Russland und die Sowjetunion übten bereits vor Israels Staatsgründung im Jahr 1948 einen prägenden Einfluss auf die strategische Situation des Landes aus ebenso wie auf seine geistige und gesellschaftliche Entwicklung aus. Israels politische Führung wurde jahrzehntelang von Personen beherrscht, die im Russischen Reich zur Welt gekommen waren. Dazu gehörten sechs der sieben israelischen Premierminister sowie die Premierministerin, die zwischen 1948 und 1996 im Amt waren.
Seit Beginn des Kalten Krieges befand sich Israel im Spannungsfeld des Machtkampfs zwischen den beiden Großmächten USA und Sowjetunion. In dieser Zeit entwickelte sich der arabisch-israelische Konflikt zu einem Hauptbrennpunkt der Konfrontation zwischen dem kapitalistischen und dem kommunistischen Block.
Sozialistische Ideen beeinflussten die politische und wirtschaftliche Entwicklung Israels, und russische Kultur fand nicht nur bei russischsprachigen Menschen großen Anklang. Dennoch entschied sich Israel für eine feste Bindung an den Westen: enge Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und anderen westlichen Ländern sowie für die freie Marktwirtschaft.
Sowjetisch-israelische Beziehungen von 1948 bis 1991
Die Sowjetunion unterstützte den Teilungsplan der Vereinten Nationen von 1947, der die Gründung Israels vorsah. Während des israelischen Unabhängigkeitskrieges erlaubte die sowjetische Führung der Tschechoslowakei, Israel 1948 mit Waffen zu versorgen. Diese wurden dringend benötigt, als Israel sich gegen eine Koalition arabischer Staaten wehrte. Anfang der 1950er-Jahre wurde Moskau jedoch klar, dass Israel kein sowjetfreundlicher sozialistischer Staat werden würde, sondern auf eine Annäherung an Washington und den westlichen Block setzte.
Ab den 1950er-Jahren, in denen der Kalten Krieg an Intensität zunahm, unterstützte die Sowjetunion antiwestliche Regime in der arabischen Welt: Ägypten, Syrien und später den Irak. Moskau versorgte sie mit modernen Waffen, stellte ihnen Militärberater zur Verfügung und unterstützte sie politisch in internationalen Foren. Während des Suez-Krieges drohte die UdSSR Israel 1956 mit einer militärischen Intervention. Ihre politische und militärische Unterstützung für Israels arabische Feinde verschärfte die regionalen Spannungen erheblich, was zum Sechstagekrieg (1967), zum sogenannten Zermürbungskrieg (1967–1970) und zum Jom-Kippur-Krieg (1973) führte.
Nach der Niederlage der arabischen Staaten im Jahr 1967 brach Moskau die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab. In den 1970er- und 1980er-Jahren verbündeten sich die Sowjets stark mit der Organisation für die Befreiung Palästinas (
Die Feindseligkeit der Sowjetunion gegenüber Israel wurde in ideologische Narrative integriert. Israel wurde als ein Vorposten des Imperialismus dargestellt, während „Antizionismus“ zu einem zentralen Bestandteil der sowjetischen Außenpolitik wurde. Im Inland bedeutete dies restriktive Maßnahmen gegen sowjetische Juden, denen mangelnde Loyalität gegenüber dem Regime unterstellt wurde. Die Weigerung, Juden die freie Auswanderung nach Israel zu erlauben, wurde zu einem Streitpunkt zwischen Moskau und dem Westen. Israel arbeitete intensiv mit der amerikanisch-jüdischen Gemeinschaft zusammen, um die sowjetisch-amerikanischen Handelsbeziehungen einzuschränken, solange Moskau Juden freie Auswanderung verweigerte. Ein wichtiges Mittel dafür war das vom US-Kongress 1975 verabschiedete Jackson-Vanik-Gesetz.
Russland unter Boris Jelzin (1991–1999)
Der Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 veränderte die politische Lage grundlegend. Unter Boris Jelzin gab Russland seine ideologische Feindseligkeit auf und knüpfte diplomatische, kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen zu Israel. In den 1990er-Jahren kam eine Million russischsprachiger Einwandernder nach Israel. Das veränderte nicht nur die israelische Gesellschaft tiefgreifend, sondern schuf auch eine neue Verbundenheit zwischen Israel und Russland. Der diplomatische Dialog wurde zur Normalität, der bilaterale Handel nahm zu.
