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Geflüchtete Frauen in Deutschland

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Geflüchtete Frauen in Deutschland

Johanna Maria Ullmann Dr. Ulrike Lingen-Ali

/ 11 Minuten zu lesen

Wie viele Frauen mit Fluchthintergrund leben in Deutschland? Wie verläuft ihre Integration in zentralen gesellschaftlichen Bereichen? Über die Lebenssituation einer heterogenen Personengruppe.

Eine Asylbewerberin mit ihrem Kind im Zimmer einer Asylbewerberunterkunft in Hamburg. (© picture-alliance)

Frauen und Mädchen stellen rund die Hälfte der Interner Link: weltweit mehr als 68 Millionen Menschen auf der Flucht dar. Neben Krieg, Verfolgung und existenzieller Not führen auch patriarchale Strukturen, Frauenrechtsverletzungen und geschlechtsspezifische Bedrohung und Gewalt dazu, dass Frauen und Mädchen aus ihren Heimatorten fliehen. Frauen fliehen seltener alleine als Männer und häufiger gemeinsam mit Kindern. Damit tragen sie während und nach der Flucht nicht nur die Verantwortung für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder und oft auch für weitere Angehörige.

Zahlenwerk: Bislang kaum belastbare Daten vorhanden

Zwischen 2012 und 2016 sind mehr als eine halbe Million weibliche Geflüchtete nach Deutschland gekommen. Zu den Hauptherkunftsländern gehören Interner Link: Syrien, Interner Link: Afghanistan, Interner Link: Irak, Eritrea, Interner Link: Iran, Interner Link: Somalia, Interner Link: Nigeria und die Interner Link: Türkei. Insgesamt ist rund ein Drittel der seit 2015 nach Deutschland Geflüchteten weiblich. In den Altersgruppen der unter 16-Jährigen sowie der über 55-Jährigen ist das Geschlechterverhältnis in etwa ausgeglichen, während unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen männliche Geflüchtete dominieren.

Zum Begriff "Geflüchtete"

Mit dem Begriff 'Geflüchtete' wird eine sprachliche Abgrenzung zu rechtlichen Begriffen verwendet, die den Asylstatus einer Person betreffen, wie 'Asylsuchende'. Dadurch sollen Personen eingeschlossen werden, denen ein formaler Flüchtlingsstatus verwehrt wird. Außerdem grenzt sich der Begriff von Bezeichnungen ab, die derzeit in politischen und öffentlichen Debatten verwendet werden und den Zwangscharakter von Flucht verdecken, wie 'Asylbewerbende' oder 'Asylbegehrende'. In Abgrenzung zum Begriff 'Flüchtling' hilft der Begriff, essentialisierende Zuschreibungen zu vermeiden, indem die Handlung des Flüchtens in den Fokus gerückt wird. Um Agency (Handlungsfähigkeit) von einer geflüchteten bzw. flüchtenden Person zu betonen und die Selbstbezeichnung und Empowerment zu fördern, unterscheidet sich der Begriff zudem von alternativen Bezeichnungen wie 'Schutzsuchende', die eine Opferrolle und Passivität reproduzieren und eine Nähe zum Rechtsbegriff der 'Asylsuchenden' beinhalten.

Fußnoten

  1. Für weitere Informationen zum sensiblen Sprachgebrauch siehe hier: Externer Link: https://glossar.neuemedienmacher.de/ (Zugriff: 15.8.2018).

Verlässliche Daten zur aktuellen Situation geflüchteter Frauen in Deutschland gibt es bislang nur wenige. Dies liegt darin begründet, dass der Anteil von Frauen an der Fluchtmigration nach Deutschland niedriger ist als der von Männern. Bei der systematischen Erfassung von Daten zu bestimmten Themen sind sie daher unterrepräsentiert. Oft erheben Studien auch gar keine genderspezifischen Daten. Erste Einordnungen zur Situation geflüchteter Frauen lassen der Rückgriff auf einige aktuelle Studien, eigene Erkenntnisse und Erfahrungen in der Unterstützungspraxis sowie Wissen aus älteren Studien und Erfahrungen von Bildungseinrichtungen und migrantischen Selbstorganisationen zu.

