Am Morgen des 15. April 2023 erschütterten Schüsse die sudanesische Hauptstadt Khartum. In kürzester Zeit griffen bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen den Sudanese Armed Forces (SAF) und den Rapid Support Forces (RSF) auf weite Teile der Metropole über.
Der Krieg im Sudan hat sich seitdem zur größten humanitären Krise weltweit entwickelt, gemessen an der Anzahl von Personen, die laut den Vereinten Nationen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind: 33,7 Millionen im Jahr 2026.
Gewalt ist leider nicht neu in der Republik Sudan, aber dieser Krieg unterscheidet sich von früheren Konflikten. Für Bevölkerungsgruppen in Darfur oder den Nubabergen begann der Krieg nicht erst an jenem Samstagmorgen im April 2023, da die sudanesischen Peripherien schon lange von bewaffneten Konflikten erschüttert wurden. Dieser Krieg brach jedoch innerhalb des Machtzentrums aus: zwischen den beiden größten Sicherheitskräften des Landes, mitten in der Hauptstadt Khartum, nicht durch einen Rebellenaufstand in einer weit entfernten Landesgegend. Die politische Ordnung implodierte von innen heraus.
Dominanz der Sicherheitskräfte
Der aktuelle Konflikt hat tiefe Wurzeln. Dem politischen System Sudans ist eine große Ungleichheit eingeschrieben: Urbane arabische Eliten beuteten die Arbeitskraft und Ressourcen in der Peripherie im Westen, Süden und Osten aus. Bereits im 19. Jahrhundert etablierte sich eine kommerzielle Führungsschicht, die sich als arabisch verstand und auf „die nicht-arabische“ Bevölkerung teils mit rassistischer Verachtung hinabsah. Eine landesweit geteilte nationale Identität, ob unter säkular-arabischen oder islamischen Vorzeichen, konnte sich seitdem nicht entwickeln. Im Süden und in der westlichen Region Darfur, die erst 1916 Teil des Sudan wurde, setzten die britisch-ägyptischen Kolonialherren auf Militärexpeditionen und die Ermächtigung lokaler Herrscher, aber investierten jahrzehntelang nur wenig in Bildung, Gesundheit und andere öffentliche Entwicklung.
Gegen die Ausbeutung durch den Staat wandten sich mehrfach bewaffnete Aufstände. Spätestens seit den 1980er Jahren setzte die sudanesische Regierung zur Bekämpfung dieser Aufstände auf eine Milizenstrategie.
Als Teil dieses Systems beförderte der damalige Präsident Umar al-Baschir 2013 eine Dschandschawid-Gruppe und nannte sie „Rapid Support Forces“, zu dessen Kommandeur er Mohammed Hamdan Daglo, Spitzname „Hemeti“, bestimmte. Die RSF standen ursprünglich unter der Aufsicht des Geheimdienstes, 2017 setzte sie al-Baschir jedoch unter seine direkte Kontrolle und stellte sie damit auf eine Ebene mit den anderen Sicherheitskräften.
Von der Revolution zum Krieg
Der Sturz al-Baschirs im April 2019 und die Einführung einer zivil-militärischen Übergangsregierung im August brachten Hemeti und die RSF ins Zentrum der politischen Macht. Hemeti wurde Mitglied des Souveränitätsrats, der als Kollektivorgan die Präsidentschaft ersetzte, und gerierte sich als Stellvertreter von Abdel Fattah al-Burhan, dem Oberkommandierenden der SAF und Vorsitzenden dieses Gremiums, dem auch zivile Vertreter angehörten. Ein Verhandler der zivilen Parteien argumentierte 2019, dass der Versuch, die Sicherheitskräfte schneller an die Seite zu drängen, bereits damals zu Kämpfen zwischen SAF und RSF in Khartum hätte führen können.
Von Beginn an dominierten die Sicherheitskräfte die Regierung und nutzten jede Gelegenheit, ihre Macht gegenüber der zivilen Komponente auszuweiten. Der zivile Ministerpräsident Abdalla Hamdok bemühte sich um eine „Partnerschaft“ mit dem Militär, statt auf Distanz zu gehen. Das Juba Peace Agreement (JPA), das die Sicherheitskräfte zusammen mit einer Reihe von bewaffneten Gruppen am 3. Oktober 2020 im südsudanesischen Dschuba unterschrieben, stärkte die militärische Komponente in der Übergangsregierung.
