Eine leuchtende grüne Ampel neben einer roten, die mit dem Wort 'GO' beschriftet ist.

5.1.2007 | Von:
Larry Sanger

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Wikipedia, Citizendium, und die Politik des Wissens: Ein Interview mit Larry Sanger

Und wer wird diese Regeln festlegen?

Meine jetzige Vorstellung – und ich bin da sehr offen für Diskussion – ist, dass es einige öffentliche Mailinglisten geben wird – tatsächlich existieren bereits ein halbes Dutzend Mailinglisten –, und jeder, der Interesse hat, kann zur Diskussion auf diesen Mailinglisten beitragen. Diese Diskussion werden entscheidend dafür sein, die Regeln festzulegen. Ich sehe es als meine Aufgabe als Chefredakteur des Citizendiums an, dann den Konsens zu formulieren.

Zusätzlich werden wir ein beratendes Gremium einrichten, zusammengesetzt aus führenden Denkern in relevanten Feldern – Open Source-Softwareentwicklung, Open Access-Publikationen –, und einigen technikaffinen Experten aus verschiedenen Wissensgebieten. Nach einiger Debatte und hoffentlich mehreren Face-to-Face-Treffen werden wir einen verfassungsgebenden Konvent abhalten. Wir werden uns tatsächlich hinsetzen, nach dem viele Themen ausdiskutiert wurden, den letzten Feinschliff hinzufügen und eine Community-Charta verabschieden.

Das ist etwas, was meines Wissens noch nie auf diese Weise gemacht wurde. Aber so funktioniert die physische Welt, der Meatspace, und so wird es als richtig und gerecht im Meatspace angesehen. Warum sollte es also online nicht auch recht und billig sein?

Das wird eine Frage von Verfassungsexperten an ihr Projekt sein: Noch wichtiger als die Regeln ist der Prozess, über den festgelegt wird, wie neue Regeln entstehen und wer am Ende Entscheidungen trifft. Wird dieser Prozess Verfassungsbildung selber demokratisch und offen sein, wie es die UN zum Beispiel mit dem "Multi-Stakeholder"-Ansatz beim Weltgipfel zur Informationsgesellschaft versucht hat?

Allgemein gesprochen, stimme ich völlig mit dieser Offenheit überein, und wie jeder weiß, der mit der Geschichte der Wikipedia vertraut ist, bin ich diesem Ratschlag und dieser Erwartung – vielleicht fälschlicherweise – bei der Entwicklung der Wikipedia gefolgt. Aber der Prozess muss irgendwie begonnen werden, richtig? Es ist wichtig, dass man mit einem klaren Konzept anfängt, um das sich viele Menschen sammeln können, so dass sich eine selbst-auslesende Community formen kann. Man kann nicht einfach sagen: "Ich werde einen Ableger der Wikipedia machen", und dann jeden, der diese eine Idee irgendwie attraktiv findet, mit herumpfuschen lässt, wie dieser Ableger nun aussehen soll – das ist einfach zu vage.

Deshalb habe ich eine Reihe von anderen Regeln formuliert, die im Wesentlichen das Projekt definieren. Als nächstes frage ich die Leute, die dieses Set, oder das Meiste an diesem Set aus Regeln mögen: "Kommt und helft mir, mit dem hier als Anfangspunkt, etwas zu entwickeln, dem die größtmögliche Menge der Menschen, die den Vorschlag generell mögen, zustimmen kann." Einige Parameter des Projekts müssen im Voraus formuliert werden, oder man bekommt nie eine Community in Gang.

Was sollte jemand dazu bringen, von der Wikipedia zum Citizendium zu wechseln, oder beim Citizendium mitzumachen, wenn er nicht bei der Wikipedia mitgemacht hat?

Da würde ich wieder auf die Hauptunterschiede zwischen den Projekten verweisen, denn die erklären die Gründe, an dem einen Projekt statt am anderen teilzunehmen. Ich glaube, dass die meisten Menschen es vorziehen würden, Seite an Seite mit wohlwollenden, nicht-kontrollierenden Experten an Artikeln zu arbeiten, deren Thema ihnen wichtig ist. Alles wird ein bisschen besser, wenn man einen erfahrenen Älteren an seiner Seite hat, der behutsam Ratschläge zum Vorgehen gibt. Das ist, glaube ich, viel attraktiver für jeden, als einfach in einem wilden Gerangel zu arbeiten, wo Menschen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, ein bestimmtes Thema zu erforschen, genau so behandelt werden wie jeder andere auch, selbst wenn sie über genau dieses Thema schreiben.

Ein weiterer Grund, warum Leute vom Citizendium angezogen sein könnten, ist, dass es für einige sehr anstrengend geworden ist, in der Wikipedia-Community zu arbeiten. Es braucht eine bestimmte Art von Person, um sich wirklich mit den Administratoren und regelmäßigen Beiträgern der Wikipedia anzulegen, die ziemlich schwierig sein können, auf verschiedene Weisen.

Die Hoffnung ist: Wenn wir von den Leuten verlangen, dass sie sich mit ihren wirklichen Namen einloggen und einer gemeinsamen Charta – einem sozialen Vertrag – zustimmen, und wenn es Menschen gibt, die als Durchsetzer dieser Übereinkunft respektiert werden – dass das Ergebnis dann ein sozial angenehmerer Ort zum Arbeiten ist. Das ist die Hoffnung. Und natürlich werden wir zusammenarbeiten müssen, um die tatsächlichen Parameter zu definieren, was diese Community angenehm und produktiv macht.

Ich glaube nicht, dass es angenehm ist, Administratoren zu haben, die einem dauernd im Nacken sitzen. Das ist nicht, was ich vorschlage. Tatsächlich scheint es mir, dass genau das in der Wikipedia momentan ziemlich oft geschieht. Die "Wachtmeister" – ich schlage bewusst einen neuen Namen für diese Rolle vor –, werden angewiesen sein, so zurückhaltend wie möglich zu handeln. Aber wenn sie einmal einbezogen werden, haben sie die Autorität, schnell und entschieden zu handeln.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Sebastian Deterding

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