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Eine leuchtende grüne Ampel neben einer roten, die mit dem Wort 'GO' beschriftet ist.

5.1.2007 | Von:

Into the Great Wide Open

Open Source, jenseits von Software

Schwarm oder Schmarn? Kritik an der Klugheit des Kollektivs

In solchen Äußerungen zeigt sich nicht nur der Missionseifer einer echten sozialen Bewegung, die Softwareentwickler wie Atul Chitnis dazu bringt, vor einer "Überpolitisierung" von Open Source zu warnen. Es tauchen auch Visionen aus den ersten Tagen des Internets wieder auf. Plötzlich hört man wieder vom "globalen Gehirn" Internet, in dem jeder Mensch eine Nervenzelle sei. Die aktuelle Version dieses alten Traums hört auf Namen wie "Schwarmintelligenz" oder "Smart Mobs". Wenn sich etwa NGOs auf Weltwirtschaftsgipfeln über Internet und Handy in kürzester Zeit zu effektiven Aktionen selbst organisierten, legten sie darin eine "höhere Intelligenz" des Kollektivs an den Tag, der sich in keinem Einzelnen der Gruppe finden ließe, gleich einem Bienenschwarm oder Ameisennest.

Andere weisen auf den "Delphi"-Effekt hin, den sich das gleichnamige Verfahren der Zukunftsforschung zu Nutze macht. Lässt man eine große Gruppe Menschen etwas schätzen – etwa, wann jeder deutsche Haushalt Internetanschluss haben wird –, liegt der Mittelwert aller Schätzungen verblüffend nah an der Wirklichkeit, ganz gleich, wie absurd die einzelnen Schätzungen ausfielen. Auf die gleiche Weise, so die Argumentation der "Schwärmer", treffen kollektiv erstellte Inhalte im Internet am Ende die goldene Mitte.

Genau hier regt sich mittlerweile Widerspruch. Ein prominenter Kritiker ist ausgerechnet ein Mit-Gründer der Wikipedia: Larry Sanger. Bei aller Demokratie sei das "Jeder darf alles"-Prinzip der Wikipedia doch ein Rückschritt gegenüber Enzyklopädien, die von ausgewiesenen Fachexperten kontrolliert werden. Das Wissen in der Wikipedia sei zwar oft gut, aber eben nie wirklich verlässlich. Außerdem ginge es in den Communities manchmal alles andere als fair, freundlich und demokratisch zu (vgl. das Interview in diesem Dossier).

Der Internet-Pionier und Schöpfer des Wortes "Virtual Reality", Jaron Lanier schließlich wies unlängst in einem Aufsatz mit dem Titel "Digitaler Maoismus" die Theorien um die "Schwarm-Intelligenz" von Wikis, Blogs und anderen sozialen Technologien des Web 2.0 zurück.

Im Mob regierten nun einmal nicht Demokratie und Einsicht, sondern Mittelmaß und Wahn, so Lanier. Die anonyme Oberfläche der Webseiten erzeugte bloß den Eindruck einer höheren und unabhängigen Autorität. Was soziale Nachrichten-Webseiten auf ihre Titelseiten spülten, die die Wichtigkeit von Artikeln mathematisch aus der Bewertung durch ihre Nutzer ermitteln, sei reichlich beliebig und skurril und bei weitem nicht so intelligent wie die Auswahl einer Redaktion. In kollektiven Schreibprojekten verschwinde jede persönliche Note, ebenso wie die Möglichkeit, als Individuum eine lange und nuancierte Argumentation zu führen.

Laniers und Sangers Kritik auf jeden Fall zogen und ziehen eine Fülle überaus langer, individueller und nuancierter Gegenargumentationen in zahlreichen Blogs nach sich. Und man muss hinzufügen, dass ihre Einwände sich vor allem gegen die Hoffnungen wenden, die an die Übertragung des Open Source-Prinzips auf andere Dinge gehängt werden. Wie deren Zukunft aussieht, ist noch völlig ungewiss. Die Zukunftsaussichten der freien und Open Source-Software trübt das freilich nicht. Denn Software unterliegt einem ultimativen Qualitätstest, der bei Texten einfach fehlt: Am Ende muss sie laufen. Und diesen Test besteht freie Software seit mehr als 20 Jahren.

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