Nach dem Militärputsch gelang es SAF und RSF nicht, eine zivile Fassadenregierung zu errichten – angesichts der breiten, andauernden Protestbewegung fanden sich keine zivilen Vertreter:innen für diese Rolle. Stattdessen verschärfte sich der Wettbewerb zwischen den beiden Sicherheitskräften. Al-Burhan brachte Angehörige des früheren Baschir-Regimes zurück in die Regierung, die Hemeti skeptisch sahen. Dieser begann, sich um Teile der zivilen Parteien zu bemühen. Im Dezember 2022 unterzeichneten al-Burhan, Hemeti und Vertreter der politischen Parteien ein Rahmenabkommen, welches die Bildung einer vollständig zivilen Regierung vorsah. Vorher sollten allerdings noch einige Kernfragen in Workshops geklärt werden. Beim Thema Sicherheitssektorreform gab es trotz anfänglicher Annäherung keine Einigung. Strittig waren primär zwei Fragen: der Zeitraum, in dem die RSF in die SAF integriert werden sollten (die RSF wollten zehn Jahre, die SAF maximal zwei), und wie autonom die RSF in der Zwischenzeit operieren könnte.
Anfang April 2023 brachten die RSF zusätzliche Truppen in die Hauptstadtregion. Am 13. April verlegten sie Einheiten nach Meroe im Norden des Landes, was wiederum die SAF in Alarmbereitschaft versetzte. Mitglieder des Souveränitätsrats und die Vereinten Nationen versuchten vergebens, bis in die Nacht des 14. April zu vermitteln. Wer angesichts des gegenseitigen Misstrauens für die ersten Schüsse am folgenden Morgen verantwortlich war, ist nicht restlos geklärt. Die RSF waren zweifelsohne besser vorbereitet.
Wechselnde Konfliktdynamik und große Gewalt
Den RSF gelang es, weite Teile der Städte Khartum und Omdurman zu kontrollieren sowie bis zum Herbst 2023 den Großteil Darfurs einzunehmen. Al-Burhan war im Militärhauptquartier im Zentrum Khartums umzingelt, bis es den SAF im August 2023 gelang, ihn zu evakuieren. Die Ministerien bauten ein temporäres Verwaltungszentrum in der nordöstlichen Hafenstadt Port Sudan auf. Ende 2023 eroberten die RSF Wad Madani im Bundesstaat al-Dschazira und breiteten sich im Zentrum und Süden des Landes aus. Mit ihren schnellen mobilen Einheiten von Pick-up-Trucks waren sie den SAF im Manöverkampf überlegen.
Erst gegen Ende des Jahres 2024 wendete sich das Blatt: Die SAF begannen, den Bundesstaat al-Dschazira und weitere Gebiete südlich der Hauptstadt zurückzuerobern. Im März 2025 nahmen SAF-Truppen den stark zerstörten Präsidentenpalast in Khartum ein und vertrieben wenig später die RSF ganz aus der Hauptstadtregion. Im Gegenzug gelang es den RSF im Oktober 2025 mit al-Faschir die letzte von der SAF und ihren Verbündeten gehaltene Landeshauptstadt in Darfur einzunehmen. Die Frontlinie verlagerte sich in die Region Kordofan. Außerdem gab es Kämpfe um Versorgungswege der RSF in den Bundesstaaten Nord-Darfur an der Grenze zu Tschad und in Blauer Nil an der Grenze zu Äthiopien.
Der Krieg ist von enormer Brutalität gekennzeichnet. Sudanes:innen sprechen von einem „Krieg gegen die Zivilbevölkerung“, auf die weder SAF noch RSF Rücksicht nehmen. Während die Vereinten Nationen beiden Seiten massive Menschenrechtsverletzungen vorwerfen, sticht das Ausmaß der RSF-Gewalt besonders hervor.
Merkmale der Kriegsführung
Drei zentrale Faktoren erklären den wechselnden militärischen Erfolg der Konfliktparteien: ihre interne Kohärenz und Anpassungsfähigkeit, der Einsatz moderner Rüstungstechnologie sowie die Verfügbarkeit von militärischem Nachschub aus dem Ausland.
Sowohl die RSF als auch die SAF bauten im Verlauf des Kriegs Koalitionen mit weiteren bewaffneten Akteuren auf. Die SAF profitierten von der „Sudanesischen Islamischen Bewegung“, um Freiwilligeneinheiten aufzustellen und Milizenverbände zu gründen. Im November 2023 schlossen sich die wichtigsten Unterzeichnergruppen des Juba Peace Agreement (JPA) offiziell den SAF an, nachdem sie sich bis dahin militärisch neutral verhalten hatten.