Die vorhandenen Daten zeigen: Die Lebenssituation kann innerhalb der Gruppe der geflüchteten Frauen deutlich variieren; es handelt sich keineswegs um eine homogene Gruppe. Geflüchtete Frauen unterscheiden sich beispielsweise hinsichtlich ihrer Wohnsituation: Einige leben in Gemeinschaftsunterkünften, andere in separaten Wohnungen. Viele der Frauen wohnen mit Familienangehörigen zusammen – mit Ehemann/Partner und Kindern sowie manchmal auch weiteren Verwandten. Manche leben aber auch allein bzw. ohne familiären Anschluss oder nur mit einem Teil der Familie. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn sich Kinder noch im Herkunftsland befinden oder sie auf der Flucht getrennt wurden. Zudem ist eine Vielzahl weiterer Faktoren wie religiöse Zugehörigkeit, Wohnlage (zentrale oder periphere Region) und der Aufenthaltsstatus für eine differenzierte Betrachtung notwendig. Auch der gesellschaftliche Teilhabe- bzw. Aufnahmeprozess in Deutschland verläuft unterschiedlich: Ein Teil der Frauen besucht Sprach- und Integrationskurse oder andere Integrationsangebote; einige streben bereits nach kurzer Zeit eine Berufstätigkeit in Deutschland an. Gesicherte Informationen zu beruflichen Erfahrungen und Zukunftsplänen geflüchteter Frauen auf dem Arbeitsmarkt liegen jedoch bislang kaum vor. Ebenso spärlich ist die Informationslage in Hinblick auf die komplexen und vielfältigen Verläufe und Muster der Beteiligung geflüchteter Frauen in anderen gesellschaftlichen Bereichen wie Bildung, Recht oder Soziales.

Integrationskurse als staatliche Integrationsmaßnahme

Für die Politik und Aufnahmegesellschaft bildet der Erwerb von Deutschkenntnissen und die Anpassung an ein gesellschaftliches Wertesystem ein Grundelement der Integration von Geflüchteten. Das Bundesministerium des Innern beschreibt als Voraussetzung für 'gelungene Integration', "dass die Menschen, die mit einer dauerhaften Bleibeperspektive zu uns kommen, die deutsche Sprache lernen und sich um Grundkenntnisse unserer Geschichte und unseres Staatsaufbaus bemühen. Hierbei geht es besonders um die Bedeutung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung Deutschlands, des Parteiensystems, des föderalen Aufbaus, der Sozialstaatlichkeit, der Gleichberechtigung sowie der Toleranz und der Religionsfreiheit. […] Auch Zuwanderer müssen sich genauso wie die hier lebenden Menschen an die deutschen Gesetze halten und die geltenden Werte und Gepflogenheiten respektieren." Erreicht werden soll dies insbesondere durch die Teilnahme an sogenannten Interner Link: Integrationskursen, die für bestimmte Personengruppen verpflichtend sind, z.B. wenn durch die Ausländerbehörde festgestellt wird, dass diese sich "nicht auf einfache beziehungsweise ausreichende Art auf Deutsch verständigen können". Einige Kurse richten sich an spezifische Zielgruppen, darunter junge Erwachsene oder Frauen.

An den Integrationskursen haben im Jahr 2017 rund 292.000 Menschen teilgenommen. Im Zuge der gestiegenen, männlich dominierten Fluchtzuwanderung nach Deutschland in den vergangenen Jahren, ist der Frauenanteil in den Integrationskursen gesunken. Hatte er 2012/13 bei rund 60 Prozent gelegen, so belief er sich 2016 nur noch auf 34,2 Prozent. Parallel zum Rückgang der Zahl der Asylanträge ist er allerdings wieder gestiegen und lag 2017 bei 43,5 Prozent. In Integrationskursen, die sich speziell an Frauen und Eltern richten, lag der Anteil der weiblichen Teilnehmer bei 81,8 Prozent.

Neben dem regulären Deutschunterricht und dem Orientierungskurs zu Werten, Strukturen und Politik in Deutschland werden auch Interner Link: Frauen-Integrationskurse angeboten. Sie bieten laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Möglichkeit, dass Teilnehmerinnen auf andere Frauen treffen, die "ähnliche Interessen haben", Kindergärten und Schulen der Kinder kennenzulernen und über Themen zu sprechen, die die Teilnehmerinnen "besonders interessieren, zum Beispiel die Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder". Das weckt den Eindruck, als würden in frauenspezifischen Integrationskursen geschlechterstereotype und traditionelle Rollenbilder z.B. hinsichtlich familiärer Arbeitsteilung gestärkt werden. Dies könnte dazu verleiten, die Heterogenität der Gruppe der geflüchteten Frauen zu verkennen und damit vielfältige Lebens- und Bedarfslagen aber auch Ressourcen zu vernachlässigen – wenngleich dies nicht unbedingt beabsichtigt ist.

