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24.6.2019 | Von:
Parvati Raghuram
Gunjan Sondhi

Migration qualifizierter Frauen in der EU

In der EU haben mehr zugewanderte Frauen eine Hochschulbildung als zugewanderte Männer. Viele dieser Migrantinnen arbeiten jedoch nicht in Berufen, die ihren Qualifikationen entsprechen. Ein Blick auf Trends qualifizierter weiblicher Migration.

Eine Wissenschaftlerin betrachtet eine ProbeEine Wissenschaftlerin betrachtet eine Probe. Obwohl EU-weit mehr zugewanderte Frauen als Männer einen Hochschulabschluss vorweisen können, liegt ihre Erwerbsquote um 20 % unter der von vergleichbar qualifizierten zugewanderten Männern. (© picture-alliance, imageBROKER)

Zwischen 2012 und 2017 stieg die Zahl der hochqualifizierten Personen, die in die 28 EU-Staaten einwanderten, um ein Drittel – von 204.403 auf 321.597. [1] Frauen mit Hochschulbildung – hier als hochqualifizierte Migrantinnen bezeichnet – wandern über verschiedene Migrationskanäle ein – als Arbeits- oder Familienmigrantinnen, Studierende und Flüchtlinge. Seit 2009 haben sich die Richtung und der Charakter der Migration qualifizierter Frauen verändert. In diesem Beitrag wird untersucht, was über qualifizierte Migrantinnen und ihre Einwanderung in die EU sowie ihre Bewegungen innerhalb Europas im letzten Jahrzehnt bekannt ist. In dieser Zeit konnten in vielen Ländern die Auswirkungen des wirtschaftlichen Abschwungs und der Sparpolitik beobachtet werden. Hinzu traten neue Bewegungen, die qualifizierte Frauen umfassten, z.B. eine hohe Fluchtzuwanderung.

Datenquellen

In den vorhandenen Daten werden Qualifikationen unterschiedlich definiert: als Bildungsabschluss oder im Sinne der Sektoren des Arbeitsmarktes, in dem Migrantinnen und Migranten beschäftigt sind, nach erzielten Löhnen oder nach dem rechtlichen Einreiseweg, d.h. der Zuwanderungskategorie. Darüber hinaus ist "Migrant" eine variable Kategorie: Einige Länder sammeln Daten zur ethnischen Herkunft einer Person, erfassen jedoch nicht ihren Migrationsstatus. Andere Länder konzentrieren sich auf das Land, in dem die Qualifikation erworben wurde, und nicht auf das Geburtsland oder die Nationalität.

Darüber hinaus werden Daten nicht immer in vergleichbarer Weise erhoben und veröffentlicht. Vor zehn Jahren haben Kofman und Raghuram (2009) darauf hingewiesen, dass es in den meisten Datenerfassungssystemen an nach Geschlechtern ausgewiesenen Migrationsdaten mangelt. Seitdem hat es einige Versuche gegeben, solche Daten über die Migrationsbevölkerung (stocks) aus verschiedenen Quellen zusammenzustellen. Insbesondere die Global Bilateral Migration Database der Weltbank und die Datenbank zu Einwanderern in OECD-Ländern (International Migration Database) können erheblich zu unserem Verständnis von qualifizierter weiblicher Migration beitragen. Dieses Potenzial ist bislang aber nicht vollständig ausgeschöpft worden. [2] In diesen Datenbanken wird für jedes Land der Bestand der dort lebenden Migrantinnen und Migranten nach Herkunftsland und Bildungsgrad angegeben. Hochqualifizierte Arbeitskräfte werden als Personen definiert, die mindestens ein Jahr lang eine Hochschule besucht haben. Diese Datenbanken basieren jedoch auf individuellen Länderstatistiken, die hinsichtlich Qualität, Vollständigkeit, Geschlechterdaten und Basisjahr, für das Daten gemeldet werden, variieren.

Eine zweite Datenquelle bietet Einblicke in Migrationsströme (flows). Dieser aus Daten zur Einreise von Migrantinnen und Migranten zusammengestellte Datensatz ist zuverlässiger, länderspezifisch und aktuell. Eine andere Quelle sind die Arbeitskräfteerhebungen (Labor Force Surveys), die mehr oder weniger regelmäßig in verschiedenen Ländern durchgeführt werden. Sie haben aber möglicherweise eine Verzerrung (Bias), da es sich um Umfragen handelt, die auf einer Stichprobe beruhen und sich nur auf Personen in Beschäftigung konzentrieren. Die Länderdaten aus den Arbeitskräfteerhebungen können ebenfalls zusammengestellt werden, beispielsweise in der Europäischen Arbeitskräfteerhebung, um Informationen über Migrationsmuster zu erhalten.

