während in der Erdöl- und Erdgasförderung der Großteil der Externer Link: libyschen Arbeitskräfte im staatlichen Sektor beschäftigt ist, arbeiten Migrant_innen vor allem im Baugewerbe sowie in der Land- und Dienstleistungswirtschaft. Sie übernehmen häufig körperlich anstrengende oder Externer Link: wenig attraktive Tätigkeiten.

Diese wirtschaftliche Bedeutung migrantischer Arbeitskräfte spiegelt sich jedoch weder in ihrem rechtlichen noch in ihrem gesellschaftlichen Schutz wider. Zum einen wurde der Zugang zu legalen Aufenthalts- und Arbeitstiteln in den letzten Jahren massiv erschwert und somit, anstatt eine menschenwürdige und nachhaltige Arbeitsmarktintegration zu ermöglichen, Ausbeutung begünstigt. In besonders schweren Fällen geht diese Ausbeutung in Zwangsarbeit und schwere Externer Link: Menschenrechtsverletzungen über. Zum anderen wurden Arbeitsmigrant_innen zunehmend kriminalisiert und einem erhöhten Risiko von Inhaftierung und strafrechtlicher Verfolgung durch Behörden ausgesetzt. In diesem Kontext kam es auch innerhalb von Haftzentren zu Fällen der Ausbeutung von Migrant_innen durch staatliche Akteure. Externer Link: Inhaftierte Migrant_innen werden zum Bau oder zur Instandhaltung staatlicher Einrichtungen und militärischer Anlagen gezwungen.

Dennoch bleibt Libyen für viele Migrant_innen wirtschaftlich attraktiv. Gleichzeitig dient das Land auch als Transitland: Laut der Externer Link: IOM-Befragung vom April 2026 beabsichtigten sieben Prozent der befragten Migrant_innen eine Weiterreise, von denen 83 Prozent Europa als Ziel nannten. Externer Link: Studien zeigen, dass sich diese Zahl jedoch nicht direkt mit der langfristigen Migrationsdynamik gleichsetzen lässt: Viele Migrant_innen bleiben zunächst in Libyen, um Geld für die Weiterreise zu verdienen oder weil die Überfahrt über das Mittelmeer mit erheblichen Risiken verbunden ist. Außerdem veranlassen die anhaltende Unsicherheit, wiederkehrende bewaffnete Auseinandersetzungen und die prekäre Menschenrechtslage viele dazu, Libyen früher oder später wieder zu verlassen, häufig in Richtung Europa. Die Migration verläuft für die meisten Menschen also nicht linear.

Die Zusammensetzung der Migrationsbewegungen in Libyen hat sich mit der Eskalation bewaffneter Konflikte in der Region – insbesondere seit dem Krieg im Sudan und in Teilen des Nahen Ostens ab 2023 – verändert, sodass zunehmend auch Geflüchtete und Schutzsuchende das Land erreichen. Viele von ihnen bestreiten ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit, anstatt auf finanzielle Unterstützung angewiesen zu sein, da es in Libyen nur begrenzt Hilfs- und Schutzstrukturen für Schutzsuchende gibt.

Effekte der innenpolitischen Krise auf Migrant_innen

Seit 2014 steht der „Regierung der Nationalen Einheit“ unter Abdul Hamid Dbeibah im Westen des Landes im Osten und Süden eine rivalisierende Machtstruktur gegenüber, die formal von dem ostlibyschen „Premierminister“ Ossama Hammad geführt, faktisch jedoch vom General Khalifa Haftar und der LAAF dominiert ist. Trotz ihrer Rivalität verfolgen beide Machtzentren einen Externer Link: ähnlichen migrationspolitischen Ansatz: Sie kriminalisieren irreguläre und Fluchtmigration und nutzen Migrationskontrolle als außenpolitisches Verhandlungsinstrument bzw. Druckmittel gegenüber der EU.

