Eine leuchtende grüne Ampel neben einer roten, die mit dem Wort 'GO' beschriftet ist.

5.1.2007 | Von:

Into the Great Wide Open

Open Source, jenseits von Software

Zurück an die Quellen: Geschichte der Open Source-Bewegung

"Open Source", das heißt "offene Quelle" oder "offener Quellcode", und um den Begriff zu verstehen, muss man ein wenig darüber wissen, wie Computerprogramme entstehen. Programme sind eigentlich nichts als Texte, die von Programmieren in verschiedenen Programmiersprachen geschrieben werden. Diese Texte sind der Quellcode, den jeder Mensch mit dem entsprechenden Programmierwissen lesen und verstehen kann. Damit jedoch ein Computer mit dem Text etwas anfangen kann, muss der Quellcode in eine maschinenlesbare Sprache übersetzt werden, eine Binärdatei. Nur: Einmal so "kompiliert", kann ein Mensch mit den Nullen und Einsen der Binärdatei nichts mehr anfangen; sie ist für uns unverständliches Kauderwelsch.

Ganz gut lässt sich das mit Musik vergleichen. Musiknoten kann jeder lesen und schreiben, der Musizieren gelernt hat. Spielt man die Noten auf einem Instrument nach – "kompiliert" man sie am Klavier –, können andere das zwar hören, die Noten aber kann kein Mensch direkt aus den Tönen herauslesen; nur mit großem musikalischen Wissen lassen sie sich vielleicht mühselig rekonstruieren. Und da Programme oft mehrere Millionen Textzeilen umfassen statt hundert Seiten Symphonie, kommt man mit Raten nicht sehr weit.

Im Anfang war alle Software frei

In den frühen Tagen des Computers war der Quellcode aller Software frei zugänglich. Geld wurde mit der Hardware verdient, die Software gab es als "Extra" dazu und wurde ohnehin zum größten Teil von den Nutzern selbst geschrieben. Bis in die 1970er Jahre tauschten Programmierer daher ihre Quellcodes frei untereinander aus. Mitte 1970er wurde Software jedoch zu einem eigenen Markt. Programmierer arbeiteten nun für Unternehmen, die Software gewinnbringend verkauften und den Quellcode als Geschäftsgeheimnis schützten. Software wurde "proprietär", das alleinige geistige Eigentum des Herstellers, der nur noch Lizenzen zur Nutzung verkaufte.

Als Gegenreaktion startete der Programmierer Richard Stallman 1983 das GNU-Projekt, Ziel: ein Betriebssystem, das wieder allen als Quellcode frei zur Verfügung steht. "Freie Software" war (wieder) geboren; 1985 folgte die Gründung der Free Software Foundation, die bis heute das GNU-Projekt trägt, 1989 die GNU General Public License, die eine Definition freier Software in Gestalt der "vier Freiheiten" enthält und diese rechtskräftig machte: die Freiheit, die Software unbegrenzt zu verwenden; ihren Quellcode zu untersuchen und den eigenen Bedürfnissen anzupassen; die Software zu kopieren und weiterzugeben; und die Freiheit, die Software zu verbessern und die Verbesserungen weiterzugeben.

Namensstreit: Frei, offen, oder Zahnseide?

Als zweite Geburtsstunde gilt das Jahr 1998, als Netscape im Konkurrenzkampf mit Microsoft den Quellcode seines Webbrowsers offenlegte. In dem Zuge taten sich einige Personen um den Programmierer Eric Steven Raymond zusammen, prägten "Open Source Software" als Gegenbegriff zu "freier Software" und gründeten die Open Source Initiative (OSI), die seitdem eine "Open Source Definition" pflegt und Softwarelizenzen zertifiziert, die dieser Definition entsprechen.

Hintergrund war, das man kommerzielle Unternehmen von den Vorteilen freier Software und offener Quellcodes überzeugen wollte, das Wörtchen "frei" auf diese aber wie ein rotes Tuch wirkte. Es schmeckte zu wenig nach Profit, zu sehr nach Anarchie und Raubkopie. Anhängern freier Software dagegen ist der offene Quellcode allein nicht genug; denn er garantiert eben noch nicht die Freiheit, den Quellcode zu verändern und verändert weiterzugeben.

Im Alltag kümmert der immer noch offene Namensstreit jedoch nicht viel. Gebräuchlich ist das salomonische Kürzel FLOSS, "Free/Libre Open Source Software". Einige bevorzugen auch FOSS, "Free/Open Source Software", weil "floss" im Englischen eigentlich "Zahnseide" bedeutet und dadurch manchmal Verwirrung stiftet.