Obwohl diese Daten nützlich sind, bieten sie ein unzureichendes geschlechtsspezifisches Bild der Migration, da nur selten nach Geschlecht ausgewiesene Daten erhoben, veröffentlicht oder analysiert werden. Zudem können die verfügbaren Daten, beispielsweise die OECD-Daten, nur in begrenztem Umfang Aussagen über die hochqualifizierte weibliche Migrationsbevölkerung machen. Aufgrund ihrer Breite und Reichweite bieten sie nicht die demografischen Details, die uns helfen könnten, diese Personengruppe zu verstehen. Trotz dieser Vorbehalte ist es möglich, einige allgemeine Muster der Migration qualifizierter Frauen in der EU zu identifizieren.

Zahl der Migrantinnen und Migranten in der EU

In den 28 EU-Mitgliedstaaten sind 52 Prozent der im Ausland geborenen Personen der ersten Migrantengeneration (sogenannte foreign-born), die eine Hochschule besucht haben, Frauen. Eine Aufschlüsselung nach Ländern zeigt, dass es in fast zwei Dritteln der EU-Mitgliedstaaten mindestens ebenso viele hochqualifizierte, im Ausland geborene Frauen wie Männer gibt. In vielen Fällen bedeutet dieses Qualifikationsniveau jedoch nicht, dass diese Frauen auch einer qualifizierten Arbeit nachgehen. Gründe dafür sind eine niedrige Frauenerwerbsquote oder eine Entwertung der erworbenen Qualifikationen (Dequalifizierung).

Geschlechterzusammensetzung der in der EU-28 lebenden migrantischen Bevölkerung (erste Migrantengeneration) mit Hochschulabschluss 2014Abbildung 1: Geschlechterzusammensetzung der in der EU-28 lebenden migrantischen Bevölkerung (erste Migrantengeneration) mit Hochschulabschluss 2014 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Obwohl es in der migrantischen Bevölkerung mehr Migrantinnen als Migranten gibt, die über eine hohe Bildung verfügen, spiegelt sich diese Tendenz nicht in der Arbeitsmarktbeteiligung, d.h. z.B. der Erwerbsquote und Erwerbstätigenquote, wider. [3] Die Erwerbsquoten für Migrantinnen sind in allen EU-Mitgliedstaaten niedriger als die männlicher Migranten. Diese Kluft zwischen den Erwerbsquoten ist besonders hoch unter Migrantinnen und Migranten, die außerhalb der EU geboren sind: Hier liegt die Erwerbsquote von Männern bei 83 Prozent, die von Frauen bei 63 Prozent. Diese Daten werden jedoch nicht nach Bildungsgrad oder einem Indikator, der auf das Qualifikationsniveau des Migranten bzw. der Migrantin schließen lässt, aufgeschlüsselt. Die Daten zur Erwerbstätigenquote geben einen etwas besseren Einblick. Diese Zahlen zeigen das geschlechtsspezifische Gefälle bei der Erwerbstätigenquote nach Bildungsniveau und Geburtsland. Insgesamt ist die Erwerbstätigenquote von Migrantinnen mit Hochschulbildung (66 Prozent) höher als von Migrantinnen mit niedrigerem Bildungsniveau (40 Prozent für Migrantinnen mit Grundschulabschluss und 58 Prozent für Migrantinnen mit Sekundarschulabschluss). Im Vergleich zu eingewanderten Männern zeigen sich aber ebenfalls Unterschiede mit Blick auf die Erwerbstätigenquote. Männliche Migranten mit Hochschulbildung sind häufiger berufstätig (82 Prozent) als zugewanderte Akademikerinnen (66 Prozent). Dies kann auf Probleme am Arbeitsmarkt oder auf familiären Druck zurückzuführen sein.

