BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
Eine leuchtende grüne Ampel neben einer roten, die mit dem Wort 'GO' beschriftet ist.

5.1.2007 | Von:
Fernanda Weiden

"Microsoft liebt Raupkopierer"

Anders gefragt: Was sind die Grenzen?

Wir müssen uns klar sein, dass es nicht genügt, Menschen nur die Werkzeuge, die Technologie zu geben, ohne ihnen zu sagen, wie man sie einsetzt. Aber es gibt auch Studien, die zeigen, dass Menschen mehr über Technologie lernen, wenn der Zugang zu ihr ein natürlicher Teil des Lebens ist. Wenn sie keinen Zugang haben, befindet sich die Technologie auf einem anderen Planeten, sozusagen; die Leute entwickeln kein Interesse an ihr. Wir müssen also noch in viele andere Dinge investieren. Brasilien hat riesige Probleme in der Bildung, zum Beispiel.

Was sind die Voraussetzungen, um die Möglichkeiten der Open Source-Software für Entwicklungsländer auszuschöpfen?

Eine Sache ist, dass die Hochschulen noch nicht auf freie Software vorbereitet sind, nicht nur in Entwicklungsländern, auch in entwickelten. Die meisten Hochschulen sind – um es drastisch zu sagen – Hundeschulen geworden. Man verbringt vier Jahre seines Lebens mit Lernen, und wenn die Produkte, mit denen man zu arbeiten gelernt hat, nicht mehr auf dem Markt sind, wenn man die Hochschule verlässt, ist man völlig aufgeschmissen, weil man nicht die technischen Grundlagen gelernt hat, die hinter den Produkten stecken. Einem wird beigebracht, ein Technik-Konsument zu sein.

Freie Software gibt einem diese Möglichkeit, sich die Grundlagen anzusehen. Und die Hochschulen müssen begreifen, dass es bei freier Software nicht einfach um neue Produkte geht, sondern dass sie einen in Kontakt bringt mit dem Kern der Technologie. Nicht länger: "Wir haben nur die alte Version, also lernen wir dieses Programm erst gar nicht." Sondern man hat so viel Zugang zu hochentwickelter Technologie, wie man nur will. Es ist also wichtig, in den Hochschulen ein Bewusstein für diese Dinge zu schaffen.

Sie haben bereits über Microsoft gesprochen, und Sie arbeiten zur Zeit für Google. Wie stehen solche großen Hersteller proprietärer Software zu den Open-Source-Bewegungen in Entwicklungsländern?

Die zwei Unternehmen, die für die brasilianische IT-Gemeinde am sichtbarsten auftreten, sind Microsoft und IBM. Microsoft interessiert sich nicht für freie Software. Sie wollen höchstens herausfinden, wie man sie zerstört. Was sie nicht gemerkt haben, ist, dass sie nicht in der Lage sein werden, sie zu zerstören, zum Glück. Microsoft geht mit freier Software um, als ob sie es mit Autoreparaturen zu tun hätten: Wir haben keine Ahnung von Autoreparaturen, also kümmern wir uns auch nicht darum.

IBM hat einen ganzen Firmenteil, der in der Freie-Software-Community mitarbeitet, und das ist wirklich erfreulich. Aber ihre Beiträge zur Community machen sie noch nicht zu "guten Menschen". Sie denken an ihren Profit. Sie sehen, dass freie Software ein Weg ist, mehr Profit zu machen, also wirken sie in der Community mit. IBM hat heute riesige Entwicklungszentren für freie Software, rund um den Globus. Ich habe für IBM gearbeitet, und als ich gegangen bin, waren dort 700 Menschen mit freier Software beschäftigt. Sie helfen der Community also sehr. Aber das entschuldigt nicht, dass sie weiterhin andere Software proprietär halten. IBM ist eine Firma aus vielen Firmen, und einige von ihnen entwickeln immer noch proprietäre Software.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Sebastian Deterding

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 2.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Publikationen zum Thema

Gemeingüter

Gemeingüter

Wie lassen sich knappe natürliche Ressourcen so verwalten und bewirtschaften, dass ihre Nutzung dur...

Wissen und Eigentum

Wissen und Eigentum

Besitzen Autoren ihre Werke? Ist Wissen ohne rechtlichen Schutz vermarktbar, verwertbar oder wertlos...

Zum Shop

Dossier

Open Data

Open Data steht für die Idee, Daten öffentlich frei verfügbar und nutzbar zu machen. Welches Potential verbirgt sich hinter den Daten, die Behörden und Ministerien, Parlamente, Gerichte und andere Teile der öffentlichen Verwaltung produzieren? Das Dossier klärt über die Möglichkeiten offener Daten für eine nachhaltige demokratische Entwicklung auf und zeigt, wie Datenjournalisten mit diesen Datensätzen umgehen.

Mehr lesen

Dialog

Die Netzdebatte

Netzdebatte ist das Debattenportal der Bundeszentrale für politische Bildung. Das Weblog greift Themen auf, die die Gesellschaft bewegen. Netzdebatte erklärt Hintergründe, bildet Positionen ab und bietet einen Ort zum Diskutieren.

Mehr lesen

spielbar.de

spielbar.de informiert über Computerspiele und erstellt pädagogische Beurteilungen. Pädagogen, Eltern und Gamer sind eingeladen, ihre eigenen Beurteilungen, Meinungen und Kommentare zu veröffentlichen.

Mehr lesen auf spielbar.de