Die anhaltende politische und institutionelle Fragmentierung hat auch dazu geführt, dass Rechtsstaatlichkeit weitgehend im ganzen Land fehlt, was zu einem hohen Risiko willkürlicher Inhaftierung, Gewalt und Ausbeutung der Migrant_innen und Geflüchteten führt. In den vergangenen Jahren haben Behörden und verbündete bewaffnete Gruppen wiederholt Migrant_innen kollektiv verhaftet, abgeschoben und misshandelt. Besonders betroffen sind Schwarze Migrant_innen, die häufig Ziel Externer Link: rassistischer Kontrollen und Übergriffe werden.

Gleichzeitig verstärken politische Akteure und Teile der Gesellschaft zunehmend rassistische Narrative, in denen Migrant_innen für wirtschaftliche und soziale Probleme verantwortlich gemacht werden. Dies trägt dazu bei, Gewalt und Ausgrenzung gesellschaftlich zu normalisieren. Auch libysche Menschenrechtsaktivist_innen werden verfolgt, eingeschüchtert und ebenfalls inhaftiert.

Vom arbeitsmarktorientierten zum sicherheitspolitischen Migrationsansatz

Bis Anfang der 2000er Jahre galt Libyen als vergleichsweise Externer Link: offenes Zielland für Arbeitsmigrant_innen. Insbesondere während des wirtschaftlichen Aufschwungs infolge der hohen Erdölpreise wurden zahlreiche öffentliche Bau-, Landwirtschafts- und Infrastrukturprojekte realisiert. Die daraus resultierenden Staatseinnahmen ermöglichten umfangreiche öffentliche Projekte und auch die Finanzierung großzügiger Sozialausgaben und der Gehälter von Staatsangestellten. Die Migrationspolitik orientierte sich in dieser Phase weitgehend an den Erfordernissen des Arbeitsmarktes. Entsprechend wurden unter anderem die Einreisebestimmungen erleichtert, um den steigenden Arbeitskräftebedarf zu decken.

Mit dem wirtschaftspolitischen Wandel ab 2005 nahmen Externer Link: rassistische Stimmungen zu und die Regelungen für migrantische Arbeitskräfte wurden schrittweise verschärft. Ein wesentlicher Grund hierfür dürfte in den sozioökonomischen Folgen der neoliberalen Wirtschaftsreformen liegen: Nach Jahrzehnten internationaler Isolation und Sanktionen leitete das libysche Regime eine wirtschaftliche Liberalisierung ein, die unter anderem Privatisierungen, den schrittweisen Abbau von Sozialausgaben und Subventionen sowie eine Reduzierung der Beschäftigung im öffentlichen Sektor umfasste. Infolgedessen verschärften sich die sozioökonomischen Herausforderungen, und die Arbeitslosigkeit unter der libyschen Bevölkerung stieg.

Wie häufig in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und sozialer Unsicherheit wurden die daraus resultierenden gesellschaftlichen Spannungen zunehmend auf Migrant_innen projiziert. Obwohl sie eine zentrale Rolle für den libyschen Arbeitsmarkt spielten, wurden sie verstärkt als Ursache wirtschaftlicher und sozialer Probleme dargestellt. Diese Entwicklung trug dazu bei, migrationspolitische Restriktionen zu legitimieren und rassistische Diskurse weiter zu verstärken.

Den entscheidenden Wendepunkt markierte das Jahr 2010: Im Kontext der Interner Link: Verhandlungen zwischen dem Gaddafi-Regime und der Europäischen Union über eine Externer Link: engere Zusammenarbeit im Migrationsmanagement, wandelte sich die libysche Migrationspolitik von einer arbeitsmarktorientierten zu einer Interner Link: sicherheits- und außenpolitisch geprägten Politik. Während die Externer Link: Sicherheitspolitik auf die Beschränkung von Migration nach Libyen abzielte, die im politischen Diskurs zunehmend als Gefährdung der nationalen Sicherheit dargestellt wurde, bemühte sich das Gaddafi-Regime zugleich außenpolitisch, sich gegenüber der Europäischen Union als verlässliche Partnerin bei der Bekämpfung irregulärer Migration zu präsentieren. Ausdruck dieses Paradigmenwechsels ist das Externer Link: Gesetz Nr. 19 von 2010, das irreguläre Einreise, Aufenthalt und Ausreise kriminalisiert, etwa in Form von Inhaftierungen auf unbestimmte Zeit, Geldstrafen oder Abschiebungen.

