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27.11.2007

"Wir brauchen eine dem digitalen Zeitalter angemessene Debatte über geistiges Eigentum"

Interview mit Dieter Gorny

Wie stellen Sie sich diese Debatte konkret vor? Wo soll sie geführt werden?

Für mich ist das eine Frage der Bildung, und die beginnt in der Schule. Es muss klar sein - auch unabhängig von der ökonomischen Diskussion - wie wichtig die Wertschätzung kreativer Leistung ist. Wie wichtig es ist, in einer Gesellschaft zu leben, in der Kreative, egal was sie machen, eine wichtige Rolle einnehmen.

Noch heute profitiert Deutschland von dem Image, das Land der Dichter und Denker zu sein. Musik, Theater oder Kunst haben eine starke integrative Funktion in einer zunehmend multikulturellen und globalisierten Gesellschaft. Ich glaube, dass wir die gesellschaftlich-künstlerische Seite mehr betonen müssen, um daraus dann die ökonomische Dimension abzuleiten. Das ist eine Bildungsfrage. Wenn es darum geht, Dinge zu ändern, geht es nur, wenn man eine Wertediskussion in der Schule und in der Ausbildung führt.

Ein zentraler Begriff in der Auseinandersetzung von Rechteverwertern und Nutzern ist die Privatkopie.



Die Privatkopie hat mit den technischen Möglichkeiten, die es heutzutage gibt, eine andere Wertigkeit bekommen. Früher war das zeitlich eine Eins-zu-eins-Arbeit. Wenn ich was aufnehmen wollte, dann dauerte das genauso lange wie das Anhören. Es gab also eine natürliche Begrenzung durch die verfügbare Zeit. Das hat sich durch die Digitalisierung radikal verändert. Sie können blitzschnell und verlustfrei Musiktitel übertragen. Dafür gibt es zwar Kompensationsabgaben – die Leermedienabgabe und Kopierabgabe –, aber das ist nur ein minderwertiger Ersatz für die direkte Entlohnung der Kreativen. Mir geht es vielmehr darum, generell zu sagen, die Idee ist wichtig, die muss geschützt werden. Wenn wir diese Wertschätzung nicht haben, kommen wir in der ganzen Debatte nicht mehr weiter.

Sie sprechen oft von der "Umsonst ist Cool"-Debatte. Was meinen Sie damit?

Ich hatte ein schönes Gespräch mit Ulrike Haage, der ehemaligen Keyboarderin der Rainbirds, auf einem Kongress in Hamburg. Sie hat dort als Künstlerin erzählt, wie sie Musikmachen empfindet, und das sehr poetisch dargestellt. Alle waren sich nach diesem Vortrag einig, wie wichtig Ulrike Haages musikalisch-künstlerische Beiträge für die Gesellschaft sind, wie toll das ist und wie sehr man das braucht. Wer aber die 'Umsonst-Kultur' propagiert, der sollte auch den Mut haben, zu ihr hinzugehen und zu sagen: "Deine Musik ist super, die wollen wir gerne haben. Aber wir wollen nichts dafür bezahlen. Wenn du Musik machen willst, dann musst du halt putzen gehen." So ausgedrückt rudern plötzlich alle zurück und sagen, dass sie es so nicht gemeint haben.

In einem anderen Gespräch sagte mir jemand: "Wenn ich Künstler richtig toll find, dann kauf ich deren Sachen, dann helfe ich denen." Dieses Gefühl, diesen Respekt, müssen wir wieder im Bewusstsein der Menschen verankern. Die 'Umsonst-Kultur' führt sonst dazu, dass wir uns am Ende eines sehr wesentlichen kulturellen Guts berauben, weil Musik nicht mehr verkaufbar ist und sich viele Künstler auf andere Dinge konzentrieren müssen, um überleben zu können.

DRM – Digital Rights Management – wird von vielen Musikfirmen benutzt, um unerwünschte Nutzungen zu verhindern. Musikhörer sind aber unzufrieden, weil sie mit der Musik, die sie gekauft haben, nicht alles machen können, was sie wollen, etwa weil eine gekaufte CD nicht im Computer oder im Auto läuft.

Hier muss es uns gelingen, einen fairen Ausgleich zwischen den Interessen der Verbraucher und den Interessen von Künstlern und der Musikwirtschaft zu schaffen. Die Kunden sagen: "Ich will mit meiner gekauften Musik machen können, was ich will." Demgegenüber steht der legitime Anspruch jedes Kreativen, dass sein Produkt nicht grenzenlos und unentgeltlich kopiert wird.

DRM schafft diesen Interessenausgleich, indem es dem Verbraucher eine weitreichende, aber begrenzte Anzahl von Nutzungsmöglichkeiten erlaubt. Eine andere Alternative wäre, Musik sehr viel teurer zu machen. Das wichtigste bei Kopierschutztechnologien ist aber, dass die Systeme untereinander kompatibel sind. Das haben wir immer wieder gefordert, aber hier sind die Downloadanbieter und die Hersteller der Abspielgeräte gefordert. Die DRM-Frage ist meiner Ansicht nach aber ohnehin nicht so brisant, wie das Brennen oder die unrechtmäßige Beschaffung von Musik aus Tauschbörsen.

Der Bundestag hat gerade eine Reform des Urheberrechtsgesetzes verabschiedet, den sogenannten zweiten Korb. In einer Presseerklärung dazu hat die IFPI verkündet, dass sie eine Verfassungsklage erwägt. Wieso sind Sie unzufrieden mit dem verabschiedeten Gesetz?

Weil der zweite Korb aus dem alten urheberrechtlichen Denken kommt und dieser gesamten Debatte über geistiges Eigentum – auch dem, was wir gerade in diesem Interview besprechen – nicht gerecht wird. Er greift zu kurz, weil er die neuen Herausforderungen mit alten Mitteln in den Griff kriegen will.

Nehmen Sie die Privatkopie, über die wir schon geredet haben. Privatkopie bedeutet für mich, dass ich etwas kaufe und für den eigenen Gebrauch kopiere. Das ist etwas ganz anderes, als wenn Sie eine Software auf Ihrem Computer installiert haben, der Sie am Abend vor dem zu Bett Gehen sagen: "Durchforste doch mal alle Webradios nach Titeln von Robby Williams, Tokio Hotel und Madonna" und am nächsten Morgen haben Sie dann eine vollständige neue Musiksammlung auf ihrem Computer. Das hat mit dem, was einmal als Privatkopie definiert war, nichts mehr zu tun.

Hier wird unter dem Deckmantel der Privatkopie vertuscht, was eigentlich passiert: Ich hole mir Musik, die mir eigentlich nicht gehört und mache damit sukzessive einen Wirtschaftszweig kaputt. Die Gesetzgebung hinkt hier der technologischen Entwicklung hinterher. Der Gesetzgeber sollte sich dem stellen und sagen: "Damit geordnete ökonomische Strukturen überhaupt noch stattfinden können, müssen wir an dieser Stelle noch nachjustieren."

Die Presseerklärung zeigt die Verärgerung über eine politische Debatte, die immer noch hinter der technologischen Realität, der Konsumentenrealität und der Wertigkeitsrealität einer ganzen Wirtschaftsbranche zurückbleibt. Ich halte die Reform für viel zu kurz gegriffen, weil sie die ökonomischen Chancen der Creative Economies und ihre Entwicklungsfähigkeiten für die Zukunft in keinster Weise angemessen aufnimmt.

Interview: Valie Djordjevic

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