Wahrnehmung geflüchteter Frauen

In der medialen Öffentlichkeit werden geflüchtete Frauen oft verkürzt als Ehefrauen und Mütter repräsentiert und damit als passive Begleiterinnen männlicher Migranten. Sie werden im Vergleich zu geflüchteten Männern mehrheitlich als besonders schutzbedürftig dargestellt. Es ist jedoch problematisch, Vulnerabilität über alle geflüchteten Frauen hinweg zu verallgemeinern und als alleiniges Merkmal zur Charakterisierung einer heterogenen Gruppe zu führen. Dies verdeckt, dass es vielen geflüchteten Frauen daran liegt, restriktive Strukturen in ihrem Alltag zu durchbrechen und sich aktiv in die Gestaltung von Politik und Gesellschaft einzubringen. Sie wollen sich so gut wie möglich mit ihren Kindern und Familien wieder einen normalen Alltag aufbauen: "De facto handelt es sich […] bei Geflüchteten beiderlei Geschlechts überwiegend um junge Menschen unter 35 Jahren, die zumeist hoch motiviert sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen."

Eine Perspektive auf Integration, die im Sinne von Interner Link: Empowerment rechtliche, gesellschaftliche, politische und ökonomisch gerechte Teilhabe von geflüchteten Frauen anstrebt, kommt nicht umhin, diese als aktive Akteurinnen wahrzunehmen. Dabei sollten nicht nur Schwierigkeiten und Barrieren von geflüchteten Frauen in den Blick genommen werden, sondern auch Ressourcen und selbstermächtigende Praxen (z.B.Formen der Selbstorganisation weiblicher Geflüchteter)?. Konkret heißt das, Unterstützungsarbeit partizipativ und ergebnisoffen zu gestalten und individuelle Fähigkeiten und Orientierungen BAMF zu unterstützen. Dadurch sollen gängige ethnisierte (Geschlechter-)Stereotype durchbrochen werden.

Integrationsverläufe und Integrationspraxen

Die Integration in den Arbeitsmarkt bildet einen der Grundpfeiler gesellschaftlicher Teilhabe. Europaweite Studien zeigen aber, dass die Beschäftigungsquote von geflüchteten Frauen um 17 Prozentpunkte niedriger liegt als die geflüchteter Männer und um sechs Prozentpunkte niedriger als die Beschäftigungsquote unter anderen Migrantinnen. Geflüchtete Frauen stellen daher auf dem Arbeitsmarkt eine Gruppe dar, die mit besonders schwierigen strukturellen Bedingungen konfrontiert ist. Aktuelle Zahlen aus Deutschland bestätigen diese These: Geflüchtete Frauen sind derzeit im Vergleich zu männlichen Geflüchteten stärker von Arbeitslosigkeit betroffen. Sie sind seltener in Vollzeit erwerbstätig und arbeiten häufiger in geringfügiger Beschäftigung und im Niedriglohnsektor, insbesondere in informellen Bereichen wie der Reinigungs-, Pflege- und Haushaltsbranche.

Entgegen landläufiger Vorstellungen erklärt sich dieser "gender bias" (geschlechtsbezogener Verzerrungseffekt) jedoch nicht ausschließlich durch geringere im Ausland erworbene Qualifikationen. Denn: Die beruflichen Qualifikationen unter den seit 2015 angekommenen geflüchteten Frauen variieren stark. So gibt es einerseits Analphabetinnen und Frauen mit geringer oder keiner Schulbildung. Gleichzeitig verfügen geflüchtete Frauen aber häufiger als geflüchtete Männer über einen berufsbildenden oder universitären Abschluss. Geflüchteten Frauen, die diese höheren Abschlüsse mitbringen, gelingt es im Vergleich zu Männern mit Fluchterfahrung allerdings kaum, einen qualifikationsadäquaten Arbeitsplatz zu finden. Dies hängt mitunter damit zusammen, dass Frauen seltener einen Antrag auf Interner Link: Anerkennung im Ausland erworbener Abschlüsse stellen.