Libyen ist weder Vertragsstaat der Interner Link: Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 noch verfügt das Land über ein geregeltes Asylsystem. Zwar hat Libyen regionale afrikanische Abkommen zum Schutz von Geflüchteten ratifiziert, in der Praxis werden Schutzsuchende jedoch überwiegend als „illegale Migrantinnen und Migranten“ Interner Link: gebrandmarkt.

Diese sicherheitspolitische Ausrichtung bleibt nicht ohne Folgen: Indem Migration vor allem als Sicherheitsproblem behandelt wird, werden Gewalt, Inhaftierung und andere Zwangsmaßnahmen gegenüber Migrant_innen und Geflüchteten weiter erleichtert und vielfach legitimiert. Gleichzeitig hat die Zusammenarbeit mit der Europäischen Union bei der Begrenzung irregulärer und Fluchtmigration dazu geführt, Grenzkontrollen gegenüber Schutzmaßnahmen zu priorisieren.

Grenzkontrollen

Die Kontrolle der libyschen Grenzen unterscheidet sich deutlich zwischen der Mittelmeerküste und der südlichen Landgrenze. An der Küste konzentrieren sich die Maßnahmen auf das Abfangen von Booten mit dem Ziel Europa. Dabei spielt die von der Externer Link: EU finanzierte „Interner Link: libysche Küstenwache“ eine zentrale Rolle, die abgefangene Menschen in der Regel nach Libyen zurückbringt. Externer Link: Menschenrechtsorganisationen werfen der Küstenwache seit Jahren schwere Menschenrechtsverletzungen vor und kritisieren insbesondere ihre teilweise enge Zusammenarbeit mit bewaffneten Gruppen und Schleusernetzwerken.

Anders stellt sich die Situation an den weitläufigen Landgrenzen zu Ägypten, Tunesien, Algerien, Niger, dem Tschad und dem Sudan dar. Diese sind staatlich nur begrenzt kontrollierbar. So übernehmen lokale Milizen und Schmugglernetzwerke teilweise Grenzkontrollfunktionen. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen staatlicher Sicherheitskontrolle, organisierter Kriminalität und Menschenhandel. Externer Link: Internationale Organisationen berichten immer wieder von Erpressungen, willkürlichen Inhaftierungen und gewalttätigen Handlungen gegen Migrant_innen, bei denen die Menschen teils sogar zwischen den Gruppen Externer Link: weitergereicht werden, weil diese wiederholt von den Lösegeldern wirtschaftlich profitieren wollen.

Nach Angaben des Leiters des Benghazi Center for Migration, Tarek Lamloum, existieren in Libyen derzeit mehr als 30 offizielle, halboffizielle und informelle Haft- und Internierungseinrichtungen. Während einige dem Innen- oder Justizministerium unterstehen, werden die meisten von Milizen kontrolliert. Hinzu kommen geheime Haftorte, in denen ebenfalls Migrant_innen gegen Lösegeld festgehalten, misshandelt oder zur Zwangsarbeit gezwungen werden. Migration ist damit insgesamt zu einem Bestandteil einer informellen Gewalt- und Schattenökonomie geworden, in der Menschen entlang der Migrationsroute Externer Link: systematisch ausgebeutet werden – von der Schleusung über Inhaftierung und Zwangsarbeit bis hin zu Erpressung und Abschiebung.