Erstens: In ganz Europa dominieren Migrantinnen nach wie vor in sozial reproduktiven Bereichen des Arbeitsmarktes: Lehrtätigkeiten, Krankenpflege, Sozialpflege und Hausarbeit. [4] Migrantinnen mit Qualifikationen in den ersten beiden Tätigkeitsfeldern finden häufig in den letzten beiden Bereichen eine Anstellung. Diese ist oft weniger reguliert und die Fähigkeiten der Frauen werden zwar eingesetzt, aber nicht wertgeschätzt oder vergütet. Einige dieser Arbeiten können informell durchgeführt werden. Daher tauchen die betroffenen Frauen, obwohl sie berufstätig sind, möglicherweise nicht in der formellen Beschäftigungsstatistik auf. Falls sie doch in die Statistik Eingang finden, werden sie in den Daten oft nicht als qualifizierte Arbeitskräfte geführt. Darüber hinaus kann es sein, dass ihr Qualifikationsniveau unterschiedlich gewertet wird. So gelten Krankenpflege und Hebammentätigkeit in Deutschland nicht als akademische Berufe, sondern als Ausbildungsberufe. Dies führt zu einer Abwertung des Qualifikationsniveaus von Migrantinnen, die in diesen Berufen an einer Hochschule ausgebildet wurden und erfahrene Krankenschwestern sind. Zweitens verlieren Migrantinnen häufig die familiäre Unterstützung, insbesondere bei der Kinderbetreuung, die ihnen den Eintritt in den Arbeitsmarkt ermöglicht. Daher wirkt sich die ungleiche Verteilung der sozial-reproduktiven Arbeit innerhalb der Familie auf ihre Möglichkeiten der Erwerbsbeteiligung aus.

Die Art der Dequalifizierung variiert je nach ethnischer Zugehörigkeit, Sprachkenntnissen, Niveau und Art der Qualifikation sowie der "Männlichkeit" des Arbeitsmarktsektors. Selbst in dynamischen Volkswirtschaften wie Deutschland kann es Frauen aufgrund einer Kombination dieser Faktoren schwer fallen, in einigen Arbeitsmarktsektoren mit Arbeitskräfteengpässen akzeptiert zu werden. [5]

Migrationsströme

Hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten aus Ländern, die nicht zur EU gehören, benötigen für die Einreise in einen EU-Mitgliedstaat in der Regel ein Visum, also eine Einreisegenehmigung. An diesen ersten Genehmigungen, die für mindestens drei Monate erteilt werden, lässt sich die jährliche Zuwanderung zum Zweck der Erwerbstätigkeit, der (Aus-)Bildung, aus familiären und anderen Gründen ablesen. [6]

Im Zeitraum 2010 bis 2015 gab es einen stetigen Anstieg der Zuwanderung, gefolgt von einem starken Anstieg im Jahr 2016, der auf den Anstieg der Zugänge in allen vier genannten Migrationskategorien zurückzuführen ist.

Abbildung 2: Zahl der ausgestellten Einreisegenehmigungen für Einwanderinnen und Einwanderer in der EU-28 2010-2016Abbildung 2: Zahl der ausgestellten Einreisegenehmigungen für Einwanderinnen und Einwanderer in der EU-28 2010-2016 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Etwa 46 Prozent der Zuwandernden sind Frauen. Abbildung 3 zeigt die Gründe für die Migration nach Geschlecht.

Abbildung 3: Ersteinreisegenehmigungen in der EU-28 nach Migrationsgrund und GeschlechtAbbildung 3: Ersteinreisegenehmigungen in der EU-28 nach Migrationsgrund und Geschlecht Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Arbeitsmigration

Zwischen 2010 und 2016 ist die Anzahl der Ersteinreisegenehmigungen zu Beschäftigungszwecken, die an Migrantinnen ausgestellt wurden, zurückgegangen. Abbildung 3 legt nahe, dass dies auf eine Maskulinisierung der Arbeitsmigrationsströme in die EU zurückgeführt werden könnte. Diese Daten sind jedoch nicht nach Qualifikationsniveau aufgeschlüsselt. Ein Ansatz, um weibliche Migration besser zu verstehen und Probleme zu identifizieren, mit denen zugewanderte Frauen auf dem Arbeitsmarkt in der EU konfrontiert sind, besteht darin, geschlechtsdifferenzierte Daten von Berufsverbänden wie Pflege- und Ingenieursverbänden über Sektoren auf dem qualifizierten Arbeitsmarkt heranzuziehen. Eine andere Möglichkeit bietet die Analyse von allgemeineren Zuwanderungsprogrammen wie der Blauen Karte EU (EU Blue Card). Beiden Ansätzen gehen wir im Folgenden nach.

Fußnoten

1.
Berechnungen basierend auf ausgestellten Ersteinreisegenehmigungen zu Bildungszwecken und erteilten EU Blue Cards.
2.
Ghosh/Chanda (2015), Kerr et al. (2016).
3.
Eurostat (2018).
4.
Kofman/Raghuram (2015).
5.
Grigoleit-Richter (2017).
6.
Die Kategorie "andere Gründe" beinhaltet internationalen Schutz, Aufenthalt ohne Arbeitsrecht (z. B. Rentner_innen) und Personen, die sich im Prozess der Regularisierung ihres Aufenthalts befinden.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Parvati Raghuram, Gunjan Sondhi für bpb.de

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