Es lässt sich aber auch fragen, ob Unternehmen und Betriebe bei der Personalrekrutierung die (Lebens- und Arbeits-)Leistungen weiblicher Geflüchteter nur wenig wertschätzen. Einige Studien lassen vermuten, dass neben der Unsicherheit in Bezug auf die Aufenthaltsperspektiven auch von Personalentscheider_innen gehegte Vorstellungen von (angeblich) unter Geflüchteten verbreiteten Geschlechterrollen und -beziehungen einen benachteiligenden Effekt auf den Arbeitsmarktzugang geflüchteter Frauen haben können. Berufliche Erfahrungen und Fähigkeiten von Migrant_innen werden zumeist nur dann wertgeschätzt, wenn ein formaler Qualifikationsnachweis vorliegt. Ist dies nicht der Fall, bleiben ihre Potenziale zumeist unsichtbar. Geflüchtete Frauen sind davon besonders betroffen. Ältere Studien, die zeigen, dass migrantische Frauen auf dem Arbeitsmarkt besonders oft unterhalb ihres (Aus-)Bildungsniveaus (Dequalifizierung) tätig sind, stützen diese These.

Aktuell werden arbeitsmarktpolitisch neben klassischen "Aktivierungsmaßnahmen" von Jobcentern und Arbeitsagenturen zahlreiche spezifische Projekte und Initiativen zur Arbeitsmarktintegration Geflüchteter von Staat, Zivilgesellschaft und Unternehmen angeboten. Dazu gehören Kompetenzfeststellung, Alphabetisierung und branchenspezifische Qualifizierung, um den Zugang und die Chancen von Geflüchteten auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Jedoch liegt der Frauenanteil in diesen Angeboten gegenwärtig meist unter 30 Prozent (und häufig bei nur rund 10 Prozent) – obwohl geflüchtete Frauen eine hohe Erwerbsmotivation aufweisen (siehe Abbildung 1).

Erwerbsaspiration der nicht-erwerbstätigen Geflüchteten nach Geschlecht und Herkunftsland

Anteile in Prozent

Alle HerkunftsländerNach GeschlechtNach Ländergruppen
MännerFrauenSyrienSonstige Kriegs- und Krisenländer1Westbalkan2Frühere SowjetunionRest der Welt
"Beachsichtigen Sie, in Zukunft (wieder) eine Erwerbsarbeit aufzunehmen"
Ganz sicher7886607580698486
Wahrscheinlich151125181413910
Eher unwahrscheinlich33624852
Nein, ganz sicher nicht421043102 2

Fußnote: 1 Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan und Somalia

Fußnote: 2 Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Serbien und Montenegro.

Quelle: Brücker, Herbert/Rother, Nina & Schupp, Jürgen (2016): IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten: Überblick und erste Ergebnisse. IAB-Forschungsbericht, 14/2016, IAB: Nürnberg. Externer Link: http://doku.iab.de/forschungsbericht/2016/fb1416.pdf [15.01.2018].

Aus der Tabelle geht hervor, dass ein Großteil der geflüchteten Frauen eine hohe Erwerbsaspiration aufweist und entweder "ganz sicher" oder "wahrscheinlich" in Zukunft (wieder) einer Erwerbstätigkeit nachgehen möchte. Die Erwerbsaspiration ist allerdings insgesamt etwas niedriger als die männlicher Geflüchteter.

Ein Grund für die Unterrepräsentation ist, dass sich Elternschaft unterschiedlich auf die Geflüchteten auswirkt: Frauen übernehmen häufiger die Verantwortung für die Kinderbetreuung, Pflege- und Hausarbeit als Männer. Daher ziehen geflüchtete Frauen oft ihre Teilnahme an Integrationsangeboten zugunsten des Ehe- oder Lebenspartners zurück bzw. treten diese (zumindest vorübergehend) erst gar nicht an und verzichten auf entlohnte Arbeit. Ähnlich verhält es sich in Hinblick auf Bildungsinvestitionen, z.B. das Anstreben eines deutschen Schul-, Berufsschul- oder Hochschulabschlusses. Daten der IAB-BAMF-SOEP-Befragung stützen diesen Befund, wonach Elternschaft und die damit verbundene unterschiedliche Verteilung der Verantwortung für die Erziehungs- und Sorgearbeit eine Erklärung für diese Geschlechterdifferenzen darstellt. Ungleiche berufliche Zugänge und Teilhabe durch Elternschaft betreffen aber Geflüchtete nicht spezifisch, sondern stellen die Arbeits- und Lebensrealität eines Großteils der bundesdeutschen Gesellschaft dar. Integrationsmaßnahmen, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützen, z.B. indem Kinderbetreuung zur Verfügung gestellt wird, werden jedoch nicht flächendeckend angeboten. Geschlechtsspezifische Hürden, die den Arbeitsmarkteintritt beeinflussen, werden in den Maßnahmen meist auf sogenannte "Frauenprojekte" verlagert, anstatt sie als Querschnittsthema von Integration breit anzugehen.