EU-Einfluss auf die libysche Migrationspolitik

Die Europäische Union hat die libysche Migrationspolitik seit Ende der 2000er Jahre maßgeblich beeinflusst. Im Mittelpunkt der Zusammenarbeit stehen Externer Link: Abkommen zur Bekämpfung irregulärer und Fluchtmigration und seit 2016 die Externer Link: Unterstützung der libyschen Küstenwache und der Ausbau des Grenzmanagements. Diese konnte zwar dadurch in bestimmten Jahren einen Rückgang der Überfahrten erreichen, eine langfristige und nachhaltige Lösung stellte sie jedoch nicht dar. Zum einen nahm die Zahl der Migrant_innen und Geflüchteten infolge anhaltender Konflikte und der Verschlechterung der sozioökonomischen Bedingungen in den Herkunfts- und Transitländern zu. Zum anderen reagierten Schmugglernetzwerke mit der Erschließung neuer Routen und passten ihre Strategien an die veränderten Kontrollmaßnahmen an.

Unabhängig von der Bewertung ihrer Wirksamkeit stießen diese Maßnahmen sowie die Kooperation mit nicht-demokratischen Regierungen auf erhebliche Kritik. Zum einen wurden sie als lediglich eine Art Interner Link: Externalisierung der Migrationskontrolle Externer Link: vor die europäischen Außengrenzen erachtet, wodurch Libyen faktisch die Funktion eines Vorpostens der europäischen Grenzkontrolle übertragen werde. Damit bot diese Strategie zugleich keine Lösungsansätze für die Ursachen irregulärer Migration. Zum anderen wird sie auch aus menschenrechtlicher Perspektive kritisiert. Human Rights Watch sieht insbesondere die Kooperation mit libyschen Sicherheits- und Grenzschutzakteuren, denen Verbindungen zu Schmuggel-, Erpressungs- und Menschenhandelsnetzwerken vorgeworfen werden, problematisch. Das Ziel der Verbesserung des Schutzes von Migrant_innen in Libyen wurde auch verfehlt, denn: Das Kooperationsabkommen sah keine Maßnahmen gegen die Ausbeutung von Migrant_innen durch kriminelle Netzwerke und bewaffnete Gruppen vor. Externer Link: Stattdessen förderte es die wirtschaftlichen Interessen jener Akteure, die von Migrationskontrolle, Inhaftierung und Ausbeutung profitieren. Eine damit zusammenhängende Kritik lautet, die Europäische Union habe sich zunehmend von libyschen Machtakteuren abhängig gemacht und sei deshalb politisch erpressbar. Darüber hinaus verliere sie an Glaubwürdigkeit, wenn sie weiterhin Akteure unterstütze, denen Externer Link: Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen vorgeworfen werden. Die europäische Migrationspolitik steht damit in einem grundlegenden Spannungsverhältnis zwischen dem Ziel der Migrationskontrolle und der Externer Link: Einhaltung menschenrechtlicher Verpflichtungen.

Fazit

Libyen bleibt trotz der fragilen (sicherheits-)politischen Lage ein wichtiges Zielland für Migrant_innen, da die Migrationsentscheidungen nicht nur von Sicherheitsbedingungen, sondern auch von wirtschaftlichen Möglichkeiten und bestehenden Netzwerken geprägt werden. Viele Arbeitsmigrant_innen aus afrikanischen Nachbarstaaten und anderen Regionen kommen nicht primär mit dem Ziel Europa, sondern um in Libyen selbst Geld zu verdienen. Im Vergleich zu ihren Herkunftsländern bietet Libyen aufgrund der Erdölwirtschaft weiterhin bessere Verdienstmöglichkeiten. Gleichzeitig ermöglichen etablierte Migrationsnetzwerke den Zugang zu Arbeit, Unterkünften und Informationen.