Allerdings begann auch ein neuer negativer Faktor, die Beziehungen zu prägen. Russland brauchte in den 1990er-Jahren dringend Devisen. Um diese zu beschaffen, erhöhte es seine Waffenexporte. Es engagierte sich auch im iranischen Atomprogramm. Die Iraner nutzten Russlands Wirtschaftsschwäche und die Erosion staatlicher Kontrollmechanismen, um an militärisches Know-how in den Bereichen Raketentechnologie und Massenvernichtungswaffen zu gelangen.
Israel befürchtete, dass diese Situation dem Iran beim Bau von Atomwaffen und ballistischen Raketen helfen würde. Es übte deshalb – direkt und in Zusammenarbeit mit den USA und Europa – Druck auf Moskau aus, um den Technologietransfer zu stoppen. Russland wiederum argumentierte, die westlichen Sanktionen gegen russische Unternehmen, welche iranische Militärprojekte unterstützten, zielten auf die Unterminierung legitimer Wirtschaftskooperation mit Teheran ab. Dennoch schränkte Russland nach und nach den iranischen Zugang zu kritischen Militär- und Dual-Use-Technologien ein.
Die Jahre 2000 bis 2012 unter Präsident Wladimir Putin
In den ersten Jahren der Präsidentschaft Wladimir Putins führte Russland wieder einen wirkungsvollen Kontrollmechanismus für Technologieexporte ein. In der Folge hatten der Iran und andere nahöstliche Gegner Israels keinen direkten Zugang mehr zu Unternehmen des russischen militärindustriellen Komplexes. Der Kreml konnte viel besser sicherstellen, dass kein unbefugtes Know-how in den Iran gelangte.
Allerdings betrachtete Moskau Waffenexporte weiterhin als ein wesentliches Instrument der Außenpolitik. Es forcierte wirtschaftlich bedeutende Rüstungsexporte in den Iran und nach Syrien. Seinerseits versuchte Israel beharrlich, den Transfer moderner Waffensysteme an diese beiden Staaten zu verhindern.
Jede potenzielle Waffenlieferung führte daher zu reger diplomatischer Aktivität. Die israelischen Premierminister Ariel Sharon, Ehud Olmert, Benjamin Netanjahu und Naftali Bennett wandten sich persönlich an Putin, entsandten Regierungsvertreter und übten über Washington Druck auf Moskau aus. Ihr Ziel war es, russische Waffenverkäufe an den Iran und an Syrien zu verhindern, zu begrenzen oder hinauszuzögern.
Die 2010 getroffene Entscheidung Moskaus, einen bereits unterzeichneten Vertrag mit dem Iran über die Lieferung des Langstrecken-Luftabwehrsystems S-300 einzufrieren, stellt ein wichtiges Beispiel für die über das bilaterale Verhältnis hinausgehende Dimension der russisch-israelischen Beziehungen dar. Israel hatte jahrelang versucht, Russland vom Verkauf dieses Waffensystems an den Iran abzubringen, konnte den Vertragsabschluss jedoch nicht verhindern.
Erst die Politik von US-Präsident Barack Obama, einen „Neustart“ mit Russland zu beginnen (2009–2010), bot Israel eine Chance. Obama strebte eine Verbesserung der nach der russischen Invasion Georgiens (2008) zusammengebrochenen amerikanisch-russischen Beziehungen an. Im Jahr 2010 wurde eine Reihe bahnbrechender Vereinbarungen zwischen den USA und Russland erzielt. In diesen Rahmen fiel auch die Resolution 1929 des UN-Sicherheitsrats, mit der ein strenges Waffenembargo gegen den Iran verhängt wurde. In der Folge verzichtete Russland auf die Lieferung des S-300-Systems an den Iran.
Netanjahu sah dies als seinen persönlichen Erfolg an, doch ohne den „Neustart“ wäre diese Wende in der russischen Haltung nicht möglich gewesen. Parallel dazu kam Israel russischen sicherheitspolitischen Forderungen entgegen, indem es auf Waffenlieferungen an das 2008 von Russland militärisch besiegte Georgien verzichtete. Außerdem stellte Israel Moskau Technologie für Aufklärungsdrohnen zur Verfügung. Während Israel die gelieferten Drohnen als technologisch überholt betrachtete, schlossen sie in Russlands Arsenal eine entscheidende Lücke.