Aber welchen Namen man auch immer wählt, im Grunde besteht Open Source-Software aus drei Dingen: Da sind zum einen die Digitaltechnologie und das Internet, die alles weitere ermöglichen. Zweitens eine Urheberrechtslizenz, die das Kopieren, Einsehen, Verändern und Weiterverbreiten von verändertem Quellcode erlaubt.

Das dritte Element ist eine neue Form der Zusammenarbeit über das Internet, die der Yale-Rechtsprofessor Yochai Benkler "commons-based peer production" genannt hat, zu deutsch etwa "auf Gemeingut beruhende Produktion unter Gleichen": Eine Gemeinschaft von einem Dutzend bis zu tausenden Programmieren quer über den Globus findet sich auf Internetforen zusammen, um ohne strenge Hierarchie oder Verträge, angetrieben vom Spaß am Programmieren und der Anerkennung ihrer Kollegen, gemeinsam etwas herzustellen. Dabei sind die Open Source-Projekte zugleich offene Schulen: Junge Programmierer können hier lernen und sich ihre Sporen verdienen; wer an einem Open Source-Projekt erfolgreich mitgeschrieben hat, findet später meist schnell einen Job.

Apachen und Pinguine

Softwareentwickler wissen Open Source daher schon lange zu schätzen. Der Großteil aller Webserver – jener Computer, über die der Datenaustausch des Internet läuft – verwendet die freie Software Apache. Branchenriese IBM lässt hunderte fest angestellter Programmierer an Open Source-Softwareprojekten mitschreiben, die IBM dann für die Betriebe seiner Kunden maßschneidert und betreut – und damit prächtige Gewinne einfährt.

In der Öffentlichkeit blieb freie Software dagegen lange unbeachtet. Das änderte sich erst, als der Logo-Pinguin "Tux" des freien Betriebssystems GNU/Linux vor einigen Jahren durch den Pressewald flatterte und sich fest auf zahlreichen Hochschulrechnern einnistete. 2004 schaffte es der Start des freien Webbrowsers "Firefox" auf die Titelseiten, der dem proprietären Marktführer Internet Explorer seitdem ernste Konkurrenz macht. In der Geschäftswelt ist man auf OpenOffice aufmerksam geworden. Denn die Open Source-Variante zum Bürosoftwarepaket Microsoft Office kann jährlich bares Geld an Lizenzen sparen. Die offizielle Anerkennung von der Gegenseite gab es im November 2006, als Microsoft – von vielen Open Source-Anhängern als das proprietäre Böse schlechthin angesehen – eine Kooperation mit dem Linux-Distributor Novell einging, Linux und Windows in Zukunft kompatibler zu machen.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 2.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Smartphones und Tablets - die Zukunft des Lernens? Im Interview plädiert der Präsident der bpb, Thomas Krüger, für einen sinnvollen Mix alter und neuer Medien, um zukünftiges Lernen erfolgreich zu gestalten. Eine immer größere Rolle werden - nicht nur für mobile Geräte - sog. "Open Educational Resources" spielen.

Mehr lesen auf werkstatt.bpb.de

Publikationen zum Thema

Gemeingüter

Gemeingüter

Wie lassen sich knappe natürliche Ressourcen so verwalten und bewirtschaften, dass ihre Nutzung dur...

Wissen und Eigentum

Wissen und Eigentum

Besitzen Autoren ihre Werke? Ist Wissen ohne rechtlichen Schutz vermarktbar, verwertbar oder wertlos...

Zum Shop

Dossier

Open Data

Open Data steht für die Idee, Daten öffentlich frei verfügbar und nutzbar zu machen. Welches Potential verbirgt sich hinter den Daten, die Behörden und Ministerien, Parlamente, Gerichte und andere Teile der öffentlichen Verwaltung produzieren? Das Dossier klärt über die Möglichkeiten offener Daten für eine nachhaltige demokratische Entwicklung auf und zeigt, wie Datenjournalisten mit diesen Datensätzen umgehen.

Mehr lesen

Dialog

Die Netzdebatte

Netzdebatte ist das Debattenportal der Bundeszentrale für politische Bildung. Das Weblog greift Themen auf, die die Gesellschaft bewegen. Netzdebatte erklärt Hintergründe, bildet Positionen ab und bietet einen Ort zum Diskutieren.

Mehr lesen

spielbar.de

spielbar.de informiert über Computerspiele und erstellt pädagogische Beurteilungen. Pädagogen, Eltern und Gamer sind eingeladen, ihre eigenen Beurteilungen, Meinungen und Kommentare zu veröffentlichen.

Mehr lesen auf spielbar.de