Die Fähigkeit, lokale Führer für sich zu gewinnen, war oft von entscheidender Bedeutung. Besonders deutlich war dies in der Eroberung von al-Dschazira. Die RSF-Offensive wurde dort von Abu Aqla Keikel geleitet, einem ehemaligen Armeeoffizier, der vor Kriegsbeginn seine eigenen „Sudan Shield Forces“ gegründet hatte und 2023 zu den RSF übergelaufen war. 2024 wechselte Keikel erneut die Seiten und half der Armee, den Bundesstaat zurückzuerobern.
Ein weiterer wichtiger Faktor bestand im Zugang zu moderner Waffentechnologie, insbesondere Drohnen und entsprechenden Abwehrsystemen. Hatte die Armee stets über eine konventionelle Luftwaffe verfügt, konnte sie mittels Drohnen ihre Luftaufklärung derart verbessern, dass ihre Artillerie fortan deutlich präziser agieren konnte.
Externe Akteure und ihre Motivation
Ein zentrales Merkmal des Kriegs im Sudan ist seine Internationalisierung: Zahlreiche Staaten versorgen die Konfliktparteien mit Waffen und Rüstungstechnologie. Eine transnationale Konfliktökonomie sorgt für die Versorgung mit Treibstoff und anderen Gütern, während Goldschmuggel die wichtigste Finanzierungsquelle ist. Wahrscheinlich erhöhte bereits die Aussicht auf (weitere) externe Unterstützung die Risikobereitschaft der Militärführer vor Beginn des Krieges. Zwar stehen zentrale externe Unterstützer teilweise in einem Konkurrenzverhältnis zueinander, sie arbeiten aber in anderen Bereichen außerhalb Sudans auch zusammen. Die internationale Unterstützung hält den Konflikt am Laufen, der im Kern jedoch ein Kampf um die Vorherrschaft in Politik, Wirtschaft und Sicherheit zwischen sudanesischen Akteuren bleibt. Die Bezeichnung als „Stellvertreterkrieg“ verwischt diese Aspekte.
Die SAF profitieren primär von der Unterstützung Ägyptens, der Türkei und Saudi-Arabiens. Alle drei verbindet das Interesse an einem stabilen Staat an der Küste des Roten Meers, wo sie Handels- und Sicherheitsinteressen pflegen. Ägyptens Militär unterhält seit Jahrzehnten enge Beziehungen zu den SAF. Darüber hinaus verbindet der Nil als wirtschaftliche Lebensader Ägypten und den Sudan, insbesondere in der Auseinandersetzung um die Nutzung des Nilwassers durch den Oberanrainer Äthiopien, dessen Grand Ethiopian Renaissance Dam 2025 offiziell eröffnet wurde. Ägypten will eine erneute Teilung des Sudan verhindern. Zudem ist Ägypten durch die mehr als eine Million sudanesischen Geflüchteten im Land seit Kriegsbeginn belastet. Im Gegensatz zu Ägypten ist die Türkei offen gegenüber der Rolle der Sudanesischen Islamischen Bewegung auf Seiten der SAF. Die Türkei bemühte sich bereits während der Regierungszeit von Präsident al-Baschir um die Reaktivierung des alten osmanischen Hafens Sawakin in der Nähe von Port Sudan. Die Türkei liefert Bayraktar-TB2-Drohnen sowie Drohnenabwehrsysteme. Türkische Drohnen werden auch von ägyptischem Territorium aus gegen die RSF eingesetzt.
Daneben haben die SAF auch von Waffenlieferungen und militärischer Zusammenarbeit mit Iran, Eritrea, Russland und der Ukraine profitiert. Iran hatte bereits unter al-Baschir Waffenlieferungen an die verbündete Hamas über Sudan geleitet. Im aktuellen Krieg lieferten sie Mohajer-6-Drohnen an die SAF. Irans Interesse an einer Basis an der sudanesischen Rotmeerküste traf jedoch auf Ablehnung.
Die RSF arbeiteten derweil mit einem Hauptunterstützer zusammen, den VAE. Von Dubai aus operiert laut US-Finanzministerium ein Netzwerk von 50 Unternehmen, das die militärische und finanzielle Versorgung der RSF sicherstellt.
