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Eine leuchtende grüne Ampel neben einer roten, die mit dem Wort 'GO' beschriftet ist.

5.1.2007 | Von:

Into the Great Wide Open

Open Source, jenseits von Software



Die Frage ist also längst nicht mehr, ob sich in Open Source-Manier Produkte herstellen und Geld verdienen lässt. Auch nicht, wie das funktioniert. Beides wird von Firmen und Individuen vorgeführt und wissenschaftlichen Studien nachgezeichnet. Die Frage der Stunde lautet: Wo lässt sich das Open Source-Dreieck aus Recht, Technik und neuen Kooperationsformen noch einsetzen? Seit die offenen Quellen in den Mainstream der Softwareproduktion münden, haben sich ihre Vordenker und Aktivisten auf die Suche nach neuen Ufern gemacht und sind bei den Immaterialgütern fündig geworden: Wissen, Information, Kultur, all jene "stofflosen Dinge", die als Texte, Zahlen, Bilder und Töne den Rohstoff der Informationsgesellschaft bilden.

Die digitale Befreiung: Vom offenen Quellcode zu Wissen und Kultur

Denn sie alle teilen mit Software eine wesentliche Eigenschaft: Dank der Digitalisierung können sie in Nullen und Einsen gespeichert werden, die unabhängig von einem materiellen Träger sind. Dadurch können sie extrem einfach bearbeitet, praktisch fehlerfrei und kostenlos kopiert und – dank stetig sinkenden Gebühren für Breitband-Internetzugänge – ebenso einfach und preiswert übers Netz getauscht werden.

Das freut die Nutzer von Internet-Tauschbörsen wie einst Napster und heute Bittorrent, die kostenlos Musik, Filme, Computerspiele herunterladen. Das bringt Buchverlage, Plattenfirmen, Filmverleihe und alle anderen in Bedrängnis, die ihr Geld bislang mit dem Verkauf der materiellen Träger jener heute digitalen Daten verdienen. Sie klagen, der digitale Datentausch sei fast immer illegale "Piraterie" – Datenklau an den Schöpfern der digitalen Werke.

Als Reaktion versuchen sie, ein strengeres Urheberrecht sowie Geräte und Programme durchzusetzen, die die Urheberrechtslizenz einer digitalen Datei automatisch erkennen und jede unerlaubte Nutzung blockieren – so genanntes "Digitales Rechte-Management" oder kurz DRM. Das gab es schon zu Zeiten der Video- und Audiokassetten mit dem Kopierschutz an Kassette und Rekorder, nun hält das DRM in Computern, DVD-Brennern und MP3-Playern Einzug.

Der digitale Käfig: Digital Rights Management

Die Gegenseite protestiert, DRM würde bestehende Rechte beschneiden, und das immer schärfere Urheberrecht ersticke Kreativität und Fortschritt. So wie das freie Bearbeiten und Weiterverbreiten von Quellcode zu besserer Software für alle führt, sollte auch jede Art von Information, Wissen und Kulturgut so frei wie irgend möglich sein, da sie sich nur dann optimal entwickeln könne. Jede neue Schöpfung in Kunst, Kultur und Wissenschaft baut auf vergangenen Schöpfungen auf, das Urheberrecht blockiert diese lebenswichtigen Quelle der Vergangenheit zunehmend mit einem Staudamm aus Lizenzkosten und Rechtsstreitigkeiten. Außerdem profitierten die eigentlichen Schöpfer vom jetzigen Urheberrecht am wenigsten.

Open-Source-Anhänger findet man gemeinhin auf dieser zweiten Seite des Kampfs um "freie Kultur" und "freie Inhalte". Sie argumentieren, Open Source-Software zeige, dass stofflose Güter am besten als "commons-based peer production" entstehen. Liebstes Erfolgsbeispiel ist die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia, die allein auf deutsch mittlerweile über 500.000 Einträge zählt. Statt also die alten Geschäftsmodelle des Massenverkaufs von Büchern, Platten, Filmen von wenigen an viele aufrecht zu erhalten, sollte man nach neuen Modellen Ausschau halten, mit denen man unter Bedingungen freien digitalen Datentauschs Geld verdienen könne.

Ein wesentlicher Wegbereiter dafür ist die gemeinnützige Organisation Creative Commons des Freikultur-Vordenkers Lawrence Lessig. Denn bis zum Start von Creative Commons 2001 fehlte zur Evolution der freien Kulturgüter etwas Entscheidendes: das befreiende Urheberrecht. Entsprechende Lizenzen existierten praktisch nur für Software und Software-Dokumentationen, waren kompliziert oder räumten mehr Freiheiten ein, als mancher Autor herzugeben bereit war. Creative Commons schuf einen Baukasten, mit dem sich jeder "seine" bevorzugte Urheberrechtslizenz für eigene Werke zusammenklicken kann.

Und tatsächlich: Von Digitalität, Datenautobahn und neuen Lizenzformen ermöglicht, sprießen in den letzten Jahren in allen möglichen Bereichen neue "offene" Bewegungen aus dem Boden. "Open Innovation" heißt es etwa, wenn man sich für die freie und kollaborative Entwicklung neuer Ideen und Produkte einsetzt. Unter dem Label "Open Business" haben sich Briten, Südafrikaner und Lateinamerikaner zusammengetan, um gemeinsam neue Geschäftsmodelle rund um frei zugängliche Wissensgüter zu entwickeln – und übers Internet frei auszutauschen.

Creative Commons License

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