Viele Migrant_innen sind sich der schwierigen Bedingungen in Libyen bewusst. Dennoch werden die Risiken häufig gegen die wirtschaftlichen Perspektiven abgewogen. In Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit, Armut, fehlenden Sozialsystemen, politischen und Umweltkrisen oder bewaffneten Konflikten erscheinen die Möglichkeiten in Libyen für viele weiterhin attraktiver. Zudem unterscheiden sich die Motive: Während Arbeitsmigrant_innen häufig eine zeitlich begrenzte Erwerbsstrategie verfolgen und durch Interner Link: Rücküberweisungen ihre Familien unterstützen möchten, suchen Menschen auf der Flucht vor Krieg oder Verfolgung eher Schutz und langfristige Sicherheit. Für diese Gruppe ist Libyen eher ein Transitland, während für Arbeitsmigrant_innen Libyen weiterhin ein Zielland bleibt.

Dass es trotz der vielen Krisen vergleichsweise wenig Migration von Libyer_innen gibt, lässt sich durch mehrere Faktoren erklären. Zum einen verfügt Libyen trotz seiner politischen Instabilität weiterhin aufgrund der erheblichen Erdölressourcen über ein vergleichsweise hohes Einkommensniveau. Zum anderen hat die relativ kleine Bevölkerung Zugang zu staatlichen Subventionen und öffentlichen Beschäftigungsmöglichkeiten. Diese Situation könnte sich jedoch ändern, wenn der anhaltende Konflikt nicht beigelegt wird, sich Externer Link: die sozioökonomische Lage in Libyen weiter verschlechtert und die öffentlichen Dienstleistungen sowie die grundlegende Infrastruktur nicht nachhaltig verbessert werden.

Weitere Informationen

Externer Link: https://www.adalaforall.org/en/mawazin-mag/tag/migrants
Externer Link: https://cihrs.org/wp-content/uploads/2025/08/The-Human-Rights-Situation-in-Libya-1.pdf

Fussnoten

Fußnoten

  1. Der staatliche Sektor in Libyen umfasst nicht nur die Staatsverwaltung sowie das öffentliche Bildungs- und Gesundheitswesen und öffentliche Versorgungsinstitutionen, sondern auch Staatsunternehmen wie die National Oil Corporation (NOC).

  2. Interview mit Tarek Lamloum, Leiter des Benghazi Center for Migration and Asylum Studies sowie Advocacy Officer beim Baladi Observatory for Human Rights, durchgeführt von der Autorin am 07. Mai.

  3. Ibid.

  4. Nach Angaben des UNHCR haben seit Beginn des Sudankriegs im April 2023 rund 559.000 sudanesische Geflüchtete Libyen erreicht. Im März 2026 waren dort jedoch nur rund 94.000 sudanesische Geflüchtete und Asylsuchende registriert. Vgl. United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR). (2026). CORE Libya Sudanese Refugees and Asylum-Seekers – March 2026. UNHCR. Externer Link: https://reliefweb.int/report/libya/core-sudan-situation-sudanese-refugees-and-asylum-seekers-libya-march-2026

  5. Während des (Bürger-)Kriegs in Syrien (2012–2024) und des Gazakrieges (seit 2023) suchten zahlreiche Menschen trotz der prekären Sicherheitslage Schutz in Libyen.

  6. Interview mit Tarek Lamloum, Leiter des Benghazi Center for Migration and Asylum Studies sowie Advocacy Officer beim Baladi Observatory for Human Rights, durchgeführt von der Autorin am 07. Mai.

  7. Interview mit Tarek Lamloum, Leiter des Benghazi Center for Migration and Asylum Studies sowie Advocacy Officer beim Baladi Observatory for Human Rights, durchgeführt von der Autorin am 07. Mai.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Dr. Salam Said für bpb.de

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ist syrische Ökonomin und politische Beraterin der Abteilung „Mittlerer Osten und Nordafrika“ der Friedrich-Ebert-Stiftung. Sie leitete deren Libyen-Büro in Tunis von 2023 bis 2025. Ihre Arbeit konzentriert sich auf politische Ökonomie, wirtschaftliche Transformation und Konfliktdynamiken in der Region, einschließlich Libyens.