In Bezug auf die Aufnahme und Integration geflüchteter Frauen ist der Bereich der Gesundheitsversorgung und des Gewaltschutzes ebenfalls bislang kaum differenziert betrachtet worden. Über das Asylbewerberleistungsgesetz soll der Interner Link: Grundbedarf von Asylsuchenden an gesundheitlicher Versorgung gesichert werden. Dazu gehören auch Grundleistungen bei Schwangerschaft und Geburt, nicht unbedingt jedoch wichtige Informationen über und Zugänge zu Verhütung, medizinischer Vorsorge, Frauengesundheit und körperbezogenen Menschenrechten (z.B. das Recht auf körperliche Unversehrtheit, sexuelle Selbstbestimmung und Privatsphäre). Das Asylbewerberleistungsgesetz trägt den besonderen gesundheitlichen Risiken, denen Geflüchtete ausgesetzt sind, kaum Rechnung. Hierzu zählen unsichere Bleibe- und Zukunftsperspektiven, Ängste, Trennung von den Kindern, die sich noch im Herkunftsland befinden, sowie die Sorge um den familiären Zusammenhalt und um familiäre Rollen (z.B. Fragen der Verantwortlichkeiten in der Kinderversorgung und Zuständigkeiten für das finanzielle Auskommen). All diese Faktoren können zu einer starken psychosozialen Belastung führen. Die oft Interner Link: mangelhafte Unterbringungssituation in Gemeinschaftsunterkünften, die einen enormen Verlust der Privatsphäre mit sich bringt, birgt ebenfalls gesundheitliche Risiken.

Hinzu können Gewalterfahrungen kommen, während und nach der Flucht, beispielsweise in Unterkünften, die keinen umfassenden Schutz vor Gewalt bieten. Für geflüchtete Frauen kommen erschwerend Interner Link: Erfahrungen mit geschlechtsspezifischer Gewalt hinzu, denen sie häufiger ausgesetzt sind als männliche Geflüchtete. Hierzu zählen sowohl die Unterdrückung als auch der sexuelle Missbrauch von Frauen durch Militär, Menschenhändler, Sicherheitsdienste, aber auch andere (männliche) Geflüchtete oder Familienangehörige sowie rassistisch motivierte Gewalt.

Die mit Gewalterfahrungen einhergehenden Traumatisierungen, erfordern nicht nur proaktiven Gewaltschutz vor Ort wie z.B. Rückzugsräume für Frauen und Kinder, Fortbildungen von Mitarbeitenden, Regelung von Abläufen im Beschwerdefall. Auch psychologische, therapeutische und medizinische Angebote, die über die durch das Asylbewerberleistungsgesetz definierte gesundheitliche Grundversorgung hinausgehen, sollte es geben. In diesem Zusammenhang sind, laut aktuellen Studien, sensible Angebote besonders wichtig, die Scham und Misstrauen gegenüber dem medizinischen System, Angst vor Abschiebung und fehlende soziale (Vertrauens-)Netzwerke einbeziehen.

In den vergangenen Jahren haben Initiativen und Verbände verschiedene Externer Link: Konzepte zu Mindeststandards in Erstaufnahmeunterkünften und darüber hinaus erstellt, die auch frauenspezifische Bedürfnisse beachten. Zentrale Forderungen umfassen u.a. die Mindestwohn- und Schlaffläche pro Person, die Lage der Unterkunft, abgeschlossene Wohnbereiche mit eigener Kochgelegenheit und Sanitärbereich, Regelungen für besonders schutzbedürftige Geflüchtete und Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Explizit dem Schutz von Frauen dienen sollen z.B. eine enge Kooperation mit den örtlichen Frauenhäusern und anderen Hilfeeinrichtungen, Kursangebote zu Frauenrechten sowie geschlechtergetrennte und abschließbare Wohn-, Sanitär- und Gemeinschaftsräume. Die Umsetzung der Konzepte ist jedoch nur schwer überprüfbar, nicht nur, aber auch, weil bundesweite Maßstäbe fehlen und die Verantwortung der Unterbringung bei den Ländern liegt, die diese wiederum an andere Träger abgeben.