Die VAE-unterstützten Waffenlieferungen beziehen eine Reihe von Nachbarländern mit ein. Die wichtigsten Routen laufen dabei über den von den Libyan Arab Armed Forces von Chalifa Haftar kontrollierten Teil Libyens, über Tschad sowie seit Ende 2025 auch über Äthiopien. Die RSF-Führer treten offen in Kenia und Uganda auf, deren Präsidenten gute Beziehungen zu den VAE pflegen.
Eine Mischung verschiedener Motive treibt die VAE an. Sie haben Interesse am landwirtschaftlichen Potenzial des Sudan, wollen eine Hafeninfrastruktur an der sudanesischen Küste wie bereits in anderen ostafrikanischen Ländern betreiben, und sind dazu das wichtigste Ziel von Goldexporten aus dem Sudan. Hinzu kommt ihre ideologische Opposition gegen die Muslimbruderschaft sowie persönliche Netzwerke und Überzeugungen der VAE-Führung, die bislang weder im eigenen Land noch im Ausland spürbare Konsequenzen wegen ihrer destabilisierenden Rolle erlebte.
Vermittlungsansätze
Der Krieg im Sudan steht auch für die Krise der internationalen Konfliktbearbeitung insgesamt. Bisherige Ansätze, die von einigermaßen einheitlichem Druck, Anreizen und Expertise geprägt waren, sind angesichts der vielfältigen ausländischen Interessen im Sudan kaum noch zu erreichen.
Zwei Hauptformate haben sich in der Vermittlung herauskristallisiert. Die Quad-Initiative der USA, Ägyptens, Saudi-Arabiens und der VAE hat das Ziel, eine humanitäre Waffenruhe als Zwischenschritt zu einem dauerhaften Waffenstillstand zu vereinbaren. Indirekte Gespräche mit hochrangigen Vertretern der beiden Hauptkonfliktparteien fanden statt. Die Rivalität zwischen den VAE und Saudi-Arabien, die Ende 2025 eskalierte, behindert jedoch Fortschritte.
Das Quintett von Afrikanischer Union als Führung, der Intergovernmental Authority on Development, der Arabischen Liga, den Vereinten Nationen und der Europäischen Union bemüht sich seit Anfang 2026 darum, in Konsultationen und Workshops mit Vertreter:innen politischer Parteien und der Zivilgesellschaft Parameter für einen neuen Übergangsprozess zu definieren. Die Organisationen haben jedoch teilweise nur sehr begrenzte Kapazitäten für den Prozess bereitgestellt. Die wichtigsten politischen Parteien sind fragmentiert, da sich ihr Führungspersonal entweder dem unabhängigen Block „Somoud“, dem „Democratic Bloc“ (pro-SAF) oder der RSF-geführten „Tasis“-Koalition angeschlossen hat, die oft nicht zusammen in einem Raum verhandeln wollen. Auch bei Frauen- oder Jugendgruppen ist häufig umstritten, wer das Mandat hat, an einem international unterstützten Prozess teilzunehmen. Beide Vermittlungsinitiativen miteinander zu verbinden, bleibt eine Herausforderung.
Fazit
Im Sudan gibt es eine erhebliche Lücke zwischen dem Bedarf einer umfassenden, inklusiven Antwort, welche die strukturellen Konfliktursachen wie die Fragmentierung des Sicherheitssektors, die Politisierung des Militärs und die Ausbeutung der Peripherien angeht, und den Ansätzen, die angesichts der aktuellen Weltlage möglich scheinen. Ein Waffenstillstand, so wichtig er wäre, liefe ohne weiteren politischen Prozess Gefahr, die De-facto-Teilung des Landes zu zementieren. 2025 rief die Tasis-Koalition eine eigene Regierung mit Sitz in Nyala und geführt von Hemeti aus.
Die Koalitionen, welche die SAF und die RSF für den Kampf zusammengestellt haben, zeigen interne Zerfallserscheinungen und Rivalitäten. Mediator:innen können diese bisweilen als Hebel nutzen. Es ist jedoch auch möglich, dass sie den Auftakt für gewaltsame Auseinandersetzungen innerhalb der beiden Lager bilden.
Umso wichtiger wird es deswegen sein, die jeweiligen lokalen Konstellationen in unterschiedlichen Landesteilen in einem möglichen Friedensprozess zu berücksichtigen. Auf lokaler Ebene sind es bereits jetzt vorwiegend engagierte Freiwillige, die sich um die Versorgung der Bevölkerung kümmern – gerade dort, wo internationale Hilfsorganisationen nicht hinkommen. Traditionellen, religiösen oder wirtschaftlichen Eliten ist es gelungen, kurzzeitige lokale Waffenstillstände zu vereinbaren.