Eine leuchtende grüne Ampel neben einer roten, die mit dem Wort 'GO' beschriftet ist.

5.1.2007 | Von:

Into the Great Wide Open

Open Source, jenseits von Software

Ich lad Musik – bei Netlabels.de

Ausgerechnet die Musik, deren Industrie wie kaum eine andere über die digitale Kopier- und Tauschfreude klagt, wird gern als direkte Parallele zu Open Source zitiert. Auch hier sind die "Quellcodes" – die Noten – öffentlich zugänglich, auch hier entsteht Neues immer aus dem Neukomponieren alter Melodien und Rhythmen, was heute per Sampling digitaler Klangschnipsel alter Stücke geschieht. Seit der Erfindung der Musik lebt der Löwenteil aller Musiker nicht vom Komponieren und Verkaufen von Stücken, sondern von Eintrittsgeldern und Mäzenen. Internet-Musikverlage, "Netlabels" haben dieses Prinzip nun ins Netz gehoben. Sie verbreiten Musik kostenfrei – Spenden erwünscht – zum Herunterladen, Hören und Remixen, um Aufmerksamkeit für die Künstler zu wecken, die dann in einträgliche Konzertbuchungen umgesetzt wird.

So wird auch in Brasilien aus dem Geschäftsmörder "Raubkopie" ein Geschäftsmodell, das einigen Bands bereits einen Privatjet finanziert. Tecno Brega heißt der Mix aus romantischen Schlagern und Elektro, den Musiker als MP3 ins Netz stellen. Straßenhändler brennen daraus Mix-CDs und verkaufen sie für kleinste Preise, das meiste Geld machen die Musiker mit Partys und Konzerten, auf denen sie dann am Ende gleich den Live-Mitschnitt des Abends verkaufen.

Cinema 2.0: Kino kollektiv

Im Film haben die Machinimas Schule gemacht – kleine und große Filme, die aus dem Mitschneiden und Neukomponieren von 3D-Computerspielszenen gemacht und dann kostenlos ins Netz gestellt werden. Der britische Filmemacher Matt Hanson startete ein "Open Source Cinema"-Projekt: Tausende Filmfans weltweit sollen gemeinsam den Film "A Swarm of Angels" finanzieren und produzieren. Wer umgerechnet 37 Euro in die Stiftung einzahlt, darf am Drehbuch mitschreiben und auch sonst den Film mit entwickeln. Einen Schwarm aus 50.000 solcher Stifter-"Engel" will Hanson am Ende zusammenbekommen, der fertige Film soll kostenlos übers Internet verbreitet werden.

Der brasilianische Regisseur Bruno Vianna ist da schon einen Produktionsschritt weiter und veröffentlichte seinen Spielfilm "Cafuné" im August 2006 parallel zum Kinostart unter einer Creative Commons-Lizenz im Netz. "Es ist unsinnig, einen mit öffentlichen Mitteln geförderten Film nicht so weit wie möglich zu verbreiten", so Vianna. Er hatte die Produktionskosten für seinen Film bei einem Wettbewerb des brasilianischen Kultusministeriums gewonnen.

Open Access: Wo freies Wissen schafft

Unter der Flagge "Open Access" setzen sich derweil Wissenschaftler für den kostenfreien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen und Daten über das Internet ein. Denn die meisten Wissenschaftler auf der Welt werden aus öffentlicher Hand bezahlt; ihr Wissen gehört also im Grunde schon allen, und sollte entsprechend sofort allen zugänglich sein. Neues wissenschaftliches Wissen entsteht aus dem ständigen Austausch von Erkenntnissen und Argumenten unter Fachkollegen; auf die gleiche Art wird die Güte wissenschaftlicher Publikationen sichergestellt. Wie aber soll das gehen, wenn sich immer mehr Hochschulen die zunehmend teuren Fachzeitschriften nicht mehr leisten können, in denen die meisten wissenschaftlichen Ergebnisse heute erscheinen? Oder wenn Patente auf wissenschaftlichen Daten verhindern, dass andere Kollegen mit und an ihnen weiterforschen können?

Dabei kommt die Offenheit wieder nicht nur dem Portemonnaie, sondern auch der Qualität zu Gute. So macht das Open Access-Journal "Atmospheric Chemistry and Physics" auf sich aufmerksam, das nicht nur alle Artikel, sondern auch gleich das Kontroll- und Kritikverfahren jedes Artikels als "Open Peer Review" für alle offen zugänglich machte und binnen fünf Jahren zum meistzitierten der rund 40 Zeitschriften seines Fachgebietes wurde.