Ausblick und Perspektiven

Auch wenn unterschiedliche Bedürfnisse, Ressourcen und Lebenssituationen von Männern und Frauen in den Aufnahmepolitiken anfänglich kaum bzw. stark stereotyp thematisiert wurden, werden gegenwärtig zunehmend geschlechtersensible Angebote und Konzepte entwickelt und politische Anstrengungen auf das Thema gelenkt. Gleichzeitig aber gerät eine Reihe von Faktoren, die die Integrationsprozesse weiblicher (aber auch männlicher) Geflüchteter rahmt, aus dem Fokus. Denn: Integration braucht Stabilität und Sicherheit auf verschiedenen Ebenen:

  • rechtliche Sicherheit (bleiben können, auch unabhängig vom Status des Ehe- und Lebenspartners, Durchsetzung des Rechts auf Familiennachzug),

  • Wohnsicherheit (ankommen können in den "eigenen" Vier-Wänden, sich "zu Hause" sicher fühlen),

  • Gewaltfreiheit (Umsetzung des Rechts auf Gewaltfreiheit gerade auch in Gemeinschaftsunterkünften),

  • die Anerkennung von Ressourcen (z.B. die Anerkennung von Qualifikationen zur Erleichterung des Berufseinstiegs),

  • soziale Sicherheit durch die Möglichkeit, sich auszutauschen und am gesellschaftlichen Leben – der eigenen Community und der Mehrheitsgesellschaft – teilhaben zu können.

In Beratungsstellen, Unterkünften und dem Arbeitsumfeld sollte es vertrauensvolle und sensibilisierte Kommunikation ebenso wie geschultes Personal und mehr weibliche Fachkräfte, etwa Therapeut_innen, Übersetzer_innen, Vermittler_innen oder Sicherheitspersonal geben. Das Personal sollte auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Herausforderungen, mit denen geflüchtete Frauen konfrontiert sind, wertschätzend und ergebnisoffen eingehen.

Die verstärkte politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit für geflüchtete Frauen durch Projekte und Initiativen, häufig auch ehrenamtliche und zeitlich befristete Unterstützungsleistungen, bedienen wichtige gesellschaftliche Themen wie Beratung zu Scheidung, Familienkonflikten oder Arbeitsmarkt. Die Unterstützungs- und Beratungsstrukturen können aber, wenn sie paternalistisch statt ressourcenorientiert gestaltet sind, ganz unterschiedliche und teils nicht-intendierte Folgen haben. So besteht die Gefahr, dass sie Abhängigkeiten statt Handlungsfähigkeit stärken oder Defizite mehr in den Blick rücken anstelle von Erfahrungen und Fertigkeiten. Auch können neue Ausschlüsse entstehen, indem nur bestimmte Personengruppen adressiert werden.

Geflüchtete Frauen sind Frauen mit Fluchterfahrung – aber dies sollte keine Grundlage der Stereotypisierung sein, der sämtliche weiteren Lebens- und Erfahrungsbereiche (vor, während und nach der Flucht) und damit die künftigen Chancen auf ein gleichberechtigtes Leben bestimmt.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Interner Link: Frauen in der Migration.

Weitere Inhalte

M.A., ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Migration und Gesellschaft am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) und am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Universität Osnabrück. Sie arbeitet im Teilprojekt "Gibt es einen 'male bias' in der frühen Arbeitsmarktintegration von geflüchteten Frauen?" im Rahmen des Verbundprojektes "Gender, Flucht, Aufnahmepolitiken. Prozesse vergeschlechtlichter In- und Exklusionen in Niedersachsen".

ist Lehrende am Institut für Pädagogik (Fachgruppe Migration und Bildung) und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZFG), Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, sowie Mitarbeiterin im Teilprojekt "Geflüchtete Frauen, Familiendynamiken und Gewalt. Traumabewältigung, Intervention und Prävention im Aufnahmekontext" des Verbundprojekts "Gender, Flucht, Aufnahmepolitiken".