Eine weitere wichtige Entwicklung waren Moskaus neue Initiativen in der Nahost-Diplomatie. Russland präsentierte sich erneut als eine Macht, die in einen Dialog mit allen – staatlichen wie nichtstaatlichen – Akteuren der Region treten konnte. Das auffälligste Beispiel war seine Entscheidung, die Führung der Terrororganisation Hamas in Moskau zu empfangen. Das geschah nach dem Sieg der Hamas bei den palästinensischen Parlamentswahlen von 2006, aber noch vor der Bildung einer von der Hamas geführten Regierung. Israel wertete diesen Schritt als Legitimierung einer Terrororganisation, die Israels Vernichtung forderte. Auch die EU und die USA weigerten sich, Kontakte zur Hamas zu unterhalten. Russland hingegen argumentierte, ein Ausschluss der Hamas sei unrealistisch. Vielmehr könne ein Dialog ihr Verhalten mäßigen.
In ähnlicher Weise unterhielt Russland offene Kanäle zur libanesischen
Putin und Netanjahu von 2009 bis 2021
Der russische Präsident Wladimir Putin, zweiter von links, und der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu, links mit dem Rücken zur Kamera, nehmen an den Gesprächen im Kreml in Moskau, Russland, am Mittwoch, 27. Februar 2019, teil. Im Mittelpunkt der Gespräche steht die Lage in Syrien stehen. (© picture alliance/AP Photo | Alexei Druzhinin)
Der russische Präsident Wladimir Putin, zweiter von links, und der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu, links mit dem Rücken zur Kamera, nehmen an den Gesprächen im Kreml in Moskau, Russland, am Mittwoch, 27. Februar 2019, teil. Im Mittelpunkt der Gespräche steht die Lage in Syrien stehen. (© picture alliance/AP Photo | Alexei Druzhinin)
In dieser Zeit waren die russisch-israelischen Beziehungen durch Annäherung gekennzeichnet. Sowohl Putin als auch Netanjahu waren dominante, langjährige Amtsinhaber mit einem Gespür für persönliche Diplomatie. Regelmäßige Gipfeltreffen, Telefonate und öffentliche gegenseitige Wertschätzung vermittelten den Eindruck von Stabilität – selbst bei grundlegenden Differenzen.
Mit seiner militärischen Intervention im syrischen Bürgerkrieg 2015 rettete Moskau das Assad-Regime und stellte sich auf die Seite des Iran und der Hisbollah. Somit wurde Russland zu einem wichtigen Faktor für Israels Sicherheitspolitik. Die israelische Luftwaffe ging schon seit 2012 gegen die Einmischung des Iran und seiner Stellvertreter in Syrien vor. Israel wollte zudem sicherstellen, dass die russischen Streitkräfte dem Iran und der Hisbollah keinen Schutz boten.
Netanjahu erkannte, dass die russisch-iranische Zusammenarbeit in Syrien der Unterstützung des Assad-Regimes diente. Russland hatte nicht die Absicht, Teheran in dessen Kampf gegen Israel zu unterstützen. Daher einigte er sich mit Putin auf einen Mechanismus zur Vermeidung von Konflikten, eine Kommunikations-Hotline zwischen den Streitkräften, um Zusammenstöße zwischen russischen und israelischen Kampfflugzeugen im syrischen Luftraum zu vermeiden. Dieses Vorgehen ermöglichte es der israelischen Luftwaffe, weiterhin iranische Ziele in Syrien anzugreifen, ohne mit russischen Streitkräften zusammenzustoßen.
Russland brauchte den
Russlands Krieg in der Ukraine und der „Eiserne-Schwerter“-Krieg von bis 2022–2025
Die groß angelegte
Auf die russische Invasion in der Ukraine reagierte Israel vorsichtig. Es verurteilte die russische Aggression, verzichtete jedoch darauf, Kiew mit Waffen zu beliefern, und bot stattdessen humanitäre und defensive Hilfe wie Feldlazarette und Helme an. Die israelische Führung begründete diese Zurückhaltung mit der Notwendigkeit, Israels Handlungsfreiheit in Syrien zu bewahren. Russische Streitkräfte kontrollierten nach wie vor den syrischen Luftraum. Eine Konfrontation mit Moskau hätte Israels militärisches Vorgehen gegen den Iran in Syrien gefährden können. Premierminister Naftali Bennett versuchte in den ersten Kriegswochen sogar, zwischen Moskau und Kiew zu vermitteln, scheiterte jedoch.