Open Source-Bildung: Die Bücher offenlegen

Aus ähnlichen Gründen kämpft die "Open Educational Resources"-Bewegung für den freien Austausch von Bildungsmaterialien. Wieder ist es die Allgemeinheit, die letztlich profitiert (wir alle gehen zur Schule), wieder ist es die öffentliche Hand, die den Löwenteil der Schulbücher bezahlt – oder ihren Kauf verpflichtend macht. Warum also sollten sie der Allgemeinheit nicht frei zugänglich sein, wenn sie von ihr bezahlt werden? Warum sollten öffentlich bezahlte Lehrer ihre Unterrichtswerke nicht zum Vorteil aller Schüler dieser Welt untereinander austauschen und verbessern dürfen?

Den Startschuss gab das Massachusetts Institute of Technology, das 2001 "OpenCourseWare" startete und sämtliche Seminarunterlagen online frei zugänglich machte; mittlerweile haben sich zahlreiche Hochschulen angeschlossen. Elite-Unis wie Stanford oder Berkeley veröffentlichen ihre Vorlesungen als kostenlose Podcasts. Im Oktober 2006 öffnete Großbritanniens Fernuniversität, die "Open University", mit "OpenLearn" gleichfalls ihre Kursmaterialien für die Welt.

Mitte 2006 kündigte das "Global Text Project" an der US-Universität Georgia an, nicht weniger als 1.000 Textbücher für Seminare per Wiki zu entwickeln. Hauptzielgruppe der Initiative sind Entwicklungsländer; doch selbst in den USA stöhnen Studierende unter den massiv gestiegenen Preisen der Textbücher. Und parallel zum Global Text Project startete die Wikipedia-Tochter "Wikiversity" mit dem nicht kleingeistigen Ziel, eine kollaborative, freie Universität für die Welt aufzubauen.

Fernziel: Die offene Weltgesellschaft

Solche "offenen Modelle" treiben auch die Entwicklungspolitik um. Man stelle sich vor, Lehrer und Forscher in Afrika hätten freien Zugriff auf die besten Schulbücher und wissenschaftlichen Daten der Welt, um ihre Kinder zu bilden oder neue Saatgüter für die eigenen Bedürfnisse zu entwickeln. Man stelle sich vor, Länder, die arm an Rohstoffen und Geld, aber reich an Menschen und Kultur sind, erhielten Mittel und Geschäftsmodelle, ihre Musik und Filme weltweit zu verbreiten und damit Geld zu verdienen. In solchen Gedankenwelten bewegt sich zur Zeit der Zuständige für Digitalkultur im brasilianischen Kultusministerium, Claudio Prado: Das Internet, so Prado, lässt auch die Menschen aus Entwicklungsländern mit allen anderen Menschen auf der Welt direkt kommunizieren, arbeiten und Handel treiben. Eine solche "Peer-to-Peer"-Gesellschaft umgeht einfach die staatlichen und wirtschaftlichen Strukturen, die in Entwicklungsländern fehlen oder sich bislang zu ihrem Nachteil ausgewirkt haben.

So verhindern strenge Patentrechte momentan die Herstellung von Generika für Krankheiten, die gerade Entwicklungsländer plagen, deren Original-Medikamente aber für die Menschen vor Ort unerschwinglich sind. Deshalb setzen sich Brasilien und Argentinien seit 2004 für eine "Entwicklungsagenda" in den weltweiten Handelsabkommen ein, die Entwicklungsländern Experimentierräume in Sachen Patent- und Urheberrecht zugestehen würde. NGOs kämpfen an gleicher Front für einen "Access to Knowledge Treaty", einen weltweiten Pakt für den Zugang zum Wissen.

Denn wenn Wissen das wichtigste Gut in unserer Informationsgesellschaft ist, ist der offene Zugang zu Wissen ein Gebot der Gleichheit, wenn nicht Grundlage jeder "offenen Gesellschaft". Auch diese Hoffnung hegen Anhänger der Open Source-Bewegung: Verwirklichen Internet plus Open Source nicht das Ideal einer aufgeklärten Demokratie? In Online-Foren, Blogs und Wikis kann jeder unmittelbar und gleichwertig teilnehmen und seine Stimme erheben, jeder kann sich mit Gleichgesinnten für seine Interessen im Netz verbünden, jeder kann wissen, was und soviel er nur will, alles wird urdemokratisch und für jeden transparent zugehen und auf freiem Meinungsaustausch beruhen.

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