Eine leuchtende grüne Ampel neben einer roten, die mit dem Wort 'GO' beschriftet ist.

5.1.2007 | Von:
Larry Sanger

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Wikipedia, Citizendium, und die Politik des Wissens: Ein Interview mit Larry Sanger

Welche Kriterien muss man erfüllen, um so ein "Editor" zu werden?

Die genauen Kriterien müssen noch festgelegt werden. Ein Weg, eine Liste von Kriterien aufzustellen, wäre vielleicht zu fragen: Was sind die Minimalkriterien, die eine Berufungskommission einer Hochschule oder eines Forschungsinstituts für die Besetzung eines Lehrstuhl anlegen? Das käme für akademische Wissensgebiete in Frage.

Da es aber Themen in einer Enzyklopädie gibt, deren Hauptexperten keine Akademiker sind, würden die Kriterien bei diesen Themen natürlich andere sein. Das könnte die Veröffentlichung einer bestimmten Zahl von Publikationen einer bestimmten Art beinhalten, gehaltene Vorträge, organisierte Workshops, etwas in der Art. Es wird etwas sein, das objektiv ist, etwas, wofür man Belege sehen kann.

Der Grund, diese Kriterien objektiv zu halten, ist, dass wir diesen Vorgang nicht politisieren wollen, denn er wird sehr schnell und leicht politisiert. Ich kenne viele Leute, die sagen, dass das einfach "Zeugnis-Fetischismus" sei. Nun, wenn man Menschen dazu einladen will, in einem System als Experten zu fungieren, und wenn man die im Kern politischen Debatten vermeiden möchte, die nun mal mit dem Einstellen und Entlassen von Experten verbunden sind, geht das nur, indem man sich auf die gleiche Art von ganz konkreten Zeugnissen verlässt, auf die sich Berufungskommissionen verlassen – und dann die Berufungskommissionen selbst los wird.

Aber ist das Aufstellen von Kriterien nicht schon eine politische Entscheidung? Handeln Sie nicht politisch, indem Sie vorweg entscheiden, wer ein Editor sein darf?

Wenn jemand das sagen würde, würde ich zurückfragen, was er damit meint. In anderen Worten, wenn Sie die Behauptung aufstellen würden, dass man keinen Doktor der Philosophie braucht, um Editor im Gebiet der Philosophie zu sein, würde ich fragen: Warum glauben Sie das? Die Beweislast liegt bei denen, die behaupten, die Wege, über die unsere Gesellschaft Experten beglaubigt, sei politisch, und das in allen möglichen Wissensgebieten, nicht nur beim Doktortitel.

Trotzdem: Wo die Grenze ziehen? Muss man einen Doktortitel haben? Oder einen Lehrstuhl? Ist das nicht eine Entscheidung, die viele schon als politisch ansehen?

Nicht im relevanten Sinne. Es ist nicht politisch in dem Sinne, dass der Entscheidungsprozess, wer ein Editor wird und wer nicht, nicht davon abhängt, ob man mit den persönlichen Ideologien und theoretischen Ansätzen der Berufungskommission übereinstimmt. Das Feld der möglichen eigenen Ansichten wird so weit sein, wie es bei Besitzern von solchen Zeugnissen der Fall ist, und das ist in der wissenschaftlichen und akademischen Gemeinschaft wirklich ein weites Feld. Selbst wenn es große Mehrheiten bestimmter Ansichten gibt, gibt es einen enormen "long tail" an vielfältigen Ansichten in vielen Disziplinen, und wir werden offen für diese Vielfalt sein. Das ist der Punkt.

Wie legt man solche Standards in Wissensgebieten fest, für die es noch keine akademischen Abschlüsse gibt?

Es wird sehr spannend sein zu sehen, wie das funktionieren wird, und das ist ganz eindeutig etwas, wo wir den Input von Menschen aus den betreffenden Wissensgebieten brauchen werden. Ingenieurstechnik ist ein gutes Beispiel. Professoren der Ingenieurswissenschaften sind nicht unbedingt die besten Leute, um zu beurteilen, was ein lesbarer Enzyklopädie-Artikel über technische Themen ist. Dann gibt es alle möglichen Spiel- und Hobby-Themen, wo niemand existiert, der darüber in Fachzeitschriften schreibt, einfach, weil es keine Fachzeitschriften gibt. Kaum jemand an der Hochschule untersucht diese Dinge, und die sachkundigsten Personen könnten Leute sein, die überhaupt keinen akademischen Abschluss haben.

Um diesen Vorgang relativ objektiv und möglichst unempfänglich für Politisierung zu machen, wird es wichtig sein, eine andere Form von Zeugnissen oder Nachweisen zu finden, wobei man die Begriffe jetzt sehr weit fassen muss. Um ein anderes Beispiel zu geben: Einige der führenden Experten in traditioneller irischer Musik haben nie Bücher oder wissenschaftliche Aufsätze zum Thema geschrieben, sie haben keinerlei Abschluss in Musik, und doch sind sie die wirklichen Quellen unseres Wissens über diese Art Musik.

Wird die Definition dieser Kriterien ein offener Prozess sein?

Ja, das trifft absolut zu. Und ich möchte dazu anhalten, sich klarzumachen, dass das beim Citizendium im Allgemeinen immer der Fall sein wird. Die ganze Idee ist, dass die Entwicklung von Regeln offen sein wird. Aber wir werden uns auf einige sehr endgültige, klare Regeln festlegen.

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