Israel stufte seine bilaterale Zusammenarbeit mit Russland herab, doch die westlichen Partner erwarteten von Jerusalem mehr militärische Unterstützung für die Ukraine. Sie konnten nicht nachvollziehen, dass für Israel die primären Sicherheitsbedrohungen in der Gefahr eines nuklear bewaffneten Iran und in konventionellen Kriegen mit der Hisbollah und der Hamas lagen. Israel betrachtete Russland als gefährlich, weil es diese Akteure stärkte. Dennoch sah Jerusalem Moskau nicht als direkten militärischen Gegner an. Ihrerseits befürchtete Russlands Führung, insbesondere in den Jahren 2022 bis 2023, Israel könnte der Ukraine Offensivwaffen liefern.
Der Krieg in der Ukraine vertiefte Russlands Abhängigkeit vom Iran. Teheran lieferte Russland Waffen, insbesondere Angriffsdrohnen. Russland hatte es versäumt, diese selbst zu entwickeln. Die Bereitschaft Moskaus, iranischen Beistand in Anspruch zu nehmen, unterstrich die strategische Annäherung zwischen beiden Staaten. Damit kämpften sie gegen die westliche Vormachtstellung an. Diese Annäherung weckte in Israel die Befürchtung, dass sein Erzfeind Iran die Rüstungskooperation mit Russland wieder aufnehmen könnte.
Diese Dynamik verschärfte sich, nachdem die Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023 ihr beispielloses Massaker im Süden Israels verübt und damit den von Israel als „Eiserne-Schwerter-Krieg“ bezeichneten Konflikt auslöst hatte. Für Jerusalem unterstrich dieser Angriff, welche tödlichen Folgen die iranische Unterstützung für den Terrorismus hatte: Hamas, Hisbollah, die jemenitischen
Russlands diplomatische Haltung gegenüber Israel war kalt und feindselig. Moskau verurteilte Israel scharf in der UNO, hielt seine Beziehungen zur Hamas und zur Hisbollah aufrecht und präsentierte sich als Verteidiger der palästinensischen Rechte. Dennoch ließ es Vorsicht walten und vermied Schritte, die zu einer direkten Konfrontation mit Israel hätten führen können. Die giftige antiisraelische Propaganda der russischen Staatsmedien und der offiziellen Vertreter machte die zuvor positive Einstellung vieler Israelis Russland gegenüber zunichte.
Drei Entwicklungen veränderten im Herbst 2024 den Umgang der beiden Länder miteinander. Die Pager-Operation des Mossad und die entscheidende Niederlage der libanesischen Hisbollah stellten Israels Ruf als stärkste Militärmacht in der Region wieder her. Das ließ aus russischer Sicht eine zu enge Allianz mit Teheran weniger erstrebenswert erscheinen. Der Sieg von Donald Trump bei den US-Präsidentschaftswahlen wurde sowohl vom Kreml als auch von der Regierung Netanjahu positiv bewertet. Zwei Faktoren minderten die Bedrohung israelischer Interessen: der
Für Israel kommt es derzeit vor allem darauf an, sich der Unterstützung Moskaus für die Eindämmung des Risikos eines atomar bewaffneten Iran zu vergewissern. Als Israel im Juni 2025 einen massiven Angriff auf Irans nukleare Infrastruktur durchführte, war die Reaktion Russlands vielsagend. Trotz der tiefgreifenden Partnerschaft mit Teheran mischte sich Moskau militärisch nicht ein und beschränkte sich auf verbale Verurteilungen. Russische Vertreter protestierten gegen die israelische Aggression. Allerdings griff Russland nicht ein, um den Iran zu verteidigen, und es kam zu keinen russisch-israelischen Zusammenstößen.
Ausblick
Die Beziehungen zwischen Russland und Israel haben sich im Laufe der Jahre als sehr schwankend erwiesen. Über die Beilegung bilateraler Streitigkeiten hinaus hängen sie stark vom globalen politischen Klima ab. Solange Russland in den Krieg in der Ukraine verwickelt bleibt, fehlen ihm die Ressourcen, um sich massiv im Nahen Osten zu engagieren. Sollte Putin sich entscheiden, den Krieg zu beenden oder einzufrieren, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit seine Aufmerksamkeit wieder auf den Nahen Osten richten – unter anderem durch Exporte von Waffen und Militärtechnologie an Israels Gegner. Eine solche Politik würde Jerusalem als feindselig betrachten.